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Für Afrin fehlen die Worte

in Aus der Welt der Wissenschaft 23.03.2018 13:28
von franzpeter | 9.689 Beiträge

Wie in der Wirtschaft Gewissen- und Skrupellosigkeit, gehören in der Politik
doppelte Standards zur wertorientierten Grundausstattung. Was besonders Kanzlerin
Merkel verinnerlicht hat. Die Schlacht um Ost-Ghuta geißelt sie als "Massaker"
der Assad- und der russischen Armee, für die Schlacht um Afrin fehlen ihr die
Worte.


der Freitag 23. März 2018

Für Afrin fehlen die Worte

Syrien/Türkei Dass in der Politik doppelte Standards zur wertorientierten
Grundausstattung
gehören, zeigt aktuell wieder einmal der Umgang mit dem
türkischen Feldzug in Nordsyrien


Lutz Herden

Für Afrin fehlen die Worte - Türkische Truppen posieren in Afrin Foto: Omar
Haj Kadour/AFP/Getty Images

Was der NATO-Staat Türkei augenblicklich in der kurdischen Stadt Afrin
anrichtet, ist über jeden Zweifel erhaben und besitzt hohe Beweiskraft.


Der Regierung Erdogan daraufhin zuteilwerdende Schuldzuweisungen halten sich
freilich in Grenzen. Was erst recht auf Sanktionen zutrifft, auch wenn
völkerrechtlich relevante Tatbestände wie Aggression und Okkupation derart
geahndet werden könnten. Desgleichen Plünderungen, Vertreibungen und ethnische
Säuberungen, aber nicht einmal zur Vorladung vor den UN-Sicherheitsrat reicht
es.

Wenigstens belasten hierzulande Reste von Scham das Gewissen, sodass
nationalistischer Eroberungsdrang zwar toleriert, aber zugleich mit Sorge
quittiert wird.

Man hört allenthalben, der westliche Wertekanon schließe eine solche Expansion
natürlich aus, leider werde man vor vollendete Tatsachen gestellt. Die
Rücksicht auf den unentbehrlichen Verbündeten nicht zu vergessen.



Ist das Unbehagen über missachtete Werte angebracht? Werden statt der
deklamierten die tatsächlichen Hits des westlichen Wertesystems mit dem Feldzug
in Nordsyrien nicht exemplarisch bedient? Die Profitsucht von Unternehmen etwa,
die ihre Produkte dorthin schicken, wo sie am besten zu vermarkten sind.

Handelt es sich um Waffen, sind das oft Krisen- und Kriegsgebiete. Wo sonst wird
deutschen Leopard-Panzern ein Praxistest unter Gefechtsbedingungen zuteil wie in
Afrin? Für Absatz, Bilanz und das Werben um Kundschaft kann das nur von Vorteil
sein.

Wie in der Wirtschaft Gewissen- und Skrupellosigkeit, gehören in der Politik
doppelte Standards zur wertorientierten Grundausstattung.

Was besonders Kanzlerin Merkel verinnerlicht hat. Die Schlacht um Ost-Ghuta
geißelt sie als "Massaker" der Assad- und der russischen Armee, für die
Schlacht um Afrin fehlen ihr die Worte.

Womit die Werte Solidarität und Menschlichkeit ins Spiel kämen, die eher
systemfremd, jedenfalls nicht derart systemimmanent wirken, wie das auf
Opportunismus und Verrat zutrifft.

Wo sonst im Nahen Osten haben Völker wie die Kurden ein demokratisches
Gemeinwesen hervorgebracht, das sich - für die Gegend atypisch - auf säkulare
statt konfessionelle Grundsätze beruft und dem Verlangen nach Selbstbestimmung
gerecht wird?


Ausgerechnet eine solche Ordnung will der Westen nicht davor bewahren,
zerdroschen zu werden.


Die menschengerechten Zustände in der Kurden-Region Rojava brauchten eine
internationale Leibgarde, aber sie finden keine. Warum? Weil der Mutige dem
Feigen unterliegt, wessen sich unsere Werteordnung nicht rühmen, dafür aber um
so sicherer sein kann.

Einiges, und es ist nicht wenig, deutet darauf hin, dass Erdogan und seine
Militärs gar nicht so krass aus der Reihe tanzen, wie es den Anschein hat. Sie
verschaffen sich, was ihnen keiner verwehrt. Und sei es eine Entschädigung für
den gleich nach Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges unternommenen Versuch,
Präsident Assad zu stürzen und mit williger Gefolgschaft in Damaskus eine
neoosmanische Renaissance voranzutreiben.


Was damals gescheitert ist, soll im zweiten Anlauf gelingen, wenn diesmal nicht
der syrische Staat, sondern (nur) die kurdische Autonomie dran glauben muss.


In Bertolt Brechts Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy
http://www.alfa1.de/az-ged.html empfehlen sich auch die
Unterdrückung, der Betrug, der Aussatz, die Dummheit, der Mord und der Raub als
Kostgänger der abendländischen Premiumwerte. Was die dürfen, können
türkische Obristen allemal.



Quelle:
https://www.freitag.de/autoren/lutz-herd...ehlen-die-worte
<https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/fuer-afrin-fehlen-die-worte>

Anmerkungen:
Immer wenn ich "westliche Werte " lese, frage ich mich, was das wohl sein mag? Idealismus, der nicht angewandt wird?


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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