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NATO: Die Gründungslüge

in Aus der Welt der Wissenschaft 04.04.2018 15:49
von franzpeter | 9.685 Beiträge

NDS 4. April 2018

NATO: Die Gründungs-Lüge

Nach 1945 wussten die USA: Von der geschwächten Sowjetunion geht keine Gefahr
aus. Aber mit dem Zangengriff von Marshall-Plan und NATO integrierte die
Siegermacht des 2. Weltkriegs ausgewählte europäische Staaten in ihre
ökonomische und militärische Expansion und half ihnen beim Kampf gegen
Befreiungsbewegungen in den Kolonien - auch wegen der Rohstoffe für
US-Konzerne.

Von Werner Rügemer




Im Vorfeld der NATO-Gründung wussten die Verantwortlichen in den USA: Die
Sowjetunion bedeutet keine militärische Gefahr. Einen Angriff auf Westeuropa
könne die geschwächte Macht, selbst wenn sie wollte, nicht durchhalten: Die
Wirtschaft der Sowjetunion ist zu schwach; ihr Transportsystem ist zu primitiv;
ihre Ölindustrie ist viel zu leicht anzugreifen. Die Männer im Kreml sind kluge
Tyrannen, die ihre innere Macht nicht durch militärische Abenteuer im Ausland
aufs Spiel setzen. "Sie wollen den Kampf um Deutschland und Europa gewinnen, aber
nicht durch militärische Aktion." Das hielt der Chefplaner im State Department,
George Kennan, 1948 für Außenminister Marshall, für Präsident Truman und für
die US-Botschafter in diversen Memoranden wiederholt fest.[1]

Warum aber gründeten die USA und ihre damals noch wenigen Bündnispartner
trotzdem das ausdrücklich gegen die Sowjetunion gerichtete Militärbündnis
NATO?


Die Legende vom "Kalten Krieg"

Die Legende besagt, die NATO sei ein "Produkt des Kalten Krieges". In
Wirklichkeit ist die NATO ein Produkt der US-Expansion, die schon lange vor dem
militärischen Eingriff der USA in den zweiten Weltkrieg imgange war.

Der "kalte Krieg" ist eines der findigsten ideologischen Konstrukte, mit denen
die US-Meinungsmaschine die US-Praktiken seit dem 2. Weltkrieg bis heute
verschleiert. Der Begriff wurde vom wichtigsten US-Ideologen des 20.
Jahrhunderts popularisiert: Walter Lippmann.[2]

"Kalter Krieg" soll bedeuten: Nach dem 2. Weltkrieg ist der militärische Krieg
zu Ende, und es beginnt die Phase der nicht-militärischen Auseinandersetzung
zwischen dem "freien Westen" und dem "kommunistischen Ostblock". Doch während
des "kalten Krieges" führten die USA und die ersten NATO-Staaten Kriege wie in
Korea und Indochina
-
darauf wird zurückzukommen sein.

Zunächst: In Wirklichkeit begann der "kalte" Krieg schon kurz nach Kriegsbeginn,
etwa 1941. Roosevelt und Churchill griffen - trotz mehrmaliger Aufforderungen
ihres Alliierten Stalin - militärisch so spät wie möglich in den Krieg ein:
Die Rote Armee und die deutsche Wehrmacht sollten sich so weit wie möglich
gegenseitig zerstören. Die US- und die britische Regierung lehnten auch jeden
inneren Widerstand gegen Hitler prinzipiell ab.[3]

Der zunächst linke Harvard-Absolvent Walter Lippmann hatte im 1. Weltkrieg für
das US-Kriegsministerium die Propaganda für den Kriegseintritt der USA
mitorganisiert (Committee on Public Information, CPI) - um 1917 das
pazifistische Neutralitäts-Versprechen des US-Präsidenten Woodrow Wilson
umzudrehen.[4] Danach hatte er an prominenter Stelle die Globalisierung der USA
theoretisch begründet und publizistisch begleitet. 1938 hatte er als Gegner des
Roosevelt'schen Reformkurses (New Deal) die späteren Gurus der "neoliberalen"
Wirtschaftslehre wie Friedrich Hayek (The Route to Serfdom, 1943, deutsch Der
Weg in die Knechtschaft), Alexander Rüstow und Raymond Aron zusammengeführt:
Hier wurde der beschönigende Begriff des "Neoliberalismus" für die neue,
antigewerkschaftlich und antikommunistisch ausgeschärfte Kapitalismus-Doktrin
geprägt.

Die "Verteidigungs"linie der USA nach Europa vorschieben


Im März 1943 schrieb Lippmann: Nach der Eroberung Nordamerikas, Mittelamerikas,
der Karibik, der Philippinen und mehrerer Inseln im Pazifik (Wake, Guam, Hawai,
japanische Mandatsinseln) sind die USA gezwungen gewesen, "zwei Drittel der
Erdoberfläche von unserer kontinentalen Basis in Nordamerika aus zu
verteidigen."

Jetzt aber eröffne sich mit der absehbaren Niederlage der Achsenmächte
Deutschland, Japan, Italien und ihrer Bündnispartner und Kollaborateure ein viel
intensiverer Zugriff.

Die USA werden ihre eroberten Gebiete, so der Geostratege, nun nicht mehr allein
von ihrem nordamerikanischen Territorium und den verstreuten Inseln im Pazifik
aus "verteidigen" können. Vielmehr könne und müsse Amerika jetzt seine
"Verteidigungs"linie entscheidend erweitern, "indem wir unsere Außenpolitik auf
zuverlässige Bündnisse in der alten Welt gründen." In Europa und Japan
könnten nun neue US-Stützpunkte errichtet werden. Damit könnten die USA von
der bisherigen passiven zur aktiven "Verteidigung" ihrer nationalen Interessen
übergehen.[5]

Zu dieser Strategie gehörten Lippmanns ideologische Kunstgriffe: Die
antiliberal verschärfte Wirtschaftsdoktrin wurde als "Neoliberalismus"
bezeichnet.

Und die verschärfte militärische Expansion wurde als "Verteidigung"
ausgegeben: Von 1789 an, seit ihrer Gründung, hatten die USA faktengemäß ein
Kriegsministerium (War Department): Durch Kriege wurden der nordamerikanische
Kontinent, Mittelamerika, die Karibik, Kuba, die Philippinen, Puerto Rico usw.
erobert. Aber gerade auf der bis dahin höchsten Stufe ihrer auch militärischen
Expansion wurde das Kriegsministerium 1947 beschönigend und faktenwidrig in
Verteidigungsministerium (Defense Department) umbenannt. Konsequenterweise lief
dann auch die NATO unter "Verteidigungs"Bündnis.


Der Zwilling: Marshall-Plan und NATO

Die 1949 gegründete NATO war Zwillingsgeschöpf des Marshall-Plans. Den
militärisch-zivilen Doppelcharakter verkörperte George Marshall selbst:
Während des 2. Weltkriegs koordinierte er als Chief of Staff das US-Militär
auf allen Kriegsschauplätzen zwischen Nordafrika und Asien. Nach dem Krieg
organisierte er als Außenminister von 1947 bis 1949 den Marshall-Plan. Und 1950
schlüpfte der Wendige in die Rolle des US-Verteidigungsministers und
organisierte brutale Interventionen einschließlich Napalm-Bombardements gegen
Befreiungsbewegungen rund um den Globus, in Korea genauso wie in Griechenland.

Ab 1947 erhielten alle späteren NATO-Gründungsmitglieder Hilfen aus dem
Marshall-Plan: Großbritannien, Frankreich, Portugal, Niederlande, Belgien,
Luxemburg, Dänemark, Island, Italien, Norwegen. Dies ging auch nach der
NATO-Gründung bis zum Ende des Marshall-Plans 1952 weiter. Zusätzlich
beschloss der US-Kongress 1949 eine Milliarde US-Dollar an Hilfen für die
Aufrüstung der NATO-Mitgründer-Staaten. Teilweise wurden Marshall-Plan-Hilfen
militärisch umgewidmet.[6]


Alle diese Staaten - außer Luxemburg und Norwegen - waren zudem aktive
Kolonialmächte. Die meisten waren zudem Monarchien und kein Ausbund an
Demokratie. Die USA selbst unterhielten in neokolonialer Art zahlreiche
abhängige Territorien und beherrschten Staaten in Mittelamerika und in der
Karibik mit Hilfe von Diktatoren - am bekanntesten in Kuba. Auch die Beziehungen
zu Diktator Franco waren ausgezeichnet. Es ging also nicht um die Verteidigung
der Demokratie
.



Vorstufe Brüsseler Pakt: "Deutsche" und "kommunistische Gefahr"

Vor der NATO-Gründung durften die zuverlässigsten europäischen Staaten, die
als Gründungsmitglieder vorgesehen waren, ihr Vorspiel machen. Im März 1948
beschlossen die vom Marshall-Plan subventionierten Regierungen Großbritanniens,
Frankreichs und der drei kleinen Benelux-Monarchien den "Brüsseler Pakt": Er
verstand sich als Militärbündnis gegen eine erneute deutsche Aggression und
gegen eine drohende sowjetische Aggression
.


Diese US-geführten Verschwörungstheoretiker simulierten Gefahren, die es nicht
gab: Deutschland war vollständig abgerüstet und stand unter militärischer
Kontrolle der Alliierten, also auch der Brüsseler Pakt-Mitglieder selbst -
Frankreich, Großbritannien, Belgien und die Niederlande waren Besatzungsmächte
in Westdeutschland; und sie konnten darüber mitentscheiden, ob Westdeutschland
bzw. die Bundesrepublik Deutschland neu aufgerüstet wird oder nicht. Die
Sowjetunion war zu einem Angriff auf Westeuropa weder fähig noch willens, zu
einer dauerhaften Besetzung noch weniger die
se Einschätzung der US-Regierung
war auch den Brüsseler Pakt-Staaten geläufig.

Im Brüsseler Pakt kamen neben Großbritannien die Staaten zusammen, deren
Regierungen und Wirtschaftseliten keinen Widerstand gegen die Besetzung der
Wehrmacht geleistet, sondern mit Nazi-Deutschland kollaboriert und ebenfalls im
"Kommunismus" die Hauptgefahr gesehen hatten. Sie alle fürchteten nach dem
Krieg Bestrafung und Enteignung, die Militärs und Geheimdienste fürchteten
Einflussverlust.[7]


Ein Jahr später nahmen die USA die Sache auch offiziell in die Hand. Am 4.
April 1949 - einige Monate vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland -
gründeten sie in Washington das Militärbündnis North Atlantic Treaty
Organisation, NATO. Es wurde als "Verteidigungs"-Bündnis ausgegeben und folgte
damit der US-Sprachregelung. Alle anderen Mitglieder waren von den USA
abhängig, nicht nur durch den Marshall-Plan, sondern auch durch zusätzliche
Kredite, Militärhilfen und Investitionen. Der Sitz der NATO war bis 1952 in
Washington
.



Krieg gegen Befreiungsbewegungen in den europäischen Kolonien

Mit der NATO und mit den zusätzlichen US-Militärstützpunkten in den
NATO-Mitgliedsstaaten schoben die USA nicht nur im Sinne Lippmanns ihre
"Verteidigungs"linie nach Westeuropa vor.


Sie unterstützten auch die Kriege, die die europäischen Kolonialmächte gegen
die nach dem Krieg erstarkten Befreiungsbewegungen in den Kolonien führten. Und
die USA verschafften sich mit Marshall-Plan und NATO Zugang zu Rohstoffen in
diesen Kolonien
.


Großbritannien

Großbritannien war während des Krieges von den USA durch Rüstung, Schiffe und
Nahrungsmittel beliefert worden und war nun bei den USA hochverschuldet. Die USA
sorgten dafür, dass der von ihnen 1944 gegründete und beherrschte
Internationale Währungsfonds IWF 1947 den ersten großen Kredit an
Großbritannien vergab: Damit wurde die Labour-Regierung versöhnt und erpresst.

Großbritannien war auch in weiterer Hinsicht geschwächt: Die wichtigsten
Kolonien wie Indien gingen verloren. Schon im Krieg hatte Großbritannien den
USA mehrere Militärstützpunkte im Commonwealth überlassen. Zur Zeit der
NATO-Gründung bekämpfte die Labour-geführte Regierung die Befreiungsbewegung
in Ghana, bezeichnete den Vorsitzenden der Convention People's Party, Kwane
Nkrumah, als "little local Hitler" und steckte ihn 1950 ins Gefängnis
. Erst
1957 konnte Ghana mit Nkrumah selbständig werden.[8]
Die USA, die mit ihrem
Geheimdienst OSS schon ab 1943 in Griechenland und der Türkei präsent waren,
lösten 1948 dort das Militär und den Geheimdienst Großbritanniens ab und
übernahmen den Krieg gegen die antifaschistische Befreiungsbewegung.

Kanada als Mitglied des Commonwealth war doppelt abhängig: Seit Ende des 19.
Jahrhunderts war das Land eine Wirtschaftskolonie der USA.[9] Die kanadischen
Truppen hatten unter britischem Kommando gestanden, und die britischen Truppen
sowie die gesamte britische Kriegswirtschaft waren den USA unterstellt
gewesen.[10]


Frankreich

Das zweitwichtigste NATO-Mitglied nach Großbritannien war Frankreich. Die
US-Army hatte das Land, zusammen mit Briten und Kanadiern, 1944 von den Nazis
und der Vichy-Kollaborationsregierung befreit. Die linke Résistance, die vom
US-Geheimdienst OSS unterwandert worden war, wurde schnell ausgeschaltet. Den
ungeliebten General Charles de Gaulle, der ein unabhängiges Frankreich vertrat,
musste man auf der Siegesparade auf den Champs Elysées in Paris mitlaufen und
dann eine provisorische Regierung bilden lassen, in der auch die in der
Résistance führende kommunistische Partei vertreten war.
Die Weltbank unter
Präsident John McCloy vergaben noch vor dem Marshall-Plan einen Kredit an
Frankreich, unter der Bedingung: De Gaulle und die Kommunisten dürfen nicht in
die Regierung! US-Außenminister Byrnes, Vorgänger von Marshall, versprach
einen 650 Millionen-Kredit und die zusätzliche Lieferung von 500.000 Tonnen
Kohle.[11]

Christlich lackierte Politiker wie George Bidault, enger Freund des
CDU-Vorsitzenden und zukünftigen bundesdeutschen Kanzlers Konrad Adenauer und
wie dieser mit CIA-Chef Allen Dulles im Kontakt,[12] wurden in die Regierung
manövriert, de Gaulle wurde rausgeworfen, der Kredit wurde gewährt.[13] Die
USA rüsteten 1948 zudem drei französische Divisionen auf, damit Frankreich in
seinem Besatzungsgebiet in Westdeutschland überhaupt als ernstzunehmende
Besatzungsmacht auftreten konnte.
[14]

Die französische Kolonie Algerien wurde NATO-Vertragsgebiet. Gleichzeitig
verlangte die französische Regierung militärische Hilfe gegen den
"Kommunismus" in der Kolonie Indochina: Die im September 1945 von der
Unabhängigkeitsbewegung Vietminh unter Ho Chi Minh ausgerufene Demokratische
Republik Vietnam sollte vernichtet werden - die USA halfen mit Militärberatern,
Nahrungsmitteln und Rüstungsgütern.[15] McCloy als Präsident der Weltbank
genehmigte im NATO-Gründungsjahr 1949 auch dafür einen Kredit.[16]


Belgien, Niederlande, Luxemburg

Die drei Benelux-Staaten, deren Regierungen im Krieg mit den Nazis
kollaborierten, hatten keinen militärischen Beitrag gegen Hitler-Deutschland
geleistet. Aber Belgien und die Niederlande durften aus US-Gnaden als
Besatzungsmächte nach Westdeutschland einrücken.

Auch dem Königreich Niederlande gestand McCloy im NATO-Gründungsjahr 1949
einen Kredit der Weltbank zu, damit die Unabhängigkeitsbewegung in der Kolonie
Indonesien bekämpft werden konnte.[17] Indonesien erhielt zusätzlich zum
"Mutterland" Hilfen aus dem Marshall-Plan.


Gegen die 1945 nach der japanischen
Besetzung gegründete Republik Indonesien gingen die 145.000 niederländischen
Militärs mit der Bombardierung von Städten vor, ermordeten zehntausende
Widerstandskämpfer und andere Einheimische und nahmen die Regierung
gefangen.[18]

Belgien

Das Königreich Belgien hielt seine rohstoffreiche Kolonie Kongo auch nach 1945
mit US-Zustimmung weiter unter der Knute. Die USA hatten seit Kriegsbeginn das
für die Atombomben entscheidende Uran aus der belgischen Kolonie bezogen. Der
Bergwerkskonzern Union Minière du Haut Katanga - die Rockefellers waren daran
beteiligt - hatte schon 1939 seine Zentrale von Brüssel nach New York
verlegt.[19]


Nach 1945 wurde der antikoloniale Widerstand im Kongo gnadenlos bekämpft:
Gewerkschaften waren verboten, Streikende wurden erschossen oder öffentlich
ausgepeitscht.[20] Später, 1961, wurde in belgisch-US-amerikanischer
Komplizenschaft (König Baudouin, US-Präsident Eisenhower, CIA, einheimische
Kollaborateure) der erste Premierminister des unabhängig gewordenen Kongo,
Patrice Lumumba, nach kurzer Zeit bestialisch ermordet.[21]


Portugal

Das faschistische Portugal war im Krieg neutral geblieben und deshalb
wirtschaftlich für Nazi-Deutschland umso wichtiger gewesen: Als einziger Staat
lieferte Portugal das kriegsentscheidende Edelmetall Wolfram für die
Stahlhärtung. In Portugal wurden Raubaktien und Raubgold für die Finanzierung
der deutschen Kriegsführung gewaschen.[22]

Die USA gaben nach 1945 die asiatischen Kolonien Timor und Macau, die von Japan
besetzt worden waren, an Portugal zurück. In den afrikanischen Kolonien
Mosambik und Angola herrschte kolonialistische Zwangs- und Plantagenwirtschaft
(Kaffee, Baumwolle). Die Kommunistische Partei als wichtigste
Befreiungsorganisation war verboten und wurde verfolgt.[23] Die USA und die NATO
konnten nun die Atlantikinseln Portugals, die Komoren, als Militärstützpunkte
nutzen.


Kleine Staaten und spätere NATO-Mitglieder

Island hatte sich 1944 vom Status als dänische Halbkolonie gelöst und seine
Unabhängigkeit erklärt.
1940 war das Land von Großbritannien und den USA
besetzt worden. Island bekam Marshall-Plan-Gelder und stimmte seiner
NATO-Mitgliedschaft zu: Das Land unterhielt kein eigenes Militär, diente aber
als US- und NATO-Stützpunkt.


In Dänemark wurde nach der Nazizeit eine Regierung gebildet, zu der auch die
Kommunistische Partei gehörte. Auch hier wurde mit der Sozialdemokratisierung
und mithilfe des Marshall-Plans die ursprünglich gewollte Blockfreiheit
ausgetrieben.

Die dänische Kolonie Grönland, in der die USA schon 1941 Militärstützpunkte
errichtet hatten, wurde 1951 zum NATO-Verteidigungsgebiet erklärt.


In Norwegen wollte die sozialdemokratische Regierung nach der deutschen Besetzung
blockfrei bleiben. Aber mithilfe des Marshall-Plans und zusätzlicher
Aufrüstungshilfen manövrierten die USA auch Norwegen in die NATO.

Im NATO-Gründungsjahr bombardierten US-Sturzkampfflieger die Stellungen der
antifaschistischen Befreiungsbewegung in Griechenland mit Napalm und rüsteten
das monarchietreue Militär aus, das mit den Nazis kollaboriert hatte. Nur so
konnte die Befreiungsbewegung in dem angeblichen "Bürger"krieg besiegt
werden.[24] Als die USA hier wie in der benachbarten Türkei für eine
US-abhängige Regierung gesorgt hatten, holten sie 1952 die beiden Staaten in
die NATO.

Die USA wollten vor allem die westlichen Besatzungszonen Deutschlands in die
NATO holen. Doch erstens war dieses Westdeutschland noch kein Staat; und
zweitens sperrten sich zunächst die Regierungen Frankreichs und
Großbritanniens wegen der kritischen Öffentlichkeit in beiden Staaten gegen
die Wiederbewaffnung der Deutschen. Aber kurz nach der Gründung des neuen
Staates Bundesrepublik Deutschland (BRD) sagte dessen Kanzler Adenauer 1950 die
Wiederbewaffnung zu (heimlich).

Und die USA förderten schon ab 1950 die Rüstungsproduktion der BRD für den
Bedarf des Krieges gegen die Volksbefreiungsbewegung in Korea. Die
bundesdeutschen Rüstungsindustriellen setzten sich mehrheitlich für die NATO
ein. Und schon im September 1950 schloss die NATO die BRD in das
NATO-Verteidigungsgebiet ein fünf Jahre vor dem formellen NATO-Beitritt.[25]


Die USA dringen in die europäischen Kolonien ein

Die NATO war somit ein Bündnis gegen die nachfaschistische Demokratisierung in
Europa und gegen die nationale Selbstbestimmung in den Kolonien. Und die
neokoloniale NATO-Supermacht drang in die alten Kolonien der Europäer ein
.


In den französischen Kolonien Indochinas (Vietnam, Laos, Kambodscha) und
Afrikas (ein gutes Dutzend Kolonien) lagerten wichtige Rohstoffe. An diese
wollten US-Unternehmen nun möglichst günstig herankommen
.


Die Behörde des Marshall-Plans in Paris unterhielt unter Evan Just die Abteilung
„Strategische Rohstoffe. Sie erkundete und inventarisierte in den Kolonien der
europäischen Kolonialmächte
z.B. Mangan und Graphit in Madagaskar; Blei, Kobalt
und Mangan in Marokko; Kobalt, Uran und Cadmium im Kongo; Zinn in Kamerun; Chrom
und Nickel in Neu-Kaledonien; Kautschuk in Indochina; Öl in Indonesien;[26]
daneben Industriediamanten, Asbest, Beryllium, Tantalit und Colombit.

Die Marshall-Plan-Behörde und das State Department organisierten ab 1948
Rohstoff-Kaufverträge etwa für United Steel, Bethlehem Steel und Newmont
Mining und bildeten mithilfe von Investmentbanken wie Morgan Stanley und Lazard
Frères gemeinsame Holdings zur Modernisierung von Bergwerken in den Kolonien
der Europäer.[27] Für die Atombomben brauchten die USA nach dem Krieg ohnehin
noch mehr Uran als während des Krieges.


Endlich, endlich Russland erobern? Widerstand!

Die NATO war und ist ein Bündnis, das die UNO-Charta, Artikel 1
"Selbstbestimmung der Nationen", von Anfang an prinzipiell und dauerhaft
verletzte und weiter verletzt.
NATO-Mitglieder zogen in unterschiedlicher Weise
mit in die von den USA angeführten, zahlreichen Kriege des zu Unrecht so
genannten "Kalten Krieges".[28]


Und selbst unter dem ansonsten ein bisschen kritisierten Präsidenten Donald
Trump folgen die europäischen NATO-Partner der NATO-Führungsmacht bei der
antirussischen Hetze und Aufrüstung, und auch aus eigenem Interesse an der
Eroberung des Großraums, die endlich, endlich gelingen soll, wenn es sein muss
wieder mit Krieg, und diesmal auch mit Atombomben.


Es geht um viel. Das jahrzehntelang genährte NATO-Lügengebäude ist brüchiger
denn je. Das heutige Russland ist noch ungleich viel schwächer als die damalige
Sowjetunion im Vergleich zur noch höher aufgerüsteten westlichen
NATO-Völkerrechtsbruch-Gemeinschaft von heute.
Der Widerstand gegen sie muss
und kann eine Kraft annehmen, die heute noch nicht sichtbar ist.


Letzte Buchveröffentlichung von Werner Rügemer: Bis diese Freiheit die Welt
erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, aus
Geschichte und Kultur. 2. Auflage Köln 2017


[«1] Melvyn Leffler: The Struggle for Germany and the Origins of the Cold War.
German Historical Institute, Washington D.C. Occasional Paper No 16/1996, S. 51f.

[«2] Walter Lippmann: The Cold War. New York 1947

[«3] Allen Welsh Dulles: Verschwörung in Deutschland. Kassel 1948, S. 176

[«4] George Creel: How We Advertised America. The First Telling of the Amazing
Story of the Committee on Public Information That Carried The Gospel of
Americanism to Every Corner of the Globe, New York 1920. Creel war der
Vorsitzende der nach ihm benannten Komission.

[«5] Walter Lippmann: U.S. Foreign Policy. Shield of the Republic, deutsche
Übersetzung: Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten, Schweizer Spiegel
Verlag, Zürich 1944, S. 120ff.

[«6] Gérard Bossuat: La France, l' aide américaine et la construction
européenne 1944 1954. Paris 1992, S. 356 und 380

[«7] Ludwig Nestler (Hg.): Europa unterm Hakenkreuz. Belgien Luxemburg
Niederlande. Berlin 1990; Annie Lacroix-Riz: Banquiers et Industriels sous l'
occupation. Paris 1999; Werner Rügemer: Hehler für Hitler Der Otto
Wolff-Konzern, in: Ders.: Colonia Corrupta, Münster 2015, S. 182ff.; Rudi Van
Doorslaer (Hg.): La Belgique docile. Les autorités belges et la persecution des
Juifs en Belgique pendant la Seconde Guerre mondiale, Bruxelles 2007

[«8] Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt, Globalgeschichte der
europäischen Expansion 1415 2015. München 2016, S. 1180f.

[«9] Historica Canada Foreign Investment

[«10] Jacques Pauwels: Der Mythos vom guten Krieg. Die USA und der 2. Weltkrieg.
Köln 2006, S. 67; US-General Eisenhower war ab 1944 Supreme Commander der Allied
Expeditionary Forces (SHAEF) für die militärischen Operationen in Europa.

[«11] Nicolas Lewkovicz: The German Question and the International Order 1943
48. London 2010, S. 55 und 61; Kai Bird: The Chairman John McCloy. The Making of
the American Establishment. New York 1992, S. 292

[«12] Rudolf Jungnickel: Kabale am Rhein. Weimar 1994, S. 8ff.

[«13] Kai Bird: The Chairman. John McCloy The Making of the American
Establishment. New York London 1992, S. 290f. und 429

[«14] Melvin Leffler S. 56

[«15] Bossuat S. 484ff.

[«16] Bird S. 296

[«17] Bird S. 296

[«18] Wolfgang Reinhard S. 1139f.

[«19] Liane Ranieri: Dannie Heineman Head of SOFINA. Brussels 2012, S. 229

[«20] Siehe David Reybrouck: Kongo Eine Geschichte. Frankfurt/Main 2012

[«21] Tim Weiner: CIA. Die ganze Geschichte. Frankfurt/Main 2008, S. 225ff.

[«22] Werner Rügemer: Colonia Corrupta. Münster 2015, 8. Auflage, S. 181ff.

[«23] Reinhard S. 1198f.

[«24] Heinz Richter: Griechenland 1940 1950, Mainz 2012, S. 334f.

[«25] Volker Berghahn: The Americanization of West German Industry 1945 1973, S.
267ff.

[«26] Reinhard S. 1138ff.

[«27] Bossuat S. 501ff.

[«28] Vgl. Daniele Ganser: Illegale Kriege. Wie die NATO-Länder die UNO
sabotieren. Zürich 2016


Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=43276
<https://www.nachdenkseiten.de/?p=43276>


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franzpeter
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