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Paläogenetik - Europäischer Genpool

in Aus der Welt der Wissenschaft 12.10.2013 08:39
von franzpeter | 8.079 Beiträge

Paläogenetik
Europäischer Genpool blieb jahrtausendelang dynamisch
von Jan Osterkamp
Jan Osterkamp ist Redakteur bei Spektrum.de » zur Profilseite
Nach umfangreichen Genanalysen von prähistorischen Skeletten können Forscher die Siedlungsgeschichte Europas seit der Jungsteinzeit jetzt präziser als zuvor nachvollziehen. Die Paläogenetiker hatten dafür DNA isoliert, die in den verschiedenen Jahrtausenden vom Beginn der neolithischen Umwälzung bis in die Bronzezeit alle in derelben Region im heutigen Sachsen-Anhalt gelebt haben. Die Ergebnisse legen einerseits nahe, dass drastische Einschnitte den Genpool Europas immer wieder einmal deutlich verändert haben. Menschen haben sich aber auch immer ein wenig untereinander gemischt, während ältere, zunächst verdrängte Linien die Chance auf ein späteres Comeback wahren konnten.



Grab der Glockenbecherkultur Ein Team aus deutschen Forschern der Universität Mainz und australischen Kollegen hat anhand aussagekräftiger Abschnitte der mtDNA den genetischen Haplotyp von 364 Skeletten bestimmt, welche in neun archäologischen Fundstellen in Sachsen-Anhalt gefunden worden waren [1]. Die zwischen etwa 8000 bis 2000 Jahre alten Gebeine decken ein Zeitspektrum ab, das alle wichtigen Kulturen Zentraleuropas vom Mesolithikum bis in die Bronzezeit abdeckt: Es umfasst Vertreter der aus der Altsteinzeit verbliebenen Wildbeuterkulturen ebenso wie frühneolithische Linearbandkeramiker sowie Trichterbecher-, Schnurkeramik- und Glockenbecher-Leute oder bronzezeitliche Menschen der Aunjetitzer-Kultur.

Die Auswertung zeigt, dass zu bestimmten Zeiten bestimmte Haplotypen – also ein bestimmter Verwandtschaftskreis – besonders häufig waren; dass so eine epochetypische genetische Signatur dann aber immer wieder einmal auch relativ plötzlich von einer anderen verdrängt worden ist. Solche Umwälzungen ereigneten sich etwa am Ende des Mesolithikums, als die mittelsteinzeitlichen Menschen Zentraleuropas mit ihren charakteristischen Mt-Sequenzen – den älteren U*-Haplotypen – vor rund 7500 Jahren von den Kulturträgern der Linearbandkeramik fast völlig ersetzt wurden, die aus dem Nahen Osten, dem Kaukasus und Anatolien zuströmten und die Agrarwirtschaft einführten. Offenbar ersetzen diese Menschen die Ureinwohner: Eine alternative Erklärung der Signaturveränderungen über die Zeitläufte hinweg – etwa durch ein Phänomen genetischer Drift, bei der kleine Populationen sich nach einem starken Bevölkerungsrückgang zufällig durchsetzen – werden durch die Analysen nicht bestätigt.

Dynamische Bevölkerungsentwicklung in Europa
Vom Ende der Mittelsteinzeit bis zur Bronzezeit wechselten die vorherschenden Kulturen in Zentraleuropa. Oft ging dies mit einer deutlichen Veränderung des Genpools einher, wie Untersuchungen zeigen.
Ähnliche, wenn auch nicht ganz so ausgeprägte dynamische Populationsumwälzungen wie am Ende des Mesolithikums ereigneten sich im für Zentraleuropa typischen Sachsen-Anhalt auch später noch mindestens dreimal: Etwa beim Übergang von der frühen zur mittleren Jungsteinzeit vor gut 6000 bis 5000 Jahren, als die Jungsteinzeitler aus Zentraleuropa nach Skandinavien vordrangen und dafür mesolithische Jäger- und Sammler-Gene wieder häufiger wurden. In der späten Jungsteinzeit und zu Beginn der Bronzezeit spielten sich europaweit weitere Wanderungsbewegungen ab: So drangen etwa die Schnurkeramiker von Osten kommend vor; zudem scheinen Kurgan-Menschen aus Sibirien und der Gegend des heutigen Kasachstans zugewandert zu sein. Unter den Kurgan werden seit langem die Einwanderer vermutet, die die indoeuropäischen Sprachen mit sich gebracht haben; dies ist allerdings immer noch ebenso umstritten wie schwer zu belegen.

Neolithische Revolution
Vom Jäger und Sammler zum BauernDie letzte Umwälzung, die sich in den Gensignaturen zeigt, könnte mit dem Vordringen der Glockenbecherkultur aus dem Westen Europas vor etwa 4500 Jahren in Einklang zu bringen sein. Im Untersuchungsgebiet von Mittelelbe-Saale lebten die Nachfahren der Schnurkeramiker aus dem Osten und der Glockenbecher-Kulturträger aus dem Westen dann einige Jahrhunderte nebeneinander. Insgesamt ähnelt die genetische Signatur in der Bronzezeit schon der heutigen Verteilung der Mt-Gene in Europa, die die Forscher anhand von 500 zufällig ausgewählten Europäern zum Vergleich bestimmten. Die Ergebnisse bestärken insgesamt Zweifler an Hypothesen, nach denen bei der neolithischen Umwälzung vom Wildbeutertum zur Landwirtschaft die Ureinwohner Kulturtechniken von den Einwanderern übernommen haben ("demische Diffusion"). Stattdessen sind Einheimische nicht immer sofort, aber wohl doch nicht selten von Zuwanderen de facto verdrängt und ersetzt worden.


Typische Bestattung der Schnurkeramik-Kultur Eine zweite Studie von Forscher der Universität Mainz um Joachim Burger ergänzt die Beobachtungen am Beispiel älterer Gensignaturen, die schon vor dem Neolithikum in Europa präsent waren [2]. Sie analysierten die alten DNA-Spuren von Skeletten aus der Blätterhöhle in der Nähe von Hagen: Sie war im Mesolithikum und in der Jungsteinzeit offenbar als Bestattungsort benutzt worden. Dies ermöglichte den Forscher einen Vergleich der älteren und jüngeren Gen- und Isotopensignaturen. Dabei zeigt sich, dass Nachfahren der älteren lokalen Wildbeuterkulturen aus dem Mesolithikum und die modernen Farmer noch lange nach der Einführung der Landwirtschaft nebeneinander her gelebt haben. Die Nachkommen der Jäger und Sammler blieben dabei ihrer Lebensweise treu: Sie ernährten sich, wie Isotopenanalysen zeigen, von Süßwasserfischen statt von Feldfrüchten. Unklar ist, wie eng der kulturelle Austausch zwischen den Gruppen blieb, die offenbar in getrennten Nischen existierten, sich aber manche Orte – wie die Blätterhöhle – als Grablege teilten.

Quelle: © Spektrum.de


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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