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#1

„Verwerflich, wenn man da mitmacht“

in Aus der Welt der Wissenschaft 30.08.2017 07:30
von franzpeter | 9.152 Beiträge

Anti-Doping-Forscher Simon
:
„Verwerflich, wenn man da mitmacht“
Aktualisiert am 29.08.2017-17:59

Perikles Simon macht sich keine Illussionen: Die Abwehrreflexe gehen zu Lasten der Athleten, während das Verbandssystem reingewaschen wird. Bild: Imago
Nachdem eine lange blockierte Studie das tatsächliche Doping-Ausmaß erkennbar macht, kündigt Anti-Doping-Forscher Perikles Simon an, aus dem Sportsystem zu flüchten.

Sechs Jahre hat es gedauert, bis die Studie mit der Doping-Quote unter Spitzenathleten bei der Leichtathletik-WM 2011 von wenigstens 30 Prozent am Dienstag veröffentlicht werden konnte...
...wenn Dr. Sandberger, ein internationaler Rechtsexperte, sich nicht eingeschaltet hätte, dann gäbe es keine Publikation.
Die Welt-Anti-Doping-Agentur als Auftraggeber und der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) haben sich gegenseitig immer wieder verantwortlich gemacht für die Verzögerung der Publikation, an der sie mitgearbeitet haben. War das Absicht?
Ich kann es nicht anders verstehen. Die entscheidenden Stellen und ihre höchsten Vertreter in Wada und IAAF haben noch auf einer Sitzung im britischen Parlament, in der unsere Studie besprochen wurde, Gegenpositionen eingenommen. Dann erreicht uns die Information, dass Wada-Chef Howman zur IAAF wechselt. Es geschieht auch andernorts, dass die Hüte gewechselt werden. Aber für mich ist klar, dass ich dieses Sportsystem als Wissenschaftler flüchtend verlassen muss. Mit ihm ist ein unabhängiges wissenschaftliches Arbeiten nicht möglich.
Warum?

Ohne strukturelle Anpassung können wir nichts erreichen. Die Zahlen (ein Drittel der WM-Teilnehmer und 45 Prozent der Athleten bei den Panarabischen Spielen 2011 räumten Doping ein (d.Red.) sprechen doch für sich. Die Ohnmacht Doping zu bekämpfen folgt einer gewissen Logik in der Vorgehensweise auf die immer wieder aufkochenden Skandale. Die dann folgenden sporttypischen Abwehrreflexe gehen zu Lasten der Athleten. Ihnen werden alle Verbindlichkeiten und Beschwerlichkeiten auf die Schultern geladen, während das Verbandssystem, Sportpolitik und die Handlungen Außenstehender reingewaschen werden. So wird es auch jetzt wieder sein. Da gebe ich mich keiner Illusion hin. Es wird wider besseren Wissens hauptsächlich das Testsystem hochgefahren und der Athlet belastet und in den Fokus genommen. Es werden wieder Schwarze Schafe gesucht und gefunden. Das war es dann, und wir gehen in die nächste Doping-Dekade. Wir müssen erkennen, auf welch unterirdischem Niveau wir uns im Anti-Doping-Kampf bewegen.

Was bedeutete das für den Anti-Doping-Kampf?
Dass die von uns festgestellten Doping-Quoten bis in alle Ewigkeiten zementiert werden. Es wird keine Verbesserung geben. Es hat in den vergangenen Jahrzehnten keine nachweisliche Verbesserung gegeben. Die Situation für die Athleten ist immer schlimmer geworden. Sie sind nicht von dem Druck befreit worden zu dopen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Athleten das Doping zugeben.

Wieso?
Wir haben mit der gleichen Methode Athleten der Eliteschulen des Sports und im Nachwuchsleistungssport befragt. Bei den Eliteschulen kamen wir auf null Prozent Doping-Quote mit derselben Technik, im Nachwuchsleistungssport auf 6,8 Prozent. Jetzt sprechen wir von 30 und 45 Prozent aufwärts. Es ist sicher, dass aus dem Nachwuchsleistungssport zum Teil Personen hervorgegangen sind, die nun zugaben, in den letzten zwölf Monaten vor dem Wettbewerb Doping-Mittel genommen zu haben. Das die das eigentlich nicht wollen, ist uns sonnenklar. Stärkere Überzeugungstäter werden sie für den sauberen Sport nicht mehr finden als im Hochleistungsnachwuchssport. Wir haben nirgendwo in der Gesellschaft so niedrige Hobby-Doping-Quoten. Wir wissen also: Hier werden Menschen genötigt zu etwas, das System nötigt sie dazu. Da kann ich nicht mitmachen. Das ist verwerflich, wenn man da mitmacht.

Was müsste man tun, damit Sie wieder mitmachen?
Die Strukturen müssten geändert werden. Bei uns hat das Bundesinnenministerium (BMI) die Förderhoheit und verbindet die Vergabe mit einem Medaillenauftrag an den Sport. Eine Kontrolle gibt es nicht. Vor dem BMI müsste sich aber das Gesundheitsministerium mit der Spitzensportförderung beschäftigen. Wer, wenn nicht dieses Ministerium ist an erster Stelle verantwortlich für das, was wir da sehen? Die nächste Instanz wäre das Justizministerium und dann irgendwann das BMI, wenn es Medaillen sehen will. Alles andere geht an der Fürsorgepflicht für Athleten, das sind auch Menschen, selbst wenn sie dopen sollten, vorbei.
Liegt die Dunkelziffer bei 50 Prozent?
Das ist eine sehr konservativ-vernünftige Schätzung für den absoluten Hochleistungssport. Das heißt auch, dass es dort saubere Athleten gibt, die wir aber nicht identifizieren und schützen können vor diesem System. Die wissen vielleicht mehr als wir, aber ich sehe keine vernünftige Möglichkeit, dass diese Athleten eine Stimme bekommen.

Weil Verbände, wie die IAAF zu Zeiten Ihrer Studie, hochgradig korrupt waren, positive Doping-Tests gegen viel Geld verschwinden ließen?

Die Frage ist, wie massiv die Bestechlichkeit an der Spitze der Verbände war und ist, wie stark die Verknüpfung dieser bestechlichen Funktionäre mit der Politik und der Wirtschaft ausgeprägt ist. Das scheint mir noch nicht annähernd aufgearbeitet. Ich sehe nur, dass sich die IAAF-Ethik-Kommission selbst freispricht. Diese Verbände sind Multi-Millionen-, teilweise sogar Milliarden-Unternehmen des Sports, die genauso einer Kontrolle unterworfen sein müssten wie VW oder Daimler. Sie dürfen nicht protegiert werden um der Medaillen willen. Das betrachte ich als Hauptimpuls für die Manipulation. Die Wada hat das in einem Bericht von 2012 deutlich beschrieben. Warum will man dagegen nichts unternehmen?
Warum soll denn der kleine Athlet dafür verantwortlich sein? Wer in einem derart korrupten Sportsystem Karriere macht, in dem zum Schluss 50 Prozent Doper unterwegs sind, gegen den darf und muss man staatsanwaltlich ermitteln. Wie viel mehr Verbrechen am Menschen ist denn noch notwendig?
Das Gespräch führte Anno Hecker.

Quelle: F.A.Z.

Anmerkung:
Da war doch was? Richtig : Die Russen dopen und müssen ausgeschlossen werde! Wir nicht?


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#2

Die Studie, die der Sport nicht sehen will

in Aus der Welt der Wissenschaft 30.08.2017 07:47
von franzpeter | 9.152 Beiträge

29. August 2017, 18:00 Uhr
Studie
Die Studie, die der Sport nicht sehen will


Siebekämpferin Tatyana Chernova war eine der wenigen Athleten, die durch einen positiven Dopingtest überführt worden sind. (Foto: AP)


Eine anonyme Befragung bei der Leichtathletik-WM 2011 und bei den Panarabischen Spielen liefert enorm hohe Doping-Zahlen.
Demnach gaben mindestens 30 Prozent der Athleten an, gedopt zu sein.
Doch der Sport beachtete die Studie lange Zeit nicht. Verbände versuchten, die Veröffentlichung zu verhindern.


Von Johannes Knuth
Wenn Rolf Ulrich in diesen Tagen auf die Arbeit der vergangenen Jahre zurückschaut, dann sieht er eine Zeit, in der es selten langweilig wurde. Wenn auch nicht so, wie Ulrich sich das vorgestellt hatte. Er blickt auf Ungewissheiten, Streit mit Verbänden, Kollegen, die unentgeltlich forschen, bis auf 200 kanadische Dollar, die sie für ein Abendessen spendiert bekamen. Und die nun ihre Studie veröffentlichen dürfen, die aus zwei Gründen bemerkenswert ist: wegen der Doping-Quote, die bereits an die Öffentlichkeit gesickert war. Und wegen der Zeit, die verstrich, bis die zuständigen Verbände ihren Widerstand lösten und eine Veröffentlichung zuließen. Sechs Jahre sind seit der Leichtathletik-WM 2011 vergangen, wo Ulrich und seinen Kollegen herausfanden, dass 30 Prozent aller Athleten dopten,mindestens.

Es habe ein "Publikations-Embargo" seitens der Verbände gegeben, sagt Ulrich heute. "Aber letztlich war der öffentliche Druck wohl doch sehr groß."

Mindestens 30 Prozent der Leichtathleten waren bei der WM 2011 gedopt
In einer anonymen Befragung gaben Athleten den Betrug selbst zu. Die Wissenschaftler mussten lange um die Veröffentlichung der Studie kämpfen. mehr ...

Ulrich leitet an der Universität Tübingen den Arbeitsbereich Kognition und Wahrnehmung, Fachbereich Psychologie. 2011 beauftragte ihn die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), das Ausmaß des Dopings bei der Leichtathletik-WM 2011 in Daegu und den Panarabischen Spielen in Doha zu vermessen, mit einem anonymen Verfahren der Stochastik. Ulrich leitete die Studie, internationale Experten assistierten, darunter der Mainzer Perikles Simon. 1202 Athleten - darunter 65 deutsche - beantworteten in Daegu nach ihrem Wettkampf auf einem Tablet eine von zwei Fragen, per Zufall, anonym: über einen Geburtstag, oder ob sie in den zwölf Monaten davor gedopt haben. Daraus berechneten die Wissenschaftler näherungsweise ihre Korridore: zwischen 39,4 und 47,9 Prozent Gedopte in der Leichtathletik, bei den Panarabischen Spielen zwischen 52,4 und 61,8 Prozent. Das sind besorgniserregende Daten für den Leichtathletik-Weltverband IAAF, der seine Blut- und Urintests preist, in Daegu aber auf leicht abweichende Betrugsquoten kam: 0,5 Prozent.

Die Wada, die die Studie finanziert, hatte zuvor versichert, die Arbeit zu publizieren. Doch als die Forscher ihre Daten verarbeiten wollten, gab es Probleme. Sie erfuhren im Nachhinein, dass auch die IAAF einverstanden sein müsse. Das war sie nicht, bis zum Sommer 2015. Beziehungsweise: Sie antwortete nicht auf Nachfragen, so schilderte es die Wada.
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Erst 2015 rührte sie sich, engagierte Gutachter, die Ulrichs Daten prüften. Währenddessen kochte der Skandal um Doping in der Leichtathletik hoch, Staatsdoping in Russland, verdächtige Blutwerte, die die IAAF ignoriert haben soll. Deren Präsident Sebastian Coe, Nachfolger des skandalumtosten Lamine Diack, wurde im Dezember 2015 ins britische Parlament geladen. Das forderte auch Ulrichs Studie an, stellt Auszüge einfach ins Internet. Als die Abgeordneten Coe fragten, warum die IAAF die Studie behindere, verhedderte der sich in Widersprüche: Man habe kein Vetorecht, behalte sich aber vor, die Studie zu prüfen, erst dann könne man einer Publizierung zustimmen. Auch nicht schlecht: Ein Vetorecht, das nicht so heißt, aber eines ist.

Es ging ein wenig hin und her, die IAAF verwies auf die Wada und umgekehrt. Aus dem Umfeld der IAAF war damals zu hören, woran es wirklich hakte: Der Verband zweifele an den Methoden, wobei diejenigen, die die Methoden kritisieren, "von den Methoden gar keine Ahnung haben". Letztlich solle die Studie offenbar verhindert werden, weil "einem die Ergebnisse nicht passen". Ulrich bestätigt das heute, indirekt: "Es gab wohl irgendwelche Absprachen zwischen IAAF und Wada. Ich würde glauben: Entweder hat die IAAF den Daten nicht vertraut, oder die Quote war einfach zu hoch - und damit ein Problem."


Dass die Forscher ihre Studie nun in einem Fachjournal publizierten, rechnet Ulrich auch Georg Sandbergers Interventionen zu, dem ehemaligen Kanzler seiner Uni. Es gebe Unschärfen in der Studie, sagt er, aber das Verfahren sei anerkannt, trage besondere Aussagekraft in sich: Die Rücklaufquote sei mit 90 Prozent "außergewöhnlich hoch"; meistens liege sie bei 30 Prozent, was kaum repräsentative Urteile gestatte. Und jetzt? "Über die Intervention müssen die Verbände entscheiden", sagt Ulrich. Die Integritätseinheit der IAAF teilte auf Anfrage mit: Man bezweifle nicht, dass mehr Leichtathleten dopen als man erwischt. Man arbeite daran, die Lücke künftig "zu verkleinern".

Quelle sz


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 30.08.2017 12:09 | nach oben springen


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