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Eigene Initiative gegen Politik und Abgasbetrüger

in Aus der Welt der Wissenschaft 10.08.2018 08:04
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Ein Bündnis aus Zivilgesellschaft und Teilen der Industrie startet eigene
Initiative gegen Politik und Abgasbetrüger


spiegel.de 09.08.2018

Abgasskandal

Initiative nimmt Hardware-Nachrüstung für Dieselautos selbst in die Hand

Die Autoindustrie lehnt technische Nachrüstungen für schmutzige
Dieselfahrzeuge ab. Auch das Verkehrsministerium lässt betroffene Pkw-Besitzer
im Stich. Eine Initiative präsentiert nun eine mögliche Lösung.

Von Jürgen Pander

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) lehnt eine Hardware-Nachrüstung
für ältere Dieselautos nach wie vor ab. Obwohl die Fahrzeuge die Atemluft weit
mehr mit Schadstoffen belasten als erlaubt.


Etwaige Gesundheitsschäden für Millionen von Menschen nimmt er so in kauf,
Hunderttausende Eigentümer von Diesel-Pkw in Deutschland müssen horrende
Wertverluste ihrer Autos hinnehmen - und erste Fahrverbote.

Eine neue, in Berlin vorgestellte Initiative will das verhindern und schaffen,
was Politik und Industrie bislang versäumt haben. Nämlich eine technische
Nachrüstlösung anzubieten, mit der die bisherigen Diesel-Stinker die gültige
Abgasnorm Euro-6d erfüllen.


Zugleich wollen sie dafür sorgen, dass die Kosten für diese Nachrüstung vor
Gericht von den Herstellern zurückgefordert werden können.


Unter dem Motto "Was die Politik nicht schafft, gelingt uns" tritt eine Art
Bündnis aus Zivilgesellschaft und Teilen der Industrie an.

Dazu gehören der ehemalige Abteilungsleiter des Umweltbundesamts, Axel
Friedrich, der ehemalige Richter und Landtagsabgeordnete Hartmut Bäumer
(Bündnis 90/Die Grünen), der Automobilklub ADAC, das Aktionsbündnis
Gerechtigkeit im VW-Abgasskandal und die auf Abgastechnik spezialisierte Firma
Twintec Baumont aus Königswinter
.


Das ungewöhnliche Bündnis hat sich aus unterschiedlichen Motiven
zusammengefunden.

Axel Friedrich streitet seit Jahren für weniger Schadstoffe in der Atemluft,
Hartmut Bäumer will den politisch verfügten Wertverlust Hunderttausender
Diesel-Pkw nicht einfach hinnehmen, er selbst fährt einen vom Abgasskandal
betroffenen Audi.

Der ADAC tritt grundsätzlich für eine Hardware-Nachrüstung von Diesel-Stinkern
ein. Die Firma Twintec Baumont wiederum hat einerseits die nötige Technik im
Angebot und würde sich natürlich über zusätzliche Aufträge freuen.


Einig sind sich alle Beteiligten darin, dass drei Jahre nach Bekanntwerden des
Abgasskandals endlich gehandelt werden muss, um den Besitzern der betroffenen
Dieselautos zu helfen und die Schadstoffbelastung durch diese Fahrzeuge
wirkungsvoll zu reduzieren.


Für die Nachrüstlösung, die im Wesentlichen aus einem sogenannten
SCR-Katalysator samt Harnstofftank besteht, ist eine Teile-ABE (Allgemeine
Betriebserlaubnis) beim Kraftfahrtbundesamt beantragt und dürfte in einigen
Wochen genehmigt werden. Die Technik basiert auf einem Zusatztank im Auto, in dem
sich eine Harnstofflösung namens AdBlue befindet, die im gasförmigen Zustand in
den Abgasstrom eingedüst wird. Unter dem Einfluss von Hitze entsteht Ammoniak,
der wiederum mit den giftigen Stickoxiden reagiert und diese im Katalysator in
harmlosen Stickstoff und Wasserdampf umwandelt.



Erst zahlt der Autobesitzer, dann wird auf Erstattung geklagt

"Diese Technik senkt die Stickoxidemissionen um mindestens 90 Prozent, bei
unseren Messungen waren es sogar mehr als 95 Prozent", sagt Axel Friedrich.


Die verwendeten Bauteile seien - bis auf einen verbesserten Ammioniakgenerator -
seit Langem verfügbare Serienteile, deren Langlebigkeit umfassend nachgewiesen
sei.


Die Konstruktion von Twintec erhitzt AdBlue in einem separaten Bauteil, was zu
einer effektiveren Reduktion der Schadstoffe bei niedrigen Temperaturen führt.
Die Unterbringung des Harnstofftanks sei bei den allermeisten Fahrzeugen kein
Problem, bei vielen Audi-Modellen etwa passe er in die Ersatzradmulde, beim VW
Sharan beispielsweise in die Seitenmulde des Laderaums, so Friedrich.


Zunächst müssen die Fahrzeughalter die Nachrüstung vorfinanzieren. Nach
aktueller Kalkulation kostet die Technik 1479 Euro, dazu kommen Einbaukosten
(zirka 300 Euro) und die Mehrwertsteuer.


"Insgesamt entstehen voraussichtlich Kosten von knapp 2000 Euro", sagt Friedrich.
Sobald jedoch die Nachrüstung erfolgt und bezahlt ist, sollen die Kosten auf dem
Klageweg von den jeweiligen Fahrzeugherstellern zurückgefordert werden.


Jurist Hartmut Bäumer erklärt, dass in den meisten Fällen die ohnehin
anhängigen Klagen auf Rückerstattung des Kaufpreises (allein bei der
Verbraucherschutzplattform MyRight sind mehr als 15.000 Kläger gegen VW
registriert) umgewandelt werden in Klagen auf Rückerstattung der
Nachrüstkosten. "Im Grunde handelt es sich dann um eine typische Nachbesserung,
wie sie auch im Schadensersatzrecht vorgesehen ist", sagt Bäumer
.


Nachrüstung würde Fahrverbote obsolet machen

Ob das juristische Nachspiel der Nachrüstung, also die Rückforderung der
Kosten, tatsächlich so reibungslos wie geplant laufen wird, ist wahrscheinlich,
aber längst nicht sicher. Unproblematisch hingegen scheint die behördliche
Abwicklung zu werden.


Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) hat bereits seine Kooperationsbereitschaft
signalisiert, die nötigen Genehmigungen zum Einbau der Nachrüsttechnik sind
auf dem Weg.
Und das Land Baden-Württemberg wiederum hat zugesagt,
Einfahrgenehmigungen für die Fahrverbotszonen für jene Diesel-Pkw zu erteilen,
die nachgerüstet wurden und damit die Abgasnorm Euro-6d erfüllen; das dürften
andere Bundesländer ähnlich handhaben.

Die Internetadresse, unter der sich die Interessenten für die
Hardware-Nachrüstung registrieren lassen können, wird in diesen Tagen
freigeschaltet. Sobald mehr als tausend Fahrzeughalter mitmachen, wird die
Initiative endgültig gestartet.


Axel Friedrich: "Wir sind vorbereitet. Wenn alles klappt, wie wir uns das
erhoffen, werden die ersten Autos noch im Oktober umgerüstet."



Quelle:
http://www.spiegel.de/auto/aktuell/diese...-a-1222236.html
<http://www.spiegel.de/auto/aktuell/dieselskandal-neue-initiative-zur-hardware-nachruestung-a-1222236.html>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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