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Warum dieser Biologe nichts gegen genveränderte Pflanzen hat

in Aus der Welt der Wissenschaft 12.05.2018 17:35
von franzpeter | 8.651 Beiträge

Deutscher Max-Planck-Forscher
Warum dieser Biologe nichts gegen genveränderte Pflanzen hat
Genveränderte Pflanzen machen vielen Verbrauchern Angst. Eine ganz andere Position vertritt der Forscher Detlef Weigel. Er sagt: "Bio" kann die Welt nicht retten, und Europa wird bald in großem Stil Gentechnikpflanzen anbauen.

Ein Interview von Julia Merlot


Detlef Weigel gehört zu den wenigen renommierten deutschen Forschern, die sich lautstark in öffentliche Diskussionen einmischen. Der Biologe ist Direktor am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen und hat sich in den vergangenen Wochen mehrfach auf Twitter mit Grünen-Politikern angelegt.
Zur Person

Jörg Abendroth/ Max-Planck-Institut
Detlef Weigel ist Direktor am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen sowie Professor am Salk Institute in La Jolla (Kalifornien) und an der Universität Tübingen. Er erforscht, wie Gene die Eigenschaften von Pflanzen steuern.


Es geht um die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland und um die Lebensmittel, die hier angebaut, verkauft und gegessen werden sollen. Eine neue Technik bringt in diesem Bereich grundlegende Änderungen: Künftig lassen sich manche gentechnisch veränderten Pflanzen nicht mehr von konventionellen Züchtungen unterscheiden. Die Frage ist, ob sie dennoch weiter nach Gentechnikgesetz reguliert werden oder wie herkömmliches Getreide, Obst und Gemüse behandelt werden sollten.

"Verbrauchertäuschung" oder "Volksverdummung"
Die ehemalige Grünen-Vorsitzende Simone Peter stellte sich auf Twitter gegen die auch als Genome-Editing bezeichnete Technik. Pflanzen, die beispielsweise mit der Genschere Crispr/Cas9 so verändert wurden, dass sie Züchtungen gleichen, müssten weiter als gentechnisch verändert gekennzeichnet und entsprechend streng reguliert beziehungsweise verboten werden, schrieb sie. Alles andere sei "grobe Verbrauchertäuschung".

Forscher Weigel konterte den Tweet in ähnlichem Sprachduktus und forderte, die Pflanzen gesetzlich mit Zuchtexemplaren gleichzusetzen. Alles andere sei "grobe Volksverdummung". In den USA gelten die Pflanzen bereits nicht mehr als gentechnisch verändert. In Europa wird bald der Europäische Gerichtshof darüber entscheiden.

Später griff Weigel einen Tweet der ehemaligen Landwirtschaftsministerin Renate Künast an, die vermeldet hatte, niemand könne garantieren, dass mit der Gentechnikmethode Pestizide überflüssig gemacht werden könnten. Außerdem warf er den Grünen generell eine unwissenschaftliche Argumentationsweise im Hinblick auf das Thema Gentechnik vor.

Wir haben mit Weigel über seine Streitlust gesprochen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Weigel, warum sind Sie so sauer?

Detlef Weigel: Sauer würde ich gar nicht sagen. Ich finde es einfach verstörend, dass die Grünen beim Thema Gentechnik fernab aller wissenschaftlichen Erkenntnisse argumentieren.Beim Klimawandel berufen sie sich auf den wissenschaftlichen Konsens - was ich unterstützte - und betreiben dann bei der Gentechnik reine Prinzipienreiterei.

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]SPIEGEL ONLINE: Sie haben das von den Grünen propagierte Verbot von Genome-Editing-Pflanzen in Europa als "grobe Volksverdummung" bezeichnet. Warum?
[b]Weigel: Beim Genome-Editing aktivieren oder deaktivieren wir Gene in Pflanzen, indem wir einzelne Basen verändern. Das passiert von Natur aus jeden Tag milliardenfach auf deutschen Feldern. Ein Beispiel: Auf einem ein Hektar großen Weizenfeld gibt es im Jahr 20 Milliarden solcher Mutationen. Das Getreide verarbeiten wir trotzdem.

Züchter vermehren solche zufällig mutierten Pflanzen, wenn sie gewünschte Eigenschaften haben. Forscher können die Genveränderungen gezielt einbauen. Am Ende gibt es keinen Unterschied zwischen den Zuchtexemplaren und den gezielt veränderten Pflanzen. Es wäre daher unsinnig, ihn vor dem Gesetz zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Die Grünen argumentieren, durch Genome-Editing veränderte Nutzpflanzen seien nicht sicher und suggerieren, es gebe bislang unentdeckte Risiken.
Weigel: Die Aussagen sind nachgewiesenermaßen falsch und das wissen die Grünen und andere Lobbyorganisationen auch. Alle großen Wissenschaftsakademien befürworten Gentechnik in der Pflanzenzucht. Sie wird seit über 20 Jahren eingesetzt - in Indien, in China und in Amerika. Hunderte Millionen Menschen haben die Pflanzen in dieser Zeit gegessen und es gibt keine einzige Studie, die einen Schaden belegt. Man muss es ganz klar sagen: Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen sind ungewöhnlich sicher.

SPIEGEL ONLINE: Warum warnen die Grünen dann so vehement davor?
Weigel: Sie befürchten, dass Gentechnik mithilfe des Genome-Editing durch die Hintertür eingeführt werden soll. Wenn genomeditierte Pflanzen in Europa wie jedes andere Getreide, Obst und Gemüse angebaut und gegessen werden, und die Menschen dann merken, dass das nicht so schlimm ist, könnten sie offener gegenüber anderen Gentechnikanwendungen werden. Man darf in der Debatte auch nicht vergessen, dass Organisationen wie Greenpeace, auf die sich die Grünen bei dem Thema gern beziehen, mit Ängsten Geld verdienen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es ein großes Insektensterben, Agrarkonzerne diktieren Landwirten die Saatgutpreise, in Argentinien erkranken vermehrt Menschen in landwirtschaftlichen Anbaugebieten an schweren Krankheiten. Halten Sie das alles für Panikmache?
Weigel: In der Debatte geht einiges durcheinander. Beim Insektensterben spielen Monokulturen und der Einsatz von Insektengiften in der Landwirtschaft sicher eine Rolle. Das ist aber was anderes als Gentechnik. Die gibt es auf deutschen Feldern bislang gar nicht und trotzdem schwinden die Insekten.

Dann wird so getan, als würden gentechnisch veränderte Pflanzen den Bauern in Amerika aufgezwungen. Die Leute in den Städten haben oft ein etwas einfaches, wenn nicht gar einfältiges Bild von Landwirten, von denen jedoch viele kluge Geschäftsleute sind. Wenn ihnen das Saatgut keinen Vorteil brächte, würden sie es nicht kaufen.
SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den kranken Menschen in Argentinien?
Weigel: Die genauen Ursachen für ihr Leid kennt man nicht. In dem Land werden aber beispielsweise Spritzmittel eingesetzt, die in Europa seit langem verboten sind, mitunter werden sie mit anderen Stoffen vermischt. Wären gentechnisch veränderte Pflanzen die Ursache, müssten die Probleme überall dort auftreten, wo sie eingesetzt werden. Das ist aber nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: In den USA haben Unkräuter auf Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel entwickelt. Ist die Gentechnik da auch unschuldig?
Weigel: Da geht es vor allem um gentechnisch veränderte Pflanzen der Firma Monsanto, die resistent sind gegen den Unkrautvernichter Glyphosat. Landwirte können das Spritzmittel mit der Technik über die gesamte Wachstumsperiode hinweg auf die Felder geben. Weil in dem System über viele Jahre hinweg immer das gleiche Mittel verwendet wurde, haben sich die Unkräuter angepasst, Glyphosat wirkt bei ihnen nicht mehr.

Das ist eine natürliche Anpassung, die auch stattfindet, wenn auf Feldern ohne gentechnisch veränderte Pflanzen zu lange die gleichen Pestizide eingesetzt werden. Es gibt auch in Europa glyphosatresistente Unkräuter, obwohl gentechnisch veränderte Pflanzen hier so gut wie gar nicht angebaut werden. Das eigentliche Problem liegt in der einseitigen Anwendung von Glyphosat.


SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben dennoch, Sie könnten die allgemeine Gentechnikskepsis in der deutschen Bevölkerung nachvollziehen. Inwiefern?
Weigel: Abseits des Genome-Editings sind mit Gentechnik auch größere Veränderungen in Pflanzen möglich. Es können beispielsweise Gene aus Bakterien auf Pflanzen übertragen werden. Solche artfremden Gentransfers kommen zwar auch natürlich vor, sind aber viel seltener als Mutationen einzelner Basen und durch Züchtung nahezu unmöglich herzustellen. Ich kann verstehen, dass Laien skeptisch werden, wenn sie von solch - in ihren Augen - unnatürlichen Veränderungen hören, auch wenn ich die Ablehnung nicht teile. Es sind auch diese Pflanzen, die seit über 20 Jahren sicher angebaut werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist Natürlichkeit im Zweifel nicht immer die bessere Alternative?
Weigel: Natur an sich ist erst mal weder gut noch böse. Der Mensch kann sie sich zu Nutze machen, sie kann ihm aber auch schaden. Niemand würde beispielsweise seine Kinder ohne Vorbereitung zum Beerenessen in den Wald schicken. Die meisten Pflanzen sind von Natur aus giftig. In Deutschland bewerten viele Menschen dennoch alles, was natürlich ist, automatisch als harmlos und alles, was künstlich ist, als Gefahr. Greift der Mensch ein, wird das als Manipulation der Schöpfung gesehen. Er spielt Gott. Das ist eine sehr religiöse Sichtweise, die nichts mit realen Risiken zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: In den Neunzigern gab es das große Versprechen, den Welthunger mit Gentechnik zu besiegen. Das hat offensichtlich nicht geklappt.
Weigel: Ich habe nie etwas von solch simplen Versprechen gehalten. Hunger ist ein viel zu komplexes Problem, als dass man es mit einer Technologie allein bekämpfen könnte. Sie kann aber ihren Beitrag leisten. Wenn ein Bauer in Afrika einen bestimmten Prozentsatz seiner Erträge an einen Großgrundbesitzer abgeben muss, wird eine gentechnisch veränderte Nutzpflanze daran nichts ändern. Sie kann aber dafür sorgen, dass er mehr erntet und somit mehr für ihn übrigbleibt.


SPIEGEL ONLINE: Was hat uns Gentechnik bislang gebracht?
Weigel: Wenn man die Technik vernünftig einsetzt, brauchen Landwirte weniger Pestizide und ernten mehr. Das belegen Studien. Wenn Pflanzen höhere Erträge liefern, spart das Fläche. Außerdem hat Baumwolle heute eine viel bessere Qualität als vor 20 Jahren, weil die Fasern der gentechnisch veränderten Pflanzen länger sind. Das erleichtert auch die Ernte.

SPIEGEL ONLINE: Ist Bio nicht die bessere Lösung, wenn es darum geht, Pestizide zu reduzieren?
Weigel: In kleinem Maßstab ist Biolandbau sinnvoll. Bei mir zu Hause im Garten versuche ich auch, möglichst wenig zu spritzen. Global gesehen ist er in Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung aber keine Option. Mit Biolandbau könnte auf der bisher verfügbaren Fläche nur ein Bruchteil der Erträge erwirtschaftet werden. Wir müssten dann vermehrt Wälder roden. Felder müssten intensiv gepflügt werden, was Böden und Bodenorganismen schadet. Und auch der Biolandbau setzt Spritzmittel und Dünger ein, die nicht immer harmlos sind. Er nutzt beispielsweise in großem Maßstab Kupfer, ein anorganisches Schwermetall.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als würde Europa ohne Gentechnik untergehen.
Weigel: Nein, eine solch extreme Sichtweise ist ebenfalls Unsinn. Trotzdem ist es mit der Gentechnik in der nachhaltigen Landwirtschaft wie mit Windrädern oder der Photovoltaik bei der Energiewende. Es geht auch ohne - aber auf je mehr Mittel man verzichtet, umso schwieriger wird es. Ich bin auch nicht dafür, blind alle möglichen Gentechnikanwendungen einzuführen. Die Frage ist, was wir wollen.

Mit gentechnisch veränderten Pflanzen lässt sich die Pestizidmenge senken, der Ertrag steigern und Fläche sparen. Wir könnten auch den ursprünglichen Geschmack von Tomaten wiederherstellen, weil wir inzwischen wissen, welche Geschmacksgene bei der Züchtung verloren gegangen sind. Oder alte Apfelsorten robuster machen. All das kann zu einer umweltfreundlicheren Landwirtschaft mit besseren Produkten beitragen. Die Frage ist, wie ernst wir es damit meinen.


SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Hoffnung, dass grüne Gentechnik hierzulande angewendet wird?
Weigel: Ich habe akzeptiert, dass die meisten Leute Gentechnik kritisch sehen und sie nicht auf ihren Feldern haben wollen. Ich glaube daher nicht an eine große Gentechnikrevolution. Gleichzeitig hoffe ich sehr, dass der Europäische Gerichtshof dafür sorgen wird, dass genomeditierte Pflanzen, die sich nicht von Züchtungen unterscheiden, auch wie Züchtungen angebaut werden dürfen. Ich gehe davon aus, dass diese Pflanzen schon bald überall auf europäischen Feldern wachsen werden. Wichtig ist, dass es dann keine Verbote in einzelnen Staaten gibt. Noch bin ich da ganz zuversichtlich, auch weil die Menschen heute immer besser informiert sind.

Quelle: spiegel online

Anmerkung:

Zitat
Wir könnten auch den ursprünglichen Geschmack von Tomaten wiederherstellen,


Das wäre doch schon mal was. Selbst bei Biotomaten kann ich oft den Tomatengeschmack nicht mehr feststellen.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 12.05.2018 18:13 | nach oben springen


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