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#1

Der Planet schlägt zurück - Die 'nicht diskutierten' Teile des Klimawandels

in Aus der Welt der Wissenschaft 10.09.2017 10:36
von franzpeter | 9.156 Beiträge

der Freitag 08.09.2017

Der Planet schlägt zurück

Apokalypse Hunger, Stürme, Kriege und eine Sonne, die uns kocht: Wie der
Klimawandel die Welt verändern wird

David Wallace-Wells | Ausgabe 29/2017


Hurrikan Irma: Es wird viel häufiger Stürme geben, die so stark sein werden,
dass wir neue Kategorien zu ihrer Beschreibung erfinden müssen


Foto: NASA/NOAA GOES Project via Getty Images

Ich verspreche Ihnen, dass es schlimmer ist, als Sie denken. Wenn Ihre Angst vor
dem Klimawandel von der Sorge um steigende Meeresspiegel bestimmt wird, kratzen
Sie gerade an der Oberfläche dessen, was an schrecklichen Dingen bereits im
Leben eines heutigen Teenagers möglich ist. Die ansteigenden Meere - und die
Städte, die in ihnen versinken - haben das Bild der Erhitzung der Erde derart
geprägt, dass wir andere damit verbundene Bedrohungen gar nicht mehr
wahrnehmen. Steigende Meeresspiegel sind schlecht, sogar sehr schlecht, aber es
wird nicht damit getan sein, von der Küste wegzuziehen.

Milliarden von Menschen müssten ihren Lebensstil konsequent anpassen, um das
Schlimmste
<https://www.ipcc.ch/report/ar5/> zu
<https://www.ipcc.ch/report/ar5/> verhindern
<http://www.pnas.org/content/107/21/9552.abstract> .
Das aber
geschieht nicht. Daher werden wahrscheinlich bereits am Ende dieses Jahrhunderts
Teile der Erde
<http://www.pnas.org/content/107/21/9552.abstract>
unbewohnbar
<http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/michael-oppenheimer-10-percent-chance-we-meet-paris-targets.html>
<http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/michael-oppenheimer-10-percent-chance-we-meet-paris-targets.html>
werden.

Selbst wenn wir unsere Augen darauf trainieren, die Folgen des Klimawandels zu
sehen, so sind wir doch unfähig, sein Ausmaß in Gänze zu begreifen.
Vergangenen Winter gab es eine Reihe von Tagen, an denen es 15 bis 21 Grad
Celsius wärmer war als normalerweise. So wurde der Nordpol erwärmt

<https://phys.org/news/2016-11-svalbard-temperatures.html> .

Das brachte auch den Dauerfrostboden zum Tauen, der den Saatguttresor in
Spitzbergen, Norwegen, umschließt. In dem Tresor lagern Samen aus aller Welt. Er
trägt den Spitznamen "Weltgericht" und soll sicherstellen, dass die
Landwirtschaft des Planeten jede Katastrophe überleben könnte. Durch das
teilweise Auftauen des Frostbodens lief nun Wasser in die Saatlager - nur zehn
Jahre nach seiner Einrichtung bedrohte ihn also der Klimawandel.


Dem "Weltgericht"-Tresor geht es inzwischen wieder gut: Die Anlage wurde
gesichert, die Samen auch

<https://www.wired.com/2017/05/arctic-doomsday-seed-vault-flooded-thanks-global-warming/>
. Der Vorfall wurde als Parabel darauf gewertet, dass es zu Überschwemmungen
kommen werde.

Dadurch geriet Entscheidendes aus den Augen:

Bis vor kurzem stellte der Permafrost keine Hauptsorge der Klimawissenschaftler
dar. Der arktische Boden enthält aber 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff

<https://pubs.er.usgs.gov/publication/70118255>
<https://pubs.er.usgs.gov/publication/70118255> - mehr als
doppelt so viel, wie sich gegenwärtig in der Erdatmosphäre befindet. Wenn
dieser freigesetzt wird, könnte er in Gestalt von Methan verdampfen. Dieses ist
als Treibhausgas-Anheizer um ein Vielfaches wirksamer als Kohlendioxid - und
zwar 34 Mal so groß
<https://www.scientificamerican.com/article/how-bad-of-a-greenhouse-gas-is-methane/>
.
<https://www.scientificamerican.com/article/how-bad-of-a-greenhouse-gas-is-methane/>


Vielleicht wissen Sie das bereits. Jeden Tag hört man alarmierende Geschichten.
Etwa vor ein paar Monaten, als Satellitendaten belegten, dass die Erde sich seit
1998 doppelt so schnell erhitzt hat, wie die Wissenschaftler gedacht hatten.
Oder die Nachrichten aus der Antarktis

<https://www.washingtonpost.com/news/energy-environment/wp/2017/07/05/an-iceberg-the-size-of-delaware-is-about-to-break-off-of-antarctica/?utm_term=.15d0c03ad304>
, als im Mai ein Riss in einem Eisschelf in sechs Tagen um fast 18 Kilometer
anwuchs.


Inzwischen hat sich das Bruchstück ganz gelöst und verstört die Menschen. Denn
die abgebrochene Scholle Larsen C ist 175 Kilometer lang und 50 Kilometer breit.
Sie treibt nun als einer der größten Eisberge aller Zeiten im offenen Meer.


Mangel an Vorstellungskraft

Ganz egal, wie gut informiert Sie sind, ausreichend alarmiert sind Sie nicht.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist unsere Kultur mit Zombie-Filmen und
Mad-Max-Dystopien immer apokalyptischer geworden. Wenn wir aber die ganz realen
Gefahren der Erderhitzung betrachten sollen, leiden wir an einem unglaublichen
Mangel an Vorstellungskraft. Einer der Gründe dafür ist die zaghafte Sprache
wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten.

Der Klimatologe James Hansen kritisiert diese "
<https://pubs.giss.nasa.gov/docs/2007/2007_Hansen_ha01210n.pdf>
wissenschaftliche Introvertiertheit
<https://pubs.giss.nasa.gov/docs/2007/2007_Hansen_ha01210n.pdf> .
Er findet, dass Wissenschaftler sie ihre eigenen Beobachtungen so penibel und
gewissenhaft betreiben, dass sie nicht mehr deutlich machen können, wie groß
die Gefahr wirklich ist.

Hansen klagt an
<http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/scientist-jim-hansen-the-planet-could-become-ungovernable.html>
, dass uns eine Gruppe von Technokraten regiert, die glauben, jedes Problem
könne gelöst werden.

Hansen zeigt auf die schiere Geschwindigkeit des Klimawandels - und seine
gleichzeitige Langsamkeit, da wir immer nur die Auswirkungen sehen, die sich
bereits seit Jahrzehnten anbahnen.

Unsere Unsicherheit über die Unsicherheit, die uns der Klima-Autorin Naomi
Oreskes
<http://rsta.royalsocietypublishing.org/content/373/2055/20140455>
<http://rsta.royalsocietypublishing.org/content/373/2055/20140455>
zufolge davon abhält, uns auf irgendetwas Schlimmeres als einen statistischen
Mittelwert vorzubereiten.

Die Geringfügigkeit (zwei Grad Celsius
<http://unfccc.int/paris_agreement/items/9485.php> ), die Größe
(1,8 Billionen Tonnen) und die Abstraktheit (
<http://unfccc.int/paris_agreement/items/9485.php> 400 Teilchen
pro eine Million
<https://www.scientificamerican.com/article/earth-s-co2-passes-the-400-ppm-threshold-maybe-permanently/>
) der Zahlen. Das Unbehagen, über ein Problem nachzudenken, das nur sehr
schwer, wenn nicht unmöglich zu lösen ist.
<https://www.scientificamerican.com/article/earth-s-co2-passes-the-400-ppm-threshold-maybe-permanently/>
Und ganz einfach: die Angst.

Zwischen der Zurückhaltung der Wissenschaftler und den Zuspitzungen der
Science-Fiction liegt die Wissenschaft selbst.

Dieser Text ist das Ergebnis von Dutzenden Interviews mit Klimatologen und
Wissenschaftlern. Er berücksichtigt Hunderte Studien und Aufsätze zum
Klimawandel. Was Sie hier lesen, ist - nach bestem Wissen und Gewissen - eine
Darstellung, worauf unser Planet zusteuert, wenn wir nicht aggressive
gegensteuern. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Szenarien vollständig eintreten
werden. Vor allem weil die absehbaren Zerstörungen uns aus jeder Bequemlichkeit
reißen werden
<http://www.slate.com/articles/health_and_science/science/2017/07/we_are_not_alarmed_enough_about_climate_change.html>
.

Dennoch: die Szenarien sind die Zukunft, nicht das heutige Klima. Dabei ist die
Gegenwart des Klimawandels erschreckend genug
<https://www.vox.com/energy-and-environment/2017/7/11/15950966/climate-change-doom-journalism>
. Die meisten Leute denken, Miami und Bangladesch hätten noch eine Chance.
<https://www.vox.com/energy-and-environment/2017/7/11/15950966/climate-change-doom-journalism>


Viele Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, gehen aber davon aus, dass
wir diese Städte noch vor Ende des Jahrhunderts verlieren werden - selbst wenn
wir sofort aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen.


Zwei Grad Erhitzung galten bisher als die Grenze der Katastrophe: Das wird es
Millionen von Klimaflüchtlingen erzeugen, die auf eine unvorbereitete Welt
treffen werden.


Nun sind zwei Grad dem Pariser Klimaabkommen zufolge unser Ziel, und Experten
geben uns nur eine geringe Chance

<https://www.scientificamerican.com/article/little-chance-to-restrain-global-warming-to-2-degrees-critic-argues/>
, es überhaupt zu erreichen.
<https://www.scientificamerican.com/article/little-chance-to-restrain-global-warming-to-2-degrees-critic-argues/>


Das UN Intergovernmental Panel on Climate Change veröffentlicht dazu
regelmäßig Berichte. Der jüngste geht davon aus, dass wir zu Beginn des
nächsten Jahrhunderts bereits bei vier Grad angelangt sein werden, wenn wir
weitermachen wie bisher. Und selbst das ist nur eine mittlere Schätzung.


Am oberen Ende der Wahrscheinlichkeitskurve liegen acht Grad - und die Autoren
wissen noch gar nicht, wie sie mit der Schmelze des Permafrosts umgehen sollen
.
Der Bericht des IPCC vernachlässigt auch weitere Effekte, die die Erhitzung
beschleunigen könnten. Als die Erdtemperatur das letzte Mal um vier Grad
anstieg, stiegen die Meeresspiegel um mehrere hundert Fuß
.


Die Erde hat vor dem, was wir gerade durchleben, bereits fünf Mal ein großes
Aussterben erlebt - jedes von ihnen hat den evolutionären Bestand so komplett
ausradiert

<http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/what-mass-extinctions-teach-us-about-climate-change-today.html>
, dass es wirkte, als sei die Uhr des Planeten zurückgesetzt worden. In der
Schule haben Sie wahrscheinlich gelernt, dass diese Massenaussterben das
Resultat von Asteroiden waren. Tatsächlich handelte es sich aber bei allen, bis
auf jenes, bei dem die Dinosaurier ausgelöscht wurden, um das Resultat von
Klimawandel, der durch Treibhausgase verursacht wurde.
<http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/what-mass-extinctions-teach-us-about-climate-change-today.html>


Fotos: Heartless Machine (Fossil), Davis McNew/Getty Images

Das berüchtigtste ereignete sich vor 252 Millionen Jahren.

Es begann, als Kohlendioxid den Planeten um fünf Grad aufgeheizt hatte,
beschleunigte sich, als die Erhitzung dazu führte, dass in der Arktis
gebundenes Methan freigesetzt wurde, und endete damit, dass 97 Prozent allen
Lebens auf der Erde ausgelöscht wurden
<http://science.nationalgeographic.com/science/prehistoric-world/permian-extinction/>
. Wir aber geben zurzeit wesentlich schneller Kohlendioxid in die Atmosphäre
ab.
<http://science.nationalgeographic.com/science/prehistoric-world/permian-extinction/>


Diese Fakten hatte Stephen Hawking im Kopf, als er bemerkte
<http://www.telegraph.co.uk/science/2017/05/02/tomorrows-world-returns-bbc-startling-warning-stephen-hawking/>
, die Menschheit müsse im Laufe des nächsten Jahrhunderts andere Planeten
kolonisieren, wenn sie überleben wolle.
<http://www.telegraph.co.uk/science/2017/05/02/tomorrows-world-returns-bbc-startling-warning-stephen-hawking/>
Und diese Fakten veranlassten Elon Musk vergangenen Monat dazu, seine Pläne
<http://www.newsweek.com/elon-musk-mars-spacex-martian-city-625994>
<http://www.newsweek.com/elon-musk-mars-spacex-martian-city-625994>
für den Bau eines Mars-Habitats zu veröffentlichen, das in 40 bis 100 Jahren
entstehen soll. Diese Leute sind natürlich keine Klima-Experten, sie sind wohl
wie Sie und ich von irrationaler Panik ergriffen.

Doch auch viele nüchterne Wissenschaftler, die ich interviewt habe, sind im
Stillen zu apokalyptischen Schlussfolgerungen gekommen: Kein plausibles Programm
zur Reduzierung von Emissionen ist allein in der Lage, e
<http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/man-who-coined-global-warming-on-worst-case-scenarios.html>
ine Klimakatastrophe zu verhindern
<http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/man-who-coined-global-warming-on-worst-case-scenarios.html>
.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist der Begriff "
<http://nymag.com/scienceofus/2015/06/anthropocene-debate.html>
Anthropozän
<http://nymag.com/scienceofus/2015/06/anthropocene-debate.html>
aus dem wissenschaftlichen Diskurs in die öffentliche Vorstellung gelangt - ein
Name für das geologische Zeitalter, in dem wir leben, und eine Form, es als eine
neue Ära zu kennzeichnen, die durch den Eingriff des Menschen charakterisiert
ist.

Ein Problem des Begriffs ist, dass er eine Eroberung der Natur impliziert. Und
selbst wenn man einsieht, dass wir die natürliche Welt bereits unwiederbringlich
verwüstet haben, ist es noch einmal etwas anderes, dass wir das Ganze nur
provoziert haben, indem wir zunächst aus Unwissenheit und dann, weil wir es
nicht wahrhaben wollten, ein Klimasystem geschaffen haben, das jetzt für viele
Jahrhunderte gegen uns "in den Krieg ziehen" wird, um uns am Ende vielleicht zu
vernichten.


Wallace Smith Broecker, der onkelhafte Meeresforscher, der den Begriff
"Erderwärmung" geprägt hat, spricht von dem Planeten als "wütender Bestie"
<http://www.nytimes.com/1998/03/17/science/scientist-at-work-wallace-s-broecker-iconoclastic-guru-of-the-climate-debate.html>
. Man könnte ihn aber auch als "Kriegsmaschine" bezeichnen, die wir jeden Tag
weiter aufrüsten.
<http://www.nytimes.com/1998/03/17/science/scientist-at-work-wallace-s-broecker-iconoclastic-guru-of-the-climate-debate.html>



Von innen gekocht

Wie alle Säugetiere sind auch Menschen Wärmekraftmaschinen. Zu überleben
bedeutet für sie, sich ständig abkühlen zu müssen - wie hechelnde Hunde.
Damit das möglich ist, muss die Temperatur so niedrig sein, dass die Luft als
eine Art Kühlung fungieren kann, die Hitze von der Haut abzieht, damit der
Motor weiterlaufen kann.


Bei einer Erderwärmung von sieben Grad würde das für weite Teile des
Äquatorbandes und insbesondere für die Tropen, wo die Feuchtigkeit die Sache
noch zusätzlich erschwert, unmöglich werden
<http://www.pnas.org/content/107/21/9552.abstract> .

In den Regenwäldern Costa Ricas, wo die Feuchtigkeit regelmäßig bei über 90
Prozent liegt, wäre es tödlich, sich einfach nur draußen zu bewegen, wenn das
Thermometer über 40,5 Grad Celsius anzeigt

<http://www.australasianscience.com.au/article/issue-december-2010/heat-stress-warming-world.html>
. Innerhalb weniger Stunden würde ein menschlicher Körper sowohl von außen
als auch von innen zu Tode gekocht werden.
<http://www.australasianscience.com.au/article/issue-december-2010/heat-stress-warming-world.html>


Klimawandelskeptiker weisen gern darauf hin, dass der Planet sich schon oft
erhitzt und wieder abgekühlt habe. Doch das klimatische Fenster, das
menschliches Leben auf der Erde überhaupt ermöglicht, ist sehr klein
.


Bei einem Temperaturanstieg von elf oder zwölf Grad würde über die Hälfte der
Weltbevölkerung, wie sie sich heute über den Planeten verteilt, durch direkte
Hitzeeinwirkung sterben. Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass es in diesem
Jahrhundert noch nicht so weit kommen wird, auch wenn unverminderte Emissionen
uns schließlich dahin bringen sollten.


Noch in diesem Jahrhundert wird aber die Schmerzgrenze an bestimmten Punkten,
insbesondere in den Tropen, sehr viel früher erreicht sein als bei einem
Anstieg um sieben Grad.


Der entscheidende Faktor ist die sogenannte Kühlgrenztemperatur, die als
Feuchtkugeltemperatur gemessen wird. Dabei handelt es sich um eine Methode, die
sich nicht nur nach Experimentierkasten anhört, sondern auch so bestimmt wird:
Es geht um die Temperatur, die auf einem in eine feuchte Socke gewickelten
Thermometer gemessen wird, das in der Luft hin und her geschüttelt wird (da die
Feuchtigkeit aus einer Socke in trockener Luft wesentlich schneller verdampft,
spiegelt diese Kennzahl sowohl Hitze als auch Feuchtigkeit). Gegenwärtig
erreichen die meisten Regionen eine Kühlgrenztemperatur von 26 oder 27 Grad
Celsius; die rote Linie für den Menschen liegt bei 35 Grad. Der sogenannte
Hitzestress stellt sich aber wesentlich früher ein.

Tatsächlich haben wir diesen Punkt bereits erreicht. Seit 1980 hat der Planet
eine 50-fache Zunahme an Orten verzeichnet
<https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3443154/> , die
gefährlich oder extrem heiße Temperaturen verzeichnen, und die Zahl wird noch
stärker zunehmen.

In Europa traten die fünf wärmsten Sommer seit dem Jahr 1500 alle seit 2002
auf
<https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/11860> .
Und schon bald, so warnt das IPCC, wird es in weiten Teilen des Erdballs
ungesund sein, sich zu dieser Jahreszeit draußen aufzuhalten.
<https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/11860>

Selbst wenn wir die Klimaziele von Paris mit einem Temperaturanstieg von zwei
Grad einhalten, werden Städte wie Karatschi und Kalkutta fast unbewohnbar werden
und in jedem Jahr tödliche Hitzewellen wie 2015 erleben.


Bei vier Grad Erderwärmung wird die europäische Hitzewelle von 2003, der bis
zu 2.000 Menschen an einem einzelnen Tag zum Opfer fielen, zur sommerlichen
Normalität

<https://www.gfdl.noaa.gov/research_highlight/heat-stress-reduces-labor-capacity-under-climate-warming/>
werden.

Joseph Romm hat das in seiner richtungsweisenden Einführung auf den Punkt
gebracht: Die Hitzebelastung in New York City wäre dann schlimmer als die, die
heute in Bahrain herrscht - an einem der heißesten Orte der Welt. In Bahrain
würde die gestiegene Temperatur dabei selbst bei schlafenden Menschen eine
Hyperthermie auslösen.


In der Tat wird die Krise im Nahen und Mittleren Osten sowie am Persischen Golf
am dramatischsten ausfallen, wo der Hitzeindex bereits 2015 Temperaturen von 72,7
Grad Celsius registriert hat. Schon in einigen Jahrzehnten wird die Hadsch den
zwei Millionen Muslimen, die die Pilgerfahrt jedes Jahr unternehmen, körperlich
schlicht unmöglich werden

<https://www.usatoday.com/story/weather/2015/07/31/heat-index-iran-163-degrees/30933451/>
.
<https://www.usatoday.com/story/weather/2015/07/31/heat-index-iran-163-degrees/30933451/>


Aber die Hitze bringt Menschen bereits heute um. In der Zuckerrohr-Region von El
Salvador leidet ein Fünftel der Bevölkerung an einer chronischen
Nierenerkrankung

<http://www.theage.com.au/good-weekend/climate-change-and-kidney-disease-the-deadly-new-link-20170503-gvxzjz.html>
, bei den Männern ist es über ein Viertel. Man geht davon aus, dass es sich um
die Folge der Dehydrierung handelt, die die Menschen durch Arbeit auf den
Feldern erleiden. Noch vor zwei Jahrzehnten konnten sie die Felder problemlos
abernten. Patienten mit Nierenversagen haben mit einer teuren Dialyse eine
Lebenserwartung von fünf Jahren. Ohne nur ein paar Wochen.

Klimata sind unterschiedlich und Pflanzen variieren, doch die Grundregel für die
wichtigsten Getreidesorten besagt
<http://science.sciencemag.org/content/323/5911/240> , dass die
Erträge bei jedem Temperaturanstieg um ein Grad über die optimale
Wachstumstemperatur um zehn Prozent zurückgehen. Manche Schätzungen sprechen
sogar von 15 bis 17 Prozent.

Das bedeutet, dass wir, wenn der Planet am Ende des Jahrhunderts um fünf Grad
wärmer ist, 50 Prozent mehr Menschen zu ernähren und gleichzeitig 50 Prozent
weniger Getreide zur Verfügung haben könnten. Um die Proteine ist es noch
schlechter bestellt: Es braucht 16 Kalorien an Getreide, um nur eine einzige
Kalorie an Burger-Fleisch zu produzieren, das von Kühen stammt, die ihr Leben
lang das Klima mit Methan-Abgasen belastet haben
<http://news.nationalgeographic.com/2015/08/150803-cows-burp-methane-climate-science/>
.

Optimistische Pflanzenkundler werden darauf hinweisen, dass diese Berechnungen
nur auf die Regionen zutreffen, die die optimale Wachstumstemperatur bereits
erreicht haben, und sie haben recht theoretisch erleichtert ein wärmeres Klima
den Anbau von Getreide in Grönland.


Doch wie die wegweisende Arbeit von Rosamond Naylor und David Battisti zeigt,
sind die Tropen bereits heute zu heiß, um dort in wirtschaftlicher Weise
Getreide anzubauen. Und an anderen Orten, wo Getreide heute angebaut wird,
herrscht bereits die optimale Anbautemperatur - was bedeutet, dass hier selbst
ein geringfügiger Temperaturanstieg die Produktivität verringern würde
<https://www.scientificamerican.com/article/only-60-years-of-farming-left-if-soil-degradation-continues/>
.

Außerdem lässt sich Ackerland nicht leicht ein paar hundert Kilometer nach
Norden transportieren. Die Erträge in entlegenen Ecken Kanadas und Russlands
sind durch die Qualität der dortigen Böden begrenzt. Die Erde braucht viele
Jahrhunderte, um Böden mit einer hohen Fruchtbarkeit hervorzubringen.

Dürre könnte ein noch größeres Problem darstellen als Hitze, wenn sich Teile
des anbaufähigen Landes schnell in Wüste verwandeln. Niederschläge lassen
sich schwer vorhersagen, aber die Prognosen für das Ende des Jahrhunderts sind
wenig ermutigend: noch nie da gewesene Dürren überall dort, wo heute
Lebensmittel produziert werden. Wenn die Emissionen nicht dramatisch reduziert
werden, wird Südeuropa im Jahr 2080 mit einer permanenten Dürre leben müssen,
die schlimmer sein wird, als das Trockengebiet in Amerika je war
<https://link.springer.com/article/10.1007/s00382-014-2075-y> .
<https://link.springer.com/article/10.1007/s00382-014-2075-y>

Man darf nicht vergessen, dass wir schon heute weit davon entfernt sind, in
einer Welt ohne Hunger zu leben. Schätzungen beziffern die Zahl der
Unterernährten auf weltweit 800 Millionen
<http://www.worldhunger.org/2015-world-hunger-and-poverty-facts-and-statistics/>
.
<http://www.worldhunger.org/2015-world-hunger-and-poverty-facts-and-statistics/>


Seit dem Frühjahr herrschen in vier Ländern Afrikas und des Nahen Ostens
Hungersnöte. Darüber hinaus haben die Vereinten Nationen gewarnt, dass allein
in diesem Jahr in Somalia, dem Südsudan, Nigeria und Jemen 20 Millionen Menschen
an den Folgen von Unterernährung und Hunger sterben könnten.


Blindes Immunsystem

Gesteine sind Archive der Geschichte des Planeten - von Epochen, die Millionen
von Jahren umfassen können, und von den Kräften der geologischen Zeit zu
Schichten von nur einigen, einem oder noch weniger Zentimetern gepresst wurden.

Das Eis stellt ebenso eine Art Klimabilanzbuch dar, eine gefrorene Geschichte,
die durch Auftauen teilweise wiederbelebt werden kann. Im arktischen Eis stecken
Krankheiten
<http://www.bbc.com/earth/story/20170504-there-are-diseases-hidden-in-ice-and-they-are-waking-up>
, die seit Millionen Jahren nicht mehr in der Luft zirkulieren - einige davon
gingen schon um, bevor es Menschen gab, die ihnen hätten ausgesetzt sein
können.

Das bedeutet, dass unser Immunsystem keine Ahnung hätte, wie es diese
prähistorischen Krankheiten abwehren sollte, sollten sie wieder freigesetzt
werden.


In der Arktis sind aber auch furchterregende Keime aus jüngerer Zeit
gespeichert. In Alaska haben Forscher bereits Überreste der Grippe von 1918
gefunden
<https://www.sciencedaily.com/releases/2007/07/070702145610.htm>
, mit der sich 500 Millionen Menschen infizierten und die bis zu 100 Millionen
Menschen das Leben kostete - das waren fünf Prozent der Weltbevölkerung und
beinahe sechsmal so viel wie im Ersten Weltkrieg umgekommen sind, dessen
grauenhaften Höhepunkt die Grippe in gewisser Weise darstellte.
<https://www.sciencedaily.com/releases/2007/07/070702145610.htm>

Im Mai berichtete die BBC, Wissenschaftler vermuteten auch die Pocken und die
Beulenpest im sibirischen Eis - eine gekürzte Geschichte der verheerenden
menschlichen Krankheiten.

Hinzu kommt die Gefahr von Luft, die man nicht atmen kann. Unsere Lungen
brauchen Sauerstoff. Doch dieser stellt nur einen Bruchteil dessen dar, was wir
einatmen. So steigt etwa der Anteil des Kohlendioxids in der Luft. Gerade ist er
über 400 Teilchen pro Million (ppm) gestiegen.


Schätzungen auf Grundlage gegenwärtiger Trends legen nahe, dass es bis zum Ende
des Jahrhunderts 1.000 ppm sein werden. Diese Konzentration würde, im Vergleich
zur Luft, die wir heute atmen, zu einem Rückgang der kognitiven Fähigkeiten der
Menschen um 21 Prozent führen
<https://ehp.niehs.nih.gov/wp-content/uploads/advpub/2015/10/ehp.1510037.acco.pdf>
.
<https://ehp.niehs.nih.gov/wp-content/uploads/advpub/2015/10/ehp.1510037.acco.pdf>


Andere Bestandteile der heißeren Luft sind noch furchteinflößender. Schon ein
geringer Anstieg der Luftverschmutztung kann die menschliche Lebensdauer um ein
Jahrzehnt verkürzen
<https://www.sciencedaily.com/releases/2017/07/170703083252.htm>
.
<https://www.sciencedaily.com/releases/2017/07/170703083252.htm>

Je wärmer der Planet wird, desto mehr Ozon bildet sich. Bis Mitte des
Jahrhunderts werden die Amerikaner laut Prognosen des National Center for
Athmospheric Research wohl von einem Anstieg des ungesunden Ozonsmogs um 70
Prozent betroffen sein. Bis zum Jahr 2090 werden bis zu zwei Milliarden Menschen
weltweit Luft atmen, in der die als "sicher" geltenden Grenzwerte der WHO
überschritten werden.

Fotos: Heartless Machine (Fossil), Gary Williams/Getty Images

Eine jüngst dazu erschienene Studie hat gezeigt
<https://www.sciencealert.com/exposure-to-ozone-kicks-up-autism-risk-10-fold-for-those-with-high-genetic-variability>
, dass das Risiko eines Kindes, an Autismus zu erkranken, steigt, wenn die
Mutter in der Schwangerschaft Ozon ausgesetzt war - was einen noch mal neu über
die Autismusepidemie in Westhollywood nachdenken lässt.

Und bereits heute sterben mehr als 10.000 Menschen im Jahr durch kleine
Partikel, die durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgestoßen werden.


Jedes Jahr kommen 339.000 Menschen durch den Rauch von Wildfeuern um
<http://ec.europa.eu/environment/integration/research/newsalert/pdf/294na2_en.pdf>
. Teils liegt dies daran, dass der Klimawandel eine Verlängerung der
Waldbrandsaison verursacht hat
(<http://ec.europa.eu/environment/integration/research/newsalert/pdf/294na2_en.pdf>
in den USA im Schnitt um 78 Tage seit 1970
<https://www.nytimes.com/2016/04/13/science/wildfires-season-global-warming.html>
). Der US Forest Service geht zudem davon aus, dass Wildfeuer im Jahr 2050
doppelt so zerstörerisch sein werden wie heute. An einigen Orten könnte die
verbrannte Fläche das Fünffache betragen.

Für die meisten Menschen aber noch besorgniserregender sind die Auswirkungen,
die dies auf die Emissionen hätte - insbesondere, wenn die Feuer in Wäldern
wüten, die auf Torfböden wachsen. Feuer, die 1997 auf indonesischem Torfland
brannten, erhöhten den weltweiten Co2-Ausstoß um bis zu 40 Prozent. Und mehr
Brände bedeuten mehr Erwärmung, die wiederum mehr Brände bedeutet.

Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass ein Regenwald wie der Amazonas, der
2010 die zweite "Jahrhundertdürre" in fünf Jahren erlitten hat, so weit
austrocknen könnte, dass auch er anfällig für verheerende Waldbrände würde.
Diese wiederum würde nicht nur enorme Mengen Kohlenstoff in die Atmosphäre
freisetzen, sondern auch die Fläche des Waldes schrumpfen lassen. Letzteres
wäre besonders schlimm, weil der Amazonas allein 20 Prozent unseres Sauerstoffs
produziert
<http://www.rainforestfoundation.org/commonly-asked-questions-and-facts/>
.

Klimatologen äußern sich nur vorsichtig zu aktuellen Kriegen, so zum Beispiel
auch zum Thema Syrien. Sie wollen verstanden wissen, dass der Klimawandel zwar
zu einer Dürre geführt hat, die zum Bürgerkrieg beigetragen hat, es aber
nicht angemessen wäre, den Konflikt als Resultat der Erderwärmung zu
bezeichnen. Das Nachbarland Libanon etwa litt unter den gleichen
Ernteausfällen. Allerdings ist es Forschern wie Marshall Burke und Solomon
Hsiang
<https://web.stanford.edu/%7Emburke/papers/Burke%20Hsiang%20Miguel%202015.pdf>
gelungen, einige der nicht unbedingt auf der Hand liegenden Zusammenhänge
zwischen Temperatur und Gewalt zu beziffern: Sie sagen, jede Erwärmung um ein
halbes Grad erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konflikts um 10 bis
20 Prozent.


Der fossile Kapitalismus

Nichts ist einfach in der Klimaforschung, diese Rechnung ist aber besonders
erschütternd: Ein fünf Grad wärmerer Planet würde mindestens noch einmal die
Hälfte mehr Kriege bedeuten wie heute. Insgesamt würden sich die sozialen
Konflikte in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln.

So ziemlich jeder Klimaforscher, mit dem ich gesprochen habe, hat mich darauf
hingewiesen, dies sei einer der Gründe dafür, dass das US-Militär vom
Klimawandel geradezu besessen sei. Der Untergang aller Stützpunkte der
US-Marine durch den Anstieg der Meeresspiegel ist schlimm genug.

Hinzu tritt die Gefahr einer unüberschaubaren Menge an Konflikten. Natürlich
ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem der Klimawandel zur Entstehung eines
Konflikts beigetragen hat. Einige spekulieren, in den vermehrten
Auseinandersetzungen, zu denen es in den vergangenen Jahrzehnten im Nahen Osten
gekommen ist, schlage sich auch der Druck durch die Erderwärmung nieder - diese
Vorstellung wird umso grausamer, wenn man bedenkt, dass die Erderwärmung an
Fahrt aufnahm, als die industrialisierte Welt begann, das Öl der Region zu
fördern und zu verbrennen.

Das zwischen dem Ende des Kalten Kriegs und dem Einsetzen der Großen Rezession
vorherrschende Mantra des Neoliberalismus lautete, Wirtschaftswachstum würde
uns vor allem schützen
.

Doch nach dem Crash von 2008 behaupten immer mehr Historiker, die sich mit dem
sogenannten fossilen Kapitalismus befassen, die gesamte Geschichte des rasanten
wirtschaftlichen Wachstums, das ziemlich plötzlich im 18. Jahrhundert
einsetzte, sei nicht das Ergebnis von Innovationen oder Handel oder der Dynamik
des globalen Kapitalismus, sondern einfach der Entdeckung fossiler Brennstoffe
und deren schierer Macht geschuldet - eine einmalige Injektion neuen Wertes in
ein System, das zuvor weltweit von Subsistenzwirtschaft geprägt war.


Vor den fossilen Brennstoffen lebte niemand besser als seine Eltern oder
Großeltern oder Vorfahren 500 Jahre vorher - eine Ausnahme bildete die Zeit
unmittelbar nach großen Pestepidemien, die den glücklichen Überlebenden
erlaubten, die Ressourcen zu verbrauchen, die es von Massengräbern freigesetzt
wurden. Die Forscher meinen, wenn alle fossilen Brennstoffe verbrannt seien,
würden wir vielleicht zu einer globalen stationären Ökonomie zurückkehren.
Die einmalige Injektion hätte dann allerdings verheerende Langzeitkosten: den
Klimawandel.


Die spannendsten Forschungsergebnisse zur Ökonomie der Erderwärmung stammen
ebenfalls von Solomon Hsiang und seinen Kollegen
<http://web.stanford.edu/%7Emburke/climate/map.php> . Diese sind
zwar keine Historiker des fossilen Kapitalismus, haben aber einige äußert
düstere Analysen zu bieten:

Jedes Grad Celsius Erderwämung kostet durchschnittlich 1,2 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes, sagen sie. Ihre mittlere Schätzung liegt bei einem
weltweiten Einkommensverlust von 23 Prozent pro Kopf gegen Ende des
Jahrhunderts. (Dieser Verlust resultiert aus Veränderungen in der
Landwirtschaft, steigender Kriminalität, Stürmen, Energieknappheit und einer
erhöhten Sterblichkeit.)



Eine ökonomische Schuld?

Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen Zerstörung lässt sich nur schwer
begreifen. Man könnte damit anfangen, dass man sich vorstellt, wie die Welt
heute aussähe, wenn die Wirtschaft nur halb so groß wäre, nur halb so viel
Wert schaffen und nur die Hälfte dessen hervorbringen würde, was sie den
Arbeitern der Welt heute zu bieten hat. Und es lässt die Idee, staatliche
Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen zu streichen und sich ausschließlich
darauf zu verlassen, dass Wachstum und Technik das Problem schon lösen werden,
als absurde Idee erscheinen
. Immerhin kostet jedes Hin- und Rückflug-Ticket
für Flüge von New York nach London die Arktis weitere drei Quadratmeter Eis.

Aber warum können wir es nicht sehen? In seinem jüngst erschienenen Essay The
Great Derangement (Die große Umnachtung)
<https://www.boell.de/de/2016/08/31/das-undenkbare-am-klimawandel-ein-blick-aus-asien-auf-literatur-und-politik>
fragt sich der indische Autor Amitav Ghosh, warum Erderwärmung und
Naturkatastrophen nicht zu den großen Themen der zeitgenössischen Literatur
gehören - warum wir nicht imstande sind, uns die Klimakatastrophe vorzustellen.

Und warum es bislang nicht zu einer Flut von Romanen aus jenem Genre gekommen
ist, das er sich als "Umweltgrusel" vorstellt. "Nehmen Sie zum Beispiel die
Geschichten, die sich um Fragen drehen wie: Wo waren Sie, als die Berliner Mauer
gefallen ist? Oder: Wo waren Sie am 11. September 2001?", schreibt Ghosh. "Wird
es jemals möglich sein, in gleicher Weise zu fragen: Wo waren Sie bei 400 ppm?
Oder: Wo waren Sie, als damals das Larsen-B-Eisschelf auseinanderbrach?"

Wahrscheinlich nicht, lautet Ghoshs Antwort. Denn die Dilemmata und Dramen des
Klimawandels seien schlicht unvereinbar mit der Sorte Geschichten, die wir uns
über uns selbst erzählen - vor allem in Romanen, in denen eher Entwicklungen
eines individuellen Bewusstseins beschrieben werden als der giftige Hauch eines
sozialen Schicksals. Sicher wird diese Blindheit aber nicht von Dauer bleiben -
die Welt, die wir bewohnen werden, wird dies nicht zulassen.

In einer um sechs Grad wärmeren Welt wird das Ökosystem des Planeten dermaßen
überkochen vor Naturkatastrophen, dass wir diese nur noch als "Wetter"
bezeichnen werden: eine permanente Abfolge von unkontrollierbaren Taifunen,
Tornados, Überschwemmungen, Dürren.


Unser Planet wird regelmäßig von Klimaereignissen heimgesucht werden, die vor
nicht allzu langer Zeit ganze Zivilisationen zerstörten. Es wird viel häufiger
Hurrikans geben, die so stark sein werden, dass wir neue Kategorien zu ihrer
Beschreibung erfinden müssen. Länge und Ausmaße von Tornados werden wachsen,
und sie werden viel häufiger auftreten. Auch Hagelkörner werden um ein
Vielfaches größer sein.


Viele Leute stellen sich den Klimawandel als eine Art moralische und
ökonomische Schuld vor, die sich seit dem Anfang der industriellen Revolution
angesammelt hat und nun nach mehreren Jahrhunderten fällig wird - diese
Perspektive ist auf eine Art hilfreich, sind es doch die
Kohlenstoffverbrennungsprozesse, die im England des 18. Jahrhunderts ihren
Anfang nahmen, die die Lunte für alles Spätere gelegt haben.


Innerhalb einer Generation

Sie verstellt aber den Blick auf die Bedeutung der vergangenen Jahrzehnte. Über
die Hälfte des Kohlenstoffs, den die Menschheit in ihrer Geschichte in die
Atmosphäre geblasen hat, wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgestoßen.

85 Prozent des gesamten Kohlenstoffausstoßes durch Menschen geschah in der
Periode nach dem Zweiten Weltkrieg
<https://www.c2es.org/facts-figures/international-emissions/historical>
.

Das bedeutet, dass die Erderwärmung uns binnen einer einzigen Generation an den
Rand der Katastrophe geführt hat.
Die Geschichte der Kamikaze-Mission der
industrialisierten Welt ist die einer einzigen Lebensspanne.

Einige der Männer, die erstmals Veränderungen des Klimas festgestellt haben,
leben heute noch. Einige arbeiten sogar noch. Wally Broecker ist 84 Jahre alt
und fährt jeden Tag von der New Yorker Upper West Side zur Arbeit in das
Lamont-Doherty Earth Observatory auf der anderen Seite des Hudson.

Wie viele derjenigen, die zuerst die Alarmglocken läuteten, ist er der Ansicht,
dass keine Reduzierung der Emissionsmengen allein dazu beitragen kann, die
Katastrophe zu verhindern. Er setzt vielmehr auf Kohlenstoffrückhaltung - dabei
handelt es sich um bislang unerprobte Technologien zum Extrahieren von
Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Die Kosten, schätzt Broecker, würden sich
mindestens auf mehrere Billionen Dollar belaufen.

Außerdem hofft er auf verschiedene Formen des Geoengineering - ein
Sammelbegriff für eine Vielzahl ambitionierter Technologien, die teils so weit
hergeholt sind, dass viele Klimaforscher sie als Science-Fiction-Träume
betrachten.

Broecker konzentriert sich dabei vor allen auf den sogenannten Aerosol-Ansatz.
Dabei würde Schwefeldioxid in die Atmosphäre gegeben, das sich in
Schwefelsäure umwandeln, dann ein Fünftel des Horizonts verschleiern und somit
zwei Prozent der Sonnenstrahlen zurückwerfen würde. Damit würde man dem
Planeten zumindest in Hinblick auf die Hitze ein bisschen Spielraum verschaffen,
meint Broecker.

"Natürlich würde das unsere Sonnenuntergänge sehr rot machen, den Himmel
bleichen und für mehr sauren Regen sorgen", sagt er. "Man muss aber das gesamte
Ausmaß des Problems berücksichtigen. Man kann nicht sagen, das große Problem
soll nicht gelöst werden, weil die Lösung ein paar kleinere Probleme
verursachen würde." Er selbst würde das wohl nicht mehr erleben, sagt er mir:
"Aber Sie ..."

Mehrere der Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, schlugen die
Erderwärmung als Lösung des berühmten Fermi-Paradoxons vor. Dieses stellt die
Frage, warum wir noch keinen anderen intelligenten Lebensformen begegnet sind,
wenn das Universum doch so riesig ist.

Die Antwort lautet, dass die Lebensspanne einer Zivilisation möglicherweise nur
ein paar tausend Jahre betrage, die einer industrialisierten Zivilisation
vielleicht nur ein paar hundert.


In einem Universum, das Milliarden Jahre alt sei und dessen Sternensysteme ebenso
durch Zeit wie durch Raum getrennt sind, könnten Zivilisationen einfach zu
schnell aufkommen, sich entwickeln und verglühen, um einander zu finden.


Peter Ward, ein charismatischer Paläontologe, der zu denjenigen zählte, die
entdeckten, dass die Massensterben auf der Erde von Treibhausgasen verursacht
wurden, nennt dies den "Großen Filter":


"Zivilisationen steigen auf. Ein Umweltfilter sorgt aber dafür, dass sie recht
schnell wieder sterben und verschwinden", erklärte er mir. "Schaut man sich den
Planeten Erde an, stellten in der Vergangenheit die Massenextinktionen diesen
Filterprozess dar."

Das Massenaussterben, das wir momentan durchlebten, habe aber gerade erst
begonnen. Es werde noch zu einem sehr viel größeren Sterben kommen.

Die Wissenschaftler wissen: Nur um die Ziele von Paris im Jahr 2050 zu
erreichen, müssten die gegenwärtig weiterhin steigenden Kohlenstoffemissionen
aus Strom- und Energieerzeugung sowie industrieller Produktion pro Jahrzehnt um
die Hälfte reduziert werden
.

Die Emissionen der Landwirtschaft müssten komplett auf null heruntergefahren
werden, und wir müssten Technologien entwickeln, um jährlich zweimal so viel
Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu ziehen, wie alle Pflanzen des Planeten es
gegenwärtig zusammen tun.


Trotz alldem sind die Wissenschaftler im Großen und Ganzen sehr zuversichtlich,
was den Einfallsreichtum der Menschen betrifft - vielleicht nicht zuletzt aus
ihrem Verständnis des Klimawandels heraus, der schließlich auch eine Erfindung
der Menschen ist.

Wenn wir erst erkennen würden, welche Welt wir geschaffen hätten, würden wir
auch einen Weg finden, sie weiterhin bewohnbar zu halten, glauben sie. Etwas
anderes können sie sich schlicht und einfach nicht vorstellen.


Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt - Dieser Artikel erschien in Ausgabe
29/2017 vom 20.07.2017


Quelle:
https://www.freitag.de/autoren/der-freit...chlaegt-zurueck
<https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-planet-schlaegt-zurueck>

Anmerkung

Kein Klimawandel, Ähh? Grüß Gott, Herr Trump


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 10.09.2017 10:40 | nach oben springen

#2

RE: Der Planet schlägt zurück - Die 'nicht diskutierten' Teile des Klimawandels

in Aus der Welt der Wissenschaft 12.09.2017 09:15
von BeKo | 18 Beiträge

Lebenslauf eines PLANETEN

IRGENDWANN … zu Anbeginn aller Zeit nach der großen Explosion in der Leere war ich Sternenstaub.
IRGENDWANN … vor langer Zeit verwandelte ich mich mit anderen zu einem System.
IRGENDWANN … entstand da auf mir etwas NEUES. Es teilte sich, vermehrte sich, veränderte sich … SELTSAM.
IRGENDWANN … beginne ich unter den Mängeln dieser Entfaltung zu leiden.
IRGENDWANN … ich lerne dazu, ich lerne, mich zu wehren, die Fehlentwicklung mit ihren eigenen FEHLERN zu bekämpfen.
IRGENDWANN … ich habe ZEIT, viel ZEIT.
IRGENDWANN … ich bin wieder der BLAUE.
IRGENDWANN …

Bernd Kohler

zuletzt bearbeitet 12.09.2017 09:18 | nach oben springen

#3

Folgen der Kraftwerk-Stilllegungen in Rhein-Erft

in Aus der Welt der Wissenschaft 14.09.2017 14:44
von franzpeter | 9.156 Beiträge

"Sicherheitsbereitschaft" - eine 1,6 Milliarden Euro Mogelpackung


Die Kapazitätsreserve ist eine Art Abwrackprämie für alte
Braunkohlekraftwerke, die aber netztechnisch begründet wird, um ihrer
Finanzierung über die Netzkosten auf die Stromverbraucher abwälzen zu können.


"Für die Kapazitätsreserve
<http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/150701d2.htm>
<http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/150701d2.htm>
besteht kein wirklicher Bedarf, zumal sie im Bedarfsfall die
Wiederinbetriebnahme eines Braunkohle-Blocks würde elf Tage dauern und insofern
nur mit großer Verzögerung zu aktivieren wäre.


Die von Gabriel beauftragten Gutachter rieten ebenfalls ab. Solche
"Kapazitätsmechanismen", wie sie die Kraftwerksbetreiber und deren Lobby
fordern, seien zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit nicht notwendig,
würden aber die Kosten der Stromversorgung erheblich erhöhen. Außerdem wären
sie mit einem großen Regulierungsaufwand und erheblichen regulatorischen
Risiken verbunden.


Ursprünglich hatte Bundeswirtschaftsminister Gabriel die Einführung einer
"Klimaabgabe" geplant, welche die Kraftwerksbetreiber zur Stillegung der
emissionsträchtigsten Anlagen genötigt hätte. Damit konnte er sich aber nicht
durchsetzen (siehe hier

<http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/150701d2.htm> ).

Die Gesamtkosten der Kapazitätsreserve aus Braunkohle-Kraftwerken veranschlagt
die Bundesregierung mit rund 230 Millionen Euro pro Jahr. Bei der vorgesehenen
Laufzeit von sieben Jahren wären das insgesamt 1,6 Milliarden Euro. "


Quelle: http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/151103.htm
<http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/151103.htm>

FS


Dazu:

der Freitag 12.09.2017

Klima-Serie

Wie der Kohleausstieg vereitelt wurde


Die Bundesregierung kann ihr Klimaziel für 2020 kaum mehr erreichen. Einen
gewichtigen Anteil daran hat die Lobbymacht der Kohleenergie


Deutschland ist und bleibt ein Kohleland - Foto: John Macdougall/AFP/Getty
Images

Gabriel ist bei seinem Auftritt vor dem BDEW ein mächtiger Mann. Er ist
SPD-Chef, Vizekanzler, Superminister für Wirtschaft und Energie. Hinter
Kanzlerin Angela Merkel vom großen Koalitionspartner CDU ist er in der
Regierung die Nummer zwei.

Mit Merkel hat er die Klimaabgabe abgesprochen und sich vorab Rückendeckung
geholt. Trotzdem gelang es einer Koalition aus Parteien, Energieriesen,
Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften,
den Status-Quo zu erhalten.

Als die Pläne im März 2015 publik werden, schalten die Energiekonzerne aus
Nordrhein-Westfalen sofort auf Gegenangriff. Der damalige RWE-Chef Peter Terium
ruft Hannelore Kraft (SPD) an, damals Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin.
Der Konzern hat bislang die Energiewende ignoriert. Die Braunkohle in alten,
abgeschriebenen Meilern zu verstromen, ist nach wie vor ein Riesengeschäft. Das
soll noch so lange wie möglich Gewinne abwerfen. Viele, oftmals SPD-regierte
Städte in dem Bundesland, halten große Aktienpakete von RWE, schon allein
deshalb hat Kraft ein offenes Ohr für Terium
.


Terium schaltet auch Michael Vassiliadis ein, den mächtigen Boss der Bergbau-
und Energiegewerkschaft IG BCE. Vassiliadis ist einer der glühendsten
Kohle-Verfechter der Republik. Er spricht von einer "Brückentechnologie", die
noch für viele Jahre "unverzichtbar" sei. Mit dem SPD-Mitglied Vassiliadis
haben die Energiekonzerne einen besonders schlagkräftigen Verbündeten. Seine
Gewerkschaft beauftragt die US-Investmentbank Lazard, einen Branchenriesen, der
sonst auf Fusionen spezialisiert ist, mit einem Gutachten. Das Ergebnis hört
sich bei Vassiliadis so an: "Mit der Klimaabgabe wären die Unternehmen weg."


Nun zeigt sich auch, dass die Rückendeckung der Kanzlerin keineswegs so klar und
sicher war, wie es zunächst erschien. Beim "Petersberger Klimadialog" mit
internationalen Partnern Mitte Mai 2015 in Berlin fordert Merkel zwar eine
Weltwirtschaft ohne klimaschädliche Gase. Bei Gabriels Klimaabgabe aber laviert
sie herum. „Es gibt Gründe, die für den Vorschlag sprechen, sagt sie. Doch
erstmal müsse „genau gerechnet werden.
Damit ist der Plan de facto tot.

Jetzt kann es nur noch darum gehen, einen Alternativvorschlag zu entwickeln, der
niemandem weh tut. Das tut Gabriel Anfang Juni 2015 - gemeinsam mit Vassiliadis
und Kanzleramtschef Peter Altmaier von der CDU. Mit dabei ist auch
SPD-Wirtschaftsminister Garrelt Duin aus Nordrhein-Westfalen.


Heraus kommt die "Kohle-Reserve". Sie ist quasi das Gegenteil der ursprünglichen
Idee. Die Konzerne werden dafür entlohnt, dass sie sechs große
Braunkohle-Blöcke für vier Jahre "bereithalten", um sie danach abzuschalten.


Experten warnen indes, dass die Kohle-Reserve nicht die erhofften Einsparungen
bringen wird. Viele Anlagen, die nun zur Reserve veredelt werden, wären ohnehin
in den nächsten Jahren aus Altersgründen abgeschaltet worden. Zudem kostet das
Vorhalten die Steuerzahler eine Milliarde Euro. Zu viel für zu wenig
.


Trotzdem wird die Kohle-Reserve beschlossen, und zwar unter dem schönen Namen
"Sicherheitsbereitschaft". Das Wort "Kohle" ist damit gleich mit entsorgt. Doch
Deutschland, das sich für seine Energiewende rühmt, bleibt weiter ein
Kohleland
.



Mehr:
https://www.freitag.de/autoren/klimarett...campaign=buffer
<https://www.freitag.de/autoren/klimaretterinfo/wie-der-kohleausstieg-vereitelt-wurde?utm_content=bufferbedfe&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer>



KStA/KR 13.09.2017

RWE gibt Ausblick

Das sind die Folgen der Kraftwerk-Stilllegungen in Rhein-Erft

Von Manfred Funken

Als erste von fünf Kraftwerksblöcken gehen die beiden in Frimmersdorf
verbliebenen in die Sicherheitsbereitschaft. Foto: Kurth

Rhein-Erft-Kreis - Das Kraftwerk Frimmersdorf geht Ende September in den
Ruhestand oder, wie es nach der Vereinbarung der Bundesregierung mit den
Kraftwerksbetreibern

<https://www.gesetze-im-internet.de/enwg_2005/__13e.html>
<https://www.gesetze-im-internet.de/enwg_2005/__13e.html> im
Gesetz heißt, in die Sicherheitsbereitschaft.

Zwei Blöcke in Niederaußem und einer in Neurath werden 2018 und 2019 folgen
und nur noch im Ausnahmefall wieder ans Netz gehen.
Mit der Stilllegung der
Kraftwerksblöcke und weiteren Effizienzsteigerungsmaßnahmen geht der Abbau von
rund 1500 Arbeitsplätzen im Revier einher.

Auf Schloss Paffendorf zogen RWE-Power-Vorstandsvorsitzender Matthias Hartung und
sein Vorstandskollege Lars Kulik gestern Bilanz und gaben vor allem einen
Ausblick auf die Vorhaben im Revier bis 2020.

Die verbliebenen Kraftwerksblöcke P und Q mit einer Leistung von je 300 Megawatt
in Frimmersdorf müssen nun so lange konserviert werden, dass sie im Bedarfsfall
bis Ende 2021 mit einer Vorlaufzeit von zehn Tagen wieder hochgefahren werden
können.
"Das wird in seltenen Ausnahmen der Fall sein", sagte Kulik. Als
Kraftwerksbetreiber habe RWE Power keinen Einfluss darauf, die Entscheidung über
eine solche Anforderung liege allein bei den Netzbetreibern. Ende 2021 wird das
älteste Kraftwerk im Revier dann endgültig stillgelegt und zurückgebaut
werden.

Ähnlich ergeht es in Niederaußem zwei 300-MW-Blöcken und einem ebenso
leistungsstarken Block in Neurath, die 2018 beziehungsweise 2019 für vier Jahre
in die Sicherheitsbereitschaft gehen und dann endgültig vom Netz genommen
werden.


Der Abbau der Arbeitsplätze soll sozialverträglich erfolgen

Durch diese Maßnahmen werde sich der CO2 -Ausstoß im Revier um 15 Prozent
reduzieren, sagte Hartung. "Bis 2030, wenn der Tagebau Inden ausläuft und das
Kraftwerk Weisweiler abgeschaltet wird, reduziert sich der CO2 -Ausstoß um 40
bis 50 Prozent." Damit unterstütze das Unternehmen die Klimaziele der Bundes-
und der Landesregierung und erreiche im Gegensatz zu anderen Branchen, dem
Straßenverkehr und den privaten Haushalten, eine entscheidende Verbesserung,
betonte Hartung
"Dieser Beitrag wird von den Demonstranten, die hier im Rahmen
des Klimacamps aufgetreten sind, völlig ignoriert."

Rund 1500 Arbeitsplätze werden durch Effizienzsteigerungsprogramme und die
Abschaltung der Kraftwerksblöcke im rheinischen Revier verloren gehen. Das soll
sozialverträglich erfolgen, betriebsbedingte Kündigungen gebe es nicht,

versprach Kulik. Gleichzeitig muss das Unternehmen aufgrund des hohen
Altersdurchschnitts der Belegschaft für qualifizierten Nachwuchs sorgen.
Deshalb werden in den kommenden Jahren jeweils 35 Ausbildungsplätze zusätzlich
angeboten und bis 2019 insgesamt 360 Absolventen unbefristet eingestellt. 8000
Arbeitsplätze böten die Kraftwerke und Tagebaue noch. Mittelbar hingen im
Revier weitere 16 000 Arbeitsplätze von der Braunkohle ab.

Matthias Hartung skizzierte in dem Pressegespräch die künftige Struktur des
Unternehmens. Hatten die RWE Töchter Generation und RWE Power bisher einen
gemeinsamen Vorstand, so werden sie künftig als eigenständige Töchter der RWE
AG mit eigenen Vorständen agieren.


Generation ist zuständig für Steinkohle- und Gaskraftwerke sowie für die
internationalen Kraftwerksstandorte. Atomkraft und Braunkohleverstromung sind das
Geschäft von RWE Power.
Die Aufgaben stünden künftig unter dem Leitsatz
"Zukunft sicher Machen", erklärte Matthias Hartung. "Mehr und mehr entwickeln
wir uns vom Produzenten von Kilowattstunden hin zum Anbieter von
Versorgungssicherheit." Dazu sei es notwendig, die Flexibilität der
Braunkohlenkraftwerke weiter zu erhöhen und sie kommerziell zu optimieren.


Die Regulierung der Folgekosten der Braunkohle sei sichergestellt, versprach
Hartung auf Nachfrage. Die gesamte RWE AG stehe mit ihrem gesamten Vermögen
dafür, dass Bergschäden beglichen und die Rekultivierung wie geplant
ausgeführt werde.
"Wir bleiben ein verlässlicher Partner der Region", sagte
Hartung. Das zeige sich auch im Engagement von RWE in der Innovationsregion
Rheinisches Revier (IRR), zum Beispiel der weiteren Entwicklung des
Gewerbegebiets Terra Nova.

Weitere Investitionen hingen nach wie vor von der Wirtschaftlichkeit ab. Zurzeit
sei der Markt vom Preisverfall geprägt. Habe man 2106 noch 35 Euro je
Megawattstunde Strom erzielen können, bewege sich der Strompreis aktuell bei
etwa 31 Euro und drohe, im nächsten Jahr auf 27 Euro pro Megawattstunde zu
sinken. An der Planung von BoAplus halte man nach wie vor fest, sehe aber
zurzeit keine wirtschaftliche Basis für das Projekt.

Am Standort Niederaußem soll weiter die stoffliche Nutzung der Braunkohle
erforscht werden. Am Innovationszentrum Kohle wird unter dem Namen "Fabienne"
bis zum Jahr 2021 die Wandlung von Braunkohle in Synthesegas erprobt. Bis 2023
unterstützen das Land NRW und RWE Power eine Stiftungsprofessur an der
Ruhr-Universität Bochum, die das Projekt wissenschaftlich begleiten soll. Die
Professur werde nun zeitnah vergeben, stellte Lars Kulik in Aussicht.



Quelle:

http://www.ksta.de/28407716
<http://www.ksta.de/28407716>

http://www.rundschau-online.de/region/rh...n-erft-28407716
<http://www.rundschau-online.de/region/rhein-erft/rwe-gibt-ausblick-das-sind-die-folgen-der-kraftwerk-stilllegungen-in-rhein-erft-28407716>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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