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#1

Merkels Machtverlust - Staatsoper für alle

in Aus der Welt der Wissenschaft 18.06.2018 18:09
von franzpeter | 9.685 Beiträge

Merkels Machtverlust
Staatsoper für alle
Auf der Berliner Bühne wird das Drama um das Ende dieser Kanzlerschaft gespielt. Wer wird am Ende die Rolle des Königinnenmörders übernehmen? Eins ist jedenfalls sicher: Angela Merkel hätte nicht noch einmal antreten dürfen.


Eine Kolumne von Jakob Augstein

Montag, 18.06.2018 14:50 Uhr

Kolumne
In der Berliner Staatsoper wurde am Wochenende das Stück "Macbeth" gegeben. Das große Drama um Ehrgeiz, Macht und Intrige. Die Öffentlichkeit durfte draußen zusehen - ganz ohne Eintritt. Die Reihe heißt "Staatsoper für alle." Das passt. Ganz Berlin ist ja eine Bühne und im Moment spielt auch in der Bundesoper ein Stück schottischer Familienaufstellung: das große Drama um Merkels Ende. Schade, dass Verdi und Shakespeare tot sind. Sie könnten hier eine Menge lernen, was Wahnsinn angeht und Skrupellosigkeit.


Wo die Wirklichkeit zum Theater wird, sitzen die Hauptfiguren im Publikum: Wolfgang Schäuble und Jens Spahn waren auch zu Gast an jenem Abend. Lady Macspahn? Wolfgang Macduff? Die Rollen im Schmierentheater der Union sind noch nicht ganz klar verteilt. Aber wahrscheinlich belächelten die beiden im Stillen das Spiel der Amateure auf der Bühne.
Bei Verdi singt Lady Macbeth: "Der Weg zur Macht ist voll von Verbrechen, und wehe dem, der unentschlossen ist und zurückschreckt!" Keine Sorge: Die Neigung, Verbrechen zu begehen, steigt bei der CSU mit jedem Tag, den die Bayernwahl näher rückt. Verdis Libretto liefert das Skript für den CSU-Wahlkampf: "Oh Wollust der Macht! Szepter, endlich bist du mein! Jedes irdische Verlangen verstummt und wird durch dich gestillt." Das ist gewissermaßen O-Ton Markus Söder.

Europa kann nicht warten
Anders als im Drama liegt in der Wirklichkeit das Problem beim König - in unserem Fall der Königin. Man konnte es schon im Herbst 2016 wissen, als sie die Entscheidung fällte, weiterzumachen: Merkel hätte nicht noch einmal antreten dürfen. Da vom ersten Tag an klar war, dass diese Amtszeit ihre letzte sein würde, läuft seit dem ersten Tag die Suche nach der Nachfolge. So aber kann Merkel das Land nicht mehr regieren. Wenn das Ende der Macht in Sicht ist, ist die Macht am Ende.

Die Deutschen könnten es mit einer schwachen Regierung schon ein paar Jahre aushalten. Dann bleiben die unerledigten Probleme dieser Kanzlerschaft - Bildung, Digitalisierung, Infrastruktur, Integration, Klimapolitik, soziale Gerechtigkeit - halt noch länger unerledigt. Die Deutschen haben sich an niedrige Löhne und fehlende Lehrer gewöhnt, und daran, dass die Bahn zu spät oder gar nicht kommt. Die Deutschen sind genügsam. Aber Europa kann nicht warten. Europa braucht eine starke deutsche Regierung so dringend wie nie zuvor. Und genau die kann Merkel nicht mehr gewährleisten.

Als Merkel sich zu einer neuen Kandidatur bekannte, hieß es, ihr Verantwortungsgefühl habe sie bewogen, weiterzumachen. Es hätte sie bewegen müssen aufzuhören. Der Glaube, unersetzbar zu sein, ist eine ungeheuerliche Hybris. Man will ein Übel abwenden - und beschwört es dadurch herauf. Aus diesem Stoff werden Tragödien gewoben.
In der Politik gibt es kein Gewissen
Es war einem Königsdrama entlehnt, einem Kriegermythos, einer wahren Legenda aurea der politischen Selbstlosigkeit, wie Merkels Leute Ende 2016 ihre Entscheidung, noch einmal anzutreten, inszenierten. Die " Süddeutsche Zeitung" beschrieb damals, wie die Kanzlerin mit sich rang, bevor sie sich zum Weitermachen entschloss: die Kanzlerin allein, mit wenigen Getreuen, "in sehr kleiner Runde". Sie denkt ans Aufhören, an den Abgang aus freien Stücken, der noch keinem gelang. Dann Aufritt Joachim Sauer, der Ehemann, der mahnt, es dürfe nicht die Eitelkeit, auch hier die Erste zu sein, den Ausschlag geben. Nach kurzer Anfechtung siegt die Pflicht.

Ach Angela! Hättest du uns das doch erspart!
Jetzt zahlen wir alle den Preis. Jetzt kann eine Regionalpartei die größte europäische Volkswirtschaft am Gängelband ihrer egoistischen Interessen herumführen. Und jetzt müssen wir zusehen, wie Horst Seehofer - der Westentaschenwarlord aus Ingolstadt - dieses Land, das in Wahrheit weit entfernt ist von der Grenze seiner Belastbarkeit, was die Migration angeht, aus purer Furcht in ein mieses Rattenrennen führen will. Seehofers Plan bestimmte Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen, ganz gleich, was die europäischen Nachbarn davon halten, kann zu einem Dominoeffekt der Schäbigkeit führen: von Nord nach Süd werden die Grenzen geschlossen und die letzte Grenze ist das Meer. Italien hat gerade dem Schiff "Aquarius" mit mehr als 600 Menschen an Bord die Einfahrt in seine Häfen verboten.

Aber das kümmert Seehofer nicht, und Söder und Spahn. Bei Verdi und bei Shakespeare hat das Gewissen noch die Kraft, die Menschen am Ende um den Verstand zu bringen. "Ich wollte 'Amen' sagen, doch das widerspenstige Wort erstarrte auf meinen Lippen", ruft Macbeth, der verzweifelte Königsmörder: "Warum konnte ich das 'Amen' nicht wiederholen?"
Aber das ist nur Theater. In der Wirklichkeit der Politik gibt es so etwas wie Gewissen nicht.

Quelle: spiegel online


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#2

Oh mei, CSU

in Aus der Welt der Wissenschaft 18.06.2018 18:34
von franzpeter | 9.685 Beiträge

10. Juni 2018, 18:24 Uhr
Prantls Blick
Oh mei, CSU


Die CSU verwandelt sich in eine anti-europäische, kleinbayerische Partei - eine Partei, vor der sie ihre Wähler immer gewarnt hat. Warum sie jetzt einreißt, was sie jahrzehntelang aufgebaut hat.


Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl
Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Meinung der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.
"Erst kommt Bayern, dann kommt nochmal Bayern, dann kommt ein großer Mistwagen; und dann erst kommt der Rest der Republik". Wenn der "Stumpen-Franz", der ein gutmütiger Grantler in meiner oberpfälzischen Heimat war, im "Gasthaus zum Bären" so daherredete - natürlich nicht auf hochdeutsch, sondern in kehligem hochoberpfälzisch -, dann war er entweder saugut aufgelegt oder sauschlecht.
Die Weisheiten des "Stumpen-Franz"

Bei der CSU ist das auch so ähnlich. Wenn sie sich so aufführt wie derzeit, könnte das ein Ausdruck von behaglicher Kraftprotzerei sein, Emanation eines sauguten Gefühls also. Mir wäre wohler, es wäre so; dann wäre die CSU kalkulierbar. Wenn es der CSU aber sauschlecht geht, wenn ihr Selbstbewusstsein nur noch mühsame Schauspielerei, also maskierter Verdruss ist und mit Furor getarnte Verzweiflung, dann wird es gefährlich; dann, so würde der Stumpen-Franz da sagen, reißt sie "mit dem Oasch" ein, was sie in Jahrzehnten aufgebaut hat.

Die europäischen Sterne im Straßengraben bei Freilassing
Genau das passiert derzeit. Die CSU reißt das Bündnis mit der CDU ein; sie reißt Merkel vom Kanzlerstuhl; sie reißt ihre Beziehungen zur Europäischen Union kaputt; sie zerreißt sich selbst und ihre eigene Geschichte. Eine kleingeistige, nationalistische Partei wollte die CSU nie sein, jedenfalls nicht die Strauß-CSU; jetzt wird sie eine. Aus Trotz gegen Merkel und aus Zorn über die Flüchtlingspolitik denkt und agiert sie so eingekastelt wie Viktor Orbán in Ungarn und Jarosław Kaczyński in Polen. Sie wirft die europäischen Sterne, die seit Franz Josef Strauß zum bayerischen Weiß-Blau gehörten, in den Straßengraben bei Freilassing, an der bayerisch-österreichischen Grenze.
Gegen populistisch dargebotene Politik wäre ja nichts zu sagen; jede erfolgreiche Politik muss sich populär und populistisch präsentieren können. Aber die CSU, so wie sie jetzt agiert, präsentiert sich nicht populistisch; sie ist es. Sie internalisiert ihre Attitüde. Sie macht, was bisher gelegentlich krachende Koketterie war, zum Kern ihrer Politik. Die CSU wird zu einer Partei, vor der sie ihre Wähler immer gewarnt hat.





Bayern zuerst - und was daraus wird
Um zu verstehen, was da Grausliges passiert, muss man zurück in die Geschichte gehen, zurück bis 1946. Aus diesem Jahr stammt das Motto "Bayern zuerst" - das Motto also, das die CSU jetzt trumpisiert und pervertiert. Das Motto "Bayern zuerst" hat ein Sozialdemokrat erfunden und es gehört zu einer besonderen geschichtlichen Situation: Der Sozialdemokrat war Wilhelm Hoegner; er war der erste bayerische Ministerpräsident nach dem Krieg; und er blieb bis heute der einzige Sozialdemokrat in diesem Amt. Das war und ist unter anderem deswegen so, weil die CSU sich sein Motto "Bayern zuerst" geschickt und auf traditionspachtende Weise einverleibte.
Bayern zuerst: Wilhelm Hoegner postulierte das Motto in einer Zeit, als das Schicksal Deutschlands noch in den Sternen stand und an ein Europa noch nicht zu denken war. Die bayerische Staatlichkeit hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, es war 1946, soeben wieder konstituiert, aber eine deutsche Staatlichkeit war noch nicht in Sicht. Als die verfassunggebende bayerische Landesversammlung zusammentrat, ließ Hoegner 1946 die Große Aula der Universität in München mit weiß-blauen Fahnen schmücken, was ein aufsehenerregendes Ereignis war; "Deutschland" erwähnte er mit keinem einzigen Wort; seine Lust auf Souveränität war gewaltig.

Das Spielerische geht über in etwas Stures
Bayern zuerst: Die CSU, die seit dem Rücktritt Hoegners in Bayern ununterbrochen an der Macht ist, hat sich dieser Hoegnerschen Lust mit Lust angenommen. Sie hat dieses Motto auch dann noch potenziert, dekliniert, ziseliert, poliert und vor allem folklorisiert, als die Bundesrepublik sich schon längst etabliert hatte, als Europa sich entwickelte und als Bayern ein normales, aber eben doch irgendwie unnormales deutsches Bundesland geworden war - unnormal unter anderem deswegen, weil die CSU das Bayerische immer besonders weit heraushängen ließ; weiter als etwa die Schwaben das Schwäbische oder die Hessen das Hessische. Das wirkte immer irgendwie sympathisch, weil man in anderen Teilen Deutschlands das Gefühl hatte, man sei in Urlaub, wenn man die Bayern hörte. Das Spielerische, das das "Bayern zuerst" hatte, geht jetzt verloren und geht über in etwas Stures, Trauriges und Verbissenes.
Ein seltsames Paar waren CDU und CSU freilich auch in besseren Tagen als heute. Sie nannten und nennen sich Schwesterparteien. Aber zwei Schwestern sind einem bei dieser Politkombination noch nie eingefallen; eher schon klassische Männerpaare, zu deren Zauber und Fluch es gehört, dass man sie sich nur zu zweit und in vitalisierender Rivalität denken kann: Denkt man an Laurel, denkt man an Hardy. Tritt einem Max vor Augen, ist auch Moritz schon da. Darin bestand das Reizvolle und Erfolgreiche dieser Parteiengemeinschaft. Die Geschichte dieses Reizes, der oft polit-folkloristischer Art war, zieht sich durch die Geschichte der Republik: Adenauer, Kohl und Merkel auf der einen Seite, Strauß, Stoiber & Seehofer auf der anderen.
Weiter rechts, mehr in der Mitte
Attacken der CSU gegen die CDU sind nicht neu. Die Angriffe des CSU-Chefs Strauß gegen den CDU-Chef Kohl, dem er, bevor dieser dann für 16 Jahre Kanzler wurde, in wütend-sarkastischer Rede jede Eignung für die Kanzlerschaft absprach, sind legendär. Diese Angriffe endeten auch nicht, als Kohl Kanzler war. 1986, da war der Pfälzer schon seit vier Jahren Kanzler, giftete der Bayer über Kohls Regierungszentrale: "Auf der Ölspur der eigenen Dummheit fahren die da Karussell." Anlass für den CSU-Zorn damals waren Erfolge der "Republikaner", die freilich nur bei ein paar Prozent lagen, weit entfernt von denen der heutigen AfD. Deswegen kündigte Strauß damals an, mit einem eigenen Programm in den Bundestagswahlkampf ziehen zu wollen; die CSU sollte weiter rechts, die CDU mehr in der Mitte agieren.
Nichts Neues also? Doch. Neu ist die nicht mehr von Ironie oder Spott ummantelte Schärfe der Angriffe. Aus internen Attacken sind externe und frontale geworden, auf offener Bühne; ihnen fehlt auch die rabiate Raffinesse, die nicht nur den Unionisten früher was zu lachen gab. Es gibt nichts mehr zu lachen. Und die gefühlte Einigkeit von CDU und CSU im Grundsätzlichen - die gibt es auch nicht mehr; es war dies eine von Ausnahmen gewürzte Geschlossenheit.

Die CSU verwandelt sich in eine anti-europäische, kleinbayerische Partei. Vielleicht wäre dem "Stumpen-Franz" da das Reden ganz vergangen. Wenn es ganz schlimm war, stierte er nur noch vor sich hin und seufzte: O mei. Bei besonderer Bitterkeit ließ sich das immer wiederholen: O mei, o mei, o mei. Sehr viel mehr mag einem zur CSU auch nicht einfallen.
Quelle: sz

Anmerkung: :Da fällt mir noch die Föhnschädigung im Alpenraum ein.

Föhn ist ein warmer, oft stürmischer Fallwind an der Alpennordseite mit geringer Luftfeuchtigkeit. Dass Föhn vielen Menschen im Voralpenland zu schaffen macht, hat vermutlich mit den niederfrequenten Luftdruckschwankungen zu tun, die die Luft bis in Bodennähe ins Schwingen bringen. Typische Beschwerden sind: Kopfschmerzen, Migräne, Schlafstörungen aber vor allem auch psychische Beschwerden wie Aggression oder Depression. Untersuchungen ergaben, dass besonders wenn der Luftdruck rasch anstieg, die Zahl der Einweisung in psychiatrische Kliniken und der versuchten Selbstmorde um bis zu 20 Prozent zunahm. Erstaunlicherweise gibt es aber, Untersuchungen zufolge, weniger Verkehrsunfälle bei Föhnwetter. (medizin-info)


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 18.06.2018 19:02 | nach oben springen


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