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Sterbende Höfe, belastete Äcker

in Aus der Welt der Wissenschaft 12.07.2019 16:59
von franzpeter | 9.530 Beiträge

SZ 12. Juli 2019

Landwirtschaft

Sterbende Höfe, belastete Äcker

- In Deutschland mästen Bauern viel mehr Schweine, Rinder oder Hühner, als
für die Versorgung der Bundesbürger nötig wäre.


- Im Gegenzug gibt es massive Nachhaltigkeits-Defizite auf praktisch allen
Ebenen, zeigt ein Bericht für den Bundestag.

Von Markus Balser

Wenn es einfach nicht mehr geht: Die Zahl der Milchviehbetriebe ging zwischen
2010 und 2017 um 28 Prozent zurück. (Foto: Johannes Simon)


Ob das Geschäft der Landwirte gut läuft, lässt sich in den ländlichen
Regionen der Republik häufig schon am Geruch feststellen. Deutsche Bauern
mästen heute viel mehr Schweine, Rinder oder Hühner, als für die Versorgung
der Bundesbürger nötig wäre
. Das ist zwar gut für ihr Auskommen -
tonnenweise wird das Fleisch aus Deutschland in alle Welt exportiert. Doch der
Erfolg hat seine Schattenseiten, etwa die häufig problematischen
Haltungsbedingungen.

Und: Zurück bleibt eine gewaltige Menge Gülle. Abermillionen Nutztiere in
Deutschland produzieren mehrere Hundert Millionen Kubikmeter Gülle oder Mist
.


Der Preis dafür ist hoch. Da sind etwa die Folgen fürs Grundwasser. In einem
Viertel der Wasserspeicher sind Nitrat-Grenzwerte überschritten - vor allem in
den Zentren der Viehwirtschaft. Die EU droht deshalb mit millionenschweren
Bußgeldern.



Massive Nachhaltigkeits-Defizite auf fast allen Ebenen

Wie ist es um die Nachhaltigkeit der deutschen Landwirtschaft bestellt?

Genau dieser Frage ist das Büro für Technikfolgen-Abschätzung
https://www.tab-beim-bundestag.de/de/index.html nun in einer
aufwendigen Studie für den Bundestag nachgegangen. Die Forscher durchleuchteten
das System und hinterfragten, über welche Daten die Politik eigentlich
verfügt.

Das Ergebnis: massive Nachhaltigkeitsdefizite auf praktisch allen Ebenen.

Die ökologische Nachhaltigkeit habe sich "verschlechtert", urteilen die Experten
in dem 328-seitigen Papier, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Der Einsatz von Ressourcen und Pflanzenschutzmitteln steige, die Artenvielfalt
nehme ab, die Abhängigkeit von Futterimporten wachse, heißt es in dem Papier
weiter. Intensive Formen der Nutztierhaltung ohne Auslauf nähmen zu statt ab,
und immer häufiger würden Nutztiere eingesetzt, die einseitig auf hohe
Leistung getrimmt seien.


Doch die ökologischen Folgen sind längst nicht die einzige Entwicklung, die
die Forscher besorgt. Auch hinsichtlich der sozialen und ökonomischen
Nachhaltigkeit gebe es große Probleme. Die Landwirtschaft sei von sehr starken
Arbeitsplatzverlusten gekennzeichnet.


Das Höfesterben der vergangenen Jahre sei ein Zeichen dafür, "dass die Branche
insgesamt durch einen Mangel an ökonomischer Nachhaltigkeit gekennzeichnet ist".

Allein von 2010 bis 2017 ist die Zahl der Betriebe mit Rinderhaltung der Studie
zufolge um 18 Prozent gesunken, die der Betriebe mit Milchkühen ging um 28
Prozent zurück.

Die Anzahl der Betriebe mit Schweinehaltung hat sich zwischen 2007 und 2016 gar
halbiert. Auch Bauern beklagen einen immer größeren finanziellen Druck im
System. Viele würden gerne umsteuern, doch es fehlen die Mittel.
Und so wächst
die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung hätten gezeigt, dass sich die
Deutschen eine Landwirtschaft wünschen, "die aus vielen bäuerlichen Betrieben"
besteht, heißt es in der Studie. Die aber würden sich immer mehr von den
Idealvorstellungen relevanter Teile der Bevölkerung entfernen. Allerdings sei
Größe nicht automatisch ein Problem für die Umwelt.

Andernorts ist der Wandel bereits größer. Deutschland liegt dem Bericht
zufolge beim Ausbau des Ökolandbaus weit hinter anderen europäischen Ländern.


Den höchsten Anteil an der Fläche haben Österreich und Schweden mit 21
beziehungsweise 18 Prozent. In Deutschland seien es knapp sieben Prozent. Die
Studie geht allerdings von Vergleichswerten des Jahres 2016 aus. Inzwischen stieg
der Anteil auf gut neun Prozent.


Doch auch beim Tempo des Wandels hinkt Deutschland hinterher. Während es
hierzulande nur eine moderate Zunahme seit 2005 gegeben habe, sei das Wachstum
in Frankreich, Italien Schweden und Spanien stark gewesen.


"Die Situation ist dramatisch", warnt ein Grünen-Politiker

Die Erträge seien zwar im Öko-Landbau durchschnittlich um 20 bis 25 Prozent
niedriger, die Preise für Kunden etwas höher
.

Bei einer Reihe von Indikatoren schneide der ökologische Landbau aber deutlich
besser ab. Vorteile bei Bodenfruchtbarkeit, Bodenbiologie, dem Schutz des
Grundwassers und der Artenvielfalt seien nachgewiesen. Zudem sei der Gewinn
ökologisch bewirtschafteter Betriebe in Deutschland in den meisten Jahren
höher. Die Ernährungswerte seien besser.


Die Wissenschaftler wollen auch die Konsumenten in die Pflicht nehmen. Ein
nachhaltigerer und gleichzeitig gesünderer Ernährungsstil, etwa mit weniger
Fleischkonsum und geringeren Lebensmittelabfällen, habe Rückwirkungen auf die
Landwirtschaft.


Beides könne "zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft" beitragen.

Die Studie im Auftrag der Bundestagsausschüsse für Landwirtschaft und
Forschung warnt allerdings vor Wissensdefiziten zu den ökologischen Folgen der
Agrarbranche. Die Forscher empfehlen der Politik deshalb Indikatoren ein- und
Langzeitstudien durchzuführen.


Die Opposition sieht in dem Bericht einen Auftrag für die Bundesregierung,
umzusteuern.
"Die Zeit drängt. Die Situation ist dramatisch", sagt der
Grünen-Agrarpolitiker Friedrich Ostendorff. "Wir müssen jetzt alle Register
ziehen, um unsere bäuerlichen Strukturen und die bäuerliche Landwirtschaft zu
erhalten."

Das sind vom Deutschen Bundestag eingesetzte fraktionsübergreifend
Arbeitsgruppen, die komplexe Probleme lösen sollen. Seit Einführung des
Instruments 1969 gab es erst 28 Kommissionen zu Themen wie Globalisierung oder
Digitalisierung. "Diese Verluste dürfen wir nicht akzeptieren" sagt Ostendorff.
"Mit den Betrieben brechen auch Strukturen, Kultur und Zusammenhalt im
ländlichen Raum weg."




Quelle:
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/b...gkeit-1.4520651
<https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bauern-landwirtschaft-nachhaltigkeit-1.4520651>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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