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Raubbau - Was Epidemien mit der Zerstörung intakter Ökosysteme durch den Menschen zu tun haben ...

in Aus der Welt der Wissenschaft 25.03.2020 16:11
von franzpeter | 9.955 Beiträge

Der Freitag 24.03.2020

Das kommt nicht von außen

Raubbau - Was Epidemien mit der Zerstörung intakter Ökosysteme durch den
Menschen zu tun haben

Kathrin Hartmann

Links: Ultradünnschicht von Corona-Viren (rot) im Inneren einer Wirtszelle.
Rechts: Luftbild gerodeter Amazonas-Flächen - Fotos: Gelderblom/Eye of
Science/Agentur Focus, Cris Bouroncle/AFP/Getty Images (rechts)

Man hört und liest das derzeit häufig: das Coronavirus sei für Umwelt und
Klima gut. Oder: esoterisches Geraune, dass "der Planet" jetzt "zurückschlage2.
Das ist nicht nur zynisch und menschenverachtend, schließlich werden bereits
jetzt Erkrankte selektiert und sterben gelassen. Es ist falsch. Corona hat
dieselbe strukturelle Ursache wie die ökologische und soziale Krise, zu der der
Klimawandel, die Naturzerstörung wie die maroden Gesundheitssysteme gehören.
Sie ist in der kapitalistischen Produktion und Ausbeutung der Natur zu suchen, in
der imperialen Lebensweise der reichen Länder des Nordens, in der neoliberalen
Ideologie.


Mehr als zwei Drittel der Erreger, die Epidemien wie Ebola, Zika oder die
Vogelgrippe auslösten, stammen ursprünglich von Wildtieren, die in tropischen
Regionen heimisch sind. Werden diese Lebensräume und intakte Öksysteme
zerstört, "führt das zu einem Verlust der Artenvielfalt und verändert die
Zusammensetzung der Säugetierpopulationen", erklärt die Virologin Sandra
Junglen, die an der Berliner Charité Viren erforscht, die noch keinen Kontakt
zu Menschen hatten.


"Weniger Artenvielfalt bedeutet mehr Tiere einer Art. Wenn mehr Tiere einer Art
im selben Lebensraum vorkommen, können sich Infektionskrankheiten zwischen den
Tieren einer Art besser verbreiten." Die verbliebenen Tiere verlagern außerdem
ihre Lebensräume und nähern sich denen der Menschen an.


Verantwortlich für den Verlust der Biodiversität ist vor allem die massive
Zerstörung der Wälder: Jedes Jahr wird weltweit Wald der Größe
Großbritanniens zerstört. Seit Jair Bolsonaro an der Macht ist, wurde in
Brasilien so brutal abgeholzt, dass der Amazonas-Regenwald vor dem Kollaps
steht.


Diese Wälder werden für die industrielle Landwirtschaft beseitigt - für
gigantische Monokulturen von gentechnisch verändertem Soja und Mais, von
Palmöl und Zuckerrohr für den Export. Vorangetrieben wird deren Anbau von
multinationalen Agrar- und Lebensmittelkonzernen, von Spekulanten und
Finanzinvestoren.


Nicht nur der Handel mit schwindenden Flächen landwirtschaftlichen Lands ist
für Letztere lukrativ, sondern auch der Anbau von solchen Flexcrops, die, je
nach Börsenpreis, entweder der Lebensmittel-, Futter- oder der
Biosprit-Produktion zugeführt werden können. So wird die landwirtschaftliche
Produktion von der Lebensgrundlage zum Finanzprodukt.



Landraub und Monokulturen

Wie die industrielle Tierhaltung für die wachsende Fleischproduktion dafür
sorgt, dass sich Erreger auf Nutztiere und Menschen übertragen und ausbreiten
können,
beschreibt der britische Biologe Rob Wallace in seinem Buch Big Farms
Make Big Flu:

"Durch Züchtung genetischer Monokulturen von Nutztieren werden alle eventuell
vorhandenen Immunschranken beseitigt, die die Übertragung verlangsamen
könnten. Eine große Tierpopulation und -dichte fördert hohe
Übertragungsraten
. Solche beengten Verhältnisse beeinträchtigen die
Abwehrkräfte des Immunsystems der Tiere. Ein hoher Durchlauf von Tieren, der
Teil jeder industriellen Produktion ist, versorgt die Viren mit ständig neuen
Wirtstieren, was die Ansteckungsfähigkeit der Viren fördert",
sagt Wallace in
einem Interview mit der Zeitschrift Marx 21.

Zur Erinnerung: Vor drei Jahren wurden Hunderttausende Tiere getötet, nachdem
sich das durch Zugvögel eingeschleppte Vogelgrippevirus H5N8 in den
Geflügelmastanlagen rasant ausgebreitet hatte. "Mit anderen Worten: Die
Agrarindustrie ist so auf Gewinn ausgerichtet, dass die Entscheidung für ein
Virus, das eine Milliarde Menschen töten könnte, das Risiko wert zu sein
scheint.


Die Zerstörung von Wäldern, die Ausbreitung von Monokulturen und der Landraub,
der damit einhergeht, führen dazu, dass Indigene sowie Kleinbäuerinnen und
Kleinbauern ihre Lebensgrundlage verlieren und in die Städte fliehen.


Die Urbanisierung ist ein weiterer Faktor, der die Verbreitung von Viren
begünstigt, die sich über Reisende schließlich global verbreiten. Seit dem
Ausbruch des Coronasvirus Sars 2003 sind doppelt so viele Touristen und
Touristinnen weltweit unterwegs.


Als Quelle von Covid-19 galt lange der Fischmarkt in Wuhan. Boulevardmedien
überboten sich mit teils rassistisch angehauchten Geschichten, welche Tiere dort
angeblich verkauft und gegessen würden, von lebenden Koalas über Wolfsbabys bis
zu Fledermäusen. Belegt ist dieser Ursprung nicht.

Doch es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Wildtieren - sogenanntem
Bushmeat -, dem Ausbruch von Krankheiten und dem Konsum reicher Länder.


So wird laut der Weltgesundheitsorganisation WHO das Ebolavirus durch Fangen,
Schlachten und Verzehren von infizierten Primaten auf den Menschen übertragen.

Weil chinesische, japanische und auch europäische Fangflotten die Küsten
Westafrikas leer fischten, waren die Menschen dort vermehrt dazu gezwungen,
Wildtiere in den Wäldern zu jagen.

Ich habe das bei meinen Palmöl-Recherchen in Indonesien selbst erlebt, als ich
auf Sumatra Indigene traf, die ihr gestohlenes Land in einer riesigen
Palmölplantage besetzten. An ihr Lager grenzte ein Rest mit dem Geld
internationaler Organisationen - darunter das deutsche Umweltministerium -
geschützter Wald, den sie nicht betreten durften. Der Hunger zwang sie jedoch,
dort illegal zu jagen.



Kapitalismus und Krise

Europa und insbesondere Deutschland spielen eine fatale Rolle in diesem
ungerechten Spiel. Kein anderer Kontinent konsumiert derart auf Kosten der
Länder im globalen Süden wie die EU. Sie beansprucht für ihre
Grundnahrungsmittel und andere Konsumgüter aus landwirtschaftlicher Produktion
anderswo in der Welt eine Fläche, die mit 6,4 Millionen Quadratkilometer
eineinhalb mal größer ist als alle 28 Mitgliedstaaten zusammen.


Die EU gehört weltweit zu den größten Importeuren von Soja und Palmöl.

Deutschland ist der drittgrößte Importeuer von landwirtschaftlichen Produkten
und Nahrungsmitteln der Welt, obwohl sich dieses Land theoretisch zu mehr als 90
Prozent selbst versorgen könnte.
Doch die deutsche Landwirtschaft ist
wesentlich auf die Produktion und den Export von Fleisch und Milchprodukten
konzentriert.


Das okkupiert zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche, während nur auf
einem Prozent Obst und Gemüse wachsen
.


Doch alle diese Zusammenhänge werden derzeit nicht diskutiert. Wie auch beim
Klimaschutz steht im Vordergrund, den Kapitalismus zu retten.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sorgt, dass osteuropäischen
Billigstarbeiter der Spargelernte fernbleiben könnten.

Das beschreibt, wie abhängig unser System und unser Alltag von der Ausbeutung
von Menschen und Natur sind. Covid-19 und seine Folgen sind nicht einfach eine
Bedrohung von außen, sondern aus dem System heraus entstanden
.


Wenn wir nun vor leeren Supermarktregalen stehen oder uns darum sorgen, ob
unsere Verwandten bei einer Infektion überhaupt behandelt werden, sollten wir
begreifen, wie existentiell krisenanfällig der Kapitalismus ist und wie sehr
die ökologische und die soziale Frage zusammenhängen.


Es wichtiger denn je, darüber nachzudenken, wie wir dieses System ändern
können. Das würde Umwelt und Klima wirklich helfen - genauso wie einem global
gerechten Gesundheitssystem.




Kathrin Hartmann hat gerade ihr neues Buch Grüner wird's nicht. Warum wir mit
der ökologischen Krise völlig falsch umgehen im Blessing-Verlag
veröffentlicht


Quelle:
https://www.freitag.de/autoren/der-freit...icht-von-aussen
<https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-kommt-nicht-von-aussen>

Quelle: Der Freitag


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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