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#1

B sagen und Botschaft A transportieren.

in Aus der Welt der Wissenschaft 29.07.2015 23:32
von franzpeter | 8.184 Beiträge

NDS 29. Juli 2015

B sagen und Botschaft A transportieren.

Eine weitere Methode der Meinungsmache in der NachDenkSeiten-Serie (4)

Albrecht Müller


Wir setzen die Serie über die Methoden der Meinungsmache fort. Diese Analysen sollen helfen, sich vor Manipulationen zu schützen. Siehe den Beitrag vom 26. Juni, mit dem diese Serie begann.

Heute geht es um die nächste Methode: Wir werden mit der Botschaft B zugedröhnt, obwohl es um diese gar nicht zu aller erst geht. Sie ist das Transportmittel zur Vermittlung der Botschaft A.

Erstes aktuelles Beispiel: Der SPD-Politiker und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Albig empfiehlt, die SPD solle keinen Kanzlerkandidaten aufstellen. Das ist sozusagen die Transportbotschaft B. Transportiert wird jedoch vor allem die Botschaft A: Angela Merkel ist unschlagbar, weil sie so gut ist.


Zweites Beispiel: Befürworter der Agenda 2010 in Politik und Publizistik erzählen die ach so traurige Geschichte, Kanzler Schröder habe sich, seine Kanzlerschaft und seine Partei 2005 geopfert, um das Land voranzubringen. Die damit transportierte Botschaft A lautet: Die Agenda 2010 war richtig, und sie ist ein Erfolg, uns geht's doch gut.

Drittes Beispiel: Griechenland ist mies und wir erscheinen gut.

Viertes Beispiel: "Modell Deutschland".


Im Einzelnen:

Erstes Beispiel: Die SPD solle keinen Kanzlerkandidaten aufstellen - das ist ja als solche gut zwei Jahre vor der Wahl eine ziemlich blödsinnige Einlassung. Sie macht aber aus vielerlei Gründen Sinn, vor allem für die Union und Merkel. Sie werden mit der Empfehlung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten richtig hochgehoben.

Wenn der SPD-Spitze von einem Sozialdemokraten mit Rang empfohlen wird, nicht einmal mit dem Anspruch, die Kanzlerschaft erreichen zu wollen, anzutreten, dann müssen Merkel und ihre Partei im Eindruck der Menschen fantastisch sein, jedenfalls um vieles besser als die SPD.

Der Spruch des Ministerpräsidenten wird im Bundestagswahlkampf 2017 und vorweg schon bei den Landtagswahlen in 2016, vor allem in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, ihre volle Wirkung entfalten. Man muss sich vorstellen, Angela Merkel tritt zusammen mit ihrer Freundin und Spitzenkandidatin der CDU in Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner, bei einer politischen Versammlung auf. Dann braucht der begrüßende CDU Funktionär, ein Abgeordneter oder Minister, zur Begrüßung von Angela Merkel nur die Einschätzung des SPD Ministerpräsidenten Albig zu erwähnen, und schon tobt die Halle.


D.h. konkret, Albig hat nicht nur Werbung für die Kanzlerin und die Union gemacht. Er hat wahrscheinlich seiner Kollegin und Parteifreundin Malu Dreyer den ohnehin schwer zu erreichenden Wahlsieg vermasselt. Ob des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Äußerung aus Dummheit folgte, oder kalkuliert war, das ist schwer zu sagen. Vielleicht braucht Schleswig-Holstein Geld vom Bund.


Zweites Beispiel: Schröder habe seine Kanzlerschaft geopfert, um das Land voranzubringen(B). Die Agenda 2010 war richtig, und sie ist ein Erfolg (A).

Die Botschaft B wird oft erzählt und je mehr sie erzählt wird, umso mehr wird unstrittig, die Agenda 2010 sei ein Erfolg gewesen.

Das wird dann immer mehr geglaubt, obwohl die Arbeitslosigkeit nach wie vor hoch ist, obwohl Millionen Menschen mit prekären Arbeitsverhältnissen auskommen müssen und obwohl, wie Schröder selbst sich auf die Schulter klopfend festgestellt hat, der Niedriglohnsektor "vorbildlich" für Europa ausgebaut worden ist.


Und genau diese immer weiter auseinanderklaffende Entwicklung von Kosten und Wettbewerbsfähigkeit hat uns die Schwierigkeiten innerhalb des Euroraums gebracht.


Drittes Beispiel: Griechenland ist eine Katastrophe. Man müsste das Land unter Kuratel stellen, usw. Das ist die Botschaft B.

Die Botschaft A, die mit B transportiert werden soll, lautet: Wir sind Spitze. Schäuble, Merkel, die EU-Kommission und der Eurogruppenchef haben alles richtig gemacht. Auch hier funktioniert die Methode B sagen und A transportieren wollen bestens.


Viertes Beispiel, ein Beispiel aus der Geschichte: Die Entstehungsgeschichte des Begriffes "Modell Deutschland"

Für die damalige Geschichte mit Botschaft A "Wir sind gut, Helmut Schmidt ist ein leistungsfähiger Bundeskanzler" und das Transportmittel, der übertreibende Begriff "Modell Deutschland" war ich zusammen mit Freunden und Mitarbeitern selbst verantwortlich.

Wir hatten im Herbst 1975 festgestellt, dass entgegen der landläufigen Meinung, Helmut Schmidt habe ein gutes Leistungsimage, der damalige Bundeskanzler von einem bemerkenswerten Teil der Bevölkerung nicht als besonders erfolgreich betrachtet wurde. Das war das Ergebnis einer seit 1972 laufenden Kampagne der Union und einiger Medien, und es war unterfüttert von den realen Schwierigkeiten, die aus der Ölpreiskrise vom Oktober 1973 folgten. Die so genannte Inflation, die Staatsschulden, die hohen Abzüge waren Dauerthemen der politischen Auseinandersetzung.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes, deren Leiter ich damals war, haben sich zusammen mit anderen, regelmäßig im Herbst eines Jahres zu einer Klausur zurückgezogen. Wir haben damals überlegt, mit welcher Botschaft B man A transportieren könne.

Einen Tag vor Weihnachten 1975 präsentierten wir das Ergebnis: Der Bundeskanzler könne und solle künftig vom "Modell Deutschland" sprechen. Er solle diesen Begriff als eine Art Klammer seiner Leistungsbilanz verwenden.

Der Doppelbegriff war progressiv aufgeladen: gute Nachbarschaft zu allen Völkern, Freunde in der Welt, Entspannungspolitik, aktive Beschäftigungspolitik, ein starkes soziales Netz, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Liberalität.

Die Formulierung der Botschaft B (Modell Deutschland) tat ihre Wirkung, übrigens genau so, wie wir das kalkuliert hatten.

Die Übertreibung mit dem Modell-Begriff machte zwar ein bisschen skeptisch. "Der Helmut Schmidt soll mal nicht übertreiben" war die gängige Eingangsformel am Stammtisch. Aber hängen blieb trotzdem: er ist ein erfolgreicher Bundeskanzler. Die Botschaft A saß.

Empfehlung: Beobachten Sie das Geschehen und die Argumente um sie herum. Sie werden im öffentlichen und im privaten Bereich viele Beispiele für den Trick "B sagen und A meinen" finden.


Das war der Text zur Methode (4) der Meinungsmache. Damit Sie eine Übersicht behalten und, falls sie wollen nachlesen können, hier die Übersicht der bisherigen Methoden und Texte:


1. 26. Juni 2015 - Die Methode: Die Botschaft der Kampagne wird in Nebenbemerkungen gepackt. Damit erscheint sie besonders glaubwürdig.
2. 24. Juli 2015 - Verschweigen als Methode zur Meinungsmache (2)
3. 28. Juli 2015 - Massiv und abgesprochen betriebene, falsche Interpretation von Zahlen und Statistiken. Methode (3) der Meinungsmache
4. 29. Juli 2015 - B sagen und Botschaft A transportieren. Eine weitere Methode der Meinungsmache in der NachDenkSeiten-Serie (4)


Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26978#more-26978


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#2

Was läuft falsch mit der SPD?

in Aus der Welt der Wissenschaft 31.07.2015 13:44
von franzpeter | 8.184 Beiträge

Willy Brandt: "Es hat keinen Sinn, eine Mehrheit für die Sozialdemokraten zu erringen, wenn der Preis dafür ist, kein Sozialdemokrat mehr zu sein."


spiegel.de 30. Juli 2015

Die Zombie-Partei

Was läuft falsch mit der SPD? Immer wieder treten führende Sozialdemokraten ihre eigene Partei mit Füßen. Warum bloß? Wenn dahinter ein heimlicher Todeswunsch liegt - den werden die Wähler erfüllen.

Eine Kolumne von Jakob Augstein


Neulich war es mal wieder soweit: Ein führender Sozialdemokrat lobte Angela Merkel über den grünen Klee: "Sie ist eine Kanzlerin, wie Deutsche sie offensichtlich mögen", sagte Torsten Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein: "Ich glaube, es ist schwer, gegen diese Bundeskanzlerin eine Wahl zu gewinnen." Albig ging noch weiter und legte seiner Partei nahe, bei den kommenden Wahlen 2017 einfach nur mit einem Spitzenkandidaten ins Rennen zu gehen: "Ob da die Bezeichnung Kanzlerkandidat noch richtig ist, das werden wir sehen."

Was hat der Fischkopp? War das Labskaus schlecht? Schon im März hatte Albig gesagt: "Frau Merkel verkörpert geradezu idealtypisch, was die Deutschen sich in dieser Rolle erwarten."

Aber die Wahrheit ist: Albig spricht nicht nur für sich. Sondern aus dem tiefsten Herzen seiner Partei. Die SPD ist am Ende. Sie ist eine untote Partei. Sie bewegt sich noch. Aber sie hat keine Seele mehr. Der Anblick ist schier unerträglich.

Sigmar Gabriel hat neulich gesagt: "Wir führen dieses Land. Alle entscheidenden Projekte dieser Regierung stammen von uns. Wir sind in 14 von 16 Landesregierungen vertreten und stellen dabei neun Ministerpräsidenten. Außerdem neun von zehn Oberbürgermeister in den Großstädten. Das sah nun wirklich vor wenigen Jahren ganz anders aus". Das ist einerseits richtig. Allein - was hilft es?

Die SPD kann ja darum bitten, dass auf der Rückseite der Kanzlerporträts von Angela Merkel der sozialdemokratische Beitrag zur Regierungsleistung vermerkt wird.

Aber wenn es um die Macht im Bund geht, hat die Sozialdemokratie einfach kapituliert. Sie traut sich den Gegenentwurf nicht mehr zu. Steuern, Chancengleichheit, Europa, Datenschutz - es gäbe viel zu tun für einen sozialdemokratischen Kanzler.


Die SPD ist keine Volkspartei mehr

Und Sigmar Gabriel kann ja angreifen, wenn er nur will. So war das, als er Merkel das berüchtigte Wort von der "marktkonformen Demokratie" umgehängt hat, das ihr wirklich geschadet hat. Die Kanzlerin hatte das so gar nicht formuliert, war aber unvorsichtig in die Nähe dieses Gedankens geraten, als sie wieder einmal hilflos durch ihre Sätze gestolpert war. Gabriel hatte damals sofort zugestoßen.


Willy Brandt hat einst gesagt: "Es hat keinen Sinn, eine Mehrheit für die Sozialdemokraten zu erringen, wenn der Preis dafür ist, kein Sozialdemokrat mehr zu sein." Inzwischen, denkt man, ist es andersherum: Die Sozialdemokraten erringen keine Mehrheiten mehr, weil sie gar keine Sozialdemokraten mehr sind.

Peer Steinbrück, der glücklose Kandidat, hat seiner Partei diesen Weg jetzt sogar ausdrücklich empfohlen: bloß nicht immer nur auf soziale Gerechtigkeit fixieren, hat er gesagt. Er will natürlich die Schuld für das Desaster von 2013 von sich weisen. Aber die SPD hatte da schon das richtige Programm - und leider den falschen Kandidaten. Wie ein Elefant ist Peer Steinbrück durch den Wahlkampf getorkelt. Immer auf der Suche nach neuem Porzellan, das er zerschlagen konnte.



Und als er sagte "Deutschland braucht wieder mehr 'wir' und weniger 'ich'!", da hätte niemand diesen Satz mit weniger Glaubwürdigkeit aussprechen können als ausgerechnet der selbstverliebt und geldgierig wirkende Kandidat der Sozialdemokraten.

Eigentlich ist die Lage der SPD ganz einfach. Sie lässt sich mit zwei klaren Sätzen beschreiben.

Erstens: Die SPD ist keine Volkspartei mehr. Zweitens: Ohne die Linken wird auf absehbare Zeit kein Sozialdemokrat Kanzler.



Wenn man das begriffen und akzeptiert hat, sind die Konsequenzen klar: Die SPD muss zwischen Grünen und Linkspartei die Partei der linken Mitte sein und das linke Lager anführen. Stattdessen verzwergt sie sich beim Versuch, die CDU zu imitieren.


Vielleicht wäre es am einfachsten, die SPD würde sich auflösen. Alle Mitglieder treten geschlossen der CDU bei und bilden dort einen neuen Arbeitnehmerflügel.


Das würde dem deutschen Demokratieverständnis entsprechen, das dem Streit der Parteien ohnehin nie viel abgewinnen konnte.

Es würde dann offensichtlich, dass wir längst das chinesische Verständnis von Demokratie angenommen haben, nach dem die Aufgabe der Regierung vor allem darin besteht, ein reibungsloses Wirtschaftsleben zu garantieren.



Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschlan...-a-1046004.html


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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