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Evangelikaler Extremismus - Trumps Gotteskrieger

in Aus der Welt der Wissenschaft 10.07.2019 21:30
von franzpeter | 9.614 Beiträge

taz 10.07.2019

Evangelikaler Extremismus

Trumps Gotteskrieger

Der amerikanische Präsident ist nicht sonderlich religiös. Doch seine Außen-
und Verteidigungspolitik wird von evangelikalen Fanatikern bestimmt.


Anjana Shrivastava

Man sieht in einer Reihe John Bolton, Robert Frank Pence, Donald Trump und Mike
Pompeo - Foto: ap

Der Krieg im Nahen Osten brennt weiter und hört nicht auf, nur weil irgendwo
die Kriegsparteien gerade erschöpft sind, weil irgendwo ein
Anti-Atomwaffen-Abkommen unterschrieben wurde oder weil ein US-Präsident
gerufene Kriegshunde zurückpfiff. Denn der Konflikt ist wie ein immens
brennendes Ölfeld, das nicht unter Kontrolle zu bringen ist
https://taz.de/Kommentar-Trumps-Nahost-Politik/!5582004/ . Der
gefährliche Treibstoff ist dabei weniger das Öl als der Glaube.


US-Außenminister Mike Pompeo bewahrt in seinem Amtszimmer eine große Bibel
auf, und wo er aufhört zu lesen, markiert er die Stelle mit einem Schweizer
Armeemesser. "Ich bin absolut zuversichtlich", sagt er gerne, "dass Gott in die
Entwicklungen im Mittleren Osten involviert ist."


Der Evangelikale Pompeo glaubt, dass Christen "kämpfen und kämpfen müssen,
bis die Erlösung der Endzeit naht".

Es war Pompeo, der die zwölf Verschärfungen des Abkommens für den Iran
formulierte, die auf die Revolutionsgarden wie starker Rauch im Wespennest
wirkten. Denn Pompeo ist nicht nur Fanatiker, sondern auch Soldat der
Westpoint-Militärakademie und Harvard-Jurist. Er ist nicht nur evangelikal
entrückt, er weiß auch, was er tut.


Der zweite Irakkrieg wurde, wie schon der erste, von einem Mitglied der
Bush-Dynastie geführt, die aus einer alten New-England-Familie stammt. Diese
Sippe tut nur so, als ob sie Texaner wären.

Die Führungsriege gehört zur alten Elite: Geldadel, Luftwaffe, die Fakultäten
der ältesten Universitäten.
Sie wollten der Nach-Vietnam-Ära mit einem kühnen
Krieg ein Ende setzen. Ihre Fehlkalkulation stürzte sie selbst in eine Krise.

Taktische Solidarität

Die neuen Kriegstreiber Washingtons dagegen wurden nicht in die Elite
hineingeboren. Selbst Trump wurde im snobistischen Manhattan als ein "Road and
Bridges Man" belächelt: Trump mochte vielleicht ein wenig Geld geerbt haben,
aber dennoch musste er jeden Tag den Fluss mühsam überqueren, bis er wirklich
in New York war.

Auf verschiedenste Weisen mussten Trumps Außenpolitiker sich erst nach oben
kämpfen. Sie alle haben einen starken Glauben an sich selbst, aber kaum Respekt
für einander, wie die alten Eliten der Bushs und Roosevelts. Zur taktischen
Solidarität allerdings sind sie fähig, solange sie an der Macht sind.

Diese neuen Glaubenskrieger, die eine Konfrontation mit dem Iran befürworten,
sind neben Mike Pompeo Politiker wie der junge Senator von Arkansas, Tom Cotton,
der auf einer kleinen Rinderfarm im ländlichen Arkansas aufgewachsen ist. Auch
er ist Soldat und Harvard-Anwalt und erklärt gerne, dass Amerika den Iran in
zwei Schlägen außer Gefecht setzen könne, mit dem ersten Schlag und mit dem
letzten Schlag.

Wie der kühle Donald Rumsfeld setzt Tom Cotton, der selber Infanterist in Irak
war, auf die Überlegenheit der Luftwaffe - und dies, nachdem die
Rumsfeld-Doktrin der ausreichenden Schlagkraft der Luftwaffe so kläglich
gescheitert war. Dieser überaus korrekt auftretende Mensch findet Guantánamo
eine gute und humane Alternative für Menschen, "die in der Hölle schmoren
sollten".



Amerika als Ergebnis der Prophezeiung Gottes

Es ist die abgründige Fähigkeit der Gläubigen, rationale Kategorien durch
schillernde Metaphern zu ersetzen, eine Verblendung, die nicht vor Anwälten
haltmacht. Dies ist ein Phänomen, das ebenso bei der Ankunft des Ajatollah
Chomeini in Teheran zu beobachten war, überall dort, wo die Säkularität
verkümmert.


Donald Trump und sein Nationaler Sicherheitsberater John Bolton sind eher
nominell christlich, auch wenn sie ihren Glauben an Amerika zur Ersatzreligion
erhoben haben.


Bolton, der Sohn eines Feuerwehrmanns ist und in seiner Zeit als UN-Botschafter
als Hardliner berüchtigt war, hat alle außenpolitischen Debatten im Weißen
Haus auf Anweisung von oben unterbunden. Er geht jeden Tag um 21.30 Uhr schlafen,
dafür steht er um 3.30 Uhr auf, um Akten zu studieren.
Trump mag Bolton nicht, aber er schätzt ihn dafür, dass er in Briefings schnell
zum Punkt kommt. Die beiden sehr verschiedenen Männer teilen eine
Grundüberzeugung: Sie sind glühende Nationalisten, die gemäß puritanischer
Tradition glauben, dass Amerika ein Ergebnis der Prophezeiung Gottes ist.

Was alle diese Figuren aber eint, Pompeo, Trump, Bolton, Cotton, den
Südstaatler Lindsey Graham und andere, ist, dass sie letztlich nur eine
temporäre Funktionselite bilden.


Deswegen brauchen sie einen unerschütterlichen Glauben, der sie aus eher
bescheidenen Anfängen an die Spitze der Republikanischen Partei gebracht hat.
Aber diese Partei ist nicht stark genug, diese Funktionäre auf Dauer absichern
zu können. Diese Rolle der Absicherung fällt anderen, weit weniger
demokratischen Kräften, zu.


Die Koch-Brüder als Königsmacher

Die Königsmacher sind die libertären Koch-Brüder aus Witchita, Kansas.


Großindustrielle, sie haben 120.000 Mitarbeiter, einen jährlichen Umsatz von
110 Milliarden Dollar und beinharte Glaubensgrundsätze
niederländisch-reformierter calvinistischer Prägung.
Trump braucht die Kochs
für seinen nächsten Wahlkampf. Vize-Präsident Mike Pence war zuvor
hauptberuflicher Lobbyist für die Koch-Brüder.

Auch Mike Pompeos Karriere ist mit Charles und David Koch eng verwoben. Nach
seinem Harvard-Studium ging der Kalifornier Pompeo nach Witchita und ließ seine
Luftraumfahrt-Firma von den Kochs finanzieren.



Seit Jahrzehnten sind seine evangelikale Rhetorik und seine politische
Programmatik perfekt auf die Koch-Brüder abgestimmt: Wie er Machiavelli und
Calvin unter einem Hut bringt, ist bemerkenswert.

Die jetzige amerikanische Führung kann man als eine Bande von Glaubenskriegern
bezeichnen.
Deshalb hat sich Amerika in einen Glaubenskrieg im Mittleren Osten
verhakt, in dem Iran die Rolle des Antichristen zugeteilt wird.


Quelle: https://taz.de/Evangelikaler-Extremismus/!5605777/
<https://taz.de/Evangelikaler-Extremismus/!5605777/>

Angefügte Bilder:
Evangeliker.png

Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 10.07.2019 21:47 | nach oben springen


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