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Buchtipp -Die ethnische Säuberung Palästinas von Ilan Pappe

in Aus der Welt der Wissenschaft 08.06.2019 17:56
von franzpeter | 9.475 Beiträge

Buchtipp - Taschenbuch - 2. Mai 2019

Die ethnische Säuberung Palästinas


https://www.westendverlag.de/buch/die-et...ng-palaestinas/
<https://www.westendverlag.de/buch/die-ethnische-saeuberung-palaestinas/>



Das Buch:

Plädoyer für einen Ausgleich mit den Palästinensern

Ilan Pappe beschreibt, wie der militärische Konflikt in den Jahren 1947 bis
1949 in eine systematische Politik Israels übergegangen ist, die bis heute
einen Frieden in Palästina verhindert
.

Zwei Monate vor dem Ende der britischen Verwaltung Palästinas im Auftrag der UN,
am 10. März 1948, trifft sich im Roten Haus in Tel Aviv, dem Hauptquartier der
Untergrundmiliz Hagana, eine Runde hochrangiger zionistischer Politiker.
Eingeladen hat David Ben Gurion, später Ministerpräsident Israels. Mit dabei
Yigal Allon (später Außenminister), Moshe Dayan (später Verteidigungs- und
Außenminister), Yigael Yadin (später stellvertretender Ministerpräsident),
Yitzchak Rabin (später Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger).

Sie verabreden die Endfassung eines Masterplans zur Vertreibung der arabischen
Bevölkerung: "Plan Dalet" (Plan D). Das Land - nur zu elf Prozent im Besitz der
jüdischen Einwanderer, die nicht einmal ein Drittel der Einwohner stellen - soll
systematisch freigemacht werden für eine endgültige jüdische Besiedelung, und
hierzu ist jedes Mittel recht.


"Wer den Kernkonflikt im Nahen Osten besser verstehen will, sollte das mit viel
Herzblut geschriebene Buch von Ilan Pappe lesen." Marcel Pott im Deutschlandfunk


Der Autor:

Ilan Pappe, geboren 1954 in Haifa als Sohn deutscher Juden, die aus Deutschland
geflüchtet waren, studierte in Jerusalem und promovierte in Oxford. Er ist einer
der Protagonisten der »Neuen israelischen Historiker«, die für eine Revision
der offiziellen Geschichtsschreibung des Zionismus und des Staates Israel und
für einen kritischen Ausgleich mit den Palästinensern plädieren«
. Er war
Leiter des Friedensforschungsinstitut Givat Haviva, lehrte bis 2007 politische
Wissenschaften an der Universität Haifa und ist derzeit Professor für
Geschichte an der Universität Exeter.



NDS 09.06.2019

Besprechung des Buches von Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas.
Aus Anlass der Neuerscheinung.

von Heiko Flottau

Heiko Flottau hat für die NachDenkSeiten dieses Buch besprochen. Ich kenne keine
Veröffentlichung, deren Lektüre einem so grundlegend alle Illusionen über eine
friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina raubt. Es ist
informativ und desillusionierend. Damit bewahrt einen die Lektüre vor
Fehleinschätzungen. Albrecht Müller.


"Früh im 20.Jahrhundert gab das Land, Palästina genannt, keinerlei Anzeichen,
dass es einst das Cockpit der Welt werden würde."

So beginnt ein wegweisendes Buch des Autors Jonathan Schneer, in dem er sich
detailliert mit der Balfour-Erklärung befasst, jener Ankündigung des britischen
Außenministers Arthur Balfour von 1917, in der Großbritannien den Juden eine
„Heimstatt in Palästina versprach. [1]


31 Jahre später, am 10. März 1948, saßen "elf Männer zusammen - altgediente
zionistische Führer und junge jüdische Offiziere - und legten letzte Hand an
einen Plan für die ethnische Säuberung Palästinas. Noch am selben Abend
ergingen militärische Befehle an die Einheiten vor Ort, die systematische
Vertreibung der Palästinenser aus weiten Teilen des Landes vorzubereiten.


Diesen Satz schreibt der israelische Autor Ilan Pappé in seinem 2006
erschienenen Buch "The Ethnic Cleansing of Palestine", das jetzt zum zweiten Mal
in deutscher Sprache erschienen ist. [2] Die Gründung des Staates Israel stand
bevor und schon im Vorfeld dieses einschneidenden Ereignisses fassten die
zionistischen Führer den Entschluss, möglichst viele Palästinenser zu
vertreiben.


Neunzehn Jahre nach jenem fatalen Beschluss vom 10. März 1948, im Juni 1967,
fand diese für die Region fatale Entwicklung ihre Fortsetzung, deren Folgen
noch heute virulent sind. Ilan Pappé schreibt, die "endgültige Entscheidung,
die vor Ende des Monats gefällt wurde, war unter allen Umständen die Westbank
und den Gazastreifen von allen Friedensgesprächen auszuschließen".

Gerade hatte Israel nach einem Präventivschlag gegen die ägyptische Luftwaffe
im Sechs-Tage-Krieg gegen Ägypten, Syrien und Jordanien das Westjordanland und
den arabischen Ostteil Jerusalems erobert. Der Entschluss stand fest, wie Ilan
Pappé in seinem Buch "The Biggest Prison on Earth" [3] schreibt, den
Gazastreifen, vor allem aber das Westjordanland niemals wieder an die
Palästinenser zu übergeben. Aus der allumfassenden Besetzung bzw. Abschnürung
(des Gazastreifens) sei das "größte Gefängnis der Erde" geworden.


Wer heute diese historisch dokumentierte und gesicherte Abfolge von Beschlüssen
israelischer Entscheidungsträger analysiert, wird ohne große Umschweife zu dem
Schluss kommen, dass es von vornherein das Ziel der Zionisten war, möglichst
viel Land, also das ganze historische Palästina zu besetzen und in einen
jüdischen Staat umzuwandeln.


Den letzten Beweis lieferte Israels Premier Benjamin Netanjahu, als er im
zurückliegenden Wahlkampf ankündigte, das Westjordanland annektieren und so
dem Staat Israel einverleiben zu wollen.


Ilan Pappé ist israelischer Staatsbürger, Jude und ursprünglich Professor an
der Universität Haifa. Weltanschaulich ist er am linken Flügel des politischen
Spektrums anzusiedeln. Nach Veröffentlichung seines Buches über die ethnische
Säuberung Palästinas wurde er in Israel so sehr angefeindet, dass er das Land
verließ und seit 2007 an der Universität Exeter in Großbritannien lehrt.


Wer wie Ilan Pappé und verschiedene andere Historiker des Landes die Mär von
der friedlichen Übernahme des Landes durch die Zionisten in Frage stellt, wird
vom israelischen Establishment als "Selbsthasser" diffamiert.

Bereits im Vorwort seines für das israelische Selbstverständnis brisanten,
jetzt erneut auf Deutsch erschienenen Buches "Die ethnische Säuberung
Palästinas" teilt der Autor dem Leser mit, was dieser dann im Verlauf der
kommenden Seiten im Detail erfährt: Am 10. März 1948, also zwei Monate vor der
Staatsgründung Israels, habe, wie eingangs erwähnt, eine Gruppe von elf
altgedienten zionistischen Führern und jungen Offizieren unter Leitung des
späteren Ministerpräsidenten David Ben Gurion einen Plan fertiggestellt, der
die ethnische Säuberung Palästinas vorgesehen habe.


Am gleichen Abend seien die Kommandeure im Feld angewiesen worden, sich auf die
Verwirklichung dieses Planes vorzubereiten. "Den Befehlen beigefügt", schreibt
Pappé, "waren detaillierte Anweisungen, welche Methoden angewendet werden
sollten, um die Menschen zu vertreiben: Einschüchterung in großem Stil,
Belagerung und Bombardierung von Dörfern und Bevölkerungszentren;
In-Brand-Setzen von Häusern, anderen Immobilien und Waren; Vertreibung,
Zerstörung und schließlich das Legen von Minen unter dem Schutt, um die
vertriebenen Einwohner an der Rückkehr zu hindern".


"Nachdem die Entscheidung gefallen war", schreibt Pappé weiter, "dauerte es
sechs Monate, den Befehl auszuführen. Als es vorbei war, waren mehr als die
Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung Palästinas, annähernd 800.000
Menschen, entwurzelt, 531 Dörfer zerstört und elf Stadtteile entvölkert."


Der am 10. März 1948 beschlossene Plan und vor allem seine systematische
Umsetzung in den folgenden Monaten war eindeutig ein Fall ethnischer Säuberung,
die nach heutigem Völkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt.

Um die Spuren der Verwüstungen zu überdecken, wurden über vielen der
zerstörten palästinensischen Dörfer, das weiß man heute, Parks geschaffen.

Oft werden Besucher aus dem Westen aufgefordert, in diesen Parks neue Bäume zu
pflanzen. Dass diese Bäume über zerstörten palästinensischen Dörfern
gepflanzt werden, sagt man den Besuchern nicht.

Etwa 800.000 Olivenbäume wurden im Konflikt zwischen Israel und Palästina seit
1967 entwurzelt - eine Fläche von 33 Central Parks oder mehr als 15.000
Fußballfelder, wie man bei Wikipedia und anderen Quellen glaubhaft nachlesen
kann. Das ist nicht nur wirtschaftlich verheerend, "sondern auch ein Angriff auf
das Selbstverständnis palästinensischer Bauern, für die der Anbau und die
Pflege des historisch symbolträchtigen Olivenbaumes identitätsstiftend und
aufgrund der Wasserknappheit lebensnotwendig ist (Wikipedia).

Die systematische Unterdrückung der Palästinenser hatte schon vor der
offiziellen Gründung Israels begonnen. So überfielen am 9. April 1948
Mitglieder der zionistischen Irgun- und Sterngang unter der Leitung des späteren
israelischen Premierministers Menachem Begin das kleine, damals am Rande
Jerusalems gelegene palästinensische Dorf Deir Jassin und ermordeten dort
mindestens 250 unbewaffnete Zivilisten.
Die Botschaft: Seht her, ihr
Palästinenser, was euch passiert, wenn ihr euch einer Gründung eines jüdischen
Staates widersetzt.

Kurz darauf, am 17. September 1948, ermordeten israelische Terroristen den UN-
Sondergesandten, den Schweden Graf Folke Bernadotte.
Bernadotte war nach Israel
geschickt worden, um zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln. [4]
Aber internationale Vermittlung wollte schon damals kaum jemand im offiziellen
Israel. Diese Haltung hat sich bis jetzt nicht geändert. Denn auch heute will
Israel, besonders aber sein Ministerpräsident, keine Vermittlung.

In seinem Buch über das "größte Gefängnis der Welt" schreibt Ilan Pappé, in
den letzten Jahren habe die akademische Welt den Begriff "Siedlerkolonialismus"
benutzt, um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, besonders aber
die israelische Landnahme im Westjordanland zu charakterisieren.

"Siedlerkolonialismus", schreibt der Autor, "ist die Bewegung von Europäern in
andere Teile der Welt mit der Absicht, dort ein neues, permanentes Leben
aufzubauen."

Eine solche Auswanderung in andere Länder habe fast immer zu Konflikten mit der
eingeborenen Bevölkerung geführt, oft auch zum Genozid an der indigenen
Bevölkerung, manchmal aber auch, wie im Falle Algeriens und Südafrikas, zum
Untergang des Siedlerkolonialismus.

"Palästina ist ein außerordentlicher Fall", schreibt Pappé, "wir wissen noch
nicht, wie die Sache enden wird." Werde die ethnische Säuberung fortgesetzt oder
werde sich die Logik von Menschenrechten durchsetzen, fragt Ilan Pappé. "Was wir
sagen können, ist, dass (...] Siedlerkolonialismus eine Struktur ist und kein
einzelnes Ereignis."


In der Tat, die Struktur der israelischen Besatzung des Westjordanlandes hat
sich tief in das Dasein der Palästinenser eingegraben. Ihr tägliches Leben
wird durch diese Gewaltstruktur bestimmt. Denn Besatzung bedeutet auch Gewalt -
Gewalt über das alltägliche Leben der Menschen.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert dieser Besatzung deutet derzeit nichts
darauf hin, dass sich an diesem von der vielzitierten "internationalen
Gemeinschaft" oft kritisierten, aber immer noch hingenommenen Zustand etwas
ändert.
Das einst eher verschlafene, von Bauern und einigen Städtern bewohnte
Palästina ist in der Tat zum "Cockpit der Welt" geworden, wie der Historiker
Jonathan Schneer schreibt.


[«1] Jonathan Schneer: The Balfour Declaration. The Origin of the Arab-Israeli
Conflict. New York 2012

[«2] Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas. Verlag Westend 2019

[«3] Ilan Pappé: The Biggest Prison on Earth. A History of the Occupied
Territories. London 2017

[«4] Siehe auch NachDenkSeiten vom 12.September 2018
<https://www.nachdenkseiten.de/?p=45963>


Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=52390
<https://www.nachdenkseiten.de/?p=52390>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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