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Artensterben - Die Politik ist bestens informiert

in Aus der Welt der Wissenschaft 04.07.2018 08:42
von franzpeter | 9.716 Beiträge

Die Politik ist bestens informiert

Die Politik ist bestens darüber informiert, dass nicht nur Insekten und Vögel,
sondern auch viele andere Tiere Gefahr laufen zu verschwinden.
Das zeigt ein
Blick in die " Naturschutzoffensive 2020
https://www.bmu.de/naturschutz-offensive-2020/ " des
Bundesumweltministeriums.

Bezogen auf alle Arten heißt es dort: "Insgesamt ist nur bei 25 Prozent der
Arten der von der EU geforderte günstige Erhaltungszustand erreicht, 29 Prozent
zeigen einen schlechten und 31 Prozent einen unzureichenden Erhaltungszustand."


SZ 2. Juli 2018

Artensterben

In der Natur ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten

- Weil Insekten massenhaft sterben, geht auch die Zahl der Vögel zurück.
- Diesen Zusammenhang belegen neue Auswertungen von Wissenschaftlern.
- Viele Vogelarten können ihren Nachwuchs nicht mehr durchbringen, weil sie
nicht genügend Insekten als Nahrung finden.
- Vor allem die intensive Landwirtschaft trägt nach Ansicht von Ökologen zum
Verlust der Artenvielfalt bei.


Von Tina Baier

Agrarlandarten wie der Kiebitz sind in Deutschland selten geworden.
Das Insektensterben in Deutschland musste Konsequenzen haben. So viel war klar.
Was Rainer Dröschmeister herausgefunden hat, ist dennoch erschreckend. Als im
Herbst des vergangenen Jahres in der Fachzeitschrift Plos one die "Krefelder
Studie
http://journals.plos.org/plosone/article...al.pone.0185809
" erschien, die belegte, dass seit 1989 in weiten Teilen Deutschlands mehr als
zwei Drittel der fliegenden Insekten verschwunden sind
http://www.sueddeutsche.de/wissen/insekt...hland-1.3713567
, verglich der Vogelschutzexperte am Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn
die Daten der Insektenforscher mit dem, was aus dem jährlichen Monitoring der
Brutvögel in Deutschland bekannt ist. "

http://www.sueddeutsche.de/wissen/insekt...hland-1.3713567
Die Entwicklungen stimmen exakt überein", sagt er.


Seine Diagramme zeigen den Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Insekten
und dem Verschwinden jener Vögel, die Insekten fressen. 50 Prozent dieser Arten
sind ebenfalls stark zurückgegangen, manche um mehr als ein Drittel. "Wir haben
uns damals gefragt, warum vor allem Vögel, die kleine Insekten fressen, solche
Probleme haben", sagt Sven Trautmann vom Dachverband Deutscher Avifaunisten
(DDA). Jetzt gibt es eine Erklärung.


Von den 248 Vogelarten, die in Deutschland brüten, ernähren sich 80 Prozent
von tierischer Kost, die Hälfte von ihnen bevorzugt Insekten. Viele Arten, die
als Erwachsene etwas anderes fressen, füttern zumindest ihre Jungen mit den
Kerbtieren. "Der Insektenschwund hat unter anderem zur Folge, dass ein Teil der
Brut schlicht verhungert, weil die Eltern nicht genügend Nahrung finden, um
alle durchzufüttern", sagt Dröschmeister.


Die intensive Landwirtschaft lässt den Tieren keinen Raum

Anders als bei den Insekten, über deren Zahl es außer der Krefelder Studie nur
wenige Langzeituntersuchungen gibt, weiß man über die Entwicklung der
Vogelbestände in Deutschland ziemlich genau Bescheid. Seit 1990 erfasst der DDA
alljährlich systematisch die Zahl der Vogelarten, die in Deutschland brüten.
Das ist nur mithilfe vieler ehrenamtlicher Hobbyornithologen möglich, die
viermal im Jahr 2637 über ganz Deutschland verteilte Probeflächen ablaufen und
alle Vögel notieren, die sie dort sehen oder hören. Das Programm wurde unter
anderem deshalb ins Leben gerufen, weil Ende der 1980er Jahre klar wurde, dass es
nicht nur seltenen und spektakulären Vogelarten wie Weißstorch und Steinadler
schlecht ging, sondern auch so manchem Allerweltsgefieder.

Zudem seien Vögel ausgezeichnete "Indikatoren für die Qualität einer
Landschaft", sagt Trautmann: Geht es den Vögeln schlecht, kann man davon
ausgehen, dass auch andere Tiere ums Überleben kämpfen, und dass die
Artenvielfalt insgesamt abnimmt.
Die Daten des DDA belegen eine dramatische
Entwicklung: "Bis 2009 ging circa jede dritte Vogelart in ihrem Bestand zurück
und seitdem ist keine fundamentale Trendwende zu erkennen", sagt Trautmann. "Der
Schwund geht weiter", bestätigt auch Dröschmeister.

Besonders besorgniserregend ist die Lage der sogenannten Agrarlandarten. Der
Bestand des Kiebitzes beispielsweise ist seit 1990 um drei Viertel eingebrochen.
Auch nach 2009 ging es mit dieser Spezies weiter kontinuierlich bergab, mit einem
ganz leichten Aufwärtstrend im Jahr 2015. Ähnlich schlecht sieht es für die
Feldlerche aus, deren Bestände sich im selben Zeitraum halbiert haben. Der Grund
dafür ist nicht allein das Insektensterben. "Es gibt ein ganzes Bündel von
Ursachen, die wichtigsten hängen mit der Landwirtschaft zusammen", sagt
Dröschmeister.

Ganz banal werden die Nester von Vögeln wie der Feldlerche, die direkt auf dem
Ackerboden brüten, von Geräten der intensiven Landwirtschaft überfahren. Dazu
kommt die starke Düngung, die Gras und Getreide innerhalb kürzester Zeit sehr
hoch wachsen lässt. Die Vögel sitzen dadurch mit ihrer Brut im Dunkeln und
Feuchten, was für viele Arten ein Problem ist. Der dichte Bewuchs der
Ackerflächen verschärft zudem den Mangel an Insektenfutter, weil die Vögel an
ihre Nahrung etwa in einem dichten Maisfeld gar nicht mehr herankommen.


Dass der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln die Zahl der Insekten
dezimiert, liegt auf der Hand. Ob die Pestizide den Vögeln auch direkt schaden,
wenn sie damit in Kontakt kommen, ist wissenschaftlich noch nicht erwiesen. "Es
geht nicht um Vögel, die unberührte Natur zum Überleben brauchen", sagt
Trautmann. Sondern um Arten, die bereits an eine extensive Bewirtschaftung durch
den Menschen angepasst waren. Sogar diese Spezies haben Probleme mit der
intensiven Landwirtschaft, weil sie ihnen keinen Raum zum Überleben lässt.


Die Politik ist bestens informiert

Extrem negativ hat sich auf viele dieser Vogelarten ausgewirkt, dass die Zahl
der so genannten Brachflächen, die nicht bewirtschaftet werden, seit dem Jahr
2007 stark zurückgegangen ist. Vor diesem Zeitpunkt hat die Europäische Union
solche Flächen finanziell gefördert, mit dem Effekt, dass teilweise mehr als
ein Zehntel der Ackerfläche in Deutschland unberührt blieb und Unterschlupf
und Nahrung für Vögel bot.


Seit diese Förderung eingestellt wurde, werden die meisten dieser Flächen
wieder intensiv bewirtschaftet. Im Jahr 2015 lagen nach Informationen des BfN
nur noch 1,7 Prozent der Ackerfläche in Deutschland brach. "Die Bestandskurven
vieler Arten spiegeln diese Entwicklung wider", sagt Trautmann.
Die Zahl der
Grauammern zum Beispiel hat Mitte der 1990er-Jahre, als die Förderung der
Brachflächen begann, deutlich zugenommen. 2007, als sie wieder eingestellt
wurde, ist der Bestand dann erneut eingebrochen. Vogelschützer nennen das den
"Erneuerbare-Energien-Knick", weil die ehemaligen Brachflächen jetzt oft
genutzt werden, um dort zum Beispiel Raps für Biodiesel oder Mais für
E1o-Benzin und Biogasanlagen anzubauen.

Etwas besser als auf dem Land geht es Vogelarten, die gerne in unmittelbarer
Nähe des Menschen leben. Die drei häufigsten Spezies in Siedlungen und
Städten sind Amseln, Buchfinken und Spatzen.
Nach den Daten des DDA gibt es in
manchen Jahren zwar weniger Amseln als in anderen. Über einen längeren
Zeitraum betrachtet ist der Bestand dieser Art aber stabil geblieben. Ganz
ähnlich sieht es beim Buchfink aus. Und der Spatz, der in den 1990er-Jahren und
zu Beginn des neuen Jahrtausend stark zurückgegangen ist, erholt sich seit dem
Jahr 2009 langsam wieder.


Noch gibt es in Deutschland mehr Vögel als Menschen

Weniger gut sieht dagegen die Entwicklung der Stare aus. Die für ihre riesigen
Schwärme und ihr Talent als Stimmenimitatoren bekannten Vögel sind zwar immer
noch relativ häufig. Doch die Daten des DDA zeigen eindeutig, dass die
Star-Population Jahr für Jahr zurückgeht. Auch die Girlitze, deren Ruf klingt
wie ein verrosteter Kinderwagen, werden seit Ende der 1990er-Jahre kontinuierlich
weniger. Dem Mauersegler geht es kaum besser. Neben dem Insektensterben leiden
diese Arten auch unter einem Mangel an Brutplätzen: In sanierten und
wärmegedämmten Gebäuden gibt es für diese Tiere keine Nischen oder Höhlen
mehr, in die sie ihre Eier legen könnten. Gute Nachrichten gibt es dagegen von
Vogelarten, die in den Wäldern Deutschlands leben. Sowohl mit dem Schwarzstorch
als auch mit dem Kleiber geht es seit Jahren bergauf. Dasselbe gilt für den
Mittelspecht.

Tatsache ist aber, dass 118 der 248 in Deutschland brütenden Vogelarten
gefährdet sind und deshalb auf der "Roten Liste der Brutvögel Deutschlands"
stehen, die im Auftrag des Deutschen Rats für Vogelschutz herausgegeben wird.
"Das Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten, kann bereits jetzt
als gescheitert angesehen werden, da die Anzahl der in ihrem Bestand
gefährdeten Arten zugenommen hat", sagt Trautmann.

Nach Ansicht vieler Vogelschützer liegt das unter anderem daran, dass es in
Deutschland zwar auf dem Papier 742 Vogelschutzgebiete gibt, dort aber in der
Praxis oft wenig zum Schutz der Vögel getan wird.

Für viele dieser Gebiete gibt es weder einen Managementplan noch irgendwelche
Einschränkungen für die Landwirtschaft. Es darf vielerorts uneingeschränkt
gedüngt und Pestizid ausgebracht werden, Schutzgebiet hin oder her.


Wie das Insektensterben zeigt auch der Schwund der Vögel, dass in der Natur
etwas grundsätzlich aus dem Gleichgewicht geraten ist.


Die Politik ist bestens darüber informiert, dass nicht nur Insekten und Vögel,
sondern auch viele andere Tiere Gefahr laufen zu verschwinden. Das zeigt ein
Blick in die "Naturschutzoffensive 2020" des Bundesumweltministeriums. Bezogen
auf alle Arten heißt es dort: "Insgesamt ist nur bei 25 Prozent der Arten der
von der EU geforderte günstige Erhaltungszustand erreicht, 29 Prozent zeigen
einen schlechten und 31 Prozent einen unzureichenden Erhaltungszustand."


Noch gibt es in Deutschland mehr Vögel als Menschen. Auf jeden der etwas mehr
als 80 Millionen Einwohner kommt ungefähr ein Vogelpaar. Höchste Zeit, etwas zu
unternehmen, damit sich das Verhältnis nicht irgendwann umkehrt.


Quelle:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/2.220/...raten-1.4036938
<http://www.sueddeutsche.de/wissen/2.220/artensterben-in-der-natur-ist-etwas-aus-dem-gleichgewicht-geraten-1.4036938>



Dazu:

Das Insektensterben bedroht unsere Lebensgrundlagen
Nicht nur in Deutschland sterben die Insekten. Am Ende wird das auch die
Menschen massiv treffen.

Von Tina Baier

Mehr:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/biolog...lagen-1.3734633
<http://www.sueddeutsche.de/wissen/biologie-das-insektensterben-bedroht-unsere-lebensgrundlagen-1.3734633>



Die Stille in der Feldmark

Manche Vogelarten wie Rebhuhn oder Feldlerche sind in Deutschland in den
vergangenen Jahren um mehr als 95 Prozent zurückgegangen. Schuld daran ist die
moderne Landwirtschaft.


Von Stefan Börnecke

Mehr:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/vogels...dmark-1.3543181
<http://www.sueddeutsche.de/wissen/vogelsterben-die-stille-in-der-feldmark-1.3543181>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 04.07.2018 08:47 | nach oben springen


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