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Krzysztof Lozinski - ein Pensionär ruft zur Revolte

in Aus der Welt der Wissenschaft 03.06.2017 18:13
von franzpeter | 9.009 Beiträge

Polens Opposition
Ein Pensionär ruft zur Revolte
Polens außerparlamentarische Opposition gegen die nationalkonservative Regierung wird von einem früheren Aktivisten der Solidarność angeführt. Er will nicht nur Präsident Kaczynski einhegen, sondern auch Le Pen.
03.06.2017, von Konrad Schuller, Warschau


Im Kampf gegen antieuropäischen Extremismus: Krzysztof Lozinski
Krzysztof Lozinski ist vieles gewesen. Er ist jetzt 69; als er zwanzig war, ist er zum ersten Mal auf die Straße gegangen, 1968, als Warschaus Studentenschaft gegen den brutalen Muff der kommunistischen Diktatur rebellierte. Später, als dann die Solidarność unter Lech Walesa sich auf ihren langen Weg machte, auf dem sie über Jahre der Streiks, der Verhaftungen, der Geheimdienstmorde schließlich das Regime überwand, war er immer dabei: Bei Kommandoaktionen, um mit Hilfe eingeschleuster „Maulwürfe“ in der Warschauer Staatsanwaltschaft geheime Repressions-Anweisungen zu erbeuten, in konspirativen Druckereien, im Gefängnis, Pritsche an Pritsche mit Todeskandidaten. Sein Lebenslauf war zertrümmert wie so viele Biographien im Untergrund. Lastwagenfahrer, Kung-Fu-Trainier, Fassadenkletterer, Journalist – all das ist Lozinski schon gewesen.

Autor: Konrad Schuller, Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.
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Seit diesem Wochenende aber ist er etwas, was er noch nie war: Am Samstag hat das polnische Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) ihn mit 130 zu 28 Stimmen in Thorn (Torun) an der Weichsel, der Heimat des Nikolaus Kopernikus, an seine Spitze gesetzt. Das KOD ist kein Verein wie andere. Seit den Wahlen von 2015, als die euroskeptisch-klerikale Partei Recht und Gerechtigkeit unter Jaroslaw Kaczynski an die Macht kam, um sofort ihre Kaperfahrt gegen Verfassungstribunal, Gerichte und Medien zu beginnen, ist das KOD (dessen Name übrigens an das legendäre KOR anknüpft, eine Vorgängerorganisation der Solidarność) die wichtigste Plattform des sozialen Widerstands gewesen. Weil die liberalen und linken Parteien des Landes damals wie betäubt schienen, verlagerte die Opposition sich unter dem Sternenkranz Europas auf die Straße.

Dass Lozinski jetzt an die Spitze dieser Bewegung tritt, hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre, nicht so kommen müssen. Damals, 2015, hatte er zur Entstehung des KOD zwar den Anstoß gegeben. In einem Internet-Beitrag, der in den sozialen Netzwerken sofort ein Beben auslöste, hatte er dazu aufgerufen, genau wie damals unter den Kommunisten jetzt auch gegen Kaczynski auf die Straße zu gehen und „ein Komitee zur Verteidigung der Demokratie zu gründen“. Noch im selben Aufruf aber hatte er klargestellt: „Erwartet nicht, dass ich das mache.“ Warum? – Er hatte sich seinen Lebensabend eben anders vorgestellt. Nach so vielen Turbulenzen hatte er ja endlich so etwas wie Ruhe: mit Frau, Katze, Hund und hochbetagter Schwiegermutter lebte er weit draußen in der Provinz, in einem eigenhändig wiederaufgebauten Bauernhaus mit Steinbrunnen an einem masurischen Waldrand kurz vor der russischen Grenze, wo die letzten Kilometer durch den Schlamm nur im Landrover zu durchpflügen sind. Wie sollte einer von hier aus eine soziale Revolte führen? „Das ist kein Job für Pensionäre“, schrieb er 2015 ans Ende seines Aufrufs.

Das KOD mobilisiert Tausende
Jetzt ist es anders gekommen, Lozinski hat Hund und Haus hinter sich gelassen und sich in den Trubel gestürzt. Warum? – Das KOD, zu dessen Gründung er aufgerufen hatte, war anfangs atemberaubend erfolgreich gewesen. Wenige Wochen nach seiner Gründung Ende 2015 mobilisierte es in Warschau 50.000 Demonstranten, zigtausende gingen in anderen Städten gegen Kaczynski auf die Straße. Dann aber, im Januar 2017 kam der Absturz. Dokumente sickerten durch, denen zufolge es in der damaligen Führung der Bewegung nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Ihr bei weitem charismatischster Kopf, der Internetfachmann Mateusz Kijowski, der mal wie Hippie mit Zopf und Ohrring, mal wie Rocker mit Lederjacke und Honda auftritt, musste sich plötzlich des Vorwurfs erwehren, für möglicherweise fiktive Internetdienstleistungen mehr als 29.000 Euro vom KOD angenommen zu haben. Kijowski bestritt das, verstrickte sich, sprach zuerst von einer Verschwörung der „Dienste“, rannte dann aber vor laufender Kamera davon. Sein steiler Aufstieg ging in einen Absturz über, und da er sich weigerte, den Vorsitz der Bewegung abzugeben, drohte er das KOD mit sich hinunter zu reißen.

Am Samstag nun ist der Absturz zu einem vorläufigen Ende gekommen. Lozinski, der alte Solidarność-Kämpfer aus Masuren, hatte sich schon früh entschlossen, seine Hütte am Waldrand aufzugeben, um den zwanzig Jahre jüngeren Kijowski, der ohne Einsicht alles zu verderben drohte, herauszufordern. „Glaubt nicht“, ließ er damals wissen, dass das für ihn eine „Ehre“ sei, eine „Konfitüre“ gar, wie die polnische Sprache ein Zuckerschlecken nennt. Er trete an, obwohl ihm das gar nicht passe, um die Unordnung, die Kijowski angerichtet habe, aufzuräumen. Am Samstag nun hat er gewonnen. Kijowski hatte sich bis zuletzt gewehrt. Erst wenige Stunden vor der Wahl, als am Samstag durchsickerte, dass eine Prüfkommission seinem Finanzgebaren ein fatales Zeugnis ausgestellt habe, gab er endlich auf. Lozinski trat ohne Gegenkandidaten an und gewann.

Was er vorhat? „Wir müssen anfangen, uns um Polen zu kümmern, statt nur noch um uns selbst“, hat er gleich nach seiner Wahl gesagt. Und das ist nicht alles. Seine Generation, die Alten von der Solidarność wissen genau, dass ihre Bewegung damals mehr verändert hat als nur das eigene Land. Als sie 1989 gewannen, fielen die übrigen kommunistischen Regime in Europa wie die Dominosteine. Lozinski hat das erlebt, und es hat ihn geprägt. „Das wäre doch großartig“, hat er nach seinem Sieg am Samstag gesagt, „wenn wir so ein ,Komitee zur Verteidigung‘ auch international gründen könnten – zur Verteidigung vor diesen ganzen Extremismen, vor Le Pen, vor Orbán, vor Erdogan.“

Quelle: faz


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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