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Keimfrei ist auch keine Lösung

in Aus der Welt der Wissenschaft 08.07.2016 08:20
von franzpeter | 9.085 Beiträge

Keimfrei ist auch keine Lösung

8. Juli 2016 von Joachim Müller-Jung | 0 Lesermeinungen


Jetzt heißt es stark sein und umdenken: Warum immer reinlich, wenn das Gegenteil hilft?
Zwei Yale-Forscher machen sich für Umweltkeime stark, die im Haus radikal bejagt werden und für unsere Gesundheit doch so nützlich sein könnten.



Die Wege der Wissenschaft sind gepflastert von guten Vorsätzen. Mehr Leben ist so einer. Wenn es ums Immerälterwerden geht, können wir allerdings keineswegs immer sicher sein, was die Akzeptanz der Mittel angeht. Manipulationen am Erbgut etwa sind für viele tabu. Mehr Gesundheit allerdings ist fast zu hundert Prozent positiv besetzt, auch wenn das dann seinerseits die Vergreisung der Gesellschaft begünstigt.

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Was alles getan werden kann, um die eigene Gesundheit und die seiner liebsten zu fördern, ist heute kaum noch zu überblicken. Ganz leicht könnte man jede Woche eine Art Bestsellerliste aktueller Gesundheitstipps bringen (warum eigentlich nicht?), und garantiert würde diese Liste heute anders aussehen als, sagen wir, vor fünf oder zehn Jahren. Wenn es diese Liste also wirklich gäbe, hätten wir zum Beispiel beobachten können, wie radikal sich die Sicht der Gesundheitsexperten auf die einzelligen Gesellen verändert hat, die uns praktisch näher sind als jeder Mensch und die wir je nach Standpunkt als Mikroorganismen, Mikroben oder Keime bezeichnen. Und das liegt keineswegs nur an der gewaltigen Charmeoffensive für die Mikroflora im Darm.


Früher war Hygiene der Inbegriff medizinischen Fortschritts. Hygiene, das ist geradezu der Schlüssel zum demographischen Wandel. Wer erklären will, weshalb die Sterblichkeit in jüngeren Jahren – und schrittweise auch im hohen Alter – so drastisch abgenommen hat in den zurückliegenden Jahrhunderten, wieso Kindbettfieber und Seuchen so massiv zurückgedrängt wurden, der kommt nicht daran vorbei: Keimfrei macht den Unterschied. Die Hygieneindustrie ist längst ein Multimilliardenmarkt und Hygiene selbst gilt kulturelle Errungenschaft, die praktisch überall gefördert und gefordert wird. Wo die Entkeimung versagt wie in Kliniken gelegentlich, wo sie immer noch am meisten gebraucht wird, herrscht Ausnahmezustand. Und im sauberen Haushalt ist antimikrobielles Management für viele Ehrensache.


Allerdings hat dieser hygienische Overdrive in den letzten Jahrzehnten auch Konsequenzen, über die wir jetzt, nach ein oder zwei Generationen, zum Nachdenken gezwungen werden. Zum Nachdenken nämlich über unsere guten Vorsätze und den zugrunde liegenden Theorien. In der Zeitschrift „Trends in Microbiology“ machen sich zwei amerikanische Umweltingenieure der Yale-Universität Gedanken über die vermeintlich gedankenlose Industrialisierung der Hygienemaßnahmen in unseren Häusern. Architekten, Bauherren, Städteplaner, Sozialdienste, vor allem Mütter und Väter, sie alle sind aufgefordert, Konzepte für ein, wie Jordan Peccia und Sarah Kwan betonen, „funktionaleres“, vorteilhafteres, ja gesünderes Mikrobenmanagement zu Hause zu sorgen.

Ihr Punkt ist: Nicht alles an Keimen, was wir mit radikaler Hygiene von uns fernhalten, ist wirklich schädlich. Wir sollten die nützlichen Keime behalten – in den Räumen sogar regelrecht kultivieren. Ausgangspunkt ihrer Überlegung ist die seit vielen Jahren zu beobachtende Zunahme an Allergien und die längst sehr populäre und immer noch aktuelle These, wonach die Allergieanfälligkeit zugenommen hat, weil das Immunsystem unserer Kinder in den entscheidenden Jahren wegen übertriebener Hygiene und Sauberkeitsfürsorge nicht mehr ausreichend trainiert wird. 40 Prozent der Menschen in den Industrieländern gelten heute als Allergiker, bei 300 Millionen weltweit hat sich die Allergie in den Luftwegen zu einem besonders belastenden Asthma ausgeweitet. Bemerkenswert auch diese Zahl, die Peccia und Kwan aus einer Publikation aus dem Jahr 2003 zitieren: Amerikanische Kinder erkranken demnach statistisch an sechs bis acht Infektionen der oberen Luftwege – jährlich!

Aussagekräftige Daten zu den Ursachen gibt es nicht, allerdings liegen die für die beiden Forscher durchaus auf der Hand: Mikrobielle Verarmung im Lebensraum Heim. Ausführlich verweisen sie auf ältere, langjährige Studien aus Bayern und in amerikanischen Amish-Gemeinden, die den „Schutzcharakter“ des Landlebens nahelegen: Kinder, die häufig mit Nutz- und Haustieren in Kontakt kommen, erleiden deutlich seltener Asthma als Stadtkinder ohne diese Kontakte. Wie gesagt, das sind keine neuen Erkenntnisse. Nur ziehen die beiden Yale-Wissenschaftler einen radikaleren Schluss daraus als andere: Aufhören mit der wahllosen Ausrottung von Keimen, öffnet eure Häuser für die mikrobiellen Nützlinge.


Die entscheidende Annahme ihres Vorschlags lautet: Bestimmte Mikroben können, wenn sie ins Körperinnere – idealerweise in den Verdauungstrakt – aufgenommen werden und den Darm kolonisieren, das Immunsystem effektiv trainieren. Da tauchen dann Namen wie Firmicutes, Lactobacillus, Veillonella, Lachnospira oder Faecalbacterium auf, die, sobald sie im Darm gedeihen und beispielsweise kurzkettige, protektive Fettsäuren produzieren, die ihrerseits das Zeug zur Asthmaprävention haben sollen. Zuletzt war darüber in einer großen Arbeit in „Science Translational Medicine“ berichtet worden. Allerdings – hundertprozentig sicher sein kann man sich bei aller Empirie längst noch nicht. Das Arbeitsgebiet ist, wie gesagt, jung. Dennoch: Die Indizienlage verbessert sich sukzessive.

Und noch ein Argument, das uns selten wirklich gewahr wird, sollte uns zum Nachdenken bringen: Neunzig Prozent seiner Zeit verbringt der Mensch heute drinnen. Das entspricht 16.000 Liter Atemlauft, bei Kindern sind es im Schnitt immer noch gut 3500 Liter. Unsere Lungen werden also buchstäblich gebadet in – alles andere als keimfreien oder irgendwie frischen – Luftmassen. Viele Mikroben, die unseren Darm besiedeln, kommen tatsächlich mit der Atemluft ins Körperinnere. Alles, was größer als fünf Tausendstel Millimeter groß ist, Mikroben also , werden schon bei Säuglingen in den Bronchien abgefangen und gelangen durch zellulären Transport ins Verdauungssystem.

Daran sieht man, der Keimaustausch zwischen Innen-und Außenwelt ist von Natur aus hochgradig organisiert. Dieses naturwüchsige Mischsystem der Kreaturen, eine Art Übungsplatz für Sozialisierungen im Allerkleinsten, soll nun irgendwie nutzbar gemacht werden für die modernen, immunologisch leicht degenerierten, dafür aber hygienisch hyperaktiven Stadtbewohner. Nur wie? Von Umwelttechnikern würde man technische Lösungen erwarten, aber die beiden Yale-Forscher haben in der Hinsicht nicht anzupreisen. Im Grunde sind wir, so klingt es in ihrem Aufruf zum aktiven Mikrobenmanagement zuweilen durch, technologisch ziemlich machtlos. Weder sind wir mit der Klimaanlagentechnik in der Lage, gute von bösen Keimen sauber zu trennen, noch gibt es architektonische Lösungsansätze oder überhaupt brauchbare Erhebungen über die Hygieneschwachstellen und Hoffnungszeichen in unseren Städten und Häusern. Im Grunde wissen wir noch nicht einmal, welche Lebensbedingungen die Nützlinge brauchen oder wie schädlich Lebensgemeinschaften von Pilzen und Mikroben in feuchteren Innenräumen eigentlich wirklich sind. Basiswissen, das an allen Ecken und Enden fehlt.



Was also tun? Mehr lüften und damit Frischluft mit den Nützlingsfrachten eine Chance geben? Oder besser weniger Hygiene wagen? Mehr Ventilation sei allemal gut, sagen die Autoren. Der sicherste Schritt zu erhöhter Mikrobentoleranz freilich wäre es, wenn wir damit anfangen, den mikrobiellen Austausch im Großen wie im Kleinen zu pflegen. Soll heißen: Tiere anschaffen, Hunde und Katzen zum Beispiel. Sie bringen offenbar viele Nützlinge praktisch frei Haus mit. Aber auch sozialer Austausch ist angesagt, denn: Das individuelle Mikrobiom reist mit uns. Wann immer der Mensch sich in einer neuen Wohnung einrichtet, verändert er die mikrobielle Umwelt.



Jeder Raum trägt quasi die persönliche Handschrift unserer Körper-„Kultur“ – und deshalb den Keim der inneren, mikrobiellen Verarmung jeweils in sich. Anreicherung lautet deshalb die Maxime, Diversifizierung, unserem Immunsystem zuliebe. Am Ende ist der Mensch, dieses denkende Individuum, die „Krone der Schöpfung“, eben doch wieder nicht mehr als ein Ökosystem, das seine innere Stabilität zum nicht geringen Teil aus einer Mikrobenvielfalt von außen bezieht. Leider sind die pauschalen Feindbilder, die uns mit den alten Hygienelehre eingetrichtert wurden, tief verwurzelt in unserem Bewusstsein. Die Hürde wird es deshalb wohl sein, das ökosystemare Denken auch in hygienischer Hinsicht neu zu etablieren. Will heißen: Umdenken. Toleranter werden und im Hinblick auf Reinlichkeit nicht länger so verbissen wie bisher. Keine Frage, das ist für viele schon eine arge Zumutung.

Quelle: FAZ

Anmerkung:

Manchmal habe ich bei meinen beiden Border Collies den Anschein, sie wären ebenso viele wie auf dem Bild oben. Vor allem wenn sie zuerst im feuchten Garten Nachlaufen spielen und anschließend (im Haus) über mein Bett rennen.
Aber wie ich lerne, hat das auch seine gute Seite!


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 08.07.2016 08:22 | nach oben springen


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