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Opioid-Krise in den USA - Ein Land unter Drogen

in Aus der Welt der Wissenschaft 27.10.2017 15:47
von franzpeter | 9.156 Beiträge

26. Oktober 2017, 16:01 Uhr
Opioid-Krise in den USA
Ein Land unter Drogen



Millionen Amerikaner der Mittelklasse sind süchtig nach Schmerzmitteln oder Heroin. Während der Präsident den Notstand ausrufen will, ringt das Land um Erklärungen: Wie konnte es zu dieser weltweit einmaligen Entgleisung kommen? Eine Rekonstruktion.

Von Berit Uhlmann
In manchen Kliniken der USA stehen jetzt Freiwillige an den Babykörbchen. Sie streicheln die geplagten kleinen Körper, sie versuchen, die Winzlinge zu beruhigen, die, eben erst abgenabelt, im Entzug wimmern. Die Säuglinge sind die jüngsten Opfer der US-amerikanischen Suchtkrise, die schon viele unglaubliche Auswüchse hatte: Mütter, die auch in der Schwangerschaft nicht von Tabletten lassen können. Rentner, die in der Vorstadt an einer Überdosis Schmerzmittel sterben. Familienväter, die ihren Angehörigen gestehen müssen, dass Medikamente sie in die Heroinsucht getrieben haben. Amerika ertrinkt in Opioiden. Das sind jene Abkömmlinge des Morphiums, zu denen Heroin, aber auch Schmerzmittel wie Tramadol, Fentanyl oder Methadon gehören. In den meisten Ländern werden diese Medikamente streng kontrolliert eingesetzt. Sie helfen beispielsweise frisch Operierten gegen den Wundschmerz der ersten Tage oder ermöglichen Schwerstkranken letzte Lebenswochen ohne verzehrende Pein.
In den USA hingegen wurden allein 2015 so viele Opioide verschrieben, dass rechnerisch jeder Einwohner drei Wochen lang rund um die Uhr hätte versorgt werden können. Aus dieser Schwemme resultieren Missbrauch, Abhängigkeit und Überdosen in so hoher Zahl, dass sie sich mittlerweile in der durchschnittlichen Lebenserwartung der Amerikaner niederschlagen. Binnen drei Wochen sterben in den USA so viele Menschen an einer Drogen-Überdosis wie beim Anschlag am 11. September 2001. Zwei Drittel dieser Tode gehen auf Opioide zurück. Mit diesem drastischen Vergleich drängte ein von der US-Regierung eingesetztes Gremium Donald Trump, den Gesundheitsnotstand auszurufen.
Es wird erwartet, dass der Präsident der Empfehlung am Donnerstag offiziell folgt. Und während Amerika versucht, diesem Albtraum irgendwie Herr zu werden, ringt es um Verständnis: Wie nur konnte es zu dieser weltweit einzigartigen Entgleisung kommen?

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Wer weit ausholt, beginnt seine Erklärung des Phänomens am Ende des 19. Jahrhunderts. Damals griffen Mütter bei Beschwerden in ihren Familien zu Opium-Tinkturen, die ihnen als Allheilmittel galten. Ärzte begeisterten sich für die neueste Erfindung ihrer Branche. Sie hatten nun Spritzen zur Hand, mit denen sie Leidenden rasch Morphium geben konnten. Ein Patient, der binnen Minuten vom Schmerz befreit wird, ist ein dankbarer, ein glücklicher Patient. Es gab viel von diesem Glück in den Arztpraxen. Bald aber zeigte es seine Kehrseite. Die Menschen brauchten die Medikamente ständig und in immer höheren Dosen. Die Opioid-Krise Nummer eins war da und die Reaktion - im Vorfeld der Alkohol-Prohibition - rigoros. Strenge Gesetze schränkten den Einsatz der Schmerzlöser für sehr lange Zeit drastisch ein.

Ein knapper Leserbrief diente Pharmafirmen als Beleg, um das Suchtpotenzial kleinzureden
Dann kam jener Tag im Jahr 1980, als der Arzt Hershel Jick wieder einmal in den Akten des Boston Medical Centers stöberte. Er hatte die Idee nachzusehen, wie es den Patienten ergangen ist, die während ihres Klinikaufenthaltes ein Opioid erhalten hatten. Bei lediglich vier von 12 000 Patienten entdeckte Jick einen Vermerk über eine spätere Abhängigkeit. Diesen Fund schrieb er in einem Brief an das New England Journal of Medicine, das ihn ganz hinten im Heft zwischen zwölf anderen längst vergessenen Briefen abdruckte. Was genau in Jicks Akten stand, wie vollständig sie waren, wie groß die Chance war, eine Sucht in diesen Dokumenten überhaupt zu erkennen, blieb unklar. Jicks Brief umfasste ganze fünf Sätze.



Es ist bis heute ein Rätsel, wie sich diese dürre Zusammenstellung von zwei Zahlen aus der Leserbriefsektion derart verbreiten konnte. Fakt ist, dass sie in den kommenden Jahren in mehr als 600 Fachaufsätzen zitiert wurde. In 70 Prozent dieser Arbeiten wurde Jicks Befund als Beweis für die Unbedenklichkeit der Opioide aufgeführt. In den allermeisten Fällen schafften es Wissenschaftler, selbst diesen kurzen Artikel noch zu verkürzen. Es fehlte plötzlich der Hinweis, dass die Daten von Klinikpatienten stammten, welche die Opioide wahrscheinlich nur für wenige Tage eingenommen und ihre Suchtgefahr damit minimiert hatten. "Wir glauben, dass diese Zitate zu der nordamerikanischen Opioid-Krise beigetragen haben", schlussfolgern kanadische Forscher, die die Geschichte dieses Briefes untersucht haben.
Es folgten einige weitere Studien mit ähnlich geringer Aussagekraft. Sie ließen die Stimmung umschlagen - und waren ein Fest für die New Yorker Firma Purdue Pharma. Das Unternehmen der Sackler-Familie, nach der etliche wissenschaftliche und kulturelle Einrichtungen benannt sind, entwickelte gerade ein Opioid auf der Basis des Wirkstoffs Oxycodon, das 1996 unter dem Namen Oxycontin auf den Markt kam. Wie fast alle seiner Verwandten wurde auch Oxycontin als Droge der Klasse II eingestuft und hat damit per Definition ein hohes Potenzial für Missbrauch und Abhängigkeit. Dennoch positionierte Purdue seine bunten Tabletten von Anfang an als Mittel auch für moderate Beschwerden. "Ideal für eine große Bandbreite von Schmerzen", wurden sie in einer Pressemitteilung zur Markteinführung vorgestellt. Darin hieß es auch: "Die Angst vor Abhängigkeit ist übertrieben."
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"$$$$$$$$$$$$$ It's Bonus Time"
Parallel dazu startete die Firma einen Marketingfeldzug, der die Aktivitäten anderer Opioid-Hersteller um Längen übertraf. In den Postfächern der etwa 1000 Vertreter der Firma klingelten Mails mit Überschriften wie dieser: "$$$$$$$$$$$$$ It's Bonus Time in the Neighborhood!" Das war kaum übertrieben, denn die Pharmareferenten konnten Boni in Höhe von 240 000 Dollar jährlich erhalten. Dazu verteilten sie ihren Werbe-Nippes ebenso selbstverständlich in den Arztpraxen wie Oxycontin-Starter-Coupons. Insgesamt 34 000 solcher Gutschriften wurden auf den Markt geworfen. Wer sie erhielt, konnte mindestens eine Woche lang kostenlos das starke Medikament einnehmen.
Zugleich finanzierte das Unternehmen mehr als 20 000 Ärztefortbildungen, sponserte etliche Fachgesellschaften, Patientenvereinigungen und Tagungen, schaltete Werbung auf allen möglichen Kanälen. Der Plan ging auf: Oxycontin wurde für eine größere Anzahl von Beschwerden eingesetzt als vergleichbare Mittel. Fünf Jahre nach Markteinführung war es das am häufigsten verkaufte Opioid und rangierte auf Platz 15 in der Verkaufsstatistik sämtlicher Markenmedikamente.
Das alles kann man im einem Untersuchungsbericht des US-Kongresses nachlesen. Darin heißt es: Der signifikante Anstieg in der Verfügbarkeit von Oxycontin könnte zu dessen Missbrauch beigetragen haben. Mehrfach wurde das Unternehmen wegen seiner aggressiven und irreführenden Verkaufstaktik verklagt. 2007 musste es mit mehr als 600 Millionen Dollar eine der höchsten Strafen zahlen, die in der Branche je verhängt wurden.

Tod aus dem Pflaster
Die Drogenszene hat eine ungewöhnlich gefährliche Praxis entwickelt: Süchtige kochen Schmerzpflaster aus und spritzen sich den Sud. Weil das Opioid zu leichtfertig verschrieben wird, nimmt der Missbrauch zu. Von Berit Uhlmann mehr ...
In den Jahren davor jedoch reagierten viele US-Mediziner ähnlich aufgeschlossen auf Oxycontin und andere Opioide wie die Ärzte, die einst ihre neuen Spritzen ausprobierten. War die Opioid-Krise Nummer eins schon vergessen? Ach was, Schmerzmediziner erzählten nun die Geschichte vom endlich korrigierten Irrtum aus der Prohibitions-Ära. Die bisherige Vorsicht wurde jetzt als "Opiophobie" belächelt, der zurückhaltende Einsatz bedeutete plötzlich eine Unterversorgung. Skepsis wurde als mangelnde Empathie mit den unnötig leidenden Patienten gedeutet. Die ganze Branche berauschte sich daran, den Schmerz besiegen zu können. Der uralte Feind rückte damit erst recht in die Öffentlichkeit. Schmerz wurde nun als "fünftes Vitalzeichen" definiert. Die objektiv nicht messbare Empfindung mussten Ärzte nun mit ebensolcher Dringlichkeit prüfen wie Herzschlag, Atmung, Blutdruck und Körpertemperatur. Schmerz war auch in den Fragebögen, in denen Patienten Kliniken bewerteten, ein zentraler Punkt. Das alles forcierte den Einsatz der Opioide.


Der Einstieg in die Heroinsucht begann für Hunderttausende mit legalen Schmerzmitteln

Spätestens Anfang des 21. Jahrhunderts lief die Situation aus dem Ruder. Wie schon bei der ersten Krise kam ein Teil der Patienten von den Medikamenten nicht mehr los. Konnten sie sich die Arztbesuche nicht mehr leisten oder zögerten Mediziner irgendwann doch mit weiteren Verordnungen, besorgten sich viele Patienten die Pillen auf dem Schwarzmarkt - oder wechselten gleich zu Heroin. Drogengangs etablierten einen Lieferservice für genau diese Klienten. Der Journalist Sam Quinones beschreibt in seinem Buch "Dreamland", wie diese Dienstleistung funktioniert: Der Kunde ruft bei der Hotline an, dann kommt ein Kurier zu einem properen Vorstadt-Parkplatz und spuckt ein Drogenpäckchen aus. Spucken ist hier wörtlich zu verstehen, denn die Händler verbergen den in Luftballons verpackten Stoff in ihrem Mund.
Geschätzt eine Million US-Amerikaner konsumieren heute Heroin. Bei 80 Prozent von ihnen begann die Sucht mit legal oder illegal erworbenen Schmerzmitteln. Mittlerweile sind viele Ärzte vorsichtiger mit den Verordnungen geworden, doch ein Ende der Epidemie ist noch nicht in Sicht.
Und es bleibt die Frage, ob all das nur ein fürchterlicher Irrlauf der Amerikaner war, oder ob diese Entwicklung auch anderen Ländern droht. Keith Humphreys, Psychiater an der Stanford University sagt: "Die USA waren ein idealer Nährboden für explodierende Opioid-Verschreibungen." Die Pharmabranche ist dort laxer reguliert als in vielen anderen Ländern. In der US-Medizin herrscht eine Konsumkultur, in der Ärzte versuchen, selbst unrealistische Erwartungen zu erfüllen - das Versprechen völliger Schmerzfreiheit. Das Gesundheitssystem begünstigt Medikamentenverordnungen mehr als andere Therapien.
Dennoch warnt der Experte in einem Kommentar im Fachblatt Lancet vor einer Globalisierung der Opioid-Epidemie. Denn Purdue Pharma mag in den USA in Misskredit geraten sein, seine Besitzer aber haben längst ein Geflecht neuer Firmen gegründet, die weltweit Opioide vertreiben. "Sie haben einfach weitergemacht", mahnten Mitglieder des US-Kongresses vor Kurzem die Weltgesundheitsorganisation WHO. Purdues Eigentümer sind jetzt vor allem in Staaten wie Brasilien, China oder Mexiko aktiv. Dabei nutzen sie - so die Abgeordneten - "die gleichen Taktiken, die die Opioid-Epidemie in den USA nährten - nur diesmal in Ländern, die noch weniger Ressourcen haben, die Folgen zu bewältigen".

Droht auch in Deutschland eine Opioid-Krise?
Es besteht kaum Zweifel, dass der Medikamentenhersteller Purdue Pharma eine Mitverantwortung für die Opioid-Krise der USA trägt. Seine Eigentümer betreiben auch in Deutschland einen Ableger. Mundipharma heißt die Firma, die hierzulande ebenfalls einigen Aktionismus entfaltete. Sie initiierte und finanzierte die Projekte "Schmerzfreies Krankenhaus" und die "Schmerzfreie Stadt Münster", in der sich medizinische Einrichtungen schulen und zertifizieren lassen konnten. Letztlich aber zündeten diese Initiativen in Deutschland nicht wirklich. "Die Aktionen waren plakativ", sagt Oliver Emrich, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin. Es sei schlicht "illusionär" zu erwarten, dass ein Patient mit chronischen Schmerzen dauerhaft und komplett beschwerdefrei werde. Emrich sieht in Deutschland keine Überversorgung mit Opioiden, wohl aber in Teilen eine Fehlversorgung. "Mitunter werden Medikamente mechanistisch immer weiter verschrieben, ohne dass genau überprüft wird, ob der Patient noch profitiert." Dies könne Abhängigkeit befördern. Insgesamt aber hält er das Problem für "relativ moderat: Ein bis drei Prozent der Patienten mit Opioid-Verordnung entwickeln einen problematischen Gebrauch". Auch Oliver Pogarell, an der Münchner LMU für den Suchtbereich zuständig, ist optimistisch, dass Deutschland keine US-amerikanischen Verhältnisse erleben wird. "Im Vergleich zu den USA verfügen wir trotz mancher Probleme über ein gut ausgebautes und effektives Gesundheitssystem, das wohl weniger dazu führen wird, dass Schmerzpatienten auf illegale Substanzen umsteigen." Beide Experten mahnen allerdings zu umsichtiger Verordnung.
Berit Uhlmann
Quelle sz


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