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Deutsche Angst - Inflation

in Aus der Welt der Wissenschaft 13.01.2017 19:55
von franzpeter | 9.689 Beiträge

Deutsche Angst

Inflation? Nur ein Phantom

Was wird aus Ihrem Geld? Seit Wochen beschwören Deutschlands
Stabilitätsjünger die Rückkehr der Inflation. Die Aufregung könnte sich
schon bald als Fehlalarm erweisen.

Eine Kolumne von Thomas Fricke

Wir Deutschen sind weltbekannt dafür, dass wir zuverlässige Autos bauen, gut
Fußball spielen, exzellentes Bier brauen - und Inflation erspüren können,
selbst wenn es gar keine gibt.

Was damit zu tun hat, so heißt es, dass wir uns halt alle noch gut an die
Hyperinflation damals erinnern. Jedenfalls die unter uns, die 1923 schon im
inflationsbewussten Alter waren. Also immerhin die gesamte Generation 105 plus.

Die Sache ist nur, dass wir jetzt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten deutlich
mehr Angst vor Inflation als Inflation haben
. Was uns auf andere immer so ein
bisschen neurotisch wirken lässt. Und die Frage ist, ob das gerade auch wieder
so ist, wo seit Wochen die Propheten im Land über die Rückkehr der
Geldentwertung orakeln - und über Schocks und Beben und Dilemma und
Offenbarungseide.

Es könnte lohnen, genauer hinzusehen. Und da helfen die Berichte von Uroma
(ausnahmsweise) weniger als, sagen wir, ein bisschen nachzurechnen.

Kurios ist ja, dass die Teuerungsrate in Deutschland laut Statistik zwar
tatsächlich im Dezember von weniger als einem auf plötzlich (immer noch
moderate) 1,7 Prozent gestiegen ist - ohne dass etwa Benzin Tag für Tag teurer
würde; oder die deutsche Konjunktur just im Dezember überhitzt wäre und die
Wirtschaft keine Kapazitäten mehr frei hätte.

An den Ölmärkten hat es gegen Jahresende einen Schub gegeben, klar, seither
sind die Preise für ein Fass Rohöl aber kaum noch gestiegen - und liegen immer
noch nur etwa halb so hoch wie vor drei Jahren.

Woher kommen dann die 1,7 Prozent? Das hat mit Mathe - Grundkurs - zu tun (jetzt
bitte einen kurzen Moment konzentrieren). Beim Messen von Inflation wird ja das
Niveau der Preise heute mit dem vor einem Jahr verglichen.

Sprich: Wenn die Preise heute stark steigen, fällt die Inflation höher aus,
weil der Abstand zum Vorjahr größer wird - und umgekehrt. Logisch. Die
arithmetische Tücke ist, dass die so ausgewiesene Inflationsrate auch anziehen
kann, wenn die Preise aktuell gar nicht (so stark) steigen, sondern vor einem
Jahr stark gefallen sind. Dann ist der Abstand zum Vorjahr ja auch plötzlich
höher. So wie derzeit.

Weil die Ölpreise im Winter 2015/16 weltweit kurzzeitig auf Spottpreisniveau
sanken, fielen in Deutschland damals im Schnitt auch die Lebenshaltungskosten
binnen weniger Monate um gut einen halben Prozentpunkt - ein seltenes Phänomen.
Ein Liter Diesel kostete zeitweise weniger als ein Euro, Sie erinnern sich. Das
war irre und kaum haltbar, schon weil die Opec sich nicht in erster Linie als
Wellnesscenter für deutsche Autofahrer versteht.


Ab März könnte die Inflation wieder sinken

In der Zwischenzeit haben sich die Ölpreise wieder etwas erholt. Und,
Simsalabim: weil das Preistief nunmehr ein Jahr her ist, fallen im
Vorjahresvergleich die Teuerungsraten jetzt abrupt höher aus - ob beim Öl oder
bei der Gesamtlebenshaltung.

Und rein rechnerisch ist schon jetzt klar: Das Zahlenphänomen wird sich für
Januar und Februar noch verstärken. Selbst wenn die Preise nun Monat für Monat
unverändert auf heutigem Niveau blieben, wird die Inflation (zum Vorjahr
gerechnet) noch auf knapp zwei Prozent steigen. Allein wegen des Basiseffekts
aus dem Vorjahr.

Kleiner Tipp für ambitionierte Amateur-Hellseher: Sagen Sie beim nächsten
Stehempfang einfach in die Runde, Sie hätten ja so im Gefühl, dass die
Inflation im Februar noch zwei Prozent erreichen wird - sichere Nummer, danach
werden Sie sicher gleich mit Handlesen beauftragt.

Das ist erst einmal nichts anderes als statistische Tücke. Aber garantiert
Stoff für neue Untergangstheatralik deutscher Stabilitätsapostel in den
nächsten Wochen. Achtung, Panikalarm! Womöglich recht voreilig.

Zur Tücke gehört in Wirklichkeit natürlich auch, dass der Basiseffekt
irgendwann wieder weg ist. Ab März wird die Inflationsrate mit ziemlich hoher
Sicherheit schon deshalb wieder fallen (oder plötzlich zu steigen aufhören) -
weil ein Jahr zuvor die Ölpreise ihren Kurzzeitkollaps überwunden haben. Es
gibt also sinkende Teuerungsraten.

Jetzt haben solche Kapriolen wenig mit Inflation im gefährlichen Sinn zu tun -
genauso wenig wie die fallenden Preise vergangenes Jahr ein Beleg für
Deflationskrisen waren. Wie stark der Inflationsdruck ist, entscheidet sich an
anderen Faktoren. Und die sehen derzeit so alarmierend gar nicht aus.

Klar: Für etwas mehr Inflation spricht, dass die Konjunktur derzeit weltweit
anzieht, die Ölproduzenten nicht mehr so viel Öl produzieren wollen und Donald
Trump in den USA bei ohnehin schon gut ausgelasteten Kapazitäten viel Geld
unter die (vorwiegend reichen) Leute bringen will.

Auch in Deutschland sind die Kapazitäten zunehmend ausgelastet. Bei der
Industrie mit knapp 86 Prozent allerdings immer noch deutlich weniger als zu
früheren Boomzeiten mit teils 90 Prozent. Auch hätten die Firmen noch reichlich
Geld, ihre Kapazitäten zu erweitern.


Die große Finanzkrise scheint immer noch nachzuwirken

Gegen den großen Preisschock spricht auch: Gemessen an dem, was in den Büros
und Fabriken heute mehr geleistet wird als früher, ist die Lohnkostenlast
selbst in Deutschland bis zuletzt eher gefallen, was wiederum den Druck niedrig
hält, höhere Kosten an die Verbraucher weiterzugeben.

Zudem ist eher unwahrscheinlich, dass der Ölpreis von derzeit 50 bis 60
US-Dollar je Barrel (159 Liter) bald wieder auf frühere Höchstwerte von mehr
als 100 US-Dollar steigen wird.

Gegen allzu großen Inflationsdruck spricht aber vor allem, dass die große
Finanzkrise immer noch nachzuwirken scheint - weshalb es ziemlich viele Leute
gibt, die versuchen, ihre Schulden abzubauen statt Geld auszugeben. Was wiederum
nach aller historischen Erfahrung eher für Deflationsdruck als für Inflation
spricht.

Bei aller Liebe zu prähistorischen Selbsterfahrungsübungen: So richtig
belegbar ist die große Inflationsrückkehr nicht. Die schnöden Zahlen sprechen
bis dato noch dagegen. Sollten die Preise in der nächsten Zeit von Monat zu
Monat nur etwas stärker zulegen als 2015/16, wird die ausgewiesene
Inflationsrate schon im Dezember 2017 wieder bei gerade mal einem Prozent
liegen.

Zum Vergleich: In den vermeintlich glorreichen alten D-Mark-Zeiten war die Rate
im Schnitt drei Mal so hoch. Auch kein Grund, in Endzeitstimmung zu fallen.


Quelle:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/inflati...-a-1129742.html
<http://www.spiegel.de/wirtschaft/inflation-nur-ein-phantom-kolumne-a-1129742.html>

Anmerkung:
Ich merke spürbar, dass die Lebensmittel teurer werden und meine Pension hinterher hinkt.

Aber heute hatte Vögele 50 Prozent Rabatt auf eine bereits bestehende Preissenkung bei Winterartikel -
aber mehr als einen Winterpullover brauchte ich leider nicht.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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