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Klimaflüchtlinge - Sie werden auch zu uns kommen

in Aus der Welt der Wissenschaft 29.10.2017 17:48
von franzpeter | 9.009 Beiträge

Sie werden auch zu uns kommen

"Wir möchten nicht Klimaflüchtlinge genannt werden. Wir sind für all das
nicht verantwortlich!"

Die kleinen Inselstaaten im Südpazifik fordern Hilfe von den Verursachern des
Klimawandels - den Industrieländern. Dabei können die Menschen dort nicht mal
auf Menschenrechts-Garantien setzen.


Die Genfer Flüchtlingskonvention bezieht sich nur auf kriegerische Konflikten
und Verfolgung.


"Was heute im Südpazifik passiert, kommt in 20, 30 Jahren auch auf Europa oder
die USA zu", sagt Migrationsexpertin Sophie Wirsching von Brot für die Welt.
"Nur dass die Schäden dann noch viel gewaltiger sein werden.

Die Fidschi-Inseln sind das Sprachrohr der Region. Sie leiten die nächste
Weltklimakonferenz - die vom 6. November an in Bonn stattfinden wird.


Die Vertreter des Archipels können nun zumindest ein bisschen Aufmerksamkeit
für ein Phänomen erreichen, das bis heute die Industriestaaten weitgehend
ignorieren: Dass immer mehr Menschen aufgrund von Klimafolgen ihre Heimat
verlassen müssen.



SZ 29. Oktober 2017

Klimawandel

Flucht aus dem Paradies

Der Klimawandel zwingt Tausende Bewohner der Südsee schon jetzt, ihre Heimat zu
verlassen. Doch was passiert, wenn ein ganzer Staat in einen anderen
übersiedelt?


Von Benjamin von Brackel, Fidschi-Inseln

Kinder spielen auf einem Friedhof in Majuro auf den Marshallinseln. Er wird
immer wieder überflutet. (Foto: Vlad Sokhin)

Mary Meita steht im ersten Stock eines weißen Gebäudes an der Mac Gregor Road
36 in Suva, der Hauptstadt von Fidschi. Die 33-Jährige mit den langen schwarzen
Haaren und dem runden Gesicht blickt durchs vergitterte Fenster. Regen fällt
auf den Innenhof, die Straße und die Palmen. Es ist nicht ihr Land, aber das
könnte es eines Tages werden, eine neue Heimat für ihr Volk. Sie hat daran
mitgewirkt. Meita arbeitet in der Botschaft von Kiribati, einer Gruppe aus
Insel-Atollen, die 2000 Kilometer entfernt von Fidschi weit verstreut mitten im
Pazifik liegen. Die Flagge mit den weißblauen Wellenlinien, der Sonne und dem
gelben Fregattvogel flattert im Hof an einem Fahnenmast. Die Frage ist nur: Wie
lange noch?

Die Regierung Kiribatis hat vor drei Jahren Land auf den viel größeren
Fidschi-Inseln gekauft, mehr als 2000 Hektar - eine Fläche so groß wie
Hiddensee. Meita hat das mitorganisiert. Sie war damals rechte Hand von
Präsident Anote Tong.

Es sei eine schwere Entscheidung gewesen, erzählt die heutige Sekretärin des
Botschafters Kiribatis auf Fidschi; aber der Präsident habe beschlossen, dass es
besser sei, seine Landsleute schon jetzt darauf vorzubereiten, in Würde
umzusiedeln, als abzuwarten, bis die Katastrophe unmittelbar bevorsteht. Das
heißt: Die Inselbewohner besser auszubilden, damit sie auch anderswo Arbeit
finden können, und dann nach und nach die 115 000 Menschen alle umzusiedeln.

Das Inselatoll Kiribati ist nicht nur überbevölkert, sondern akut bedroht vom
Meeresspiegel-Anstieg. Schon heute sind strandnahe Friedhöfe überflutet und
nur noch die Grabkreuze ragen aus dem Wasser.


Die Küste erodiert und das Salzwasser dringt nach und nach von unten in den
Boden ein, woraufhin das Trinkwasser versalzt. Getreide lässt sich kaum noch
anbauen
. Vor zwei Jahren besuchte Meita ihre Heimat und suchte den Ort auf, wo
sie aufgewachsen ist. Dort wo sie sich als Fünfjährige hinterm Haus
versteckte, im Garten und unter Kokosnusspalmen spielte. "Als ich ankam, war das
alles verschwunden", erzählt sie. "Es stand nur noch das Haus. Ansonsten war
überall Meer."

Der Klimawandel zwingt die Bewohner des Südpazifik schon jetzt zur Flucht,
Menschen, die sehr mit ihrem Heimatort verwurzelt sind. "Im Boden manifestiert
sich das gemeinsame Erbe, er ist Teil ihrer Identität, auch weil eine
schriftliche Geschichtsüberlieferung fehlt", sagt die Migrationsexpertin Sophie
Wirsching von Brot für die Welt. Im Boden seien die Vorfahren begraben und
dort, so glauben viele, leben deren Geister fort. "Werden die Inselbewohner
davon beraubt, erleiden sie psychische Verletzungen."


"Nachts, wenn die Flut kam, hörten wir das Wasser von unten an unsere Häuser
klatschen."

Die meisten Inseln im Südpazifik werden zwar nicht von heute auf morgen
untergehen; bis sie physisch verschwinden, wird es noch viele Jahrzehnte dauern.
Aber das Leben auf ihnen wird zunehmend unmöglich, weil Sturmfluten übers Land
jagen, weil die Küsten erodieren und das Trinkwasser ausgeht.


Die Bevölkerung der zu Papua-Neu Guinea gehörenden Carteret Inseln soll schon
jetzt wegen des Meeresspiegel-Anstiegs in die 86 Kilometer nordöstlich gelegene
Hauptstadt Bougainville umsiedeln.
Die etwa 500 Bewohner der zu den Salomonen
gehörenden Insel Taro wollen wegen der Sturmfluten auf die große Nachbarinsel
Choiseul umziehen. Und während die Malediven mit einem Treuhandfonds aus den
Tourismus-Einnahmen einen Landkauf in Australien, Neuseeland oder Indien
finanzieren wollen, hat Kiribati schon Land erworben und zwar auf den
Fidschi-Inseln.

Die Fidschi-Inseln sind das Sprachrohr der Region. Sie leiten die nächste
Weltklimakonferenz - die vom 6. November an in Bonn stattfinden wird.
Die
Vertreter des Archipels können nun zumindest ein bisschen Aufmerksamkeit für
ein Phänomen erreichen, das bis heute die Industriestaaten weitgehend
ignorieren: Dass immer mehr Menschen aufgrund von Klimafolgen ihre Heimat
verlassen müssen.

Die überwältigende Anzahl von Menschen flieht innerhalb ihres eigenen Landes:
Ein Bericht des Internal Displacement Monitoring Centres (IDMC) vom Mai dieses
Jahres geht davon aus, dass allein in dieser Gruppe klima- und wetterbedingte
Katastrophen wie Überflutungen und Stürme im vergangenen Jahr 23,5 Millionen
Menschen vertrieben haben.

Nicht mit eingerechnet sind dabei schleichende Veränderungen wie der
Meeresspiegelanstieg, Küstenerosion oder Dürren. Auf den Fidschi-Inseln plant
die Regierung aber aus genau diesen Gründen die Umsiedlung von 45
Küstendörfern in die Berge und zwar innerhalb der nächsten fünf bis zehn
Jahre. Ein Dorf, das diesen Schritt schon hinter sich hat, ist Vunidogoloa auf
Vanua
Levu, der zweitgrößten Insel Fidschis.

Dutzende pastellgrün gestrichene Holzhüttchen mit Wellblechdächern verteilen
sich auf Stelzen am Hang. In einer Senke befinden sich vier Fischteiche, die
Ersatz für die Makrelen und Hechte aus dem Meer bieten sollen. Vom Dorf aus
blickt man kilometerweit über das saftige Grün des Palmenwaldes bis zu den
Bergen am Horizont. Mussten die 150 Dorfbewohner früher erst lange Fußmärsche
auf sich nehmen, um in die nächste Stadt zu kommen, so liegt ihr neues Dorf nun
direkt an einer breiten Schotterstraße, wo regelmäßig ein Bus fährt. Die
jungen Leute sind froh über die Umsiedlung. Sie haben jetzt Solarstrom für ihre
Handys und Wasserklosetts. Die Alten hingegen trauern ihrem alten Dorf hinterher.


Nur noch ein paar Steine bleiben vom einstigen Dorf

Ganz oben auf dem Hügel in Vunidogoloa holt Tevity Tuimalawai mit seiner Harke
aus und schlägt sie in den trockenen Boden, so dass es staubt. Schweiß rinnt
von seiner Stirn. Hier baut der 72-Jährige Taro oder Maniok an. Die kleine
Parzelle haben sie ihm nach dem Umzug gegeben, damit er sich zerstreuen kann.
Aber eigentlich würde er viel lieber seinen Enkelkindern am Ufer des alten Ortes
das Fischen beibringen. Tuimalawai bekommt wässrige Augen, wenn er davon
erzählt, wie er als Jugendlicher von seinem Großvater das Fischen gelernt hat.

Manchmal geht er noch die drei Kilometer hinunter ans Meer, dort wo sein altes
Dorf stand und seine Eltern und Großeltern aufgewachsen sind. Dann blickt er
auf die Wellen oder hält ein Nickerchen. Dort wo einst das Dorf stand, wuchert
nun hohes Gras. Ein Wellblechdach liegt auf dem Boden, das Haus darunter ist
durch die Aufweichung des Bodens eingesunken, Fliegen suchen Schatten. Nebenan
stehen noch drei Hütten, in einer liegt eine Bibel. Ansonsten ist vom alten
Dorf Vunidogoloa nur noch eine Steinstufe auf der Mitte der Wiese übrig, der
Rest der einstigen Kirche. Sie wurde schon vor Jahren von einem Wirbelsturm
weggefegt.

Über die Jahre hat das Meer mehr als zehn Meter des Uferstreifens weggefressen,
die Ufermauern überspült und den Boden mit Salzwasser versetzt.
"Nachts, wenn
die Flut kam, hörten wir das Wasser von unten an unsere Häuser klatschen",
erzählt das Dorfoberhaupt Sailosi Ramatu. "Wir hatten Angst, ins Bett zu
gehen."

Die Regierung hat zwar Teiche anlegen lassen, neue Felder und Wege, eine
Stützmauer gebaut sowie ein Abfall- und Wassersystem eingerichtet. Aber die 230
000 Fidschi-Dollar (etwa 100 000 Euro) für die neuen Häuser mussten die
Dorfbewohner selbst zahlen, erzählen sie. Dafür mussten sie den Wald roden und
das Holz verkaufen. Regierungsvertreter geben zu, dass ihnen das Geld für die
Umsiedlungen fehlt.

Die kleinen Inselstaaten fordern Hilfe von den Verursachern des Klimawandels -
den Industrieländern. Zum einen Entschädigungen für den Besitz und das Land,
das sie verloren haben. Zum anderen die Aufnahme ihrer Bevölkerung, wenn sie
ihre Inseln aufgeben müssen. Die Weltbank hat angeregt, dass Länder wie
Australien, Neuseeland oder Südkorea den Bewohnern der bedrohten
Südpazifikinseln ihren Arbeitsmarkt öffnen. Aber Australien etwa schottet sich
ab.


Und die Industrieländer lehnen Entschädigungen ab - obwohl das Meer früher
oder später auch die Küsten der Niederlande oder Floridas überschwemmen wird.

"Was heute im Südpazifik passiert, kommt in 20, 30 Jahren auch auf Europa oder
die USA zu", sagt Wirsching. "Nur dass die Schäden dann noch viel gewaltiger
sein werden."

Während die Bewohner Fidschis zumindest ihre Leute im eigenen Land umsiedeln
können, müssen Korallenatolle langfristig ihr gesamten Staatsgebiet aufgeben.
Viele liegen nicht höher als zwei Meter über dem Meer. Dabei können die
Menschen dort nicht mal auf Menschenrechts-Garantien setzen. Die Genfer
Flüchtlingskonvention bezieht sich nur auf kriegerische Konflikten und
Verfolgung.


Kiribati hat deshalb die Sache selbst in die Hand genommen, um sich auf Fidschi
einzukaufen, etwa auf der zweitgrößten Insel im Archipel Vanua Levu. Im Süden
der Insel liegt das Dörfchen. Es heißt Naviavia. Über die Hügel mit dem
kurzgemähten Rasen verteilen sich Bungalows, Schulkinder in blauen Uniformen
rennen umher. Die 270 Einwohner Naviavias sind Nachfahren von Sklaven aus den
Salomonen, die einst von den britischen Kolonialherren auf Schiffen nach Fidschi
verschleppt worden waren, um auf Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Nun
befürchten sie, erneut unterdrückt zu werden - von den neuen Herren aus
Kiribati. "Es tut schon ein bisschen weh", sagt die 69-jährige Deri Vakalele,
wenn sie darüber nachdenkt, dass das Land, auf dem sie seit Jahrzehnten lebt,
nun einem anderen Inselvolk gehört.


Immer waren sie mit dem Meer verbunden. Und nun sollen sie in den Bergen leben?

In der Fidschi Times haben die Dorfbewohner gelesen, dass 18 000 bis 20 000
Inselbewohner kommen werden. Sie stellen sich Fragen: Werden die neuen
Landbesitzer nicht den Fluss verschmutzen, der durch ihr Dorf fließt?
Wie sollen
sie an Geld kommen, wenn sie nicht mehr die Kokosnüsse aus dem Umland pflücken
und das Öl auf dem Markt verkaufen dürfen? Und: Können sie ihre Kultur
erhalten, wenn Zehntausende Menschen einer fremden Insel ihr Dörfchen
umschließen?

Vergangenes Jahr kam der Vizepräsident Kiribatis zu Besuch. Die Delegation aus
Kiribati trank mit den Dorfbewohner Kava, das schlammig aussehende und
schmeckende Nationalgetränk, das den Körper schwer werden lässt. Sie
besichtigten das Dorf, den Palmenwald und wanderten die Berge hinauf. In den
ersten Jahren, versicherten die neuen Landbesitzer, wollen sie es nur zum Anbau
von Taro, Kava und Kokosnüssen nutzen und frühestens in zehn Jahren würden
die ersten Inselbewohner kommen. Auch den Bewohnern Kiribatis droht eine
Identitätskrise. Ihre ganze Vergangenheit war mit dem Meer verbunden. Und nun
sollen sie in den Bergen in einem fremden Land leben? In einem verwilderten,
steilen Gelände, das sich nur schwer urbar machen lässt?

Vielleicht werden sie unter sich bleiben, um wenigstens ihre Gemeinschaft zu
erhalten - so wie es die Bewohner des Kiribati-Inselchens Banaba einst taten.
Die mussten im Jahr 1945 dem Phosphat-Bergbau weichen. Ein Schock, von dem sie
sich bis heute nicht erholt haben.
Sie leben seither isoliert. Aus den Fehlern
will man jetzt lernen und beide Seiten früh einbinden und langsam auf die
Umsiedlung vorbereiten. Bezahlt wurde der Ankauf des Landes mit Geld aus einem
Fonds. Der speist sich aus den Einnahmen aus dem Phosphat-Bergbau auf der
Banaba-Insel.

Manchmal, wenn Mary Meita an ihre Heimat Kiribati denkt, an die Erinnerungen
ihrer Kindheit, die im Meer versinken, dann spürt sie Wut in sich aufsteigen.
Wut auf die Industrieländer. Sie will jetzt nur als Privatperson zitiert
werden. "Wir hassen den Gedanken, umsiedeln zu müssen", sagt sie. "Wir möchten
nicht Klimaflüchtlinge genannt werden. Wir sind für all das nicht
verantwortlich!"



Quelle:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/klimaw...adies-1.3726235
<http://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-flucht-aus-dem-paradies-1.3726235>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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