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M O M E N T U M - "Wer Angst sät...."

in Aus der Welt der Wissenschaft 05.08.2019 08:47
von franzpeter | 9.562 Beiträge

"Wer Angst sät...."

Keine Nachsicht für Sascha Distel

Ich weiss mich vor Scham nicht zu retten - von Flugscham befallen setze ich mich
mit Dieselscham in meine Blechkiste, entwickle Klimascham ob des Stickoxids,
verdaue mit Essscham am Sonntag mein Rindersteak, das ich mit Plastikscham aus
seiner Umhüllung befreie wie die Hitze das Methangas aus dem Permafrost,
begegne mit Willkommensscham den Menschen, die ich mit den Kriegen meiner
Regierung und ihrer Werten-Welte-Freunde aus ihrer Heimat vertreibe, verzweifle
an der Schamlosigkeit Europas, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen und
deren Rettung aus Seenot als kriminell zu verfolgen: Scham ohne Ende
- und ich
weiss mich nicht mehr aus meinem tiefen Loch zu befreien.

Und der in Denken und Sprache vereint getrimmte Regierungs- und Medienchor sucht
mich mit den verniedlichenden Metaphern der Bertelsmann-Stiftung und der
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit "Klima-" und "Flüchtlingskrise" zu
trösten; nein, in seiner Summe ist das bereits eine ausgemachte
Zivilisationskrise, die geeignet ist, unsere genetisch über Jahrhunderte
eingeübten Verhalten grundlegend zu verändern: keine Flucht, sondern
Völkerwanderung, keine Klimakrise, sondern Klimakatastrofe. Zeiten, in der der
Kampf um die Meinungsführerschaft längstens die wissenschaftlichen Fakten
verdrängt und uns jene Welt aufdrängt, in der das seit hunderttausend Jahren
als "homo sapiens" bekannte hominide Wesen als "homo oeconomicus" nurmehr nach
seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit und profitablen Nützlichkeit gefragt
ist.


Eine Politik, die sich von den angeblichen wirtschaftlichen Zwängen der
Globalisierung vereinnahmen lässt, eine Regierung, die unter einer müden
Kanzlerin statt zu regieren sich nur aufs Administrieren versteht - mit
Ministern, die den Ruch nicht loswerden, bessere Angestellte der Finanz-,
Automobil- und Pharmaindustrie zu sein. Und einem Parlament, das offensichtlich
vergessen hat, eine "Volksvertretung" zu sein, dem der Souverän, das Volk,
vertraut, den Moloch Staat zu bändigen.


Mit der Zivilisationskrise einher geht auch die Demokratiekrise, die Colin
Crouch mit Thatcher und Reagan, Blair und Schröder in der neoliberalen Wandlung
in eine Post-Demokratie abgleiten sieht, in der die demokratischen Institutionen
nur noch ihren Namen tragen, aber in ihrer Substanz längst verelendet sind -
die AfD baut erfolgreich auf diese Erkenntnis und stellt die demokratischen
Errungenschaften widerstandslos unter einer Kanzlerin bloss, die Demokratie -
zumal unter kapitalistischen Vorgaben - nie gelernt hat, allenfalls unter der
Prämisse der "ethisch-moralischen Wende" ihres Ziehvaters Kohl.


Trump, Johnson, Bolsonaro, Orban, Salvini, Gauland - sie alle sind Ausgeburten
dieser neuen Zeit, in der Recht und Gesetz einer Erosion unterliegen, weil die
demokratischen Institutionen in der neoliberalen Gesittung nicht mehr
funktionieren - zu spät statt vorgreiflich zu agieren. Und diese Typen werden
vor dem Hintergrund des Versagens demokratischer Institutionen und im Ausverkauf
zivilisatorischer Errungenschaften nicht weniger werden, weil das Versagen von
Zivilisation und Demokratie uns jeden Tag neu serviert wird: Die autoritäre
Staatsführung gewinnt, wenn die Menschen ständig die Angst umtreibt, ihr Leben
weder wirtschaftlich, noch zivilisatorisch in geeigneter Weise einrichten zu
können. Demokratie gedeiht nur, wo Menschen ohne Angst leben können: Wer aber
Angst sät...

Quelle: MOMENTUM


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 05.08.2019 11:57 | nach oben springen


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