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Die Eroberung Amerikas, nächste Version

in Aus der Welt der Wissenschaft 03.06.2018 16:49
von franzpeter | 8.711 Beiträge

Indianische Frühgeschichte
Die Eroberung Amerikas, nächste Version
Wann und wie eroberten Amerikas indigene Völker ihren Kontinent? Zwei neue Studien liefern neue Antworten auf diese Frage - die Geschichte der Indianer muss wohl umgeschrieben werden.

Von Frank Patalong
Samstag, 02.06.2018 13:29 Uhr

Zwei unabhängig voneinander entstandene Studien stellen bisherige Vorstellungen über die Besiedlung Amerikas in Frage. Vor allem aber erzählen sie die Herkunftsgeschichte der indigenen Völker neu.


Das gilt vor allem für eine paläogenetische Studie, die ein internationales Team um Christiana Scheib von der Universität Cambridge im Fachblatt "Science" veröffentlichte. Die Gruppe analysierte das Genom von 91 archaischen Amerikanern von beiden Teilkontinenten und verglich es mit den Genen heute lebender Indigener. Was sie fanden, deckt sich nicht mit der weitgehend akzeptierten Geschichte der "indianischen" Einwanderung.

Jedes Gen ist ein Geschichtsbuch
Aus Sicht von Genetikern sind die indigenen Bevölkerungen der zwei amerikanischen Teilkontinente zweigeteilt. Grob gesagt verläuft die Grenze zwischen den sehr nördlichen Völkern der polaren und subpolaren Zonen und den weiter südlich lebenden Indigenen Nord- und Südamerikas.


Bisher ging man davon aus, dass alle heute lebenden Amerikaner indigener Herkunft mit dem Volk der Clovis-Kultur verwandt sind und möglicherweise von ihm abstammen. Das Clovis-Volk breitete sich vor rund 13.000 Jahren in Nordamerika aus.



Die neue Studie zeichnet nun ein ganz anderes Bild, und das kommt einer kleinen Sensation gleich:
Die nördlichsten Populationen amerikanischer Indigener sind demnach keine Abkommen der Clovis, sondern entspringen einer weit älteren Linie: Wahrscheinlich sind sie direkte Abkömmlinge der Ersteinwanderer, die spätestens vor 18.000 Jahren den Weg über die Beringstraße fanden;

Die Clovis waren ein Volk, das erst vor rund 13.000 Jahren aus der südlichen Population der Indigenen hervorging;
Diese südliche Population fand den Weg in die eisfreien Bereiche der amerikanischen Kontinente schon vor mindestens 17.000 Jahren - und nicht erst 4000 Jahre später.


Damit nicht genug: Im Abgleich der untersuchten archaischen DNS mit der heute lebender Indigener zeigt sich, dass es wohl mehrfach zur Vermischung der nördlichen und südlichen Linien der amerikanischen Indigenen gekommen sein muss. Auf Phasen der Trennung, die Jahrtausende umfassen konnte, folgten also Phasen der Kontakte und Wiedervermischung. Passiert sei das vor mindestens 13.000, vielleicht schon 15.000 Jahren.

Es ist ein Zeitfenster, in dem sich Amerika massiv veränderte: Die Meeresspiegel stiegen, der eiszeitliche Gletscherschild schwand, Ökosysteme veränderten sich und die physische Barriere zwischen den nördlichen und südlichen Völkern verschwand.


Manche Völker der ältesten Einwandererlinie, die während der Eiszeit nordwestlich des Eisschilds verblieben waren, schafften es nun bis ganz nach Süden: Auch im Genom südamerikanischer Indigener finden sich Spuren der Gene der nördlichsten Völker. Wo genau die Abstammungslinien aufeinandertrafen, ist nicht zu sagen. Selbst Südamerika ist offenbar nicht auszuschließen.
Nicht Nord versus Süd, sondern Nord-Süd versus Mitte

Denn das ist die größte Überraschung, welche die neue Gen-Studie bereithält: Die Indigenen Südamerikas sind eng verwandt mit den Indigenen im äußersten Norden. Gut möglich, dass Völker der nördlichen Abstammungslinie vor mehr als 13.000 Jahren quasi im Eilmarsch die kanadische und kalifornische Küste hinab nach Mittel- und Südamerika wanderten. Im Genom der dort heute lebenden Indigenen machen die "nördlichen" Gene noch immer 42 bis 71 Prozent aus.

Den höchsten Anteil dieser "Nordgene" fanden die Forscher ausgerechnet in Südchile. Es ist denkbar, dass eine nördliche Pionier-Population ihre Gene vor bis zu 14.500 Jahren so weit nach Süden trug, glaubt Christiana Scheib von der Universität Cambridge. Die Beweislage reiche noch nicht, ein schlüssiges, vollständiges Bild der Wanderungsbewegung zu entwerfen.
Die Daten zeigen zudem, dass Vertreter der nördlichen Population vor allem die - auch klimatisch extremeren - Randbereiche der Kontinente besiedelten. Möglicherweise habe die südliche, von der Clovis-Kultur geprägte Population über Technologien verfügt, die sie der nördlichen, ursprünglicheren überlegen machte. Das könnte bedeuten, dass deren Wanderungsbewegungen auch dazu dienten, dem Druck durch die südliche Konkurrenz auszuweichen.

Die Forschungsgruppe ist sich darüber bewusst, dass ihre Erkenntnisse nicht nur im akademischen Sinne interessant, sondern aus ethno-politischer Sicht brisant sind: Sie stellen die Erklärungen in Frage, die die indigenen Völker Amerikas über ihre Herkunft und Verwandtschaft zueinander gefunden haben.

Geologische Studie: Der Weg ums Eis
Ebenfalls in dieser Woche veröffentlichte ein internationales Forscherteam um Alia J. Lesnek von der Universität Buffalo in "Science Advances" eine Studie, die die Schlüsse der Paläogenetiker stützt. Ihr Team von Geologen und Biologen wollte wissen, ob es überhaupt möglich gewesen wäre, dass Indigene vor deutlich mehr als 13.000 Jahren den Weg nach Süden fanden.



Jason Briner
Möglicher Migrationsweg: die Inseln an Kanadas Pazifikküste, einst durch Gletscher verbunden
Während des letzten glazialen Maximums (21.000 - 18.000 Jahre) war die nördliche Hälfte Nordamerikas fast komplett von Eis bedeckt. Nur Teile von Alaska blieben gletscherfrei und wurden so möglicherweise zum ersten Aufenthaltsort für die Vorfahren amerikanischer Indigener, die über die damals trockene Beringstraße von Sibirien aus herüberwanderten. Sie blieben über Jahrtausende vom Rest des Kontinents abgeschnitten.

Erst vor etwas mehr als 13.000 Jahren, glaubte man bisher, öffnete sich rund 500 Kilometer landeinwärts vom heutigen Verlauf der Pazifikküste ein schmaler, eisfreier Korridor. Auf diesem Wege, so die gängige Erklärung, hätten die Vorfahren der Clovis den Weg nach Süden gefunden.
Doch neuere genetische Untersuchungen deuteten seit einiger Zeit an, dass die Einwanderung schon vor mindestens 17.000 Jahren geschehen sein könnte - und damals existierte der eisfreie Korridor noch nicht. Und falls sie doch durch den Korridor verlief, hätten sich die Einwanderer ihre Lunchpakete selbst mitbringen müssen - für einen Marsch durch 1500 Kilometer lebensfeindliche Landschaft ohne nennenswerte Tier- und Pflanzenwelt. Lesnek und ihre Mitautoren wollten wissen, ob es zu dieser Vorstellung eine plausiblere Alternative gibt - eine Route entlang der Küste.



Jason Briner
Forscherinnen Alia Lesnek, Charlotte Lindqvist (von links): Rekonstruktion einer Landschaft
Das Team aus Geologen und Biologen setzte auf eine Rekonstruktion der dortigen Lebensumstände vor 17.000 Jahren. Ihr besonderes Interesse galt der Küste der heutigen kanadischen Provinz British Columbia: Vor 17.000 Jahren endeten die Gletscher dort, wo heute über 5000 Inseln der Küste vorgelagert liegen. Lesnek wollte wissen: Gab es dort bessere Überlebenschancen?
Die Forscher nahmen Gesteinsproben und überprüften deren Alter, um exakt zu bestimmen, ab welchem Zeitpunkt eine denkbare West-Passage entlang der Küste eisfrei gewesen wäre. Dazu analysierten sie fossile Funde von Tierknochen, um zu einer Rekonstruktion der damaligen Umwelt zu kommen.
Ihr Ergebnis: Vor rund 17.000 Jahren waren die der Küste von British Columbia vorgelagerten Inseln nicht nur eisfrei, sondern boten auch eine hinreichend üppige Umwelt mit Tier- und Pflanzenleben. Man hätte sich problemlos von Fischen, Robben und Vögeln ernähren können - so, wie das die Einwanderer in Alaska getan hatten, seit sie über die Beringstraße kamen.

California, here we come? Der Beweis dafür steht aus, gibt Lesneks Forschungsgruppe zu, denn archäologische Belege für die Anwesenheit von Menschen im betreffenden Zeitfenster fehlen noch. Gesichert sei nun allerdings, dass an der Pazifikküste die Voraussetzungen für diesen archaischen Treck nach Süden bestanden hätten - im Gegensatz zum eisfreien Korridor im Inland, wo das sehr fraglich sei.

Was Lesnek nicht wusste, als sie ihre Studie verfasste: Ihre Hypothese scheint den heute in Amerika lebenden indigenen Völkern quasi ins Genom geschrieben zu sein.


Quelle: spiegel online

Anmerkung:

Nach vielen Artikeln und Filmenüber die Clovis - Kultur sind diese beiden Beiträge hochinteressant.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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