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#1

Amerikanisches Fracking-Gas in Europa für Endkunden doppelt teurer

in Aus der Welt der Wissenschaft 02.03.2018 19:14
von franzpeter | 9.719 Beiträge

NDS 2. März 2018

Der kommende Gaskrieg zwischen den USA und Russland


Jens Berger

2017 war das Jahr der amerikanischen Gasexporteure. Dank neuer Terminals in
Großbritannien und Polen konnten die USA ihren Marktanteil auf dem EU-Gasmarkt
von 0,6% auf mehr als 5% erhöhen.
Und das war nur der Anfang.

In den nächsten zwei Jahren werden in den USA Exportterminals in Betrieb
genommen, mit denen theoretisch rund ein Viertel des EU-Marktes beliefert werden
könnte. Und wenn 2030 in den USA die volle Kapazität zur Verfügung steht,
könnten die US-Exporteure mehr als die Hälfte der EU-Gasimporte abdecken und
damit die russischen Gaslieferungen voll substituieren.


Wer denkt, es ginge bei den Sanktionen gegen Russland um die Krim, der sollte
einen Blick auf den Gasmarkt werfen.


Wenn deutsche Parlamentarier in der FAZ
<http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/die-nord-stream-2-gaspipeline-entzweit-die-eu-15457609.html>
nun die geplante Pipeline Nord Stream 2 kritisieren und an die "Solidarität"
mit Polen und der Ukraine appellieren, so geht es letztlich doch nur um
Marktanteile und viele Milliarden Euro, die gänzlich unsolidarisch von den
europäischen Gaskunden aufgebracht und künftig nicht mehr nach Moskau, sondern
an die Wall Street fließen sollen.

Um den Hintergrund des kommenden Gaskrieges zu verstehen, lohnt sich ein Blick
auf folgende Grafik…


Die Daten stammen aus der aktuellen Ausgabe der CRA-Insights-Analyse,
http://www.crai.com/sites/default/files/...ices-010318.pdf
die sich dem Thema US-Flüssiggas-Exporte für den europäischen Markt gewidmet
hat. Demnach stehen in den USA momentan ohnehin nur Exportkapazitäten in Höhe
von 19 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zur Verfügung, die vom LNG-Terminal
"Sabine Pass" stammen, das am Golf von Mexiko liegt und ursprünglich für den
Gas-Import projektiert wurde.

Doch dank des Fracking-Booms sind die USA von einem Importeur zu einem der
größten Gas-Exporteure geworden und haben binnen kürzester Zeit
Exportkapazitäten aufgebaut, die ihresgleichen und vor allem Kunden suchen.

Spätestens, wenn in diesem Jahr die Terminals in Cove Point/Maryland,
Freeport/Texas, Corpus Christ/Texas und Cameron/Louisiana in Betrieb gehen,
steht den USA eine gigantische Infrastruktur zur Verfügung, mit der die
Unmengen von Fracking-Gas, für das es momentan keine Abnehmer gibt,
verflüssigt und dann mit Tankern exportiert werden können.

Rein theoretisch könnten die USA bereits Ende dieses Jahres den kompletten
deutschen Gasmarkt abdecken und zusammen mit den bereits genehmigten
Investitionen würde es sogar zusätzlich noch für den zweitgrößten
EU-Gasmarkt in Großbritannien reichen.


Das Ganze hat jedoch zwei entscheidende "Schönheitsfehler".

Zunächst einmal ist es weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll, Gas zuerst
mit einem hohen Energieeinsatz zu verflüssigen, dann mit dem Tanker um die halbe
Welt zu transportieren und am Zielhafen wieder in Gasform in Pipelines
einzuspeisen. Momentan kostet eine Verrechnungseinheit (MMBTU) Erdgas in den USA
(Henry Hub) rund 2,85 US$. Transportiert man dieses Gas als LNG nach Europa,
kostet es am Terminal bereits mehr als doppelte, über sechs US$.


Zum Vergleich: Der Monopolpreis der Gazprom für russisches Erdgas aus der
Pipeline liegt je nach Endkunde meist leicht unter fünf US$. Auf einem freien
Markt hätte US-Gas in Europa also keine Chance.


Wer diese Informationen im Hinterkopf hat, versteht die aktuellen politischen
Vorgänge in Europa und die Spannungspolitik der USA und ihrer Verbündeter
wahrscheinlich besser. Ohne die Sanktionen gegen Russland hätten die
US-Exporteure wohl nie einen Fuß in den mittel- oder osteuropäischen Markt
setzen können.

Die vorhandenen LNG-Terminals in Großbritannien, Frankreich, Spanien und den
Niederlanden sind bereits recht ordentlich ausgelastet und bieten auch nicht die
freien Kapazitäten für die geplanten US-Exporte.

Nun hat im polnischen Swinemünde ein LNG-Terminal mit einer Kapazität von bis
zu 7,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr den Betrieb aufgenommen und im lettischen
Riga entsteht momentan ein LNG-Hub für das Baltikum.

Aber selbst damit wären die freien US-Kapazitäten, die bereits in diesem Jahr
zur Verfügung stehen, noch nicht einmal im Ansatz ausgelastet. Im Zentrum der
Interessen der US-Konzerne stehen daher zwei Märkte, die zusammen mit fast 180
Milliarden Kubikmeter Nachfrage der Kernmarkt für US-Exporte sein könnten -
Deutschland und Italien.



Interessanterweise sind diese beiden Länder momentan auch mitten im Fokus von
scharfen Auseinandersetzungen rund um Pipeline-Projekte mit russischer
Beteiligung. Geht es in Italien um den "südlichen Gaskorridor" mit den geplanten
Projekten Trans-Adria-Pipeline, Turkish Stream und South Stream, geht es in
Deutschland vor allem um Nord Stream 2, die Parallelleitung zur bereits
vorhandenen und fast vollständig ausgelasteten Ostseepipeline Nord Stream.


Es geht aber auch um viele Milliarden Euro Transitgebühren. Die Ukraine
kassiert Jahr für Jahr rund drei Milliarden Euro Gebühren, die letztlich auf
den Gaspreis geschlagen und von den Endkunden in den westeuropäischen Ländern
bezahlt werden müssen. Polen kassiert Transitgebühren in ähnlicher
Größenordnung. Wenn nun also transatlantisch orientierte deutsche
Parlamentarier in der FAZ an die "europäische Solidarität" appellieren
,

https://www.heise.de/tp/features/Kampf-u....html?seite=all
so ist dies verlogen. Warum sollte es denn zur „europäischen Solidarität
gehören, wenn Deutsche über ihre Heizungskosten indirekt die Ukraine
finanzieren sollen?
https://www.heise.de/tp/features/Kampf-u....html?seite=all


Ökonomisch ist amerikanisches Fracking-Gas in Europa nicht wettbewerbsfähig.
Vor allem die wichtigen und großen deutschen und italienischen Märkte werden
sich daher nur politisch erschließen lassen. Genau dies ist eines der Ziele der
US-Sanktionen gegen Russland, die törichterweise auch von der EU übernommen
wurden.
Und der Krieg hinter den Kulissen nimmt Fahrt auf.

Sowohl die USA als auch die EU-Kommission und transatlantisch orientierte
deutsche Politiker haben nun zum Frontalangriff auf Nord Stream 2 geblasen
http://www.nachdenkseiten.de/?p=39374
<http://www.nachdenkseiten.de/?p=39374> und dabei sogar deutsche
Umweltschützer eingespannt
http://www.nachdenkseiten.de/?p=42151 , die nun paradoxerweise
Seit´ an Seit´ mit der Fracking-Lobby antreten.
<http://www.nachdenkseiten.de/?p=42151>

Es ist jedoch anzunehmen, dass auch dies nur das Vorspiel zum eigentlichen
Konflikt ist, bei dem es darum gehen wird, die russischen Erdgasexporte in die EU
ins Visier zu nehmen.


Dies könnte jedoch politisch, ökologisch und auch ökonomisch ein
gefährlicher Bumerang werden. Energieexperten gehen davon aus, dass es durch
Marktbereinigungen und den geplanten Abbau von Überkapazitäten auch in den USA
mittelfristig zu Preissteigerungen beim Erdgas kommen wird.


In fünf Jahren könnte der US-Gaspreis demnach die Fünf-Dollar-Grenze
überschreiten, was für die europäischen Kunden der US-Konzerne aufgrund des
immens teuren Transports nahezu eine Verdoppelung der Gaspreise bedeuten würde.
So oder so - den Preis für den kommenden Gaskrieg werden die Endkunden im
"Kriegsgebiet" zahlen ... und das sind wir. Eine von US-Interessen unabhängige,
eigenständige Energiepolitik ist wichtiger denn je
.



Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=42694
<http://www.nachdenkseiten.de/?p=42694>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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