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Die juristische Bankrotterklärung für das Staatsziel Tierschutz - Art 20a GG -

in Aus der Welt der Wissenschaft 13.06.2019 22:39
von franzpeter | 9.563 Beiträge

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art 20a

Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die
natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen
Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die
vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.


der Freitag 13.06.2019

Warum die Küken sterben müssen …

Tierschutz - Nun ist es höchstgerichtlich beschlossen: Das Schreddern und
Vergasen männlicher Küken bleibt (vorerst) geltende Praxis


Björn Hayer

Männliche Küken: Das Urteil ist in ethischer Hinsicht eine Bankrotterklärung
- Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP/Getty Images

Der Unterschied zwischen Verfassungsanspruch und -wirklichkeit wird bei kaum
einem anderen Staatsziel so offensichtlich wie beim 2002 im Grundgesetz
verankerten Tierschutz.


Jüngere Fehlentwicklungen, etwa beim Transport von Rindern in Drittländer
außerhalb der EU oder der betäubungslosen Ferkelkastration, erstrecken sich
längst nicht mehr auf Einzelfälle. Inzwischen sind die Auswüchse, befördert
durch das Effizienzstreben in der industriellen Massentierhaltung, systemischer
Natur, wie gerade die Diskussion um das millionenfache Kükenschreddern und
-vergasens belegt.


Nachdem die ehemalige rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen diese
Praxis per Erlass verboten hatte und die Seite der Landwirtschaft dagegen geklagt
hatte, fiel heute das Urteil des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts in der
Sache.


Was dabei heraus kam, lässt sich mit einem halbgaren "Ja, aber" umschreiben:

Eigentlich seien die wirtschaftlichen Erwägungen der Großbetriebe kein
hinreichender Grund zur Legitimation des massenhaften Leidens der Küken,
gleichwohl sei es hinnehmbar, bis geeignete Alternativen vorhanden wären.
Die
Entscheidung erweist sich in gleich mehrfacher Hinsicht als problematisch. Denn
es ist längst nicht so, dass es keine anderen Optionen gäbe
.



Zum Beispiel ReWe

Viele Betriebe, zumeist aus dem Bereich der ökologischen Landwirtschaft, nutzen
etwa neue Hühnerrassen, bei denen die männlichen Küken zur Fleischproduktion
und die weiblichen zur Eierherstellung eingesetzt werden. Andere ziehen die
männlichen Tiere mithilfe erhöhter Preise auf die Eier ihrer Schwestern auf.


Und selbst die Technologie gibt schon andere Möglichkeiten wie die
"In-Ovo-Geschlechtsbestimmung" zu erkennen: Damit das männliche Geflügel erst
gar nicht das Licht der Welt (oder besser: das künstliche der Stallinnenräume)
erblickt, wird es bereits im Brut-Status beseitigt. Diese Lösung gehört
sicherlich zu den vergleichsweise besseren, weil sie in jedem Fall das geringste
Leiden erzeugt.


Zumindest der Kölner Rewe-Konzern plant in Kürze die Nutzung dieser Methode
unter dem Label "respeggt-Freiland-Eier".

[b]Sieht man von diesen vom Gericht nicht ausreichend gewürdigten Potenzialen ab,
ist das Urteil in ethischer Hinsicht eine Bankrotterklärung
.[/b]

Zahlreiche naturwissenschaftliche Studien der letzten Jahre belegen eine
genetische und verhaltensbezogene Nähe vieler sogenannter Nutztiere zum
Menschen
. Nachdem namhafte Philosophen wie René Descartes oder Immanuel Kant
noch bis in die Moderne hinein versucht hatten, animale Mitwesen abzuwerten, weil
sie beispielsweise über keine Sprachefähigkeit oder kein Bewusstsein
verfügten, lässt sich gegenwärtig das meiste solcherlei Argumentationen
widerlegen.


Auch Hühner verfügen über wesentliche kognitive und affektive Fähigkeiten,
die zumindest eine betäubungslose Tötung (im Babystadium) als fragwürdig
erscheinen lassen.


Neben Empathie sollten Angst- und Schmerzempfinden eine Rolle spielen, wenn es
darum geht, entsprechend des Grundgesetzes "vernünftige" Gründe für das
Schreddern oder das Vergasen von Küken anzuführen.

Für Tierrechtler wie Tom Regan oder - im deutschsprachigen Raum - Bernd Ladwig
gebietet die basale (grundständige fp.) Verwandtschaft selbst "einfacherer" Tiere mit dem Menschen
die Anerkennung grundlegender Rechte.


Das Bundesverwaltungsgericht hat die Chance nun vertan, männlichen Küken
zumindest die kurze Zeit des Aufwachsens zu gewähren oder ihnen alternativ
bereits vor der Geburt ein Dasein in dunklen Zuchtanalgen zu ersparen. So oder
so bleibt die Entscheidung hinter dem Stand des aktuellen gesellschaftlichen
Diskurses zurück.



Quelle:
https://www.freitag.de/autoren/der-freit...sterben-muessen
<https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/warum-die-kueken-sterben-muessen>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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