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Strafrecht - Neues aus der Unterwelt

in Aus der Welt der Wissenschaft 13.04.2019 15:42
von franzpeter | 9.395 Beiträge

Strafrecht
Neues aus der Unterwelt
Das Verbrechen täuscht einen Rückzug vor. Die Regierung täuscht ein Gesetz vor. Die Polizei ist tief besorgt. Ein Bericht über Komplexität.

Eine Kolumne von Thomas Fischer


Freitag, 12.04.2019 10:26 Uhr

Statistik, Wissenschaft, Komplexität
Tri, Tra, Trullala - Statistik Achtzehn ist jetzt da! Verzeihung, sehr geehrte Leserinnen und Leser, für diese alberne Einleitung! Der Autor musste sich auf der Suche nach Ihrer Aufmerksamkeit zwischen Versmaß und Information entscheiden; da bleibt dem Medienprofi bekanntlich leider keine Wahl. Gemeint ist die "Polizeiliche Kriminalstatistik 2018".

Es war zunächst alles wie immer: Im Ersten Teil hielt Herr Bundesinnenminister, flankiert vom Vorsitzenden der Innenministerkonferenz und dem Präsidenten des Bundeskriminalamts, eine Broschüre mit Handschellen-Titelbild vor die Bundespressekonferenz und wurde dabei 1000-mal von Profifotografen mit Profikameras (45 Megapixel, 12 Bilder pro Sekunde) fotografiert, damit die Bürger sich einmal vorstellen können, wie es aussieht, wenn ein Minister eine Broschüre festhält.

Alsdann wurden die magischen Sätze gesprochen, auf die wir wieder ein Jahr gewartet hatten: Die Zahl der Raubüberfälle in Parkanlagen ist leicht gesunken, die des Handeltreibens mit Amphetamin leicht gestiegen, oder umgekehrt. Die Maßnahmen zur Erhöhung der Inneren Sicherheit waren vorbildlich, müssen sich aber neuen Herausforderungen stellen. Daher gibt es "keinen Grund zur Entwarnung", sondern "Anlass zur Sorge". Aus welchem Jahrzehnt dieser Sprechzettel stammt, ist egal, er passt immer. Insgesamt also wieder eine schöne Veranstaltung mit dem bewährten Verhältnis von Eigenlob (40), Beruhigung (40) und Sorge (20).
Zweiter Teil: Die Vorsitzenden von drei sogenannten "Polizei-Gewerkschaften" verlautbarten, wie es um Deutschland stehe. Das Verhältnis von Eigenlob zu Sorge beträgt hier satzungsgemäß 40 zu 50. Denn der Schutzmann ist seiner Natur nach - wie der Kasper, die Gretel, die Großmutter und alle Kinder wissen - voll Sorge, dass aufgrund einer Sicherheitslücke (hinten keine Augen) eine Gefahr droht (Krokodil). Daher entfällt hier die Abteilung Beruhigung und wird ersetzt durch "Polizei von Politik und Justiz alleingelassen" - und zwar mit dem Verbrechen. Allein gelassen werden zwar auch die Müllwerker mit dem Müll, die Lehrer mit den Kindern, die Richter mit den Akten und die Flugbegleiter mit den Sauftouristen. Das schlimmste Alleinlassen von allen aber ereignet sich angeblich, wo Malchow (GdP), Wendt (DPG) und Fiedler (BDK) im Kampfessturm gegen Orks, Clans, Organisierte Kriminalität und Diebe stehen. Obwohl ja eigentlich, wenn man es sich einmal genau überlegt, gerade hier, im Bereich der gravierendsten Eingriffe in die Bürgerfreiheit, nicht Justiz (Judikative) und Politik (Legislative) die Knechte der polizeilichen Exekutive sein dürfen!


Bis hierhin also: alles normal. Dann aber diesmal doch irgendwie anders. Das begann damit, dass Herr Minister verkündete, die Kriminalität habe einen "historischen Tiefstand" erreicht. Unglaublich! Rückzug des Feindes! Entspannung, wo der Minister vor Kurzem noch hohen Alarm verkündet hatte! Was ist los?
Und dann noch dies: Die Opfer-Studie "Der deutsche Viktimisierungssurvey 2017" (Herausgeber: BKA. Die Titelformulierung lässt einen Ansturm interessierter Leser aus sozialen Brennpunkten erwarten). Konzept: Eine (teil-repräsentative) Opferbefragung mit erheblichen Abweichungen zur Erfassungsmethode der PKS und auf der Grundlage von Selbst-Einschätzungen. Einige Ergebnisse:
Kaum Steigerungen der berichteten Kriminalitätsbelastung seit 2012, aber Steigerung des Unsicherheits- und Bedrohungsgefühls.
Insgesamt deutlich geringere Kriminalitätsbelastung in den neuen Bundesländern, dort aber deutlich höhere Kriminalitätsfurcht.
Der weit überwiegende Anteil der Opfer ist jung (16 bis 30), insbesondere bei Gewaltdelikten und Raub.
Zusammenfassung: Es "bestätigt sich: Deutschland ist ein sicheres Land. Das gilt sowohl für die tatsächliche Kriminalitätsbelastung als auch für die gefühlte Sicherheit. Die Kriminalitätsfurcht hat zwar im Vergleich zu 2012 im Schnitt etwas zugenommen, bewegt sich jedoch weiterhin auf einem insgesamt erfreulich niedrigen Niveau."
So weit, so gut. Aber wie geht man mit gleich zwei guten Nachrichten um? Kann man den Bürgern zumuten zu erfahren, die Flut täglicher Schreckensmeldungen zeichne ein falsches, hysterisiertes Bild? Versinkt Deutschland gar nicht in einem Strudel von Vergewaltigung, No-go-Areas, marodierenden Räuber- und Einbrecherbanden, Unsicherheit und Furcht? So darf man das natürlich nicht sagen, wenn man nicht als blinder Verharmloser, böswilliger Beschützer von Verbrechern und privilegiert-ahnungsloser Gutmensch enttarnt oder am Ende noch von Frau Weidel in ihr Opus "Gedanken über Deutschland" aufgenommen werden will, das zwar an galoppierender Gedankenarmut leidet, dies aber mit einem Höchstmaß an maschinengleicher Beschimpfungsrhetorik ausgleicht und den Untergang des geliebten Weidel-Vaterlands durch migrantische Massenkriminalität schon besiegelt sieht.
Aber auch für den vaterlandslosen Mainstream, die linksgrün Verseuchten, die "sozialistischen Sekten" (SPD), die korrupten Eliten, die kriminellen Spendenbetrüger und überhaupt für jene 95 Prozent der Menschen in Deutschland, die sich nicht schweißgebadet im Weidelschen Sprachsumpf wälzen, muss es ja weitergehen! Wir können doch nicht einfach die nächsten zehn Talkshows oder "Bestseller" zum Thema "Warum Deutschland immer unsicherer wird" canceln! Und was würde aus den Polizeigewerkschaften, wenn sie nicht mehr wöchentlich sicherheitspolitische Bulletins herausgeben, sondern sich mit gewerkschaftlichen Themen beschäftigen würden? Schwierige Fragen! Zur Beantwortung bieten sich verschiedene Methoden an:

Methode Eins: Alles Fake! Beispielhaft ein Interview des Vorsitzenden des "Bundes Deutscher Kriminalbeamter", Fiedler: "Kriminalstatistik ist nur ein kleiner Mosaikstein" (Deutschlandfunk, 2.4.2019). Auszug:
Frage: "Wir leben in Deutschland immer sicherer?"
Fiedler: "Ich kann das so nicht unterschreiben, weil die Zahlen, die jetzt besprochen worden sind, sind Straftaten, die im letzten und vergangenen Jahr begangen worden sind. Das heißt, die Aussage, wie wir jetzt heute hier leben, ist überhaupt nicht zu treffen (...)."
Und weiter: "Wir (...) diskutieren über die Megatrends (...) doch nicht anhand der Zahlen, wieviel im letzten Jahr eingebrochen wurde. (...) Es geht nicht nur um statistisches Material, sondern es geht um wissenschaftliche Erhebungen."
Den letzten Satz wollen wir uns merken, wollen aber darüber nicht die Schönheit des Gedankens vergessen, dass man einer Statistik, die bis gestern geht, keinesfalls entnehmen kann, was heute ist. Erkenntnis ist, so will uns Fiedler sagen, Work in Progress, was uns zurück zur Postmoderne und ihn voran zum Megatrend bringt.
Überhaupt ist, wie man allenthalben auf Seite Eins lesen durfte, die PKS eine unzuverlässige Erkenntnisquelle! Sie enthält, liebe Bürger, "Verzerrungen", berücksichtigt die "Dunkelziffer" nicht, kann Begründungen, Trends, Wirklichkeiten gar nicht erfassen, und ist am Ende gar nicht mehr als ein Tätigkeitsbericht der Polizei. Damit hatte niemand gerechnet, aber zahlreiche Redaktionen haben es in der letzten Woche herausgefunden, wie üblich sorgfältig überprüft und getreulich den Lesern und Zuschauern gemeldet.
Methode Zwei: Umschaltspiel, hohes Pressing. Beispielhaft hier der Vorsitzende der GdP, Malchow, am 2.4.2019:
"Die PKS verzeichnet 11.704 tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte und gleichstehende Personen (...) Auf einen Tag gerechnet sind das 32 Fälle, sogar 94, wenn man den sogenannten Widerstand gegen die Staatsgewalt dazurechnet. Wir fordern die politisch Verantwortlichen auf, diese stetige Erosion des staatlichen Gewaltmonopols zu stoppen" (Quelle: GdP).
Das ist interessant. Die Straftaten "Widerstand" und "Tätlicher Angriff" (gegen Vollstreckungsbeamte) sind statistisch prekär, weil hier ausschließlich die Opfer (Polizisten und "Gleichgestellte") selbst darüber entscheiden, ob eine Handlung als "Tat" registriert wird. Bei der Feststellung von "Widerstand" und "Tätlichkeit" ist die Definitionsspanne in der Praxis mindestens so groß wie beim "gelbwürdigen" Foul in der dritten Liga: Wer sich bei der Festnahme am Treppengeländer festhält, leistet bei der einen Dienstgruppe "Widerstand" und bei der anderen nicht; und wer am Boden liegend strampelt und des Polizeihauptmeisters Unterschenkel trifft, begeht in der Regel einen "tätlichen Angriff". Natürlich gibt es auch schwere Fälle. Sie sind aber nicht häufig. In (zum Glück) nur in zehn von 33.000 Fällen wurde geschossen. Man darf Polizeibeamte selbstverständlich nicht pauschal des "Schwalben"-Machens verdächtigen. Aber ich habe schon ein paar Flugkünstler in Uniform getroffen. Und wenn die öffentliche Statistik über "Beleidigung" allein von denen geführt würde, die sich beleidigt fühlen, wäre auch da Vorsicht geboten.
Beim "Widerstand" gibt es wenige Fälle, die von der Polizei "herunterdefiniert" werden, in denen also anzeigenden Opfern gesagt wird, ihre Schilderung sei übertrieben, sie sollten erstmal "Beweise bringen", oder sie hätten "vor Gericht keine Chance". Sondern es wird fast alles "ausermittelt"; und an Zeugen für all die Spuckattacken oder Schläge von Besoffenen und an Attesten wegen zwei Tagen Dienstunfähigkeit mangelt es selten. Für einen "tätlichen Angriff" muss übrigens das Spucken oder Schlagen gar nicht getroffen haben: Knapp daneben ist in diesem Fall mal nicht vorbei, sondern eine "vollendete" Tat. Deshalb ist erwähnenswert, dass die Justiz-Statistik für 2017 insgesamt 6700 Strafprozesse wegen §§ 113, 114 (alte Fassung, also mit "Widerstand durch Tätlichkeit") ausweist; 5000 Beschuldigte wurden verurteilt. Etwa 80 Prozent der Anzeigen sterben auf dem Weg durch Staatsanwaltschaft und Gerichte an Auszehrung.
Die PKS 2018 registriert für "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Gleichstehende" (§§ 113, 115 StGB) 21.500 Fälle, für "Tätliche Angriffe" (§§ 114, 115 StGB) 11.700 Fälle; zusammen 33.000. Den Tatbestand "Tätlicher Angriff (ohne Widerstand)" gibt es erst seit 2017 unter eigener Paragrafen-Nummer; zuvor war Tätlichkeit nur im Rahmen von "Widerstand" erfasst (PKS 2016: Insgesamt 22.500 Fälle). Der Strafbarkeitsbereich ist also stark ausgeweitet worden. Deshalb führt der Bericht des BKA zur PKS 2018 zutreffend aus: "Der Vergleich der Straftaten Widerstand gegen und tätlicher Angriff auf die Staatsgewalt mit den Vorjahren (ist) nicht bzw. nur eingeschränkt möglich."
Egal! Presse und Polizei-Lobby stürzen sich gezielt auf die ausdrücklich als "nicht vergleichbar" bezeichneten Zahlen, vergleichen sie und empören sich dann tagelang über die angeblich "besorgniserregende Entwicklung" (Malchow, GdP), die "erschreckend" (Wendt, DPG) sei und ständig "steigende Aggression und Gewalthandlungen" belege. So kann man das machen, muss man aber nicht, wenn man ernst genommen werden will. Beispiel: Der Gesetzgeber führt als neue Tatvariante des "Erschleichens von Leistungen" (§ 265a StGB) neben dem Schwarzfahren auch das Schwarzparken ein - und die Polizei berichtet im nächsten Jahr, die Vermögenskriminalität durch Intensivtäter habe um 10.000 Prozent zugenommen. Das wäre nicht "Wissenschaft", sondern lustig.
Methode Drei: Nichts Genaues weiß man nicht. Wie immer beispielhaft: "FAZ "vom 8. April, Seite 1: Leitartikel Bubrowski: "Der schmale Grat". Was gemeint sein könnte, ahnt man frühestens am Ende der Schlusssequenz: "Dass der Staat der Kriminalität nicht machtlos gegenübersteht, hat er beim Kampf gegen Wohnungseinbrüche vorgemacht. Er muss aber die Polizei gut ausstatten. Menschen in Angst suchen Halt. Arroganz ist hier fehl am Platz, eine gewisse Autorität aber ist unerlässlich. Der Grat dazwischen ist schmal."
Was könnte uns das sagen wollen? Der strafrechtliche "Kampf des Staates gegen Wohnungseinbrüche" erschöpfte sich ja darin, die Untergrenze des Strafrahmens von sechs Monaten auf ein Jahr (bis zehn Jahre) zu erhöhen, was vermutlich nur wenige Mitglieder von ausländischen Einbrecherbanden in die Rechtstreue getrieben hat. Außerdem werden private Sicherungsvorkehrungen finanziell gefördert. Dass dies das "Vorführen" der Straf-Schlagkraft des Staates sein könnte, erscheint nicht nahe liegend.
Ist auch egal. Es muss halt irgendwas raus. Zur Not hilft ein Griff in den goldenen Zettelkasten: "Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind sehr komplex geworden. Niemand kann vorhersagen, wann die nächste Blase am amerikanischen Finanzmarkt platzt und was das mit unseren Renten macht." Das stimmt aber nun wirklich, Frau B. Früher, als Deutschland noch unkomplex war und das Strafrecht eine gewisse Autorität hatte, litt Frankfurt an der Komplexität des Klimas; heutzutage kommen, kaum hat man sich an die Lottozahlen vom Mittwoch gewöhnt, schon wieder die vom Samstag. Frankfurt ist schön, Berlin noch schöner. War es früher anders? Arroganz ist ein schmaler Grat zwischen Autorität und Autosuggestion. So viel für heute aus der Abteilung Analyse.
Paragraf 219a: Der Kampf geht weiter
Am 29. März 2019 ist das "Gesetz zur Verbesserung der Information über einen Schwangerschaftsabbruch" in Kraft getreten (Bundesgesetzblatt 2019 I, Seite 350). Zu diesem Meisterwerk der Gesetzeskunst sind ein paar Hinweise angezeigt. Vorab ein kurzer Hinweis auf seine geschichtlichen Zusammenhänge, dargebracht von der sachkundig als "erklärte Gegnerin des sogenannten Abtreibungsparagrafen 219a" vorgestellten Ärztin Hänel in der Sendung "SWR1 Leute" am 14. Januar.
Moderatorin: "Ja, diesen Paragrafen gibt es nämlich schon sehr, sehr lange, seit 1933 (…). Ja, der § 219a verbietet, dass Ärzte zu ihrem Vermögensvorteil Informationen über Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Wie ist dieser Vermögensvorteil zu bewerten?"
Hänel: "Ja es ist so, dass ich ja als Ärztin Geld nehmen muss (...) In dem Moment, wo ich auch nur einen Cent für diesen Abbruch nehmen würde, würde ich unter diesen Vermögensvorteil fallen, der ja impliziert, man würde reich. Da ist ja so'n bisschen das Bild des reichen Juden mit drin, der damals eben die Abbrüche machte. Und Dreiunddreißig waren das eben oft jüdische Ärzte, die in der Illegalität schon waren. Und 1933 hat man den Paragrafen extra so gemacht, dass man diese Ärzte verurteilen kann (...)."
Interessant! "Jüdische Ärzte", die "in der Illegalität schon waren", wurden mittels eines Straftatbestands verfolgt, der das "öffentliche" (!) Werben für eine (Juden wie Nichtjuden verbotene) Tätigkeit unter Strafe stellte. Eine extrem schlaue Verfolgungstechnik!
Wir blättern nach: 1933 lautete die Vorschrift: "Wer öffentlich seine eigenen oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung von Abtreibungen anbietet, wird… bestraft." Genau so galt die Vorschrift nach 1945 weiter, wurde 1953 und erneut 1969 neu bekanntgemacht und blieb in der Sache auch unverändert, als die alten §§ 219 und 220 zusammengelegt wurden. Von einem "Vermögensvorteil" war nicht die Rede. Er kam erstmals im Jahr 1974 ins Gesetz. Frau Hänel, der ausschließlich dieses 1974 eingeführte Merkmal vorgeworfen wird, stellt sich in die Reihe der jüdischen Opfer von 1933. Das ist peinlich.
Nun aber zu § 219a in der seit 29. März 2019 geltenden Fassung:
Abs. 1: "Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise (...) 1. eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs (...) anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekanntgibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."
Abs. 4 (neu): "Absatz 1 gilt nicht, wenn Ärzte, Krankenhäuser oder Einrichtungen
(1) auf die Tatsache hinweisen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche unter den Voraussetzungen des § 218a Absatz 1 bis 3 vornehmen, oder
(2) auf Informationen einer insoweit zuständigen Bundes- oder Landesbehörde, einer Beratungsstelle nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz oder einer Ärztekammer über einen Schwangerschaftsabbruch hinweisen."
Absätze 2 und 3 sind hier ohne Belang. Bitte lesen Sie den Wortlaut von Abs. 4 einmal genau und erinnern Sie sich daran, dass Art. 103 Abs. 2 Grundgesetz vorschreibt, dass Strafgesetze "bestimmt" sein müssen: Was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt. Strafbarkeit ergibt sich in einem Rechtsstaat nicht aus Analogien oder gesundem Volksempfinden, sondern aus Gesetzen. Gesetze sind Sprache. Man muss sich darauf einigen, was die Worte meinen:
Wenn in einem Gesetz das Wort "Wald" steht, denkt jeder, das sei einfach. Aber wenn das Gesetz anordnet, dass die Eigentümer von Wald eine Beihilfe erhalten, wird man erleben, dass die Gebieter über Thujahecken, Haselnusssträucher oder drei Fichten behaupten, Eigentümer von "Wald" zu sein. Und wenn umgekehrt die Wald-Eigentümer eine Abgabe zahlen sollen, entpuppen sich hektargroße Baumbestände als "Wiesen", "Parkanlagen" oder "Strauchwerk". Sprache - auch Gesetzessprache - ist nicht neutral, sondern von Interessen geleitet. Man muss, wenn man nicht durchdrehen will, entscheiden, ob "Wald" auch "Wiese" bedeuten kann. Und zwar nicht nur für die Wiese von Frau X., sondern auch für die Apfelbäume von Herrn Y. Und ob ein "Mensch" ein Stück Fleisch eines anderen Menschen ist oder nicht, und bis wann.
Damit zurück zum neuen § 219a Abs. 4 StGB: "Absatz 1 gilt nicht, wenn", heißt es, also: Alle in Abs. 1 beschriebenen Handlungen sind nicht strafbar, wenn (...). Für diese Nicht-Strafbarkeit macht Abs. 4 in Nr. 1 und Nr. 2 zwei alternative Angebote. Erstens: Darauf hinweisen, dass man Abtreibungen nach § 218a (also nach Fristenlösung oder Indikation) vornimmt. Oder zweitens: Auf Infos der in Nr. 2 genannten Stellen verweisen.
Das klingt so einfach wie die Unterscheidung von Wald und Wiese - und ist es auch. Wenn man es durchdenkt, kommt man daher zu folgenden Ergebnissen:
(1) Wer darauf hinweist, dass er Abbrüche vornimmt, darf dies sowohl in Bereicherungsabsicht also auch in grob anstößiger Weise tun (denn "Abs. 1 gilt nicht").
(2) Wer auf Informationen einer öffentlichen Stelle hinweist, darf das ebenfalls sowohl aus Bereicherungsabsicht als auch grob anstößig tun (siehe oben).
(3) Wer auf Informationen einer Stelle (nach Nr. 2) verweist, darf daneben auch eigene Dienste (aus Bereicherungsinteresse) anbieten. Denn zwischen Nr. 1 und Nr. 2 steht "oder", nicht "und".
(4) Wer (aus Bereicherungsinteresse) auf eigene Dienste hinweist, darf daneben auch sonstige eigene Informationen veröffentlichen. Denn ein "nur" steht weder in Nr. 1 noch in Nr. 2.
Die Neuregelung ist also, wenn man ihren Wortlaut ernst nimmt und an Art. 103 Abs. 2 GG misst, als grober Unfug zu bezeichnen: Was man verboten lassen wollte, wird ausdrücklich erlaubt; was man großherzig erlauben wollte, war schon erlaubt.
Schwer zu glauben? Ja. Monatelang lasen wir doch über den "Kompromiss": Analysen, Deutungen, Geschwätz. Dass es sich am Ende um einen Gesetzestext handeln müsse, spielte keine Rolle. Ich befürchte, dass bis heute die Mehrzahl der Wichtigheimer die Texte und Materialien gar nicht gelesen hat. Derweil zieht Frau Hänel, Schulter an Schulter mit den "in der Illegalität" lebenden jüdischen NS-Opfern, via öffentlich-rechtlichem Rundfunk zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, schon bevor in ihrer Sache überhaupt eine Revisionsentscheidung ergangen ist. Unter Profis nennt man so etwas "Missachtung des Rechtsstaats": Auf eine Begründung gar nicht mehr warten, weil es sowieso nur eine richtige Meinung gibt - die eigene. So was gibt's auch unter Juristen, gilt dort aber als intellektueller Tiefpunkt. Ich kannte einst einen Bundesrichter, der zu sagen pflegte, dass er immer zu sagen pflege: "Der Senat entscheidet entweder nach meiner Meinung oder falsch." Er meinte das ganz ernst.
Der Kolumnist fragte bei Beteiligten des Gesetzgebungsverfahrens an, ob es wirklich sein (und gemeint sein) könne, was man im Bundesgesetzblatt las. Auskunft: Ja. Man habe es halt eilig gehabt und auch den "Kompromiss der Minister" nicht wieder "aufschnüren" wollen; und die Diskussion in der Fraktion (...) sei ja auch komplex. Die Justiz solle das also mal bitte so auslegen, dass in Abs. 4 Nr. 1 und Nr. 2 das Wort "nur" hinzugedacht und zwischen Nr. 1 und Nr. 2 das Wort "oder" als "und" verstanden werden müsse. Manchmal möchte man sich schämen für so einen Gesetzgeber.
Schluss


Neben guten Nachrichten also auch deprimierende Auskünfte: "Oder" heißt jetzt "Und", Wiesen heißen "Wald", Kinder rufen mit Ministern zur "Panik" auf, und der statistische Rückgang der registrierten Kriminalität gibt Polizeifunktionären Anlass, auf die Fake-Charakteristik ihrer eigenen Statistik hinzuweisen. Die Anlageberaterin Weidel macht sich sogenannte "Gedanken" und ist begeistert von sich.
"Alles so schön bunt hier!", sang die Punk-Expertin Helene Bu. aus Berlin. Strafrechts-Expertin Nina Ha. aus Frankfurt erläutert für den "FAZ"-Leser: Das Wort "bunt" könne hier möglicherweise als "komplex" gelesen werden. Der Grat dazwischen ist total schmal, Alter.
Quelle: spiegel online


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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