GKR-Forum

a_6.jpg a_6.jpg

#1

Wölfe in Deutschland Das Rotkäppchen-Syndrom geht um

in Aus der Welt der Wissenschaft 09.12.2018 16:33
von franzpeter | 9.216 Beiträge

7. Dezember 2018, 18:57 Uhr
Wölfe in Deutschland
Das Rotkäppchen-Syndrom geht um

https://www.sueddeutsche.de/panorama/wol...chutz-1.4243358
Ein Wolf - allerdings nicht in freier Wildbahn, sondern im Gehege eines Wildparks. (Foto: dpa)




Feedback

Der Wolf ist zum Symbol geworden - und ist doch vor allem ein Tier. So sollte er auch behandelt werden.

Kommentar von Matthias Drobinski
Wenn er das wüsste, der Wolf! Sogar auf dem CDU-Parteitag in Hamburg streiten die Menschen über ihn. Und als neulich die Bundeskanzlerin nach Dresden kam, da heizten ihr die sächsischen Parteifreunde ein: Sie lasse den Osten mit den Wölfen allein, und nur die AfD habe in dieser Sache das Ohr am Volk. Die wiederum klingt, als drohe Deutschlands Untergang: Horden fremder Räuber kämen illegal über die Grenze und fräßen deutsche Lämmer, Zicklein, Kälbchen - und bald auch Kindergartenkinder. Da helfen nur Obergrenze und Abschussquote! Die CDU möchte nun, getrieben vom wachsenden Wolfszorn, das Raubtier vom Naturschutz- ins Jagdrecht überführen, was nach Ansicht vieler Experten weniger den Schafen als vielmehr dem Menschengemüt hilft. In ländlichen Gegenden hat inzwischen jeder Vierte Angst vorm Wolf.


Die Wolfsdebatte, die das Land zunehmend spaltet in Wolfskritiker und Wolfsfreunde, ist ein schönes Beispiel für das Wachstum des Irrationalen in der Politik. Dass es in Deutschland wieder 73 Rudel plus 30 Wolfspaare gibt, ist zunächst einmal ein Erfolg: Der Wolf ist wieder heimisch im Land. Nur macht er eben auch zunehmend Probleme. Bauern und Schäfer müssen ihre Tiere teuer schützen, mit Elektrozäunen, Herdenschutzhunden, furchtlos angreifenden Eseln. Nicht immer aber reicht das aus, und dann liegen 50 und mehr Schafe in ihrem Blut, ein Schlag für die Finanzen und auch die Seele jedes Schäfers. Das darf ein Land, das mit dem Wolf leben will, nicht ignorieren; auch nicht, dass einzelne Wölfe ihre Menschenscheu verlieren und getötet werden müssen. Es geht um Geld für Bauern und Schäfer, um die Frage, wann ein Wolf geschossen werden soll, um die Erforschung des Wolfsverhaltens. Es geht um ernst zu nehmende Detailprobleme der Landwirtschaft und des Tierschutzes.


Nur ist der Wolf eben nicht einfach ein Tier. Er ist Projektionsfläche alter Ängste und neuer Naturromantik, ist den einen das märchenhaft Listige und Böse und den anderen das Sinnbild für die Versöhnung von Mensch und Natur. Nur so ist zu erklären, dass ganze Landstriche vom Rotkäppchen-Syndrom erfasst werden, wenn der erste Wolf auftaucht; nur so sind die Beschimpfungen zu verstehen, die auf den Landrat von Görlitz niederprasselten, als er einen Wolf zum Abschuss freigab, der mitten im Dorf einen Hund gefressen hatte.

Der Wolf und seine Unterstützer sind zudem für viele zum Symbol geworden, dass "die da oben" sie und ihre Sorgen vergessen haben. Viele Lausitzer, Sachsen, Brandenburger gehören dazu, die Bauern, Schäfer, Landbewohner; Menschen, die der Zorn gepackt hat, weil die kulturelle Anerkennung des Landes sich auf der anderen Seite versammelt, bei den Tierschützern und Städtern, den Wolfsumarmern, die immer auf der Seite der Guten stehen. Vor allem das wird verhandelt werden, wenn es demnächst um den Wolfsgesetzentwurf der CDU geht.


Wenn der Wolf das wüsste! Er würde die bernsteinfarbenen Augen rollen, überfordert damit, für all das herhalten zu müssen. Er ist halt ein Tier. Und wenn die Menschen ihm und sich selbst einen Gefallen tun wollen, behandeln sie ihn auch als Tier. Als eins, das sein Lebensrecht hat - dessen Lämmerhunger man aber in Rechnung stellen sollte.

https://www.sueddeutsche.de/wissen/arten...-wird-1.3761820
https://www.sueddeutsche.de/bayern/woelf...83?reduced=true


Anmerkung:

Also, ich hätte nachts im Wald mit Hund eher Angst vor Wildschweinen.
https://www.t-online.de/leben/mode-beaut...einangriff.html
Quelle: sz


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
nach oben springen

#2

Knallt die Bestie ab!

in Aus der Welt der Wissenschaft 31.12.2018 17:58
von franzpeter | 9.216 Beiträge

Wölfe und Politik
:
Knallt die Bestie ab!
Von Christian Geyer

-Aktualisiert am 31.12.2018-16:37
Die deutsche Linie ist klar: Wölfe sollen friedlich leben dürfen, während Weidetiere und Menschen vor ihnen geschützt werden. Warum rüttelt Agrarministerin Julia Klöckner an dieser Regelung?


Die Antwort des Menschen auf die Rückkehr des Wolfs lautet: Wolfspolitik. Das in West- und Mitteleuropa schon einmal ausgerottete und seit zwei Jahrzehnten auch in Deutschland sich wieder vermehrende Raubtier gilt dem Menschen im Parlament als gut und nicht als böse, als ein Artenschutz-Erfolg, der hoch willkommen ist. Wolfspolitik nimmt quer durch die Fraktionen auf europäischer wie nationaler Ebene an, dass nicht der Wolf das Problem ist. Zum Problem wird er demnach erst durch schlechte soziale Bedingungen, durch eine menschliche Umwelt, die es versäumt hat, sich rechtzeitig auf den wilden Wiedergänger einzustellen, mental wie materiell.

Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
F.A.Z.
In Umkehrung der Behindertenpolitik sagt eine Wolfspoltik, die sich dem „intelligenten Wolfsmanagement“ (der Umweltverband BUND) verpflichtet weiß: Der Wolf braucht weniger Barrierefreiheit, als er sie in einer wolfsmäßig nur unzureichend vorbereiteten Zivilisation derzeit noch genießt. Anders gesagt: Dem Wolf müssen seine Grenzen aufgezeigt werden, strombewehrte und untergrabungssichere hohe Zäune zum Beispiel, innerhalb derer das Schaf friedlich grasen kann, sowie Hütehunde und Fütterverbote, die einer gefährlichen und im übrigen artfremden Vertrautheit des Wolfs mit dem Menschen entgegenwirken. Auch Schüsse in die Luft können helfen, Schlimmeres für Mensch und Tier zu verhüten.
Erst wenn solche Schutzmaßnahmen ohne Wirkung bleiben, so die Faustregel, darf der Wolf als Problemwolf identifiziert und abgeknallt werden
.
Es ist eben nicht so, wie die Bürgerinitiative „wolfsfreiezone.de“ es nahelegt: „Überall, wo Menschen und Weidetiere sind, müssen Wölfe konsequent gejagt werden. Nur echte Wildnis darf als Schutzgebiet ausgewiesen werden.“ Abgesehen davon, dass die Vorstellung einer vom Menschen unberührten „echten“ Wildnis immer schon eine Phantasmagorie war, geht es bei der juristisch informierten Wolfspolitik um Kohabitation von Weidetier, Mensch und Wolf; also gerade nicht um deren wechselseitige Verdrängung, Elimination. Es ist eine solche inklusive Perspektive, die wolfspolitisch zählt und für die Akzeptanz des Wolfs im Land entscheidend ist.

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft
:

Was verspricht sich die Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) davon, wenn sie in einem am Wochenende bekannt gewordenen „Brandbrief“ an ihre Amtskollegin im Umweltministerium das Abschießen von Wölfen in den Mittelpunkt stellt und eine „gemäßigte Bestandsregulierung selbst für streng geschützte Arten“ als wolfspolitisches Gebot der Stunde erscheinen lässt? In der Zuspitzung auf diesen Gesichtspunkt – jetzt schleunigst alle rechtlichen Möglichkeiten zur Reduzierung des Wolfsbestands auszuschöpfen,
die das Artenschutzrecht bereithält – liegt eine Effekthascherei, die für das differenzierte Verständnis der wolfspolitischen Situation eher kontraproduktiv ist.

In der Sache handelt es sich um eine bloße Selbstverständlichkeit, die aber, derart flagrant vorgetragen und als prioritär ausgegeben, ein falsches, ein populistisches Signal setzt. Als ginge es nicht vorrangig darum, gemäß der Devise „Prävention vor Kompensation“ den Herdenschutz zu verbessern statt den Wolfsschutz zu verschlechtern.


Just in diesem Sinne hatte der Bundestag vor einem halben Jahr die wolfspolitischen Thesen der Koalition beschlossen, in denen die Tötung des Wolfs (seine „Entnahme“, wie es im Fachjargon heißt), auf Ausnahmen im Einzelfall beschränkt bleiben muss. Dabei geht es um verhaltensauffällige Wölfe, die Weidezäune überwunden haben oder ihre Menschenscheu in eine menschliche Bedrohung kehrten. Das ist alles andere als ein Liquidierungsprogramm für wolfsfreie Zonen: „Voraussetzung ist, dass keine zumutbare Alternative zur Entnahme des Wolfes besteht und sich der Erhaltungszustand der Wolfspopulation nicht verschlechtert.“

Nur wenn dieser sogenannte Erhaltungszustand befriedigend ist, also die Stabilität der Population ohne Gefahr ihres abermaligen Verschwindens als gesichert angesehen werden kann (was laut EU-Kommission derzeit noch nicht zutrifft), nur für diesen Fall mahnen die Parlamentarier eine „notwendige Bestandsreduktion“ der wölfischen Population an mit entsprechendem fortlaufenden Prüfauftrag an Brüssel
. Der Schutzstatus des Wolfs ist keine absolute Größe, sondern abhängig von seiner zahlenmäßigen Verbreitung. Wie sollte es auch anders sein? Was Frau Klöckner zum zentralen Gegenstand eines Brandbriefes macht, hatte der Bundestag schon mit dem abgewogenen, auf schrille Töne verzichtenden wolfspolitischen Koalitionspapier unterstrichen. Kann es die Agrarministerin wundern, wenn ihr um Einordnung weitgehend unbekümmerter Brandbrief nun als Munition für die wolfspolitischen Vereinfacher herhält? In den von Herdenrissen betroffenen Kommunen liegen die Nerven blank.


Der Schäfermeister Knut Kucznik vom Schafzuchtverband Berlin-Brandenburg hatte den Bundestag wissen lassen: „Den Wolf zu bejagen, nützt uns nichts. Ein übrig gebliebener Wolf kann genauso gefährlich für unsere Herde sein wie zehn. Herdenschutz, den wir uns leisten können, hilft uns.“ Von den schlecht bezahlten Schäfern kommen sie nicht und werden auch nicht angeheizt: Parolen wie „Knallt die Bestie ab!“ oder „wolfsfreie Zone“. Wann fängt Wolfspolitik an, die Weidetierhaltung aus der existenzgefährdenden Zone zu holen, in welcher sie steckt, mit oder ohne Wolf?
Quelle: FAZ


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 7 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Manfred.a
Forum Statistiken
Das Forum hat 2766 Themen und 13381 Beiträge.

Heute waren 5 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 71 Benutzer (12.03.2015 19:47).

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de