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#1

Grünes Wachstum ist eine Illusion

in Aus der Welt der Wissenschaft 08.05.2019 22:17
von franzpeter | 9.444 Beiträge

Es gibt kein Zurück


Wie die Kohle so hat auch der Kapitalismus viele Annehmlichkeiten mit sich
gebracht. Doch wie die Kohle verursacht er heute mehr Schaden als Nutzen.


Die Alternative zum Kapitalismus sind weder Feudalismus noch Staatskommunismus.
Der Sowjetkommunismus hatte mehr mit dem Kapitalismus gemeinsam, als die
Vertreter beider Systeme zugeben würden.
Beide Systeme sind (oder waren) besessen davon, Wirtschaftswachstum zu
generieren.


Beide sind bereit, erstaunliches Leid zu verursachen, um dieses und andere Ziele
zu erreichen. Beide haben eine Zukunft versprochen, in der wir nur ein paar
Stunden die Woche arbeiten müssen, verlangen stattdessen aber endlose, brutale
Buckelei.


Beide sind entmenschlichend. Beide sind absolutistisch und beharren darauf, dass
die ihre - und wirklich nur die ihre - die einzig wahre Religion sei.

Ein Großteil des Wohlstands reicher Nationen gründet sich auf Sklaverei und
koloniale Enteignung

https://www.pbs.org/newshour/nation/west...capitalism-born
.
<https://www.pbs.org/newshour/nation/west-got-rich-modern-capitalism-born>


Wirtschaftswachstum, das seinem Wesen nach mit dem immer größeren Verbrauch
materieller Ressourcen verbunden ist, bedeutet, sowohl den lebenden Systemen als
auch zukünftigen Generationen den natürlichen Reichtum wegzunehmen.



der Freitag 07.05.2019

Grünes Wachstum ist eine Illusion

Der Kapitalismus, den wir kennen, ist nicht mit dem Überleben des Planeten
vereinbar. Es ist höchste Zeit, dass wir ein neues Wirtschaftssystem designen


George Monbiot - The Guardian

George Monbiot ist ein britischer Journalist, Autor, Universitätsdozent,
Umweltschützer und Aktivist - Übersetzung: Holger Hutt


Den größten Teil meines Erwachsenendaseins habe ich gegen den "Kapitalismus der
Konzerne", den "Konsumkapitalismus" und die "kapitalistische Vetternwirtschaft"
gewettert. Ich habe lange gebraucht, bis mir klar wurde, dass nicht das Adjektiv
das Problem darstellt, sondern das Nomen.


Während andere den Kapitalismus gern und schnell abgelehnt haben, ging dies bei
mir äußerst langsam und widerwillig vonstatten. Zum Teil lag das daran, dass
ich keine klare Alternative erkennen konnte.

Anders als manche Antikapitalisten konnte ich mich nie für den Staatskommunismus
begeistern, mich hemmte sein quasi-religiöser Charakter.

Im 21. Jahrhundert zu sagen "Der Kapitalismus versagt" ist wie im 19. Jahrhundert
zu sagen "Gott ist tot".
Das ist säkulare Blasphemie und erfordert ein Maß an
Selbstvertrauen, das ich nicht hatte.
Doch mit zunehmendem Alter habe ich zwei Dinge erkannt. Erstens, dass es das
System selbst ist und eben nicht nur eine bestimmte Ausprägung des Systems, das
uns unaufhaltsam in eine Katastrophe taumeln lässt. Zweitens, dass man keine
definitive Alternative parat haben muss, um sagen zu können, dass der
Kapitalismus scheitert. Die Aussage steht für sich.


Das Scheitern des Kapitalismus erwächst aus zwei seiner bestimmenden Elemente.
Das erste besteht in permanentem Wachstum
https://www.theguardian.com/commentisfre...g-planet-growth
. Wirtschaftswachstum ergibt sich zwangsweise aus dem Streben nach
Kapitalakkumulation und Extraprofit. Ohne Wachstum bricht der Kapitalismus
zusammen, auf einem endlichen Planeten führt permanentes Wachstum aber
zwangsläufig in die ökologische Katastrophe.

<https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/nov/22/black-friday-consumption-killing-planet-growth>



Wir können nicht unendlich weiter wachsen
Diejenigen, die den Kapitalismus verteidigen, argumentieren, das
Wirtschaftswachstum könne von der Verwendung materieller Ressourcen entkoppelt
werden, weil der Konsum sich immer weiter von Waren auf Dienstleistungen
verlagere.


Erst vor kurzem hat ein Paper von Jason Hickel und Giorgos Kallis im Journal New
Political Economy diese Annahme untersucht
https://www.tandfonline.com/doi/full/10....67.2019.1598964
.

Es kam zu dem Ergebnis, dass während im 20. Jahrhundert eine gewisse
Entkoppelung stattgefunden hat - der Verbrauch materieller Ressourcen stieg an,
aber nicht mit derselben Geschwindigkeit wie die Wirtschaft wuchs -, habe es im
21. Jahrhundert eine Wiederankopplung gegeben. Ein steigender Ressourcenverbrauch
entspricht bislang dem Niveau des Wirtschaftswachstums oder übersteigt dieses
sogar.


Die absolute Entkoppelung, die notwendig wäre, um eine Umweltkatastrophe zu
verhindern - also eine Reduzierung des Verbrauchs materieller Ressourcen , ist
nie erreicht worden und erscheint auch unmöglich, solange die Wirtschaft weiter
wächst. Grünes Wachstum ist eine Illusion.

Ein System, das auf permanentem Wachstum basiert, kann nicht ohne Peripherie und
ohne ein Außen funktionieren. Es muss immer einen Bereich geben, der
ausgebeutet wird - aus dem Ressourcen entnommen werden, ohne vollumfänglich
dafür zu bezahlen - sowie einen Bereich, in dem die Kosten in Gestalt von Müll
und Verschmutzung entsorgt werden.


Da das Ausmaß an wirtschaftlicher Aktivität so lange zunimmt, bis der
Kapitalismus alles durchdringt, von der Atmosphäre bis zum Meeresgrund, wird der
gesamte Planet zu dem Bereich, der geopfert wird - und wir alle bewohnen die
Peripherie der profitmachenden Maschine.

Das treibt uns in einem derartigen Ausmaß der Katastrophe entgegen
https://www.freitag.de/autoren/der-freit...chlaegt-zurueck
, dass die meisten Menschen es sich überhaupt gar nicht vorstellen können.

Uns droht ein wesentlich größerer Zusammenbruch unseres lebenserhaltenden
Systems als Kriege, Hungersnöte, Seuchen oder Wirtschaftskrisen allein ihn je
verursachen könnten - selbst wenn er wahrscheinlich alle diese vier Plagen mit
beinhaltet.


Gesellschaften können sich von solch apokalyptischen Ereignissen wieder erholen,
nicht aber vom Verlust von Lebensraum, einer artenreichen Biosphäre und einem
lebensfreundlichen Klima.


Kann man zwischen gutem und schlechtem Kapitalismus unterscheiden?
Das zweite bestimmende Element ist die bizarre Annahme, jemand habe ein Anrecht
auf einen so großen Teil des natürlichen Reichtums der Erde, wie er sich mit
seinem Geld kaufen kann.


Diese Aneignung gemeinschaftlichen Besitzes verursacht drei weitere Verwerfungen.

Erstens, das Gerangel um die Kontrolle nicht-reproduzierbarer Güter, das
entweder zu Gewalt oder zu Beschneidungen der Rechte anderer führt.

Zweitens, die Verelendung anderer durch eine Wirtschaft, die auf Plünderung und
Raubbau in der Gegenwart und Zukunft beruht.

Drittens die Übersetzung wirtschaftlicher in politische Macht, da die Kontrolle
über wichtige Ressourcen zur Kontrolle über die gesellschaftlichen Beziehungen
führt, die sie umgeben.

In der New York Times versuchte
https://www.nytimes.com/2019/04/19/opini...capitalism.html
der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz
https://www.nobelprize.org/prizes/econom...z/biographical/
zwischen gutem Kapitalismus, den er "wealth creation" und schlechtem
Kapitalismus, den er "wealth grabbing" (etwa die Erzielung von Mieten) nannte, zu
unterscheiden.


Ich verstehe diese Unterscheidung.

Doch aus ökologischer Perspektive ist "wealth creation" gleichbedeutend mit
"wealth grabbing". Wirtschaftswachstum, das seinem Wesen nach mit dem immer
größeren Verbrauch materieller Ressourcen verbunden ist, bedeutet, sowohl den
lebenden Systemen als auch zukünftigen Generationen den natürlichen Reichtum
wegzunehmen.

Wer auf solche Probleme hinweist, muss sich auf ein Sperrfeuer aus Anschuldigen
gefasst machen, von denen viele auf folgender Voraussetzung basieren: Der
Kapitalismus hat mehrere Hundertmillionen Menschen aus der Armut befreit - jetzt
wollt ihr sie wieder in die Armut zurückstoße
https://www.washingtonexaminer.com/opini...art-of-darkness
.

Es stimmt, dass der Kapitalismus und das wirtschaftliche Wachstum, das er
vorantreibt, die wirtschaftliche Situation einer großen Zahl von Menschen
verbessert hat, während er gleichzeitig den Wohlstand und das Wohlergehen
vieler anderer zerstörte. Nämlich derjenigen, denen Land, Arbeit und
Ressourcen genommen wurden, um anderswo Wachstum zu befördern.


Ein Großteil des Wohlstands reicher Nationen gründet sich auf Sklaverei und
koloniale Enteignung

https://www.pbs.org/newshour/nation/west...capitalism-born
.
<https://www.pbs.org/newshour/nation/west-got-rich-modern-capitalism-born>



Es gibt kein Zurück

Wie die Kohle so hat auch der Kapitalismus viele Annehmlichkeiten mit sich
gebracht. Doch wie die Kohle verursacht er heute mehr Schaden als Nutzen.


So wie wir Mittel gefunden haben, um nutzbare Energie zu generieren, die besser
und weniger schädlich ist als Kohle, müssen wir Mittel finden, menschlichen
Wohlstand zu schaffen, die besser und weniger schädlich sind als der
Kapitalismus.


Die Alternative zum Kapitalismus sind weder Feudalismus noch Staatskommunismus.
Der Sowjetkommunismus hatte mehr mit dem Kapitalismus gemeinsam, als die
Vertreter beider Systeme zugeben würden.


Beide Systeme sind (oder waren) besessen davon, Wirtschaftswachstum zu
generieren. Beide sind bereit, erstaunliches Leid zu verursachen, um dieses und
andere Ziele zu erreichen. Beide haben eine Zukunft versprochen, in der wir nur
ein paar Stunden die Woche arbeiten müssen, verlangen stattdessen aber endlose,
brutale Buckelei.


Beide sind entmenschlichend. Beide sind absolutistisch und beharren darauf, dass
die ihre - und wirklich nur die ihre - die einzig wahre Religion sei.


Wie also könnte ein besseres System aussehen?
Ich habe keine komplette Antwort auf diese Frage. Und ich glaube auch nicht, dass
irgendjemand sie hat. Doch ich sehe, wie ein grober Rahmen entsteht. Einen Teil
davon stellt die ökologische Zivilisation bereit, die Jeremy Lent vorschlägt,
einer der größten Denker unserer Zeit

https://www.monbiot.com/2018/01/31/stepp...from-the-brink/
.

Andere Elemente stammen aus Kate Raworths Doughnut Economics sowie dem
umweltpolitischen Denken von Naomi Klein, Amitav Ghosh, Angaangaq Angakkorsuaq,
Raj Patel und Bill McKibben.

Ein Teil der Antwort liegt in der in der Vorstellung von "privater Angemessenheit
und öffentlichem Luxus". Ein anderer Teil erwächst aus der Schaffung eines
neuen Konzepts von Gerechtigkeit auf Grundlage des einfachen Prinzips, dass jede
Generation überall dasselbe Recht auf Genuss des natürlichen Reichtums haben
sollte
https://www.theguardian.com/commentisfre...strike-children
.
<https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/mar/15/capitalism-destroying-earth-human-right-climate-strike-children>



Wir haben die Wahl

Ich glaube, unsere Aufgabe besteht darin, die besten Vorschläge von vielen
verschiedenen Denkerinnen und Denkern zu identifizieren und das Ganze dann zu
einer zusammenhängenden Alternative zu formen.


Denn kein Wirtschaftssystem ist nur ein Wirtschaftssystem. Es dringt in alle
Aspekte unseres Lebens ein.


Wir brauchen viele Köpfe aus verschiedenen Disziplinen - Wirtschaft, Politik,
Kultur, Gesellschaft und Logistik -, die zusammenarbeiten, um eine bessere
Organisation der Gesellschaft zu erdenken
, die unsere Bedürfnisse befriedigt -
ohne unseren Lebensraum zu zerstören!

Am Ende läuft die Wahl, die wir haben, auf Folgdendes hinaus:

Beenden wir das Leben, damit der Kapitalismus weiter fortbestehen kann - oder
beenden wir den Kapitalismus, um weiter leben zu können?




Quelle:
https://www.freitag.de/autoren/the-guard...t-eine-illusion
<https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/gruenes-wachstum-ist-eine-illusion>

Anmerkung:
Wie soll der Kapitalismus weiter fortbestehen können, wenn das Leben beendet wird?
Nur der zweite Teil des Satzes ergibt einen logischen Sinn.
Der Schlusssatz ist zu gewollt.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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