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Der Modellfisch Guppy

in Artikel 06.12.2015 14:07
von franzpeter | 10.122 Beiträge

Der Modellfisch Guppy

Attraktive Homos

Guppys sind bunt, können Zicken und Machos sein und reagieren auf LSD mit Größenwahn. Ansonsten sind sie Fische, an denen viel getestet wird.


Die Poecilia reticulata, besser bekannt unter dem Namen Guppys – benannt nach ihrem englischen Erforscher R. J. L. Guppy –, sind kleine lebendgebärenden Süßwasserfische aus der Karibik, die sich in Aquarien leicht züchten lassen. Sowohl professionelle Züchter als auch Anfänger widmen sich seit vielen Jahrzehnten den Guppys, und heute existiert eine überwältigende Fülle an Farben, Mustern und Formen.

Daneben dienen sie den Biologen als „Modellorganismen“ und werden in der Entwicklungsbiologie, Ökologie, Verhaltensforschung, Genetik, Krebs- und Fischereiforschung eingesetzt. Das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie berichtete: „Bunte Guppymännchen haben die besten Chancen bei der Fortpflanzung“ – auch bei der Selektion durch Aquarianer, die es bunt lieben, möchte man hinzufügen.


Englische Fischforscher beschäftigten sich mit der „sexuellen Belästigung“ von Guppyweibchen: „Wenn sich diese aus dem Weg gehen, untereinander bekämpfen und ‚rumzicken‘, sind die Männchen daran nicht unschuldig: Indem sie die Weibchen sexuell bedrängen, verändert sich das Sozialverhalten der Weibchen untereinander“, berichteten die Wissenschaftler in den Biology Letters.“

Von der Guppy-Forschung wird man verrückt

Bei einer mit den Guppys verwandten Art – Poecilia mexicana – entscheidet sich das Weibchen angesichts zweier kämpfender Männchen eher für das „Verlierermännchen“, wie die Fischforscher David Bierbach und Martin Plath von der Goethe-Universität Frankfurt herausfanden. Besonders attraktiv fänden die Weibchen homosexuelles Verhalten von Männchen. Wahrscheinlich, weil sie von diesen anschließend ebenfalls weniger aggressiv bedrängt werden.

„Man wird auch ein bisschen verrückt, wenn man sich so lange mit ihnen beschäftigt.“

Zwei Auricher Gymnasiasten, Trebesch und Broers, erforschten wild lebende Guppys auf Trinidad, indem sie einzelne Tiere markierten. Dabei fanden sie heraus: Je mehr ihr Platz eingeschränkt wurde, umso aggressiver wurden die Guppys; sie entwickelten regelrechte „Beißhierarchien“.

Fisch Nummer 8, der bevorzugtes Opfer von „Machoguppys“ wurde, tat ihnen sogar „irgendwie leid“, was die Gymnasiasten damit erklären, „dass man auch ein bisschen verrückt wird, wenn man sich so lange mit ihnen beschäftigt“.

In Moskau, wo die Aquarianer „Guppy-Wettbewerbe“ veranstalten, widmen sich einige Fischforscher neuerdings ausgewilderten Guppys: Sie untersuchten drei Populationen, die in der Moskwa leben – dort, wo eintretende Wärme von Heizkraftwerken für die nötigen Temperaturen sorgt. Jede der Populationen entwickelte besondere Eigenschaften.

Ins Kraftwerk geschüttet

In Berlin erzählte mir ein Techniker des Kraftwerks Rummelsburg, dass er ein Aquarium mit Guppys besaß. Als er in Urlaub fahren wollte, wusste er nicht wohin damit, und entsorgte die Fische kurzerhand im Kühlsystem des Kraftwerks. Jahre später musste das System überholt werden – und dazu das Kühlwasser abgelassen werden, dabei kamen mehrere Zentner Guppys mit heraus.

Inspiriert von den LSD-Versuchen der Harvard-Psychologen und der Armeeführung in den USA teste der Germanist Dirk Reich die Droge erst einmal bei Fischen. Er besaß ein Aquarium mit großen und kleinen Fischen. Die kleinen, Guppys, obwohl in der Überzahl, hatten unter den großen, Schwertfischen, gelegentlich zu leiden, vor allem fraßen sie ihnen regelmäßig den Nachwuchs auf.

Nachdem er seinen LSD-Trip ins Wasser geworfen hatte, verkrochen sich die Großen hinter Steinen und Pflanzen, während die Kleinen sich zunächst an der Wasseroberfläche sammelten. Dann schwammen sie zu den großen – und attackierten sie – so lange, bis sie tot waren.

Dieses Experiment kam mir wie ausgedacht vor. Aber dann las ich im Spektrum der Wissenschaft, dass zwei Zoologen der Universität Umea die Wirkung von Medikamentenrückstände in Gewässern untersucht hatten, konkret den Effekt des angstlösenden Wirkstoffs Oxazepam auf einheimische Flussbarsche (Perca fluviatilis).

Sie beobachteten deren Verhalten vor und nach Zugabe von Oxazepam zum Wasser und stellten fest, dass die Fische durch das Präparat aktiver wurden, schneller fraßen und bereitwilliger neue Beckenbereiche erforschten. „Normalerweise sind Barsche scheu und jagen in Schwärmen. Das ist eine bewährte Überlebensstrategie. Doch diejenigen, die in Oxazepam schwimmen, sind wesentlich mutiger“, meinte einer der Forscher.

taz.de


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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