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Asymmetrische Berichterstattung

in Aus der Welt der Wissenschaft 09.08.2019 22:36
von franzpeter | 9.723 Beiträge

Für den Medienwissenschaftler an der Guelph-Humber-Universität in Toronto ist
das Gegenteil der Wahrheit viel näher: dass nämlich "die USA Teheran bedrohen
und nicht umgekehrt".



Le Monde diplomatique - 08.08.2019

Asymmetrische Berichterstattung

Man stelle sich vor, eine iranische Drohne würde über Florida abgeschossen
oder ein paar Kilometer vor der amerikanischen Küste. Niemand würde über den
exakten Abschussort diskutieren, vielmehr würden sich alle fragen, was diese
Drohne dort zu suchen hatte - 11000 Kilometer entfernt von Teheran.

von Serge Halimi und Pierre Rimbert

Als Iran am 20. Juni eine US-Drohne zerstörte, knapp außerhalb der
Landesgrenze (Pentagon-Version) oder innerhalb des iranischen Luftraums
(Teheran-Version), fragte kaum jemand nach der Legitimität der
US-amerikanischen Militärpräsenz am Golf.


Diese asymmetrische Berichterstattung der westlichen Medien, die sich daran
orientiert, ob das Land, das internationales Recht verletzt, eine (gute)
Demokratie oder ein (böser) autoritärer Staat ist, bleibt heute völlig
unwidersprochen.


Wenn man in der aktuellen Eskalation "Iran permanent als atomare oder sonstige
Bedrohung darstellt, vermittelt man die Botschaft, dass man das Land angreifen
müsse", warnt Gregory Shupak.
Für den Medienwissenschaftler an der
Guelph-Humber-Universität in Toronto ist das Gegenteil der Wahrheit viel näher:
dass nämlich "die USA Teheran bedrohen und nicht umgekehrt".

Schließlich sei es die Regierung in Washington, die mit ihren Sanktionen die
iranische Wirtschaft zugrunde richtet und damit den Zugang der Bevölkerung zu
Nahrungsmitteln und Medikamenten einschränkt. Und die ihren Gegner "mit
Militärbasen sowie See-, Land- und Luftstreitkräften eingekreist hat, wogegen
Iran den USA nichts Vergleichbares angetan hat".


Diese ungleiche Wahrnehmung, die "spontan" die Großmacht USA begünstigt,
stützt sich vor allem auf ein selektives Gedächtnis, ein Gemisch aus politisch
induziertem Vergessen und von Medien transportierten Lügen, die auf
Auslassungen basieren.


Wer erinnert sich im Westen noch an Flug 655 der Iran Air?

Am 3. Juli 1988 zerstörte der Kreuzer "USS Vincennes", während er in iranischen
Hoheitsgewässern patrouillierte, ein Linienflugzeug mit 290 Passagieren an Bord,
das auf dem Weg nach Dubai war.


Anfangs bestritten die USA, für den Abschuss verantwortlich zu sein; dann
erklärte Washington, die "Vincennes" habe sich in internationalen Gewässern
befunden und man habe den iranischen Airbus für ein Jagdflugzeug gehalten, weil
er bedrohlich auf den US-Kreuzer heruntergestoßen sei.


Beides Lügen, wie sich später herausstellte. Am Ende äußerte die
US-Regierung ihr „tiefes Bedauern über den Vorfall und zahlte 61,8 Millionen
Dollar Entschädigung an die Familien der Opfer.



Zweierlei Maß für zwei irrtümliche Abschüsse

Im Westen geriet diese Geschichte schnell in Vergessenheit, während ein ganz
ähnlicher Vorfall - obwohl früher geschehen - noch lange im kollektiven
Gedächtnis haften blieb: Am 1. September 1983 schoss ein sowjetischer
Suchoi-Jäger eine Boeing 747 der Korean Air Lines (KAL) ab, die sich mit 269
Passagieren auf dem Weg von Seoul nach New York befand.


Mitten im Kalten Krieg war das Flugzeug nachts aus Versehen von seiner Route
abgekommen und in den sowjetischen Luftraum eingedrungen, direkt über sensiblen
Militäranlagen. Der Kreml erklärte, man habe die zivile Maschine mit einem
Spionageflugzeug verwechselt.


Beide Dramen, sowohl der Abschuss des koreanischen wie des iranischen Flugzeugs,
sind ausreichend dokumentiert, also gut zu vergleichen. Deshalb kann uns die
unterschiedliche Berichterstattung über die Flüge KAL 007 und Iran Air 655
Aufschluss darüber geben, wie stark ideologisch beeinflusst die westliche und
insbesondere die US-Presse ist, obgleich Letztere in der ganzen Welt als Vorbild
gilt.


Am Tag nach dem Abschuss der Boeing 747 durch die russische Luftwaffe hieß es im
Editorial der New York Times (2. September 1983) unter dem Titel "Mord in der
Luft": "Es kann keine Entschuldigung geben, wenn ein Land - ganz gleich, welches
- ein harmloses Linienflugzeug abschießt.


Fünf Jahre später, nach dem Abschuss des Iran-Air-Flugzeugs durch die "USS
Vincennes", war eine solche Entschuldigung auf einmal möglich: "Auch wenn das
Ereignis schrecklich ist, es war ein Unfall", hieß es im Editorial derselben
Zeitung am 5. Juli 1988. "Man kann sich nur schwer vorstellen, wie die Navy ihn
hätte verhindern können."


Die New York Times lud ihre Leser zu einem waghalsigen Gedankenexperiment ein:
Man möge sich an die Stelle von Captain Rogers versetzen, der den Abschussbefehl
gegeben hatte. Dem könne man schwerlich einen Vorwurf machen. Vielmehr liege die
Verantwortung, so die große liberale Tageszeitung, auf beiden Seiten:
"Auch der
Iran ist verantwortlich, wenn er zivile Flugzeuge in der Nähe eines Kampfgebiets
fliegen lässt, zumal er diese Ausselbst begonnen hat."

Drei Jahre nach diesem Abschuss erschien eine vergleichende Studie des
Politikwissenschaftlers Robert Entder die unterschiedliche Darstellung beider
Fälle in den US-Meherausarbeitete. Im Fall des sowjetischen Angriffs "betonten
sie den moralischen Bankrott und die Schuld der Nation, die den Schuss abgefeuert
hatte, im zweiten Fall redeten sie dagegen die Schuld klein und betonten die
Komplexität von Militäroperationen, bei denen moderne Technologie eine
Schlüsselrolle spielt.


Dass mit zweierlei Maß gemessen wurde, wird auch daran deutlich, wie wichtig das
jeweilige Ereignis genommen und mit welchem Vokabular es dargestellt wurde und
was man über die Opfer lesen konnte.


Über das koreanische Flugzeug berichtete die Presse in den ersten beiden Wochen
nach dem Abschuss zwei- bis dreimal häufiger als im Fall des iranischen
Flugzeugs: auf 51 Seiten in Time Magazine und Newsweek KAL, auf 20 Seiten über
Iran Air; 286 Artikel in der New York Times über KAL, 102 über Iran Air.


Nach dem sowjetischen Angriff überschlagen sich die Schlagzeilen vor Empörung:
"Mord in der Luft. Ein unbarmherziger Hinterhalt" (Newsweek, 13. September
1983); "Schießen, um zu töten. Gräueltat in der Luft. Die Sowjets schießen
ein ziviles Flugzeug ab" (Time Magazine, 13. September 1983); "Warum Moskau das
tat" (Newsweek, 19. September 1983).


Bei der tödlichen US-Rakete klang das dann ganz anders: Von einer Gräueltat
war nicht mehr die Rede, schon gar nicht von einer absichtlichen Tötung. Der
Modus wechselte vom Aktiv ins Passiv: "Warum es geschah", titelte Newsweek am
18. Juli 1988. So als gebe es für die Tat keinen Urheber. Das Time Magazine
setzte lieber die russische Marsmission auf die Titelseite und berichtete nur
auf den Innenseiten über den Abschuss. Unter der Überschrift: "Was am Golf
schiefging".

In der Washington Post und der New York Times lauteten die häufigsten Adjektive
über den Sowjet-Abschuss:"brutal", "barbarisch", "absichtlich", "kriminell".
Der Abschuss durch ein US-Kriegsschiff war dagegen: "irrtümlich", "tragisch",
"verständlich", "gerechtfertigt".


Selbst der Blick auf die Opfer war je nach dem trauerumflort oder neutral. Im
einen Fall waren "unschuldige Menschen" oder "geliebte Menschen" mit
"ergreifenden persönlichen Geschichten" umgekommen, im anderen Fall waren
"Passagiere", "Reisende" oder "Menschen" gestorben.


Solche journalistischen Automatismen tragen ebenso viel zur Desinformation bei
wie eindeutige Lügen
.


Nur dass eben die Analyse transatlantischer Vorurteile längst nicht so hip ist
wie die von Fake News. Iran zu hassen und die Lügen des Pentagon zu verbreiten,
hat bisher noch keiner Journalistenkarriere geschadet: "Die Perser lügen wie
die Teppichhändler", schrieb Richard Cohen, Leitartikler der Washington Post,
am 29. September 2009. Und Bret Stephens, der das Atomabkommen mit Iran für
"schlimmer als München" befunden hatte (The Wall Street Journal, 25. November
2013), ist seit 2017 Kolumnist der New York Times.


Selbst als der Washington-Post-Kolumnist Jamal Kashoggi, im Oktober 2018 mit
einer Säge zerstückelt wurde, hatten die Lobhudeleien an die Adresse der
Saudis, der Erzfeinde Irans, kein Ende.


Sogar im öffentlich-rechtlichen Sender PBS, wo es als anrüchig gilt, den
aktuellen US-Präsidenten besser zu finden als seinen Amtsvorgänger, wird diese
Regel missachtet, sobald es um Teheran geht: "Präsident Obama hatte gehofft,
Iran werde sich mäßigen und ein anständiges Mitglied der Völkerfamilie
werden. Er hat sich vollkommen getäuscht", hieß es in einem Kommentar vom 11.
Mai 2018.


Der Satz stammte von dem Starkolumnisten David Brooks, dem Iran als der
"völkermörderischste Staat der Erde" gilt, der Gewalt und Terror auf der ganzen
Welt verbreite. Deshalb befand Brooks: "Trump hat recht, wenn er dagegenhält.
Vielleicht versteht er solche Leute besser als es Leute mit einer tollen
akademischen Karriere tun."


Das hat durchaus seine Logik: Wenn man die öffentliche Meinung auf einen Krieg
vorbereiten will, ist es besser, nichts von der Geschichte oder Zivilisation des
betroffenen Landes zu verstehen.



1 Gregory Shupak, "Creating a climate for war with Iran", Fairness & Accuracy in
Reporting (FAIR), 2. Juli 2019: fair.org.

2 "KAL 007 and Iran Air 655. Comparing the coverage", Extra!, New York, Nr. 4,
Juli/August 1988.

3 Robert Entman, "Framing US coverage of internanews: Contrasts in narratives of
the KAL and Iran incidents", Journal of Communication, Bd. 41, Nr. 4, Washington,
D. C., Dezember 1991. Die weiteren Zitate und Belege stammen aus diesem Artikel.
Wir danken Chloé Bonnafoux für ihre Recherchen zu diesem Thema.


Aus dem Französischen von Sabine Jainski


Quelle: https://monde-diplomatique.de/artikel/!5602570
<https://monde-diplomatique.de/artikel/!5602570>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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