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Schwanzgesteuerte Fische

in Artikel 10.11.2017 16:10
von franzpeter | 10.668 Beiträge

Schwanzgesteuerte Fische
Bei Moskitofischen beeinflusst die Evolution des männlichen Geschlechtsteils die Grösse des weiblichen Gehirns.
Stephanie Kusma
24.11.2016, 05:36 Uhr

Bei Östlichen Moskitofischen ist das Weibchen (oben) deutlich grösser als das Männchen. (Bild: Stuart Hay, Australian National University)
Manchmal hört man den Vorwurf, dass Männer eine Tendenz an den Tag legen können, nicht mit ihren Gehirnen zu denken. Eine neue Untersuchung an Östlichen Moskitofischen – Verwandten der aus Aquarien bekannten Guppys, denen sie auch ähneln – scheint diese These, dass nämlich das männliche Geschlechts- mit dem Denkorgan gleichgesetzt werden kann, nun vermeintlich zu bestätigen. Denn züchtet man diese Fische darauf hin, dass das Geschlechtsteil der Männchen immer länger wird, wächst bei den Weibchen etwas anderes: das Gehirn. Das fanden Wissenschafter nun bei einem entsprechenden Selektions-Versuch heraus.¹
Sexuelle Belästigung
Launige Vergleiche mit dem Menschen vergehen allerdings schon beim ersten Blick in die Publikation. Denn Séverine Büchel, eine Schweizer Evolutionsbiologin, die an der Stockholm University in Schweden arbeitet, wählte ihre Versuchstiere nicht von ungefähr. Männliche Moskitofische werben nämlich nicht um Weibchen, sondern erzwingen Kopulationen: Sie pirschen sich an Weibchen heran und versuchen ohne weitere Umstände, sie zu begatten – und das bis zu 1000 Mal am Tag, wie die Forscher schreiben. Die Weibchen kann dieses Fortpflanzungsverhalten teuer zu stehen kommen. So laufen sie unter anderem Gefahr, verletzt zu werden, und können nicht einmal in Ruhe fressen: Wie eine Studie festgestellt hat, kann die extreme sexuelle Belästigung durch die Männchen die Effizienz, mit der die Weibchen nach Futter suchen, um bis zur Hälfte reduzieren – weil sie, statt zu fressen, nach Männchen Ausschau halten oder ihnen ausweichen.
Ein so einseitiges Reproduktionsverhalten, das eine Partnerwahl vonseiten der Weibchen praktisch ausschliesst, ist im Tierreich ein eher seltenes Extrem, wie Büchel erklärt, das an ein Räuber-Beute-Verhältnis erinnert. Von diesem nimmt eine These an, dass es die kognitiven Leistungen der beteiligten Spezies beeinflusst oder gar zu einem kognitiven «Wettrüsten» führt, bei dem Jäger und Gejagte versuchen, sich gegenseitig «auszutricksen». Laut den Wissenschaftern gibt es ähnliche Hypothesen auch, was Konflikte um die Reproduktion angeht. Untersucht wurde es bis anhin allerdings nur bei Arten, bei denen die Weibchen ihre Partner wählen. Hier die richtige Wahl zu treffen, zeigte sich als kognitive Herausforderung. Büchel und ihre Kollegen wollten daher untersuchen, wie die Hirnanatomie bei Moskitofischen aussieht, bei denen Männchen mit grösseren Genitalien zumindest unter Zuchtbedingungen bessere Chancen haben, Weibchen erfolgreich zu begatten.

Guppy-Weibchen bevorzugen Männchen mit seltenen Farben

Die Forscher analysierten hierfür nach acht Generationen, inwieweit die Selektion auf die Genitalgrösse die Gehirne der Tiere verändert hatte. Die Selektionsarbeit hierfür hatten Wissenschafter der Australian National University geleistet. Wie sich dann bei der Analyse in Schweden zeigte, waren die Gehirne der Weibchen der Moskitofisch-Gruppe, die auf grössere Geschlechtsteile hin gezüchtet worden war, fast fünf Prozent schwerer als jene von Artgenossinnen, die sich ohne Zuchtwahl durch den Menschen fortgepflanzt hatten. Die Gehirne der Männchen dagegen waren zur Überraschung der Forscher gleich schwer geblieben – bei den Männchen war nur das Geschlechtsteil gewachsen. Ein «Wettrüsten», was das Hirn angeht, löst der sexuelle Konflikt bei den Moskitofischen also wider Erwarten offenbar nicht aus.
Für Weibchen entscheidend
Dies könnte laut den Wissenschaftern daran liegen, dass die Männchen dabei weniger zu verlieren haben als die Weibchen – und es daher für sie nicht nötig ist, in ein so kostspieliges Gewebe wie das Gehirn zu investieren. Die «umgebaute» Analflosse, die ihnen als Geschlechtsteil dient, dürfte in diesem Sinn eine deutlich günstigere Investition darstellen. Zumindest für die Weibchen jedoch spielten kognitive Fähigkeiten im Konflikt über Fortpflanzungsentscheidungen wohl eine entscheidende Rolle, folgern die Forscher. Das grössere Gehirn könnte den weiblichen Moskitofischen erlauben, Männchen schneller zu entdecken oder ihnen rascher oder erfolgreicher auszuweichen. Die Wissenschafter gehen daher davon aus, dass sexuelle Konflikte tatsächlich einen wichtigen Faktor in der Entwicklung der Gehirnanatomie darstellen könnten.
Das Resultat dieser Untersuchung sei überraschend und daher sehr interessant, zumal die Studie die erste sei, die dieses Phänomen gefunden habe, sagt auch Stefan Lüpold von der Universität Zürich, der die sexuelle Selektion erforscht. Es sei ein neuer Blickwinkel darauf, wie die sexuelle Selektion das Gehirn beeinflussen könne. Nun müssten weitere Untersuchungen bei Arten mit ähnlich extremem Fortpflanzungsverhalten zeigen, wie generell dieses Phänomen sei.
¹ Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, Online-Publikation vom 23. November 2016.
Quelle: Neue Zürcher Zeitung


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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