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#1

Syrien: Wo sind jetzt die westlichen Medienkonzerne und Hilfsorganisationen?

in Aus der Welt der Wissenschaft 20.01.2017 16:14
von franzpeter | 9.008 Beiträge

jungewelt 19.01.2017

Im befreiten Aleppo

Syrien: Wo sind jetzt die westlichen Medienkonzerne und Hilfsorganisationen?

Jan Oberg

Der renommierte schwedische Konfliktforscher Jan Oberg, Direktor und
Mitbegründer der »Transnationalen Stiftung für Friedens- und
Zukunftsforschung« (TFF) in Lund, besuchte vom 10. bis 14. Dezember Aleppo. Er
wollte sich im Rahmen einer zehntägigen Reise nach Syrien selbst ein Bild von
der Situation und der Stimmung in der Bevölkerung machen
.

Die Ruinen im Ostteil Aleppos zeugen von den schweren Kämpfen um jedes Haus -
Ich war dort, als der Osten Aleppos befreit wurde - oder fiel, je nach
persönlicher Perspektive und der Berichterstattung in den Medien. Ich war unter
den ersten Ausländern, die danach in den Ostteil kamen. Die Zerstörungen, die
ich dort sah, waren riesig, unbeschreiblich. Sie waren systematisch. Es war aus
jeder menschlichen Sicht herzzerreißend.

Sprechen wir über diejenigen, die aus anderen Ländern gekommen waren und den
Osten Aleppos besetzt hatten - ob wir sie nun Rebellen, Dschihadisten, bewaffnete
Opposition, Kämpfer, Terroristen oder anders nennen. Sie bekämpften nicht nur
die syrische Armee, sondern sich auch gegenseitig.

Das Industrieviertel wurde geplündert und zerstört. Alles von Wert wurde aus
Tausenden Fabriken, Läden, Schulen, Krankenhäusern und Büros ausgeräumt, auf
Lastwagen in die Türkei transportiert und dort verkauft, um den Gruppen die
Mittel für Waffenkäufe zu verschaffen.

Die Bilder, die sich mir bei meinem Besuch boten, zeigen deutlich, dass die
Besatzer nicht die Absicht hatten, eine bessere Gesellschaft und ein besseres
Leben für die Menschen zu schaffen, die hier lebten. Es scheint vor allem um
die Suche nach Geld, um Kampf untereinander, um Zerstörung und um den Tod um
seiner selbst willen gegangen zu sein.

Natürlich ist die Wahrheit komplex, und natürlich sind weder das syrische
Militär noch die Russen, die im Gegensatz zu anderen ausländischen Kräften
legal, weil auf Einladung der Regierung in Syrien sind, unschuldig an diesen
Zerstörungen.
Und es muss vollkommen klar sein: Niemand verdient es, dass seine
Stadt, Häuser und Arbeitsplätze, Kultur und Geschichte auf diese Weise
zerstört werden. Kein politisches Ziel könnte eine solche Barbarei
legitimieren.

Es ist jedoch an der Zeit, dass die westlichen Medien den Mut finden zu
berichten, dass die NATO-Länder und ihre Verbündeten durch ihre politische,
finanzielle und militärische Unterstützung für diejenigen, die vier Jahre
lang den Osten Aleppos besetzt gehalten haben, für die Zerstörungen in hohem
Maße mitverantwortlich sind
.


Ich habe die Ruinen in Sarajevo, Vukovar, in der Krajina, in Ost- und
Westslawonien, in Abchasien und Südossetien gesehen. Das Bild in Aleppo war
schlimmer. Die Trümmer erinnerten mich an Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg,
teilweise an Hiroshima. Deshalb erlaube ich mir, von einer Befreiung Aleppos zu
sprechen.

Interessant ist, welcher Art die Zerstörungen sind. Wenn Aleppo, wie die Medien
sagen, vorwiegend durch russische und syrische Flugzeuge aus der Luft zerstört
wurde, müsste das Stadtbild eingeebnet sein. Man sieht jedoch, dass Straße
für Straße, Haus für Haus und sogar Stockwerk für Stockwerk gekämpft wurde.
Die Schäden wurden durch kleinere, aus nächster Nähe vom Boden aus
abgefeuerte Waffen verursacht. Bomben aus der Luft wurden auf militärische
Kommandozentralen, unterirdische militärische Einrichtungen und Munitionsdepots
geworfen. Sie machen maximal sieben bis zehn Prozent der Zerstörungen im Osten
Aleppos aus.

Ich ging auf die Straße und konnte mit jedem sprechen und jeden fotografieren.
Niemand führte mich zu bestimmten Personen. Meine Fotos vermitteln, was ich an
den Orten sah, die ich besuchte: Das menschliche Glück nach vier Jahren in der
»Hölle unter den Terroristen«, wie es viele nannten.
Ich sah Lächeln, Stolz
und Siegeszeichen. Ich hörte Leute, die dem syrischen Präsidenten Baschar
Al-Assad und seiner Regierung wie auch Wladimir Putin und den Russen ihre
Dankbarkeit ausdrückten. Sie berichteten mir, dass das Leben in Aleppo gut war,
bevor die Besatzer einfielen und die Plünderungen und die Zerstörungen
begannen.

Ich setzte mich zu Leuten in den Gaststätten im Westen der Stadt, die feierten
und auf die Freiheit anstießen. Mit Erleichterung sprachen sie darüber, wie
fantastisch es sei, endlich nicht mehr jeden Tag in Angst leben zu müssen. Sie
waren auf dieser Seite der Stadt ebenfalls von Geschossen der Rebellen getroffen
worden.

Und ich sah Opfer der Besatzung im Osten, als sie Brot, Gemüse, Bananen und
Wasser bekamen. Auf dem Bürgersteig saßen sie auf Stühlen, um Tee und eine
Zigarette zu genießen - und um ohne Angst zu reden. Ich sprach mit jungen
Soldaten und älteren Offizieren, die stolz darauf waren, ihre Mitmenschen und
ihre Stadt befreit zu haben. Schließlich hörte ich auch, wie Menschen ihren
Widerspruch zu Assads Amnestiepolitik äußerten. Syrer, die gegen das eigene
Volk gekämpft und an der Besetzung Ostaleppos teilgenommen haben, hätten es
verdient, bestraft zu werden.

Die von den Medien verbreiteten Berichte über Massaker an »Rebellen« und
ihren Familien können stimmen oder auch nicht. Ich kann dies weder einschätzen
noch ausschließen, da ich nicht alle Teile der Stadt besucht habe. Doch ich sah
nichts dergleichen und traf auch niemanden, der über solche Ereignisse sprach.
Was ich im Osten Aleppos ebenfalls nicht sah, war Angst vor der Regierung.

Aber ich sah in den Augen Dankbarkeit für die Gesundheitsversorgung, den
Transport in Bussen und die Sicherheit, die nun wieder herrscht. Ich hörte, wie
Menschen von der ständigen Furcht sprachen, in der sie gelebt hatten - und von
Familienmitgliedern oder Freunden, die getötet oder verwundet wurden. Mir wurde
berichtet, wie einige versucht hätten, in den Westen zu gelangen, aber daran
von den Dschihadisten brutal gehindert und getötet wurden.


Ich habe keine »Weißhelme« getroffen, Angehörige dieser angeblich
humanitären Organisation. Ich traf auch niemanden, der sie in Aleppo gesehen
hat oder dem von ihnen geholfen wurde. Doch wo waren sie wenn nicht hier in
Ostaleppo, um Zehntausenden nach der Befreiung aus vier Jahren Hölle Hilfe zu
leisten?


Man fragt sich, warum eine gutherzige humanitäre Organisation, die mehr als 100
Millionen Dollar Unterstützung aus den USA und anderen NATO-Mitgliedsstaaten
plus Japan erhielt
und angeblich Zehntausende Syrer aus Ruinen rettete, genau zu
der Zeit die Flucht ergreift, als auch die abhauen, die die Leute hier
Terroristen nennen.

Ich sah während meiner Tage in Aleppo auch keine der führenden internationalen
humanitären Organisationen. Auf der Straße zwischen Damaskus und Aleppo waren
die einzigen humanitären Transporte, die ich sah, russische und syrische.


Ich sah keinen der großen internationalen Konvois, auf deren Durchlass die
westliche Regierungen immer bestanden hatten.


Auch die großen westlichen Medien sind weggeblieben. Sie konnten über die
Befreiung Aleppos nicht so berichten, wie sie es einheitlich fünf Jahre lang
gemacht haben, als sie monoton vereinfachende Geschichten, wenn nicht gar
Propaganda, der großen westlichen und US-Medienkonzerne wiederholten.


Übersetzung: Joachim Guilliard

Quelle: http://www.jungewelt.de/2017/01-19/012.php
<http://www.jungewelt.de/2017/01-19/012.php>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 21.02.2017 18:01 | nach oben springen
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#2

So sieht Russland den Angriff auf Chan Scheichun

in Aus der Welt der Wissenschaft 05.04.2017 09:20
von franzpeter | 9.008 Beiträge

Giftgaseinsatz in Syrien
So sieht Russland den Angriff auf Chan Scheichun
Washington, London und Paris machen Syriens Machthaber Assad für den Angriff auf Chan Scheichun verantwortlich. Eine neue UN-Resolution soll Gewissheit schaffen. Russland präsentiert unterdessen eine andere Version der Attacke.
05.04.2017


Die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien haben dem UN-Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf vorgelegt, in dem der mutmaßliche Giftgasangriff in Syrien vom Dienstag verurteilt wird. Die zweiseitige Resolution fordert eine rasche Untersuchung des Vorfalls und könnte bei der Sitzung des Rats am Mittwoch in New York zur Abstimmung kommen. Unklar ist, wie in diesem Fall Russland und China abstimmen würden, die erst im Februar eine Resolution zu Syrien mit ihrem Veto blockiert hatten.
Sanktionen, etwa gegen das syrische Regime von Präsident Baschar al Assad, sieht der Resolutionsentwurf nicht vor – diese werden ohne die Nennung des syrischen Regimes lediglich angedroht. Der Entwurf fordert aber detaillierte Angaben über die Lufteinsätze des syrischen Militärs, darunter auch Flugpläne und -bücher vom Dienstag, dem Tag des Angriffs. Auch die Namen der Kommandeure jeglicher Hubschrauberstaffeln des Regimes werden gefordert.

Washington „überzeugt“ von Assads Verantwortung
Außerdem müsse Syrien Zugang zu relevanten Militärflugplätzen gewähren, von denen laut UN-Untersuchungsteams und der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) möglicherweise Chemiewaffen abgefeuert wurden. Auch Treffen mit Generälen und anderen Offizieren müssten im Rahmen der Untersuchungen innerhalb von höchstens fünf Tagen ermöglicht werden, heißt es in der Resolution, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.


Bei dem mutmaßlichen Giftgasangriff auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Chan Scheichun Nordwesten des Landes waren am Dienstag Aktivisten zufolge Dutzende Menschen getötet worden. Am Mittwoch teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit, die Opferzahl sei auf 72 gestiegen, darunter seien 20 Kinder und 17 Frauen. 160 Menschen sollen verletzt worden sein. Sie zeigten nach Angaben der Beobachtungsstelle sowie von Ärzten vor Ort typische Symptome von Giftgas-Opfern wie Atemnot, Ohnmachtsanfälle, Übelkeit, Erbrechen und Schaum vor dem Mund. Flugzeuge hätten den Ort in den Morgenstunden abermals angegriffen, heißt es.

Die Vereinigten Staaten riefen Russland und Iran in scharfer Form dazu auf, ihren Einfluss auf den syrischen Präsidenten Assad geltend zu machen. „Es ist klar, wie Assad operiert: mit brutaler, unverfrorener Barbarei“, erklärte der amerikanische Außenminister Rex Tillerson in Washington. Die Unterstützer Assads sollten sich keinerlei Illusionen über ihn oder seine Absichten hingeben. Der Sprecher des amerikanischen Präsidenten Donald Trump Sean Spicer sagte, seine Regierung sei „überzeugt“ davon, dass Assad für diese „verwerfliche Tat“ verantwortlich sei. Auch Frankreich und Großbritannien sahen die syrische Regierung hinter dem Angriff.

Moskau: Chemiewaffenfabrik getroffen
Die syrische Armee wies dagegen jegliche Verantwortung „kategorisch“ zurück: Sie habe niemals Giftgas eingesetzt und werde das auch künftig nicht tun. Russland erklärte, die syrische Luftwaffe habe bei dem Angriff auf Chan Scheichun eine Chemiewaffenfabrik getroffen. Es sei ein großes Munitionslager der „Terroristen“ und eine Ansammlung militärischer Geräte ins Visier genommen worden, teilte das Verteidigungsministerium laut Nachrichtenagentur Tass mit. Das gehe aus den Aufnahmen der russischen Luftraumbeobachtungssysteme hervor. Auf dem Gebiet der Lagerstätte hätten sich Werkstätten befunden, in denen Geschosse mit chemischen Kampfstoffen produziert worden seien, hieß es weiter. Aus diesem großen Waffenlager seien Chemiewaffen an Kämpfer in den Irak geliefert worden. Rebellen hätten ähnliche Geschosse bereits in Aleppo eingesetzt.

Mehr zum Thema

EU-Beauftragte macht Assad für Giftgaseinsatz verantwortlich
Nach UN-Untersuchungen haben im Syrien-Konflikt sowohl die Regierung als auch die Dschihadisten-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) bereits Giftgas eingesetzt. Syrien war offiziell der Chemiewaffenkonvention beigetreten und hatte 2013 unter starkem internationalen Druck eingewilligt, seine chemischen Waffen zur Vernichtung außer Landes bringen zu lassen. Seither gab es aber immer wieder Vorwürfe des Einsatzes von Chemiewaffen durch Regierungstruppen.
Am Mittwoch wollen Vertreter aus rund 70 Staaten in Brüssel über Hilfsmöglichkeiten für Syrien beraten. Deutschland wird durch Außenminister Sigmar Gabriel vertreten. Ziel ist vor allem, Unterstützung für die notleidende Zivilbevölkerung zu organisieren.


Quelle: dpa/AFP/nto.
Quelle: faz

Anmerkung:

Zitat
Russland erklärte, die syrische Luftwaffe habe bei dem Angriff auf Chan Scheichun eine Chemiewaffenfabrik getroffen. Es sei ein großes Munitionslager der „Terroristen“ und eine Ansammlung militärischer Geräte ins Visier genommen worden, teilte das Verteidigungsministerium laut Nachrichtenagentur Tass mit. Das gehe aus den Aufnahmen der russischen Luftraumbeobachtungssysteme hervor. Auf dem Gebiet der Lagerstätte hätten sich Werkstätten befunden, in denen Geschosse mit chemischen Kampfstoffen produziert worden seien, hieß es weiter.


Das erscheint keineswegs unwahrscheinlich.
Die Beurteilung von US und Vasallen wurde schon des Öfteren widerlegt.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#3

Propaganda zum Giftgasangriff in Syrien

in Aus der Welt der Wissenschaft 05.04.2017 19:38
von franzpeter | 9.008 Beiträge

Propaganda zum Giftgasangriff in Syrien
Realität ist nur noch eine Meinung
Der Giftgasangriff in Syrien zeigt, wie Propaganda in Zeiten sozialer Medien funktioniert: Wer die Gefühle erreicht und genügend Zweifel sät, hat sein Ziel schon erreicht.

Eine Kolumne von Sascha Lobo
Mittwoch, 05.04.2017   15:51 Uhr



Kolumne
Für jedes Geschehen auf der Welt existiert ein ausgelutschtes Zitat, das zwar nichts bedeutet, aber dem Verwender das Gefühl vermittelt, sich an der Debatte beteiligt zu haben. Deshalb sind Allerweltszitate der Bauschaum der sozialen Medien, sie füllen die Freiräume mit verpackter Luft. In Zeiten des Krieges ist das Zitatkrönchen der Nichtsbedeutung vergeben, und zwar an das oft dem US-Senator Hiram Johnson zugeschriebene Diktum: "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit".

Aber so nichtssagend das Zitat scheint, wenn es von Ahnungslosen in sozialen Medien verwendet wird, so interessant ist es gerade deshalb aus Sicht der Manipulation der öffentlichen Meinung. Denn durch und mit sozialen Medien verwandelt sich vor unseren Augen die uralte Kriegstechnik der Propaganda.

Im Nordwesten von Syrien gab es einen Luftschlag, in dessen Folge 60 oder mehr Menschen offenbar an Giftgas gestorben sind. Das sind die mehr oder weniger von allen Seiten beschriebenen Umstände des Geschehens. Davon ausgehend gab es zwei unterschiedliche Varianten der näheren Deutung, nämlich die westliche und die syrisch-russische.

Briten, Franzosen und die USA gehen davon aus, dass der syrische Diktator Assad Giftgas eingesetzt hat. Assad bestreitet das ebenso wie das russische Verteidigungsministerium. Hier beginnt der Wandel der Propaganda durch soziale Medien, und um das zu verstehen, hilft es, ein wenig ausholen.

Social Propaganda ist gefühlsbasiert

Propaganda ist ein Teil der Kriegsführung per Information: der Kampf um die Öffentlichkeit. Der Hintergrund ist eigentlich ein Hoffnungszeichen, denn die öffentliche Meinung wird beeinflusst, weil sie sehr mächtig ist. Das bedeutet aber auch, dass sich mit dem Wandel der öffentlichen Meinung durch soziale Medien die Propaganda ändern muss: Wir wohnen der Entstehung von Social Propaganda bei, deren Wirkmechanismen nicht mehr (nur) auf die redaktionellen Medien des 20. Jahrhunderts abgestimmt sind, sondern in erster Linie auf soziale Medien. Also auf die redaktionslosen Plattformen, bei denen die Verbreitung von Informationen in erster Linie nach emotionalen Kriterien geschieht.

Das ist der Schlüssel der Entstehung von Social Propaganda - sie ist viel stärker gefühlsbasiert. Und weil das Gefühl sehr viel schneller gefasst wird als rationale Argumente, tritt das Anscheinsprinzip in der Vordergrund: Wie sieht etwas auf den ersten Blick aus? Der Kontext wird sehr viel weniger wichtig, denn in sozialen Medien zählt in erster Linie der Moment, präziser das Gefühl des Moments. Für Social Propaganda bedeutet das, dass sie sich darauf konzentriert, ein Gefühl der Wahrheit zu erzeugen, das sich zumindest dem ersten Anschein nach aufrechterhalten lässt.

Mit den sozialen Medien aber hat sich genau dieser erste Anschein verändert. Früher wäre eine Möglichkeit der Propaganda gewesen, einen Giftgasangriff schlicht zu leugnen. Alles abzustreiten ist die simpelste Form der Propaganda. Mit der Allgegenwart von Smartphone-Kameras und der kaum kontrollierbaren Möglichkeit, darüber Filme, Fotos und Augenzeugenberichte zu teilen, hat das Leugnen erschwert. Social Propaganda, also der Kampf um die gefühlte Wahrheit geht sofort verloren, wenn eine Seite erklärt, es habe gar keinen Giftgasangriff gegeben, aber Fotos und Videoclips erstickende Menschen mit Schaum vor dem Mund zeigen.
"Wir haben weder in der Vergangenheit noch aktuell Giftgas eingesetzt!"

Für den konkreten Fall in Syrien lohnt es, die Erklärung der russischen Seite genauer zu betrachten. General-Major Igor Konaschenkow, der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, veröffentlichte auf YouTube ein Statement, in dem er explizit auf die grausigen Bilder und Filme in sozialen Medien Bezug nahm. Und dann bietet er eine Erklärung an, die aus dem Lehrbuch der Social Propaganda stammen könnte - denn sie passt zu den Bildern und sie fühlt sich so logisch und sinnvoll an, dass man sie geradezu glauben möchte: Der konventionelle Luftschlag der syrischen Armee habe ein Munitionslager der Rebellen getroffen. Dieses habe sich auf dem gleichen Gelände befunden wie eine Werkstatt für Landminen, die mit giftigen Substanzen vollgestopft seien.

Der Kontrast zwischen klassischer Propaganda und Social Propaganda wird noch deutlicher, wenn man die syrische Reaktion dagegenhält: "Wir haben weder in der Vergangenheit noch aktuell Giftgas eingesetzt!" - im Vordergrund steht das klassische Dementi. Der YouTube-Film des Generalmajors aber stellt eine Erklärung in den Vordergrund, die stimmen könnte.
Das ist die Essenz der Social Propaganda: das Angebot von einfachen, gut weitererzählbaren Erklärungen, die auf den ersten, sozialmedialen Blick irgendwie stimmen könnten, die passgenau in den Anschein eingefügt sind, der über soziale Medien entsteht. Dabei ist gar nicht so wichtig, dass Social Propaganda perfekt stimmig ist. Es geht um das erste Gefühl - hmmm, könnte ja wirklich sein.

Propaganda arbeitet wahrheitsunabhängig
Und es könnte ja wirklich sein, dass genau hier kein Giftgasangriff stattfand, sondern ein konventioneller Angriff mit schlimmen Folgen. Vielleicht werden unabhängige Recherchen die Wahrheit zeigen, aber bei Social Propaganda geht es nicht um das tatsächliche Geschehen, denn Propaganda arbeitet vollständig wahrheitsunabhängig.
Stattdessen geht es um den zielgerichteten Umgang mit den bekannten, auf den ersten Blick in sozialen Medien erahnbaren Umständen. Daher ist der russische Erklärungsansatz auch kein Beweis für oder gegen das tatsächliche Geschehen, sondern steht allein für die Kommunikationsstrategie des Kreml. Dafür allerdings mustergültig.

Die Reaktionen auf das YouTube-Video zeigen, wie gut die Strategie aufgeht: die westlichen Medienberichte von BBC bis "The Guardian" werden ihrerseits als Umdeutung bezeichnet, wo ein bedauerlicher Unfall verwandelt wird in einen Angriff.
Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit

Dass dahinter eine auf soziale Medien abzielende Strategie steht, lässt sich bereits am Ort erkennen, den das russische Verteidigungsministerium für die Veröffentlichung des Statements gewählt hat: den YouTube-Kanal von ruptly, des Social-Media-Ablegers von Russia Today. Russia Today wird direkt vom Kreml finanziert und hat eine offen daliegende, unbestrittene Aufgabe: die Verbreitung der russischen Sichtweise. Russia Today ist Content Marketing für Putin, ohne Umwege vom russischen Staat bezahlt. Weshalb es so verstörend ist, dass derart viele Leute Russia Today für ein unparteiisches und nach journalistischen Kriterien berichtendes Medium halten.
Der Slogan von RT lautet: "Question more". Er schlägt perfekt die Brücke zwischen den neuen Formen der Social Propaganda - und dem Eingangszitat. Die gefühlte Wahrheit nach dem Muster der Social Propaganda hat nämlich gar nicht die Aufgabe, die Öffentlichkeit endgültig zu überzeugen. Vielmehr soll sie die Öffentlichkeit an allem ständig zweifeln lassen. Und es nicht gerade so, als hätten die westlichen Ausprägungen von Politik und Propaganda der letzten Jahre diese Aufgabe besonders schwer gemacht: von den ausgedachten irakischen Massenvernichtungswaffen bis zu den Enthüllungen von Snowden. Das ist der Ansatzpunkt für Social Propaganda, nicht nur punktuell zu zweifeln - sondern an allem. Aus einzelnen, nachweislich vorhandenen Lügen und Fehlern zu schließen, dass alles gelogen und falsch sei.

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, sagt der Social-Media-Volksmund, auf den Social Propaganda zielt. Wenn aber die Wahrheit von Anfang an für tot erklärt wird, dann muss man nicht mehr nach ihr suchen, dann gibt es nur noch gleichberechtigte Deutungen des Geschehens. Dann ist die Realität nur noch eine Meinung.

Das ist Social Propaganda: Zweifel säen durch gefühlt mögliche Deutungen, die zum Social-Media-Echo passen, weil nichts die machtvolle Öffentlichkeit mehr lähmt als Zweifel. Wenn man alles nicht so genau weiß, ist das Sinnvollste, nichts zu tun. Sich nicht festzulegen. Keinen Druck aufzubauen. Die Dinge geschehen lassen. Wer kann schon sagen, was passiert ist? Es könnte doch alles ein schrecklicher Unfall gewesen sein.

Quelle: s.o.

Anmerkung:


Zitat
Dass dahinter eine auf soziale Medien abzielende Strategie steht, lässt sich bereits am Ort erkennen, den das russische Verteidigungsministerium für die Veröffentlichung des Statements gewählt hat: den YouTube-Kanal von ruptly, des Social-Media-Ablegers von Russia Today. Russia Today wird direkt vom Kreml finanziert und hat eine offen daliegende, unbestrittene Aufgabe: die Verbreitung der russischen Sichtweise. Russia Today ist Content Marketing für Putin, ohne Umwege vom russischen Staat bezahlt. Weshalb es so verstörend ist, dass derart viele Leute Russia Today für ein unparteiisches und nach journalistischen Kriterien berichtendes Medium halten.



Mmh, wo sonst hätte denn General-Major Igor Konaschenkow seine Sichtweise darstellen sollen? Im Spiegel?


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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