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Meine Zuchtmethode - Annett Wolf

in Artikel 08.04.2013 11:29
von franzpeter | 9.654 Beiträge

Meine Zuchtmethode : gerichtete Schwarmzucht
Annett Wolf (Übersetzung vom 'Guppybrev 4/2002')

Meine Zuchtmethode liegt zwischen Schwarmzucht und Linienzucht.

Unter reiner Schwarmzucht versteht man häufig eine Zucht , bei der in einem großen Aquarium Männchen und Weibchen zusammen gehalten werden und kontinuierlich Nachkommen in die Welt setzen. Die schlechten Männchen werden vom Züchter aussortiert. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, dass sie der natürlichen Lebensweise der Guppies entspricht. Außerdem verwendet man eine große Anzahl Zuchttiere und die Nachkommen sind gesund und Inzuchtprobleine treten in der Regel nicht auf, man kann seinen Stamm über viele Jahre züchten. Es ist eine sehr gute Methode, um einen gesunden Stamm weiterzuführen, aber Verbesserungen des Stammes geschehen langsam. Mir persönlich, ist diese Art der Zucht nicht zielgerichtet genug, es können immer mal wieder Männchen entweichen, die weniger schön sind. Außerdem hat man keine Kontrolle über das Alter und den Fortpflanzungserfolg der Tiere.
Bei der reinen Linienzucht werden Tiere in zwei oder mehreren Linien gezüchtet. Pro Linie werden meistens ein Männchen und ein oder mehrere Weibchen gepaart. In regelmäßigen Abständen werden die Linien miteinander gekreuzt, um Inzuchtschäden einzudämmen. Diese Methode erfordert eine große Anzahl von Aquarien , weil die Tiere der verschiedenen Linien getrennt
aufgezogen werden müssen. Da die Anzahl von Becken für die meisten Züchter begrenzt ist, werden oft zu wenige Linien gezüchtet und damit pro Generation zu wenig Zuchttiere verwendet. Wenn zu wenig Tiere verwendet werden, geht die genetische Variabilität zurück und Inzuchtschäden treten auf (siehe H.
Turessons Artikel im letzten Guppybrief). Außerdem glaube ich, dass Weibchen, wenn sie mehr Männchen zur Auswahl haben, gesündere Nachkommen in die Welt setzen. Die Guppyweibchen haben ihre eigenen Ideen, vom idealen Partner, der sehr wahrscheinlich nicht mit der Wahl des Züchters übereinstimmt. Gebe ich also
mehrere Männchen zu den Weibchen, so können diese die besten Partner wählen (Siehe H.Turessons Artikel in diesem Guppybrief).
Ein weiteres Problem: den idealen Fisch gibt es (noch) nicht. Einige haben tolle Schwerter, andere eine super Farbe, wieder andere 'ne Klasse Rückenflosse, andere sind groß und wieder andere haben eine tolle Körperform. Um all das irgendwann einmal in einem Fisch vereint zu sehen, müssen die Merkmale aber so lange im Genpool des Stammes vorhanden bleiben. Ich bin total dagegen , sich auf ein Zuchtziel zu konzentrieren und nur dass Männchen zu wählen, welches diesem Ziel am nächsten kommt. Damit gehen nämlich all die anderen guten Merkmale verloren!
Wie sieht also meine Zucht aus? Ich wähle 10-20 Weibchen und paare diese mit meinen schönsten 10 - 20 Männchen. Bei der Wahl der Männchen achte ich darauf, dass alle Merkmale, die ich in meinem 'Idealfisch' vereint sehen will auch vertreten sind. Also mindestens einen Fisch mit der gewünschten Farbe, Form und Größe von Schwertern, Rückenflosse und Körper. Alle mir wichtigen Merkmale sollen vertreten sein. Am wichtigsten ist natürlich, dass die Zuchttiere gesund und munter sind. Zur Paarung teile ich manchmal in zwei - drei kleinere Gruppen, z.B. 3 Gruppen mit je 5 Weibchen+5 Männchen.
Nach ca. 2 Wochen sollten die Herren erfolgreich gewesen sein und sie kommen zurück zu den anderen Männchen. Wenn die Zeit reif ist, werden die Weibchen separiert. Ich behalte die Jungen von den 10-12 Weibchen, die zuerst werfen, von jeden Weibchen nur einen Wurf. Die Jungen werden soweit platztechnisch möglich die ersten 4 Wochen separat aufgezogen. Nach 4 Wochen sortiere ich die Geschlechter und hebe die drei größten Weibchen aus jedem Wurf auf. Damit habe ich sichergestellt, dass ich auch von jedem Weibchen, Töchter zur Weiterzucht verwende. Von nun an werden diese ca. 30 Weibchen gemischt. Auch die Männchen können von nun an gemischt werden. Da ich beschränkten Platz habe, ist starkes aussortieren gefragt ! Alle nicht benötigten Weibchen werden natürlich wegsortiert und dann in regelmäßigen Abständen, alle
Männchen die mir nicht gefallen. In der letzten Generation hatte ich etwa 400 Jungtiere, also ca. 200 Männchen. von denen ich 100 recht
schnell aussortiert habe. Die restlichen 100 habe ich dann recht lange aufgezogen, um die besten für die Paarung zu wählen. Ich verwende jungfräuliche Weibchen, um sicher zu sein, dass die Paarung auch mit den von mir gewählten Tieren erfolgt. Ich habe nicht den Platz und die Zeit, ein bis zwei Würfe zu verwerfen!
Zur Zeit schwimmen also wieder 30 jungfräuliche Weibchen und ca. 100 Männchen in meinen Aquarien herum. Für die nächste Paarung werde ich wahrscheinlich 20 Weibchen + 10-15 Männchen verwenden (die schönsten natürlich).

Die Vorteile:
1. Alle Fische sind ungefähr gleich alt, ich kann ihre Qualitäten gut vergleichen. Bei der
gewöhnlichen Schwarmzucht schwimmen die verschiedenen Generationen miteinander, da weiß ich nie, ob ein kleines Männchen einfach nur zu jung ist oder eben kleinwüchsig ist. Bei mir gibt es jeweils nur eine
Generation mit etwa gleichaltrigen Fischen. Hat einer davon besonders lange Schwerter, dann ist er besser als die anderen (nicht einfach nur älter) und kommt natürlich mit in die Zuchtgruppe.
Ich habe eine große Auswahl and Zuchttieren, kann also die schönsten aussuchen und somit

eine gezielte Zucht betreiben (Hochzucht).
Eine hohe genetische Variabilität bleibt erhalten (siehe H. Turessons Artikel im letzten Guppybrief) und alle wichtigen Merkmale bleiben im Stamm erhalten zumindest weitestgehend. D.h. ich muß keine Tiere aus anderen Stämmen einkreuzen und kann kontinuierlich mit meinen Tieren weiterarbeiten.
4. Mit viel Geduld wird das Endziel schöner als bei starker Inzucht, weil eben keine guten Merkmale verloren gehen.
5. Ich habe meistens Tiere übrig, um sie zu Ausstellungen zu schicken.
6. Indem ich gleichaltrige Fische in jeder Generation habe und nur den ersten Wurf jedes Weibchens verwende, wird die kurz möglichste Generationsfolge erreicht.
7. Die Zuchtmethode ist natürlicher, weil die Tiere in der Natur auch in Gruppen auftreten und dort spielt auch die Wahl durch die Weibchen eine sehr große Rolle (siehe H. Turessons Artikel in diesem Guppybrief).
8. Wenn die Jungen kommen, lohnt es sich die Artemiaflasche blubbern zu lassen, weil es ja sooooo viele sind.

Nachteile:

1. Wenn die Jungen kommen, sind es soooooo viele. Das bedeutet recht viel Arbeit.
2. Ich weiß bei keinem Tier, wer
der Vater ist - nur , dass der Vater
auf jeden Fall von mir als
Zuchttier ausgewählt worden ist.
3. Einheitlich aussehende Fische werden langsamer erreicht als bei starker Inzucht, d.h. ich benötige mehr Generationen und mehr Geduld (aber siehe Vorteil 6).
4. Da alle Tiere etwa gleich alt sind, ist es schwerer für Ausstellungen zu planen, da diese vom AprilOktober stattfinden. Sehr häufig habe ich Männchen, die sehr schön sind, aber leider noch etwas zu jung und die Länge der Schwerter ist eben noch nicht ausreichend.
5. Man wird als 'Züchter oder Züchterin' nicht ernst genommen, wenn man keine reine Linienzucht betreibt ,-).
6. Dass man immer nur eine Generation nach der anderen aufzieht, entspricht nicht der 'Natur' des Guppys. Aber das ist der Preis, wenn man eine effektive Hochzuchtbetreiben will.


Sicher fallen anderen Züchtern noch mehr Nachteile ein ;-). Auf jeden Fall ist es mir mit dieser Methode gelungen, ausstellungsreife Hochzuchtguppies zu züchten, und zwar in meiner ganz eigenen Variante. Sie sind nicht perfekt, aber ich arbeite an diesem Stamm auch erst seit 3 Jahren. Jede Generation wird besser, schöner und sieht einheitlicher aus als die letzte und es macht Spaß, diese Änderungen zum Besseren mitzuverfolgen .


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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