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#1

Wir sind immer die Guten

in Aus der Welt der Wissenschaft 22.02.2019 18:05
von franzpeter | 9.789 Beiträge

Gerade hat Bröckers seinen Beststeller "Wir sind die Guten" aus dem Jahr 2014 in
aktualisierter Form veröffentlicht. Darin setzen sich Bröckers und sein
Mitautor Paul Schreyer auch mit dem Verhalten der Medien im Umgang mit Russland
auseinander. Anlass von dem Autor zu erfahren, wie er die Berichterstattung der
vergangenen 5 Jahre in Sachen Russland wahrgenommen hat.

Über das Buch - Komplett überarbeitete Neuausgabe des Bestseller

Ein gescheitertes Abkommen mit der EU führte vor fünf Jahren zu den
Maidan-Protesten in der Ukraine und Europa in eine der gefährlichsten Krisen der
vergangenen Jahrzehnten.
In dieser komplett überarbeiteten und erweiterten
Neuausgabe analysieren Mathias Bröckers und Paul Schreyer den historischen
Hintergrund des Ukraine-Konflikts, die Rolle der Geopolitik und gehen der Frage
nach, wer die realen Akteure in diesem tödlichen Spiel sind und welche
Interessen sie verfolgen.


https://www.westendverlag.de/buch/wir-sind-immer-die-guten/
<https://www.westendverlag.de/buch/wir-sind-immer-die-guten/>


NDS 22. Februar 2019

Vom Beginn der Maidan-Proteste an waren die westlichen Medien Partei und
betrieben Kampagnenjournalismus


Von Marcus Klöckner

Macht es einen Unterschied, ob Medien von "Terroristen" oder "moderaten
Rebellen" sprechen? Macht es einen Unterschied, ob Journalisten von
"oppositionellen Ukrainern" oder feindlichen "Pro-Russen" sprechen?

Natürlich. Begriffe wie diese erzeugen Bildern in den Köpfen der Mediennutzer
und eigenen sich, das Denken in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen.


Im Interview mit den NachDenkSeiten zeigt der Autor und Journalist Mathias
Bröckers auf, mit welch einer manipulativen Sprache Mediennutzer bei der Syrien-
und Russlandberichterstattung konfrontiert werden.


Herr Bröckers, der Konflikt zwischen dem Westen und Russland hat sich seit
Beginn der Ukraine-Krise zugespitzt. Was ist Ihre Beobachtung: Welche Rolle
spielen dabei die Medien?

Die un-journalistische und unheilvolle Einseitigkeit der Großmedien in diesem
Konflikt war ja der ursprüngliche Auslöser für dieses Buch. Repräsentative
Umfragen zeigten schon im Sommer 2014, dass sich mehr als zwei Drittel der
Bevölkerung in Sachen Ukraine einseitig oder schlecht informiert fühlten. Und
das lag nicht daran, dass sie irgendwelchen "Feindsendern" gelauscht oder
ominösen "russischen Trollen" auf den Leim gegangen waren, sie hatten vielmehr
ARD, ZDF und unsere sogenannte "Qualitätspresse" konsumiert.


Ihre Verunsicherung war ihnen nicht im Rahmen "hybrider Kriegsführung" vom
Kreml eingepflanzt worden, sie durchschauten vielmehr den Schwarz-Weiß-Film vom
guten Westen und bösen Russen, der ihnen von "Tagesschau" und "heute journal"
als Realität angeboten wurde, als plumpe Inszenierung.

Der Permanenz und Penetranz, mit dem die Parole "Wir sind die Guten" verbreitet
wurde
, verdankte unser Buch dann auch seinen Titel - und weil es damit in der
vergangenen fünf Jahren nicht aufgehört hat heißt die erweiterte Neuausgabe
jetzt "Wir sind immer die Guten". Mittlerweile ist Putin ja an allem schuld. Vom
Wahlsieg Donald Trumps bis zum Wetter.

Als vor kurzem in einigen Regionen der USA sehr niedrige Temperaturgrade gemessen
wurde, kommentierte die bekannte Sprecherin Rachel Meadows die Wetterkarte auf
MSNBC mit den Worten "Und jetzt stellen sie sich vor: die Russen könnten unser
Stromnetz angreifen!"
In den Vereinigten Staaten herrscht mittlerweile eine von
den Medien geschürte Hysterie, die fatal an die McCarthy-Ära erinnert, als man
unter jedem Bett Kommunisten fürchtete.


Und bei uns ist es nicht viel besser - gerade insinuierte etwa Angela Merkel auf
der Sicherheitskonferenz im Zusammenhang mit Russland, dass der Klimastreik von
Schülern ein Produkt " hybrider Kriegsführung

https://www.heise.de/tp/news/Schulstreik...rk-4311139.html
" sei.


Lassen Sie uns die Rolle der Medien genauer analysieren. Gehen wir an den Anfang
des Konfliktes. Was fällt Ihnen dabei auf?

Vom Beginn der Maidan-Proteste an waren die westlichen Medien Partei und
betrieben statt neutraler Berichterstattung Kampagnenjournalismus. Mit dem
gewaltsamen Regierungswechsel in Kiew schalteten sie dann komplett in den
Kriegsmodus.


Die "Tagesschau" berichtete zum Beispiel damals, dass russische Truppen in der
Ost-Ukraine einmarschiert seien und zeigte dazu Bilder und Filmaufnahmen von
Panzerkolonnen. Ein solcher Einmarsch hatte aber gar nicht stattgefunden und die
Panzeraufnahmen stammten aus dem Archiv.


Als ich den "Tagesschau"-Chef Gniffke bei einer Radiodiskussion darauf ansprach,
gab er die falschen Bilder zwar zu, wiegelte aber ab, dass solche Fehler in der
Eile der Berichterstattung ja mal vorkommen könnten.


Es handelte sich dabei aber keineswegs um Schlamperei, sondern kam mehrfach an
verschiedenen Tagen und mit verschiedenen Bildern vor,
es hatte System. Das
ließ sich dann auch an den Begriffen, dem "Wording" erkennen, das dann überall
Anwendung fand.


Kurz: Was ist Wording?

Die Besetzung bestimmter Begriffe, mit dem die Konfliktparteien bezeichnet
werden. Es macht ja einen Unterschied, ob etwa ein Regierungschef "Präsident"
oder "Machthaber" genannt oder ob von "Terroristen" oder von
"Freiheitskämpfern" berichtet wird, ob eine gewählte "Regierung" gestürzt
wird oder ein abscheuliches "Regime".


Mit diesen Begriffen werden subtile Botschaften transportiert die weniger an den
rationalen sondern an den emotionalen Verstand des Publikums gerichtet sind.
Einen "Terroristen" findet niemand gut und wenn solche - wie unlängst im
Syrienkrieg die von Saudi-Arabien finanzierten Al-Qaida-Söldner - an unserer
Seite kämpfen und jetzt zu den Guten gehören obwohl sie vor kurzem noch die
ganz Bösen waren, braucht es schnell ein neues Wording. Das waren in diesem
Fall dann die "moderaten Rebellen".



Haben die Medien sich auch im Ukraine-Konflikt eines bestimmten Wordings
bedient?

Ja. Es wurden zum Beispiel aus den Anhängern des gestürzten Präsidenten
Janukowitsch quasi über Nacht "pro-russische Separatisten".
Es waren zwar wie
auch die Anhänger der gewaltsam installierten Übergangsregierung ukrainische
Bürgerinnen und Bürger und nur eine sehr kleine Minderheit wollte anfangs
irgendeine Teilung der Ukraine, aber mit dem Wording wurden nun alle zu
"Pro-Russen".


Die faschistoiden Milizen des "rechten Sektors" wurden dann alsbald
"Nationalgarde" genannt und als Kiew militärisch gegen die eigenen Bürger im
Osten vorging, übernahm die "Tagesschau"-Korrespondentin ungeniert das Wording
der Regierung und sprach von "Antiterroroperationen".


So wurden aus oppositionellen Ukrainern feindliche "Pro-Russen" und gefährliche
"Terroristen"
und allein mit Worten allesamt einem Reich des Bösen
zugeschlagen.

Es ist ein klassisches Verfahren zur Produktion von Feindbildern, eine seit
Jahrhunderten bewährte Methode der Kirche der Angst, die im Zeitalter von Funk,
Fernsehen und einer 24-Stunden-"News"-Berieselung neue Dimensionen hat.
So ein
Wort wirkt ja nicht, wenn es ein, zwei Mal verwendet wird. Aber in den
Wiederholungsschleifen der Nachrichten wird es jede Stunde über Tage und Wochen
penetriert und setzt sich in den Köpfen fest.

Und wenig später kann die ARD dann ganz nüchtern melden, dass es sich bei der
Flucht von tausenden Menschen aus der ostukrainischen Stadt Slawjansk, die
schweren Luftangriffen und Artilleriebeschuss ausgesetzt war, um "die
Vertreibung pro-russischer Separatisten" handelt.


Was zur gleichen Zeit in Syrien als schweres Kriegsverbrechen von Assad weltweit
am Pranger steht, wird dank dieses Wordings zu einem Erfolg des regierenden
Oligarchen Poroschenko umgemünzt.



In den Redaktionen sitzen erfahrene Journalisten. Die Redaktionen dürften
wissen, dass es einen Unterschied gibt, ob man bei einem Konflikt von
"Freiheitskämpfern", "Separatisten" oder "Terroristen" spricht. Was meinen Sie,
warum fällt das Wording so aus, wie sie es angeführt haben?

Carl Bernstein hatte nach der Watergate-Aufdeckung ja schon in den 1970er Jahren
recherchiert, dass hunderte Journalisten in allen großen US-Medien
Geheimdienst-Verbindungen haben und die sind seitdem mit Sicherheit nicht weniger
geworden, auch nicht bei uns
. Das ist für die Großmedien natürlich kein Thema
und wenn dann in einer Kabarett-Sendung wie "Die Anstalt" mal ein wenig Licht auf
solche Verbindungen geworfen wird, sind diese als Journalisten getarnten
Lobbyisten beleidigt und laufen zum Gericht.


Der größte Teil der Nachrichten kommt ja aus den Tickern einer Handvoll
großer Agenturen und wird dann von Medien weiter verarbeitet und präsentiert,
die auch wiederum privaten Konzernen gehören.

Und Sprachregelungen, das Wording, wird bei solchen Themen in der Regel von oben
vorgegeben. Wenn DPA und AP dann von "moderaten Rebellen" sprechen und auch der
Ressortleiter...


... dann?

Wird sich der kleine Redakteur mit dem Hinweis nicht durchsetzen, dass es sich
bei diesen Typen nach allem Anschein doch um "islamistische Terroristen"
handelt.


Es geht nicht um Fakten, es geht um die Erzählung. Es geht um den Rahmen, in
den die Nachrichten verpackt werden oder - um noch einen Begriff aus der Werbung
zu benutzen - das "Framing"

https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/20...tachten_ard.pdf
. Und für die Schubladen - "Gut" oder "Böse"- ist dann das Wording
entscheidend.

Wenn das in die Agenda passt, sind die Fakten völlig zweitrangig, wie der
jüngste Skandal beim "Spiegel" und den Relotius-Medien
ja wieder einmal sehr
schön zeigt. Und im Falle der Ukraine waren diese Medien eindeutig Kriegspartei
und betrieben Propaganda - natürlich für die Demokratie und die Werte: Wir
sind immer die Guten! Und dazu gehört, dass wir die Bösen identifizieren, dass
wir Feindbilder aufbauen.



Es geht um den Aufbau eines Feindbildes? Warum sollten Medien ein Feindbild
aufbauen wollen?

Sehen Sie sich doch die Titel von "Spiegel" bis "Bild" zu Russland aus den
letzten fünf Jahren mal an, oder den entsetzten ZDF-Onkel Claus Kleber, weil der
Siemens-Chef In Moskau mit dem Leibhaftigen persönlich - Putin! - gesprochen
hatte.


Oder diese ganzen Stories von "russischen Hackern", die Hillary Clintons Emails
geklaut, die Wahlen manipuliert und mit Trump eine "Marionette Putins" (Clinton)
installiert hätten
. Die ganze "Russiagate"-Nummer ist doch völlig grotesk: es
wurden 13 Russen angeklagt, die im Wahlkampf Facebook-Anzeigen geschaltet haben,
die russischer ein Catering-Unternehmer bezahlt hat - das läuft nicht in der
Augsburger Puppenkiste als "Putins Koch und die Wilde 13", sondern als Top-News
nach zwei Jahren Sonderermittlung.

Die "New York Times" fasst dann "Russiagate" in einem endlosen 10.000-Worte
Artikel zusammen um im vorletzten Absatz zu verstecken, dass es bisher "keine
Beweise" für Absprachen oder gar Geldflüsse zwischen Trump und Putin gibt.

Unbewiesen ist bis heute auch, wie und vom wem der Doppelagent Skripal und seine
Tochter vergiftet worden sind, doch der "Spiegel" titelte schon im März
"Todesgrüße aus Moskau".


Wir haben die Neuauflage des Buchs um zwei Kapitel zu "Russiagate" und
"Nowitschok" erweitert, weil hier die einseitige Agenda der Medien noch einmal
sehr deutlich wird. Es geht nicht um Fakten, es geht um die vorherrschende
Erzählung, um Geschichten vom aggressiven Russland und einem ultrabösen Putin.


Die Frage warum das geschieht, lässt sich mit einem Blick auf die
Rüstungsbudgets beantworten. Aus dem desaströsen sogenannten "war on terror"
lässt sich nicht genügend Kapital schlagen, es braucht einen Großfeind, der
dem militärisch-industriellen Komplex die Taschen füllt.


Es soll aufgerüstet werden und dafür reichen als Drohkulisse ein paar
islamistische Wickelmützen mit Kalaschnikows nicht mehr aus. Es braucht massive
"äußere Bedrohungen" und wenn die nicht vorhanden sind - der Russe macht ja
keinerlei Anstalten uns anzugreifen - muss man sie an die Wand malen.



Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=49515
<https://www.nachdenkseiten.de/?p=49515>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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