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La Mafia in Germania

in Aus der Welt der Wissenschaft 11.10.2017 08:26
von franzpeter | 9.011 Beiträge

telepolis 10. Oktober 2017

La Mafia in Germania

Arno Kleinebeckel

Hohenzollernbrücke Köln - Bild: Thomas Wolf/CC BY-SA-3.0

Eines ist hier wieder einmal klar geworden: Köln ist nicht nur Römerstadt,
Rheinmetropole und beliebtes Touristenziel, sondern auch Tummelplatz für Gauner
mit ganz besonderen Verbindungen. Die Rede ist vom "Rinzivillo"-Clan der
berühmt-berüchtigten sizilianischen Cosa Nostra. Nach jetzt in Köln gefassten
mutmaßlichen Mafiosi hatten die italienischen Behörden mit europäischen
Haftbefehlen gefahndet, so eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft.

Zwei Verdächtige wurden vergangene Woche in der Domstadt festgenommen[1], 35
weitere etwa zeitgleich in mehreren Regionen Italiens.

Bei der Razzia in Kölner Stadtteilen und in Leverkusen gelang der Polizei damit
ein koordinierter Schlag gegen die Mafia. Unter den Festgenommenen sollen sich
auch ein Anwalt und zwei Polizisten befinden. An den Aktionen "Druso" und "Extra
Fines" waren 600 Beamte der Finanzpolizei und der Carabineri in Rom, des
sizilianischen Caltanissetta sowie der Kölner Kriminalpolizei beteiligt. Güter
und Immobilien im Wert von mehr als elf Millionen Euro konnten sichergestellt
werden.


Hochburgen in NRW

Die Angelegenheit wirft zugleich ein Licht auf die mafiöse Schattenwirtschaft,
die sich längst hierzulande und in spezieller Weise im Bundesland NRW
eingenistet hat: Der Arm der sizilianischen Cosa Nostra reicht seit Jahrzehnten
in die Metropolen an Rhein und Ruhr. Sie hält ihre Hochburgen in Köln, in
Leverkusen, Solingen und Dortmund. Operiert wird auf den klassischen
Geschäftsfeldern Drogen- und Waffenhandel, im großen Stil im Baugewerbe.


Für die Geldwäsche fetter Summen bietet Deutschland beste gesetzliche
Voraussetzungen, Germania gilt hier als besonders einladend.


Der eingangs erwähnte "Rinzivillo-Clan" arbeitet eng mit der Mafia von Corleone
zusammen und setzt mit Erpressungen Millionen um
. Die Professionalität macht
den Beamten der Abteilung "Organisierte Kriminalität" der Kölner Kripo zu
schaffen: Die Mafiosi operieren clever landesweit mittels Gebietsaufteilungen.
Bevorzugt das Rheinland dient jedoch als Aktionsraum und Rückzugsort für
Statthalter und Fußvolk, dabei sind die Aktivitäten streng hierarchisch
gegliedert.


Nebelkerzen, dicke Autos, saubere Hierarchien

Vor allem das Aktionsfeld der Baumafia gilt als perfekt organisiert und sauber
aufgeteilt. Auf dem Bausektor mischen Mafiosi quasi ungehindert mit.

Die Strukturen "im Schatten" verbergen sich hinter Nebelkerzen, sprich hinter
Scheinfirmen. Die arbeiten mit fingierten Rechnungen, Dienstleistungen, die nur
auf dem Papier erbracht werden. Und Deutschland gilt dabei zugleich als bequemer
Rückzugsort: Hier kann die Mafia beinahe ungestört agieren, das geben selbst
italienische Behörden unumwunden zu. Ganz gezielt suchten die sizilianischen
Paten nach Expansionsräumen in Deutschland
.

Die Geschäfte laufen über Strohleute, diese generieren das Schwarzgeld für die
Hinterleute. So entsteht ein Netzwerk, das die kriminellen Geschäfte clever
abwickelt. Die Macher bleiben im Hintergrund, schicken andere vor, die im Fall
des Falles den Kopf hinhalten.

Dicke Autos, BMW X1 oder Lamborghinis schmücken die Arbeit der wichtigeren
Akteure, auch deren beinah tägliche Konferenzen sind für die Ermittler vom
Prinzip her kein Geheimnis. Die Strukturen folgen dem Familienprinzip und dem
Territorialprinzip, danach werden die Räume für Straftaten untereinander
aufgeteilt.


Besonders schäbiges Geschäftsmodell: Flüchtlinge als "Rohstoff"

In Süditalien landen seit mehr als zehn Jahren zigtausende Flüchtlinge an.
Hieraus ist ein besonders schäbiges Geschäftsmodell entstanden:

Die Mafiabosse witterten schnelles Geld. Petra Reski, die als Romanautorin in der
Szene recherchiert hat, stellt[2] fest, "dass die Clans in Sizilien schon 2007
leerstehende Fabrikgebäude oder Kasernen aufgekauft haben, um dort
Flüchtlingszentren einzurichten. (…) Die Mafia betrachtet die Flüchtlinge als
Rohstoff, den es auszubeuten gilt."


Flüchtlinge werden in Schwarzarbeit oder in die Prostitution vermittelt, oder
man verdient an ihnen, indem das Geld kassiert wird, das eigentlich ihnen
zusteht. Das Abzweigen öffentlicher Gelder nennt Reski "eine Spezialität" der
Mafia. In den Aufnahmezentren herrschten zum Teil unfassbare Zustände;
insbesondere Geistliche spielten häufig eine zweifelhafte Rolle.


Zurück zum Bundesland NRW mit seinen "Hochburgen". Der Leiter der Abteilung
für organisierte Kriminalität beim nordrhein-westfälischen LKA, Thomas
Jungbluth (61), verweist auf die hervorragende Infrastruktur und die große
italienische Community, die NRW vor anderen Bundesländern auszeichnen.

Jungbluths Behörde geht davon aus, dass rund 100 Personen in NRW einer
italienischen Mafia-Organisation angehören oder Bezüge dazu unterhalten. Knapp
zwei Drittel etwa würden der 'Ndrangheta angehören, ein Drittel der Cosa
Nostra. Die 'Ndrangheta sei vornehmlich am Niederrhein und im westlichen
Ruhrgebiet vertreten, die Cosa Nostra eher im Raum Köln Bereich und die Camorra
im östlichen Ruhrgebiet.



Autos auf Bestellung

Als lukrativer Markt gelten schließlich auch Autos. Hier sind es vor allem die
Favoriten unter den Oldtimern, die das kriminelle Interesse auf sich ziehen. Im
Kölner Stadtteil Sürth verschwand so im September ein 1966er Ford Mustang, eine
Woche später erwischte[3] es in Köln-Junkersdorf einen roten Ferrari, Baujahr
1978, und das, "obwohl der Besitzer des 100.000-Euro-Wagens ihn mit einer
Radklaue, einem Stromkreisunterbrecher und einem Lenkradschloss in Form einer
abschließbaren Stange gesichert hatte".


Auch Chevrolet Camaro oder der 911er Porsche sind bevorzugte Zielobjekte im
Visier der kriminellen Banden. Im Kölner Kriminalkommissariat 73, zuständig
für Autodiebstähle, kennt man auch Einzelheiten der kriminellen Logistik:
"Oldtimer, deren Wert zwischen 40.000 und 150.000 Euro liegt, gehen nahezu
ausschließlich in die Niederlande."


Ganz Deutschland werde auf die Weise unterwandert, unken inzwischen nicht nur
Insider, und es scheint viel Wahres dran zu sein. In Köln erzählte ein
Polizeibeamter, gebe es kein italienisches Restaurant, das nicht Schutzgeld
bezahle. Und in ganz Deutschland existiert wohl kaum eine Großbaustelle, auf
der die Mafia nicht mitmischt.


Wirklich stoppen lässt sich die kriminelle Schattenwirtschaft offenbar nicht:

Die deutschen Gesetze, so räsonieren italienische Staatsanwälte wie der
leitende Oberstaatsanwalt in Palermo, Roberto Scarpatino, reichten nicht aus, um
den Machenschaften wirklich und nachhaltig beizukommen. So bleibt Deutschland
ein idealer Nährboden für die La Mafia in Germania
.

Kritiker wie Scarpatino gebrauchen gar das schwärmerische Wort
"Schlaraffenland", um zu zeigen, wie einfach Deutschland es den Akteuren und
ihren Hintermännern macht.


Quelle: http://www.heise.de/-3853719
<http://www.heise.de/-3853719>


Links in diesem Artikel:

[1]
http://www.ksta.de/koeln/razzien-in-suer...ugsort-28531946
<http://www.ksta.de/koeln/razzien-in-suerth-und-porz-italienische-mafia-nutzt-koeln-als-rueckzugsort-28531946>


[2]
http://www.rp-online.de/nrw/panorama/pet...v-aid-1.6966313
<http://www.rp-online.de/nrw/panorama/petra-reski-die-mafia-ist-in-nrw-unveraendert-aktiv-aid-1.6966313>


[3]
http://www.rp-online.de/nrw/staedte/koel...a-aid-1.7124230
<http://www.rp-online.de/nrw/staedte/koeln/oldtimer-diebstaehle-in-nrw-so-arbeitet-die-mafia-aid-1.7124230>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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