GKR-Forum

a_6.jpg a_6.jpg

#1

Elektromobilität als Ergänzung der Profitorientierung

in Aus der Welt der Wissenschaft 16.05.2019 23:34
von franzpeter | 9.523 Beiträge

NDS 16. Mai 2019


Elektromobilität als Ergänzung der Profitorientierung

Am Dienstag fand in Berlin die Hauptversammlung von Europas größtem
Automobilkonzern, der Volkswagen AG, statt. Dabei war auch Winfried Wolf, der
sich für die NachDenkSeiten seine Gedanken zur Hauptversammlung, zur Volkswagen
AG und deren neue Fokussierung auf die Elektromobilität gemacht hat.

Ein Artikel von Winfried Wolf



Auszug:

Dienstag, der 14. Mai; Berlin Messegelände. Eine Sirene ertönt. Mehr als 50
Personen fallen wie tot um. Ein gelbes Absperrband mit dem Schriftzug "climate
crime scene" wird gespannt. Die Spurensicherung eilt herbei. Es bestätigt sich
der Verdacht: Tod durch Klimazerstörung und Feinstaubbelastung. Der Täter:
Eine mörderische Autoindustrie, angeführt von VW. Unter dem Motto "Volkswagen
tötet" hatte ein Bündnis aus den Umweltverbänden Ethecon, Extinction
Rebellion, Robin Wood, Fridays for Future und Gegenstrom das "die-in"
durchgeführt.


Protestiert wurde gegen die von den Autokonzernen mitverursachte Klimakrise und
gegen den Abgasskandal.


Aber auch gegen die autoritäre Politik, die VW in seinem Werk in Puebla, Mexiko,
betreibt. Und gegen die Zusammenarbeit von VW mit der neuen rechtsextremen
brasilianischen Regierung, womit sie wiederum anknüpft an die unselige
Partnerschaft von VW de Brasil mit der Militärdiktatur in diesem Land im
Zeitraum 1964 bis 1985.


Die gelungene Protestaktion fand in den Medien einigen Widerhall.

Die vielen hundert Kleinaktionäre, die an den Protestierenden vorbei zur
Hauptversammlung der Volkswagen Aktiengesellschaft strebten, interessierten sich
eher nicht für die Proteste.


Auf der Hauptversammlung wollten Vertreter der Stiftung Ethecon dem VW-Konzern
zusammen mit dem Dachverband der Kritischen Aktionäre den "Black Planet Award"
überreichen. Dieser Negativpreis für den Ruin des Planeten - ein großer, mit
schwarzer Farbe beschmutzter Globus - wurde jedoch, wie auch die Flugblätter
von Ethecon, bereits am Eingang von VW-Security-Leuten beschlagnahmt.

Man wollte den Aktionären dann doch nicht zu viel Transparenz zumuten.
Allerdings hatten Aktivistinnen und Aktivisten eine aufblasbare Kopie des Black
Planet Award in die Halle hineinschmuggeln können. Die Übergabe fand
schlussendlich dann doch noch statt.


Die Hauptversammlung des VW-Konzerns selbst war in der Außenwirkung von der
behaupteten Neuausrichtung des Konzerns auf "Elektromobilität" bestimmt.

VW-Chef Herbert Diess erklärte in seiner Eröffnungsrede, diese Wende sei
"alternativlos". Sie sei eine Entscheidung "für weniger CO-2 im Verkehr". Wie
absurd das ist, belegte bereits die Show auf der Hauptversammlung selbst.


Im Tiefgeschoss des Konferenzzentrums CityCube wurde von VW bzw. von jeder
VW-Tochter jeweils ein Modell vorgestellt - bei allen Pkw-Marken (VW, Skoda,
SEAT, Bentley, Bugatti, Lamborghini und Porsche) waren dies jeweils SUVs (mit
Benzin- oder Diesel-Motoren).

Die Kleinaktionäre näherten sich den Modellen andächtig. Einige von ihnen
kletterten in einzelne Modelle hinein oder reichten auch mal ihre Kids hoch zu
einem gigantischen Scania-Truck. Immer wieder huschten dann VW-Mitarbeiter
herbei, um mit sauberem Tuch den Lack neu auf Hochglanz zu polieren.

Bei den in der Halle präsentierten neuen Pkw-Modellen liegen die offiziellen
CO-2-Werte in der Nähe von 200 Gramm je Kilometer. Das ist mehr als das
Doppelte des ab 2020 gültigen EU-Grenzwerts. Die Testwerte, die unabhängige
Motorsport-Blätter ermitteln, liegen in der Regel nochmals deutlich höher.

Die VW-Tochter SEAT hat 2018 eine neue Marke mit der Bezeichnung CUPRA
geschaffen. Sie tritt in der Werbung und im öffentlichen Auftritt autonom auf -
ohne Verweis auf (oder ein Logo von) SEAT bzw. VW.

Laut Geschäftsbericht "spricht CUPRA vor allem Autoliebhaber an und steht für
Einzigartigkeit, Hochwertigkeit und Leistung." So das neue Cupra-Modell Ateca.
Die Eigenwerbung betont exakt das Gegenteil von Verantwortung; gefeiert wird
Egozentrik: "Wir bauen ein Auto für Deinen ganz eigenen Weg. Setz Dir Ziele.
Keine Grenzen.
Cupra Ateca. Create your own path". Die CO-2-Werte des Ateca
liegen offiziell bei 166 g/km; laut Fahrbericht in AutoBild (vom 11.1. 2019) sind
es 198 g/km.


Im Geschäftsbericht wird auf Seite 7 darüber berichtet, dass man "70 neue
Modelle unserer Marken" im abgelaufenen Jahr auf die Straße gebracht habe.
Damit habe man "Wert geschaffen". Namentlich genannt werden die Modelle
"Touareg, T-Roc, Skoda Kodiaq und Karoq, SEAT Arona und Audi Q8". Auch hier
handelt es sich nur um schwergewichtige SUVs mit zum Teil extrem hohen
CO-2-Werten.


Kommt dann die Wende ab 2020?

Diess schreibt im Geschäftsbericht: "Bis 2025 bringen wir 50 neue Elektromodelle
auf die Straße. Jedes vierte Auto in unserem Angebot soll dann ein Stromer
sein."

Das heißt jedoch zugleich: Die überwiegende Mehrheit der neuen Modelle sind
auch im Zeitraum 2020 bis 2025 Pkw mit traditionellem Antrieb. Wobei „Angebot
mit neuen E-Pkw-Modellen nicht identisch ist mit dem Verkauf derselben.


Im Jahr 2025 wird beim Verkauf lediglich ein E-Pkw-Anteil von rund 20 Prozent
angepeilt.


Das gilt auch für China. Diess wurde auf der Hauptversammlung selbst mehrmals,
so auch von mir, gefragt, ob VW denn die 10-Prozent-Quote für Elektroautos, die
in China bereits seit dem 1. Januar 2019 gilt, einhalten könne. Diess
antwortete ausweichend. Für 2020 erwarte man, rund 400.000 Elektro-Pkw in China
produzieren und absetzen zu können.


Das wären knapp 10 Prozent der 2018 in China verkauften VW-Pkw. Im
Umkehrschluss läuft das darauf hinaus, dass 2019 diese Marge, die bereits vor
zwei Jahren angekündigt wurde, nicht eingehalten wird. Und dass entsprechende
Strafgelder fällig werden.


Diese sind jedoch von der Konzernführung fest eingeplant. Sie mindern die
enormen Profite, die VW in China erzielt, nur unwesentlich. Laut
VW-Geschäftsbericht 2018 bereitet sich "VW darauf vor, [...] im Jahr 2025 rund
1,5 Millionen New Energy Vehicles in China ausliefern zu können." (S.44). Das
wäre beim erwarteten Wachstum des gesamten Absatzes weniger als ein Drittel des
gesamten VW-Absatzes im genannten Jahr.

Damit ist exakt das umschrieben, was ich in anderen Beiträgen, so auf den
NachDenkSeiten, schrieb:

Selbst VW als selbst ernannter Vorreiter der Elektromobilität versteht die
E-Autos als eine Ergänzung, als ein Obendrauf, zum normalen Angebot. Und als
Bestandteil einer in sich stringenten Strategie, insgesamt die Pkw-Dichte weiter
zu erhöhen - vor allem mit immer mehr Stadtautos
.


Wobei in Europa alle Elektromodelle, die entwickelt werden, bei einem Preis von
30.000 Euro und einem Gewicht von knapp zwei Tonnen beginnen.

Eine der Protestreden auf der Hauptversammlung hielt die
Fridays-for-Future-Schülerin Clara Maver. Sie kritisierte darin zu Recht, dass
diese Form der VW-Elektromobilität dadurch charakterisiert sei, dass "die Autos
immer größer und immer schwerer" würden.


Der Geschäftsführer der Stiftung Ethecon, Niklas Hoves, ging noch einen
Schritt weiter: "Nach dem Dieselskandal kann jetzt noch ein Kobaltskandal
kommen. Denn die für die Batterien nötigen Rohstoffe sorgen für eine genauso
schlechte Klimabilanz. Anstatt noch mehr Autos zu bauen, fordern wir den
radikalen Ausbau des öffentlichen Verkehrs.
"


Wolfgang Lohbeck, der seit vielen Jahren als Experte für die Greenpeace - eine
Umweltorganisation, die "eigentlich" stark auf E-Pkw setzt - aktiv ist,
unterstrich diese Kritiken im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (15.5.)
wie folgt: "Die Ausschließlichkeit auf die E-Mobilität zu setzen, halte ich
für falsch.
Das Urproblem ist das Gewicht; die Masse muss runter. [...] Auch
Ökostrom ist weder ´sauber´ noch umsonst.

Im Übrigen ließen sich "nach dem Stand der Technik heute kleine, leichte Wagen
mit real 1,5 Litern Benzin oder Diesel durch die Stadt bewegen, das würde 30 bis
40 Gramm CO-2 entsprechen. Und außerdem ginge das viel schneller als das Warten
auf Elektromobilität."

In eine vergleichbare Richtung argumentierte auf der Hauptversammlung ein
Aktionär. Er berichtete, er fahre seit vielen Jahren ein Audi-Modell, das
inzwischen mehr als 350.000 km auf dem Buckel habe und über die gesamte Zeit
hinweg auf einen durchschnittlichen Verbrauch von weniger als 4 Liter komme.

Doch das interessierte die VW-Vorstandsmitglieder und VW-Aufsichtsräte auf dem
Podium nicht. Denn Autos, die man jahrzehntelang fährt und die wenig Sprit
verbrauchen, bringen keinen Profit.


Dass ein kriminelles Vorgehen und eine auf Egozentrik abzielende
Unternehmenspolitik sich durchaus in hohen Profiten auszahlen können,
verdeutlichte eben diese Hauptversammlung
.

Bislang, so teilte der VW-Vorstand mit, habe man "rund 30 Milliarden Euro" für
die "Bewältigung" des Abgasskandals aufgewandt. Das entspricht drei kompletten
Jahresgewinnen. Dennoch lag der Jahresgewinn 2018 mit 12,153 Milliarden Euro
(nach Steuern) auf Rekordniveau.


Dabei wird der Abgasskandal im Geschäftsbericht weiterhin nicht als solcher
bezeichnet. Hier ist lediglich die Rede von einer "Dieselproblematik" (S.92ff).
Betont wird, dass VW "nur nach US-amerikanischem Recht unzulässige
Veränderungen von Teilen der [Motoren-] Software" vorgenommen hätte.

Betont wird des weiteren, dass "kein Vorstandsmitglied, also auch nicht
Ex-VW-Chef Martin Winterkorn! - zu diesem Zeitpunkt [als die US-Behörden den
Skandal aufdeckten; W.W.] [...] Kenntnis von der Entwicklung und Implementierung
dieser Softwarefunktionen" hatten.


Gegenüber der Öffentlichkeit in Deutschland wird suggeriert: Es handelte sich
um eine Art Kavaliersdelikt.


Offensichtlich sind die Lungen der Menschen in Deutschland und im übrigen Europa
wesentlich stabiler als diejenigen in den USA. Schließlich verkehren hierzulande
Modelle aus dem VW-Konzern, die VW in Nordamerika wegen massiver
Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit aus dem Verkehr ziehen musste.

Ein Kavaliersdelikt? Im selben Geschäftsbericht kann man - wenn auch im
Kleingedruckten auf Seite 177 - lesen, dass VW ein "Schuldanerkenntnis im
Hinblick auf drei nach US-amerikanischen Bundesrecht strafbare Handlungen"
zugestimmt hat"
.


Dabei geht es erstens um "Verschwörung zur Begehung von Betrug", zweitens um
"Behinderung der Justiz§ und drittens um die "Verwendung von Falschaussagen zur
Einfuhr von Fahrzeugen in die USA".


Die Beschuldigungen, mit denen die VW-Tochter Audi in Südkorea konfrontiert
wird, unterstreichen noch deutlicher die kriminelle Energie, mit der VW
handelte. Hier gilt als belegt, dass VW/Audi bei den nach Südkorea exportierten
Audi-Modellen "die Kilometerzähler zurückdrehten", dass die
"Fahrgestellnummern gefälscht" und die "Testprotokolle der Abgas- und
Verbrauchsmessungen gezielt manipuliert" wurden (Handelsblatt vom 21. April
2019).

Diess behauptete auf der Hauptversammlung, man kooperiere überall mit den
Untersuchungsbehörden; VW stehe "zu seiner Verantwortung".

Das liest sich im Handelsblatt wie folgt: "Als ein Gericht in Seoul Johannes
Thammer [dem Audi-Landeschef in Südkorea; W.W.] den Prozess machen wollte,
reiste der Audi-Chef aus Südkorea aus. Warum? [...] Audi äußert sich nicht.
Sprecher De Graeve sagt lediglich, das Unternehmen habe Thammer aufgefordert,
mit den koreanischen Behörden zu kooperieren. Allerdings: ´Herr Thammer hat
uns mitgeteilt, dass er nicht reise- und verhandlungsfähig ist.´ Zu einem
Gerichtstermin im März in Seoul erschien er nicht." (23. April 2019)

In den USA darf VW seit Juni 2017 nur noch unter der Kontrolle eines
"unabhängigen Compliance Auditors", dem Rechtsanwalt Larry Thompson, agieren.
VW-Chef Diess stellte dies in seiner Eröffnungsrede auf der Hauptversammlung als
eine Art konstruktive Hilfe dar, um bei VW "transparente Verhältnisse" zu
schaffen.


Das Handelsblatt schreibt dann allerdings unverblümt, dass es sich hier um einen
"US-Aufseher" handeln würde, dass Thompson "bis ins Frühjahr 2020 planmäßig
über VW wachen" würde, dass auch eine "Verlängerung des Mandats" denkbar sei -
und dass "allein VW für die Kosten für die Arbeit von Thompson und seinem Team"
aufzukommen habe, die "bei Dutzenden Millionen Dollar im Jahr" liegen dürften
(Handelsblatt vom 22. März 2019).


Gab es in der Geschichte der Weltbranche Auto jemals eine vergleichbare
Demütigung eines Autokonzerns durch eine "fremde" Staatsmacht?

Ja, wenn auch nur ein einziges Mal! Wobei es auch damals VW betroffen und
kriminelle Aktivitäten des VW-Top-Managements im Spiel waren: Mitte der 1990er
Jahre musste VW am Ende der Affäre um den abgeworbenen
General-Motors-Spitzenmanager José Ignacio López klein beigeben und einem
demütigenden Schuldeingeständnis zustimmen.

Zu diesem Zeitpunkt war Ferdinand Piech VW-Chef und für den López-Skandal
verantwortlich. Als VW Anfang der Nuller Jahre in den USA die Kampagne "Clean
Diesel" startete, die sich heute als Ausgangspunkt von Dieselgate erweist, war
Piech immer noch VW-Chef bzw. ab 2002 VW-Aufsichtsratschef.

Jedoch, siehe oben: Er und alle anderen Top-Manager bei VW hatten „keine
Kenntnis von der Entwicklung und Implementierung der Betrugssoftware. Auch wenn
der langjährige VW-Herrscher Ferdinand Piech sich nach dem Auffliegen von
Dieselgate aus dem operativen Geschäft (und teilweise auch als Großaktionär)
zurückgezogen hat, dürfte Hans Michel Piech, der auf der Hauptversammlung am
vergangenen Dienstag als Aufsichtsrat präsent war, die Interessen der Familie
Piech wahren.


Im Übrigen ist es mit der Transparenz beim Thema Dieselskandal nicht weit her.

Das Thema wird konzernintern in einem "Sonderausschuss Dieselmotoren" behandelt,
wobei den Vorsitz in diesem Ausschuss Wolfgang Porsche, also ein Vertreter des
VW-Großaktionärs Porsche, innehat.

Der umfassende Bericht zum VW-Dieselskandal in den USA, den der Monitor Thompson
am 30. März 2018 vorlegte, wird, so steht es im VW-Geschäftsbericht 2018,
"nicht veröffentlicht".


Am Ende der VW-Hauptversammlung war mit der Bestätigung der Spitzenpositionen
im Konzern klar: Im VW-Konzern wird eine Mannschaft um Diess und Pötsch, die
aufs Engste mit dem Dieselskandal verbunden ist, den alten Weg fortsetzen.

Und dieser Weg heißt: allein der Profit zählt.


Mehr: https://www.nachdenkseiten.de/?p=51744
<https://www.nachdenkseiten.de/?p=51744>

Anmerkung:

Zitat
Offensichtlich sind die Lungen der Menschen in Deutschland und im übrigen Europa
wesentlich stabiler als diejenigen in den USA. Schließlich verkehren hierzulande
Modelle aus dem VW-Konzern, die VW in Nordamerika wegen massiver
Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit aus dem Verkehr ziehen musste.


Was interessiert Gesundheit, wenn es um Profit geht!


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 6 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: lnhollin
Forum Statistiken
Das Forum hat 2578 Themen und 13250 Beiträge.

Heute waren 3 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 71 Benutzer (12.03.2015 19:47).

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de