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Darknet-Killer ohne Darknet

in Aus der Welt der Wissenschaft 13.03.2017 18:00
von franzpeter | 9.008 Beiträge

Darknet-Killer ohne Darknet
"Täter von Herne veröffentlichte Tatvideo im Darknet": Schlagzeilen wie diese gab es vergangene Woche viele - dabei hatte der Fall gar nichts mit dem Darknet zu tun. Über die Folgen eines falschen Wortgebrauchs.

Von Markus Böhm

Montag, 13.03.2017   17:22 Uhr



"Der Fall Herne, du erinnerst dich? Ein Kind tot und ein 22-Jähriger? Ein Täter, der im Darknet mit seinen Taten prahlt?" So werden wohl demnächst Menschen über die Geschehnisse in Herne sprechen. Hängen bleiben immer nur ein paar Erinnerungsfetzen, so schrecklich der Fall auch sein mag.

Doch bei vielen dürfte im Zuge der Berichterstattung eine Information hängen geblieben sein, die Unsinn ist. Der mutmaßliche Täter zeigte seine Taten nie im Darknet. Genau das hatte die Polizei anfangs behauptet, als die Aufmerksamkeit noch besonders groß war. Es stimmte aber nicht.

Die Online-Dienste, die im Fall Herne eine besondere Rolle spielten, waren - so viel weiß man knapp eine Woche später - vor allem WhatsApp und 4Chan. Mit dem klassischen Darknet haben sie nichts zu tun. Dessen Seiten lassen sich nur mit einem speziellen Browser ansteuern (Hier erklären wir das Darknet ausführlicher [siehe unten, fp]).

WhatsApp hingegen nutzen Millionen Deutsche. Auch 4Chan ist ein per Internet frei erreichbares Bilderforum. Dort findet sich viel Verstörendes, in gewissen Kreisen ist es aber populär. Die Nutzer dort posten alle als "Anonymous". Und auch in den Medien war 4Chan schon oft: 2014 etwa, als dort Nacktbilder von Prominenten auftauchten - und als einige Websites fälschlicherweise von einem Hacker namens 4Chan berichteten.

Der Begriff wird immer verwaschener
Im Fall Herne hat die Polizei 4Chan nun wohl versehentlich dem Darknet zugeordnet. Das mag daran liegen, dass 4Chan jede Menge problematische Inhalte bietet, von Pornografie bis hin zu Gewaltfantasien. Aber wenn das reicht, um eine Seite Darknet zu nennen, kann man auch aufhören, den Begriff zu verwenden, so verwaschen ist er dann. Zudem sollte man als Polizeimitarbeiter wissen, was das Darknet ist: So haben es Ermittler zum Beispiel im Kontext des Onlineverkaufs von Drogen und Waffen immer wieder mit Darknet-Nutzern zu tun.

Was ist das Darknet?
Was ist mit Darknet gemeint?
Wer im Internet surft, öffnet seinen Browser und kann dann Webseiten wie www.spiegel.de besuchen - oder er googelt Inhalte. Das Darknet, das "dunkle Netz", kann man sich demgegenüber als virtuellen Hinterraum vorstellen, der schwerer zu erreichen und anders gebaut ist als das offene Internet.

Dort gibt es keine zentralen Server. Stattdessen verbinden sich viele einzelne Computer zu Netzwerken. So entstehen exklusive Kreise, die Nutzer nicht einfach per Google-Suche finden. Es gibt also nicht nur ein Darknet, sondern viele solcher Netzwerke. Sie arbeiten unterschiedlich, aber das Ziel ist immer: Die Nutzer sollen anonym bleiben können. Die Daten in den Darknets werden in der Regel verschlüsselt übertragen, deshalb ist das Darknet schwer zu überwachen.
Doch auch dort gibt es Dinge, die Nutzer des World Wide Web (WWW) kennen dürften: Chaträume, soziale Netzwerke und Online-Shops voll illegaler Angebote, die zum schlechten Ruf beitragen.

Wie komme ich ins Darknet?
Wer benutzt das Darknet?
Ist das Darknet das Gleiche wie das Deep Web?
Im Fall Herne brachte ein Sprecher der Polizei Bochum den Begriff Dienstagmorgen ins Spiel. Um 8.10 Uhr machte dazu eine Meldung der Nachrichtenagentur dpa bundesweit die Runde, mit dem Satz: "Der Verdächtige habe ein Video seiner Tat in einem streng abgeschotteten Bereich des Internet veröffentlicht - dem sogenannten Darknet."

Auch auf SPIEGEL ONLINE tauchte der Begriff Darknet daher in den ersten Berichten mit Verweis auf die Polizeiangaben auf. Gegenüber "Der Westen" räumte die Polizei übrigens schon am Dienstagabend ein, nie ein Video gesehen zu haben.

Laut einer Analyse-Website zählte ein Boulevard-Artikel mit dem Begriff "Darknet-Killer" in der Überschrift sogar zu den 25 meistdiskutierten deutschsprachigen Online-Beiträgen der vergangenen sieben Tage.

Erklärungen zum Darknet per Nachrichtenagentur
Auch bei den Nachrichtenagenturen setzte eine gewisse Berichterstattungsroutine ein. Die dpa etwa versendete bereits Dienstag um 9.35 Uhr eine Meldung, die erklärte, was genau das Darknet ist. "Der Zugang ist über eine Anonymisierungssoftware möglich, etwa die kostenlose Software 'Tor'", hieß es darin - über das tatsächliche Darknet, das mit dem Fall Herne nicht im Zusammenhang steht. Die Konkurrenz-Nachrichtenagentur AFP zog Mittwochvormittag mit einem ähnlichen Text nach.
Manche Redaktion musste sich wohl regelrecht die Realität zurechtruckeln, um einerseits das Darknet erklären zu können und anderseits klarzustellen, dass man eigentlich nur weiß, dass im Kontext der Tat per 4Chan kommuniziert wurde.

Eindrücklich zeigt das ein "BildPlus"-Artikel auf Bild.de von Mittwoch.
Spuren im Darknet?
Bild.de behauptet darin bis heute, zu erklären, weshalb der mutmaßliche Täter "seine Spuren im Darknet so leicht verwischen kann". Der Artikel ist ein Mix aus Fakten, Abgrenzungen und Spekulationen. So wird das Darknet im Artikel zunächst als "anonymisierter Bereich des Internets" vorgestellt.

Dann jedoch schreibt Bild.de mit Bezug auf angebliche Posts des Täters auf 4Chan: "Das Forum 4Chan befindet sich allerdings im öffentlichen Teil des Internets und nicht im Darknet". Und: "4Chan.org ist zwar kein Bestandteil des Darknets. Doch viele bezeichnen es als 'die dunkelste Seite des legalen Internets.'"

Der Verweis aufs Darknet hat den Fall aus Herne spektakulärer, krasser gemacht als er ohnehin war: Plötzlich hatte er etwa eine Gemeinsamkeit mit dem Amoklauf von München, wo sich der Amoktäter übers Darknet eine Waffe besorgt hat. Letztlich ist der Fall Herne also in seiner Grausamkeit erschreckend - aber auch, weil er zeigt, wie schnell ein falsches Wort verändert, wie über eine Geschichte gesprochen wird.

Zusammengefasst: Die Polizei brachte den Herner Fall mit dem Darknet in Verbindung. Mittlerweile jedoch ist klar: Der Fall Herne hat wohl nichts mit dem Darknet zu tun - die Polizei meinte mit "Darknet" vermutlich nur das normal per Webbrowser erreichbare Bilderforum 4Chan
Quelle: s.o.


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Was ist eigentlich das Darknet?

Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen:
1. Was ist mit Darknet gemeint?
Wer im Internet surft, öffnet seinen Browser und kann dann Webseiten wie www.facebook.de oder www.spiegel.de besuchen - oder er sucht Inhalte über Suchmaschinen wie Google. Das Darknet, das "dunkle Netz", kann man sich demgegenüber als virtuellen Hinterraum für Eingeweihte vorstellen, der nicht so leicht zu erreichen und anders gebaut ist als das offene Internet.

Dort gibt es keine zentralen Server. Stattdessen schließen sich viele einzelne Computer zu eigenen Netzwerken zusammen - es entstehen exklusive Kreise, die Nutzer nicht einfach per Google-Suche finden. Die Netzwerke arbeiten unterschiedlich, aber das Ziel ist immer gleich: Die Nutzer sollen anonym bleiben können. Die Daten in den Darknets werden meistens verschlüsselt übertragen, deshalb ist das Darknet schwer zu überwachen.

Doch auch dort gibt es Dinge, die Nutzer des World Wide Web (WWW) kennen dürften: Chaträume, soziale Netzwerke - und viele Online-Shops, die illegal Waffen oder Drogen anbieten und damit maßgeblich zum schlechten Ruf des Darknet beitragen.
2. Wie komme ich ins Darknet?
Wer in ein Darknet gelangen möchte, kann das nicht mit einem herkömmlichen Browser. Der dunkle Teil des Netzes ist nur über spezielle Software zu erreichen. Je nach Darknet ist der Zugang unterschiedlich kompliziert.

Das wohl bekannteste Darknet ist über den sogenannten Tor-Browser erreichbar. Um die Verbindungsdaten seiner Nutzer auch beim Surfen im WWW zu anonymisieren, nutzt Tor eine Technik namens "Onion Routing". Anfragen werden dabei auf wechselnden Routen über verschiedene Server umgeleitet, die jeweils nicht das eigentliche Ziel kennen. Nach dem Passieren verschiedener Stationen gelangt die Kommunikation über einen Exit-Knoten wieder ins offene Netz. Sender und Empfänger sollen so anonym bleiben. In der Vergangenheit sind dennoch immer wieder Tor-Nutzer enttarnt worden.

Vom WWW abgesehen, kann man mit den Tor-Browser Seiten aufrufen, auf die man mit normalen Browsern keinen Zugriff hat. Im Darknet existieren nämlich sogenannte Hidden Services. Das sind in der Regel anonym betriebene Webseiten und Server, die nicht über die IP-Adresse oder eine klassische Adresse wie Google.de oder Spiegel.de angesteuert werden.
Hidden-Service-Adressen enden auf .onion und bestehen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. Derzeit gibt es über 50.000 .onion-Adressen. Um sich zurecht zu finden, gibt es für Interessenten an den Seiten unter anderem eine Art Wikipedia zur Übersicht.

3. Wer benutzt das Darknet?
Das per Tor erreichbare Darknet hat einen ziemlich schlechten Ruf als Ort für Kriminelle. Dabei ist der vermeintlich dunkle Teil des Netzes nicht illegal - zumindest solange nicht, bis man dort etwas Illegales tut.

Auf großen Darknet-Markplätzen werden allerdings viele illegale Geschäfte abgewickelt. Die 2013 geschlossene Silk Road war so ein Ort. Waffen- und Drogenhändler und auch Pädophile nutzen die technischen Möglichkeiten durchaus für ihre Zwecke.
In den Online-Shops können Kunden und Händler nur schwer belangt werden, bezahlt wird auf Darknet-Marktplätzen oft mit der Krypto-Währung Bitcoin. Um Bitcoin zu bekommen, gibt es gesonderte Onlinebörsen, wo man sein Geld in die Krypto-Währung umtauschen kann.

Doch die Anonymität, die ein Darknet bietet, ist auch ein Segen für Menschen in autoritär regierten Ländern, die sich vor Überwachung durch das Regime schützen wollen. Chinesische Dissidenten benutzen Darknet-Netzwerke genauso wie Journalisten oder Whistleblower. Auch viele ganz normale Webseiten haben Tor-Adressen, Facebook zum Beispiel ist unter https://facebookcorewwwi.onion/ zu erreichen.

4. Ist das Darknet das Gleiche wie das Deep Web?
Die Begriffe Darknet und Deep Web werden häufig synonym verwendet. Streng genommen gibt es zwischen Dark- und Deep Web aber einen Unterschied: den Zugangsweg. Deep-Web-Seiten lassen sich per normalen Browser aufrufen, Darknet-Seiten nicht.

Wenn man sich einen Eisberg vorstellt, ist das WWW die sichtbare Spitze über Wasser. Unter Wasser gibt es aber noch einen großen anderen Bereich, das Deep Web - man findet es, wenn man weiß, wie man hinkommt.

Auch das Deep Web wird nicht nur für illegale Sachen genutzt: Große Teile des Deep Webs sind sogar unspektakulär und bestehen zum Beispiel aus riesigen Informationsdatenbanken, passwortgeschützten Seiten und solchen, die nicht für Suchmaschinen gelistet sind und die bei einer Suche folglich nicht angezeigt werden.
Kann man eine Seite also mit einem normalen Browser und ohne Zusatzsoftware öffnen, liegt sie vielleicht im Deep Web, aber nicht im Darknet.


Quelle: s.o.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 13.03.2017 18:22 | nach oben springen


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