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#1

In der Tugendherberge

in Aus der Welt der Wissenschaft 16.05.2018 17:03
von franzpeter | 9.011 Beiträge

DFB-Kommentar
:
In der Tugendherberge
Von Jürgen Kaube
-Aktualisiert am 16.05.2018-12:58


Der DFB maßregelt zwei Fußballer und erinnert sie mit erhobenem Zeigefinger an die Werte, für die der Deutsche Fußball-Bund stehe. Welche sind das eigentlich?


Fußball ist ein Spiel, ein Sport, eine Show, ein Geschäft und eine Verlogenheit. Als Spiel leicht und schwer, als Sport die Aufmerksamkeit fesselnd und Geschichten erzeugend, als Showgeschäft weltumspannend und massenmedial, als Politikum voller Selbstdarstellungsmöglichkeiten für das Entscheidungspersonal aller Regierungsformen.
Mitunter wird sogar behauptet, der Fußball sei das letzte große Lagerfeuer in Gesellschaften, die ansonsten nur aus Unterschieden bestehen.
Wie kommt es zur Verlogenheit im Fußball? Ein Beispiel lehrt es gerade: Die türkischstämmigen deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil haben sich mit dem Staatschef der Türkei ablichten lassen, haben ihm Trikots ihrer englischen Vereinsmannschaften gewidmet und „ihrem Präsidenten“ darauf Hochachtung ausgedrückt. Die törichte Handlung – Herr Erdogan korrumpiert sein Land, tritt den Rechtsstaat mit Füßen, lässt verhaften, wer ihm nicht passt, hat der deutschen (also Gündogans wie Özils) Kanzlerin „Nazi-Methoden“ vorgeworfen und so weiter – ist das eine.
Bei Diktaturen zeigte sich der DFB auslegungsbereit

Das andere ist, dass die Spieler jetzt mit erhobenem Zeigefinger an die Werte erinnert werden, für die der Deutsche Fußball-Bund stehe. Welche Werte sind es denn? Nur die üblichen, die aus den Reklamespots, die sich an Rassisten mit der Aufforderung wenden, den Rassismus sein zu lassen, oder auch noch besondere? Klugheit ist von den Spielern sicher nicht bewiesen worden. Wer sie als Erwartung an Profifußballer heranträgt, muss mit Enttäuschungen rechnen. Deswegen haben sie ja Berater.
Aber lupenreines Demokratsein und Distanz zu Autokratien – auch das ein DFB-Wert? Man fuhr 1978 nach Argentinien, man fährt jetzt nach Russland und dann nach Qatar. Wann immer es um Diktaturen ging, zeigte sich der DFB in seiner Geschichte auslegungsbereit. Stets noch hatte Fußball dann letztlich doch nichts mit Politik zu tun. Und dass der Zweck den Beckenbauer heiligt, war das nicht soeben noch ein DFB-Wert ersten Ranges?

Doch wie auch immer: Wären wirklich wichtige Werte ignoriert worden, dann müssten die Spieler aus dem Kader genommen werden. Aber so wertbetont will man dann doch nicht agieren. Vielmehr wird den Spielern mitgeteilt, das sei „keine glückliche Aktion“ (Joachim Löw) gewesen. Sie hätten sich missbrauchen lassen, formuliert der DFB-Präsident. Eine Besprechung der Sache wird angekündigt. Der Team-Manager der Nationalmannschaft weiß aber schon vor dieser Aussprache, dass sich die beiden der Symbolik jener Fotos nicht bewusst gewesen seien. Woher er das weiß, bleibt offen.

Die Spieler haben, wie gesagt, Berater. Sollten die von der Sache gar nichts gewusst haben? Oder waren die Berater sich der Symbolik ebenfalls nicht bewusst? Der Berater des Bundestrainers wiederum ist der Chef des Beraters der beiden Spieler. Joachim Löw wirbt auf der Website von dessen Agentur damit, sich blind mit ihr zu verstehen, was heiße, dass man stets wisse, was der andere gerade mache. Auch so ein Wert: blindes Vertrauen.


Es geht gar nicht um Haltungen
Soll man also annehmen, dass für die Spieler mehr folgt als ein „tut das bitte nicht wieder“ seitens der Funktionäre? Die Phrase Oliver Bierhoffs, er sei sicher, dass sie sich „mit unseren Werten“ identifizierten, deutet auf das Gegenteil hin. Bierhoff formuliert mit Bedacht nicht, dass er sicher sei, den Spielern sei das politische Geschehen in der Türkei widerwärtig, oder sicher, sie fänden die dortige Rechtsstaatlichkeit zweifelhaft. Vermutlich schätzt er ganz zutreffend ein, dass Gündogan nicht einmal versteht, inwiefern Erdogan nicht „sein Präsident“ ist und was es überhaupt soll, darauf herumzureiten.

Es geht mithin gar nicht um Haltungen, für die man zu verzichten – zum Beispiel auf starke Spieler, WM-Teilnahmen oder Geschäfte – bereit wäre. Es geht nur um moralisches Händeringen vor der Öffentlichkeit. Als Stefan Effenberg einst dem Publikum den Mittelfinger zeigte, flog er auf Geheiß des DFB aus dem Kader. Max Kruse hat es später auf seine Weise auch geschafft, weil er zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort in falscher Begleitung angetroffen worden war. Zu scharfen Entscheidungen war der DFB immer dann bereit, wenn er sich damit wider besseres Wissen als Tugendherberge darzustellen vermochte.

Und also lautet eine Antwort auf die Frage, wie es zur Verlogenheit im Fußball kommt: dadurch, dass man partout behauptet, es gehe im Fußball um Werte, sich aber einfach nicht entscheiden kann, um welche. Und außerdem fürs Gewinnen nicht selten Leute braucht, denen solche Fragen im Zweifel sowieso egal sind.

Jürgen Kaube
Herausgeber.
Quelle: faz
Anmerkung:
Verstehe ich das jetzt richtig, man sollte den DFB Präsidenten, den Bundestrainer und den Team Manager hinsichtlich der
angemahnten Werte beurteilen? Na dann.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 16.05.2018 19:28 | nach oben springen

#2

RE: In der Tugendherberge

in Aus der Welt der Wissenschaft 18.05.2018 18:46
von franzpeter | 9.011 Beiträge

17. Mai 2018, 16:46 Uhr
Umgang mit Job-Absage
"Wagner knallt die Tür so zu, dass es weh tut"

Job-Kandidaten sollten auf eine Absage professioneller reagieren als der Stürmer, sagt Marcus Reif. Der Personal-Experte attestiert aber auch dessen Chef ein Fehlverhalten.

Interview von Larissa Holzki

Sandro Wagner hat den Job als WM-Stürmer nicht bekommen und will jetzt gar nicht mehr für Löw gegen den Ball treten. Bei der Kader-Auswahl für die Weltmeisterschaft in Russland spielte auch das Bauchgefühl des Bundestrainers eine Rolle. Personalleiter Marcus K. Reif erklärt im Interview, wie abgelehnte Kandidaten, aber auch Personaler besser mit solchen Situationen im Berufsleben umgehen.

SZ: Herr Reif, der Nationaltrainer hat einige Entscheidungen bei der Nominierung des WM-Kaders nach Gefühl getroffen. Können Sie das als Recruiting-Experte verstehen?
Marcus K. Reif: Das Bauchgefühl und die Intuition sind extrem wichtig, wenn Sie Bewerber rekrutieren und Mitarbeiter bewerten wollen. Aber viele Personaler lassen sich davon viel zu früh verleiten.

Warum führt das Bauchgefühl in die Irre?
Wenn man schon viele Personalentscheidungen getroffen hat, entwickelt man Muster: Diese Art von Kandidat hat sich als besonders gut herausgestellt, die nehme ich wieder - und umgekehrt. Auf diese Weise übersieht man aber wirklich gute Bewerber, die sich von den bisherigen unterscheiden.

Wie lässt sich das vermeiden?
Indem zuallererst alle rationalen Kriterien verglichen werden: fachliche Kompetenz, Persönlichkeit, analytische und kommunikative Fähigkeiten, aber auch der soziokulturelle Fit, wie man neudeutsch sagt - also die Frage, ob jemand ins Team passt.
Hat Sandro Wagner mit seinem Rumpelstilzchen-Auftritt gerade gezeigt, warum er nicht mit zur Weltmeisterschaft darf? Ist Charakter im Zweifel wichtiger als Leistung?



Das würde ich so pauschal nicht sagen. In meinem Personaler-Netzwerk wird gerade diskutiert, ob Löw die richtige Auswahl getroffen hat.

Für wen hätten Sie sich im Sturm entschieden?
Petersen hat viele Tore geschossen, den muss man im Auge behalten. Bei Gomez und Wagner muss man abwägen: Mario Gomez kann mit seiner Erfahrung in kritischen Situationen vielleicht die richtigen Entscheidungen treffen. Sandro Wagner fällt mit einer gewissen persönlichen Aggressivität auf, ist aber Stand heute eindeutig der bessere Fußballer. Es kann sein, dass der Bundestrainer gesagt hat, der passt ihm sozial nicht so gut ins Gefüge. Aber wenn ich das Turnier gewinnen will, weiß ich nicht, ob das die richtige Entscheidung ist.
Spätestens jetzt wäre er aber vermutlich bei jedem Personaler unten durch. Wagner hat öffentlich gesagt, er könne die Entscheidung des Trainers nicht ernst nehmen und werde nie wieder in der Nationalmannschaft spielen.
Er tut sich mit seinem Verhalten keinen Gefallen, weil es in einen Konflikt mit dem Trainer mündet. Dabei war es vielleicht gar nicht Löw, sondern seine Berater, die gesagt haben: Nimm lieber jemanden mit besserer Laune mit. Wagner knallt die Tür so zu, dass es weh tut. Abgelehnte Bewerber dürfen die Tür nicht zuknallen, wenn der Personaler die Finger noch drin hat.

Das heißt, jetzt sind alle Chancen auf ein Comeback verspielt?
Ich persönlich bin ein Fan davon, ein Affektverhalten nicht überzubewerten. Falls ein Stürmer sich noch verletzt, würde ich Wagner an Löws Stelle anrufen und sagen: Hör mal zu, du bist ein geiler Kicker. Aber ich finde es schwierig, wie du mit der Mannschaft und deinem Ego umgehst. Ich habe folgende Ideen, wie wir daran gemeinsam arbeiten können - und wenn du dazu bereit bist, nehme ich dich gerne mit.

Sie sagen es ja schon selbst, nicht jeder gibt Kandidaten diese zweite Chance. Wie scheitert man stilvoll und hält sich bei einer Absage die Tür offen?
Als abgelehnter Bewerber würde ich sagen: Ich respektiere die Entscheidung, bin aber total interessiert an der Begründung, weil ich der Meinung bin, dass ich jemand bin, der den Unterschied gemacht hätte. Und dann sollte der Personaler in der Lage sein, die Entscheidung zu erklären.
Und dem Kandidaten besser nicht mit dem Bauchgefühl kommen?
Wenn die rationalen Kriterien pari-pari sind, darf man auch das Gefühl beschreiben. Wichtig ist, die Begründung von der Person zu trennen. Sie hat in aller Regel nichts mit dem Menschen und seinem Können zu tun, sondern mit dessen Wirkung in das soziale Gefüge, im Fall Wagner in die Mannschaft hinein. Wenn Löw das so erklärt hätte, wäre der Spieler wahrscheinlich nicht so erbost an die Öffentlichkeit gegangen.

Das heißt, Sie würden sagen, Löw war an dieser Stelle kein guter Chef, kein guter Personalberater?
Ja, das kann man so interpretieren.

Quelle: sz


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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