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Lügen als Medienereignisse

in Aus der Welt der Wissenschaft 04.06.2018 12:43
von franzpeter | 9.011 Beiträge

Lügen als Medienereignisse

Machiavelli: "Wer ein großer Mann werden wolle, der müsse ein 'gran simulatore
e dissimulatore', ein großer Lügner und Heuchler sein."


SZ - Prantls Blick 03.06.2018

Das Sicherste in der Weltpolitik sind derzeit die Lügen des Donald Trump. Sie
sind sicherer als das Amen in der Kirche. Wenn man ein Ereignis für die
kommende Woche vorhersagen kann, dann ist es eine neue Lüge des 45.
US-Präsidenten. Nein falsch - es wird nicht eine Lüge, es werden etliche
Lügen sein.

Die Weltlage erscheint einem nicht zuletzt wegen dieser Lügereien so unsicher
wie schon lange nicht mehr. Aber neu ist eine Politik, die auf Lügen baut,
natürlich nicht.



Lug, Trug, Papst Sylvester und Trump

Mit Lug sind Kriege begonnen, mit Trug Reiche zusammengestohlen worden. Die
Lüge war und ist Mittel für Machterwerb, Machterhalt, Machtsteigerung.

Die Lüge reicht - um den Bogen von der großen Weltgeschichte zur kleinen
deutschen Parteiengeschichte zu schlagen - von der sogenannten Konstantinischen
Schenkung für den Papst bis zu den jüdischen Vermächtnissen für die
hessische CDU, die es beide so nicht gegeben hat. Die Konstantinische Schenkung
ist eine auf das Jahr 800 datierte gefälschte Urkunde, die angeblich im Jahr
315 vom römischen Kaiser Konstantin ausgestellt wurde und dem Papst Sylvester
und seinen sämtlichen Nachfolgern die Oberherrschaft über Rom, Italien und die
Westhälfte des römischen Reichs übertrug.


Es war dies ein gewaltiger Schwindel. So wie die Lüge über jüdische
Vermächtnisse ein Schwindel war, die am Beginn des Kohl-Spendenskandals steht.
Schwindel, Lügen, Fälschung, Betrug: Es hat all das seit jeher in der großen
und der kleinen Politik gegeben - aber wohl selten in der Dichte und in der
Alltäglichkeit wie bei Trump.



Machiavelli und sein Lob der Lüge

Neuerdings heißen die Lügen Fake News. Im Gebirge der politischen Lügen und
Fake News der Weltgeschichte sind die bisherigen Lügen des US-Präsidenten
Donald Trump nur Maulwurfshügel.

Die Trump'schen Maulwurfshügel sind allerdings zahlreich; sie markieren die
globalpolitische Landschaft. Mittendrin in dem Polit- und Lügenkrimi sitzt
Machiavelli und schreibt das Lob der Lüge: Wer ein großer Mann werden wolle,
der müsse ein "gran simulatore e dissimulatore", ein großer Lügner und
Heuchler sein.

Ein großer Mann werden?

Beim früheren hessischen CDU-Vorsitzenden Manfred Kanther und seinem
Schatzmeister Wittgenstein hat das nicht geklappt, beim schleswig-holsteinischen
CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel auch nicht.


Und auf der Weltbühne klappte das zuletzt bei George W. Bush ebenfalls nicht.
Dieser musste zwar nicht, wie der CDU-Politiker Kanther, vor ein Gericht wegen
der Lügen, die in seinem Fall Irak-Lügen waren, dafür widerfuhr ihm aber das,
was die Römer "damnatio memoriae" nannten: Die Verdammung seines Angedenkens,
und zwar noch zu Leb- und Regierungszeiten.


Verdammung des Angedenkens

Schon am Ende seiner Amtszeit galt Bush jun. als einer der schlechtesten
Präsidenten der amerikanischen Geschichte. Er wird wohl von Donald Trump noch
unterboten werden.


Bei George W. Bush war die Verdammung des Angedenkens die schnelle Strafe für
sein System der organisierten Lüge, die zwar viele, aber lauter besonders kurze
Beine hatte - weil klar sein musste, dass alle Begründungen zur Rechtfertigung
des Kriegs gegen Saddam Hussein spätestens nach dem Sieg der Anti-Irak-Allianz
als amtlicher Groß-Schwindel entlarvt werden würden.
So kam es auch.

Bush und sein britischer Streithelfer Tony Blair saßen alsbald vor den Augen
der Weltöffentlichkeit auf einem Haufen Lügen: auf der Al-Qaida-Lüge, die
eine Zusammenarbeit des Irak mit Bin Laden behauptete; auf der A-, der B- und
der C-Waffen-Lüge; auf der 45-Minuten-Lüge, also der Behauptung, Saddam könne
binnen einer Dreiviertelstunde Massenvernichtungswaffen startklar machen. Die
Biowaffen-Lüge über Saddams mobile Anthrax-Küchen, bei denen es sich
allerdings um Wasserstofftanks für Wetterballons handelte
, hat die US-Regierung
sogar dem UN-Sicherheitsrat aufgetischt.



Die Zerfallszeiten der Lüge

Zu Bush-Zeiten hatte die US-Regierung einen gigantischen Kommunikationsapparat
dafür genutzt, einen Krieg mittels voraussehbar durchschaubarer Lügen
zustimmungsfähig zu machen.

Es zeigte sich aber, dass auch gewiefte Propaganda und ausgefeilte politische
Beleuchtungstechnik ihre Grenzen haben und Unsinn nicht in Sinn verwandeln
können. Der Fall Bush jun. könnte daher ein Beleg dafür sein, dass die
Zerfallszeit der politischen Lüge kürzer wird, dass also die Lüge den Lügner
immer schneller einholt; die Aufdeckung der Vietnamkriegs-Lügen hatte seinerzeit
viel länger gedauert als später die der Bush-Lügen dauerte.

Gegen die These von der immer schnelleren Zerfallszeit der Lüge spricht
allerdings die bisherige Erfahrung mit Donald Trump. Lügenthrone waren bisher
immer wackelig - ändert sich das mit Trump? Sitzt der Mann stabil auf seinen
Lügen?

Es wäre gut, wenn sich herausstellen würde, dass der langfristige politische
Schaden der Lüge womöglich größer ist als ihr kurzfristiger Nutzen - weil die
Glaubwürdigkeit verloren geht und dies die eigene Macht schwächt.
Ist das so?
Ich wünsche es mir, aber sicher bin ich mir nicht mehr - seine Lügereien waren
und sind Medienereignisse.

Schon im Wahlkampf waren viele Medien geil darauf, so eine Person von allen
Seiten zu präsentieren und zum Faszinosum aufzublasen.
Heute ist Trump eines.
Ihm seine Lügereien nachzuweisen, ist schon fast zu einem amüsanten
Gesellschaftsspiel geworden. Der Aufschrei ist dem Kopfschütteln gewichen. Wird
die Veralltäglichung, wird die Gewöhnung folgen? Wird man die Lügerei zur
"Twittokratie" adeln?


Von Großsprecher zu Großsprecher

Der Lügner zeigt auf die, die ihn als Lügner kritisieren und zeiht diese der
Lüge. Der Vorwurf der Lüge fliegt ununterbrochen hin und her. Wenn jeder auf
jeden zeigt, wenn das Misstrauen der Bürger gegen alles und gegen jeden Auftrieb
bekommt - dann wird eine giftige Saat gelegt.

Angesichts der Omnipräsenz und der globalen Power der Lügereien könnte es so
kommen, dass Lüge und Wahrheit so sehr ineinanderfließen, dass die Leute gar
nichts und gar niemandem mehr glauben und sich von Großsprecher zu
Großsprecher treiben lassen. Das wäre der GAU.

Pressefreiheit ist auch dafür da, diesen GAU zu verhindern.

Das funktioniert aber nicht, wenn die Menschen der Presse, wenn sie den Medien
so wenig trauen wie der Politik. Der makabre Fall des Journalisten Arkadi
Babtschenko sät da gewaltiges Misstrauen. Der ukrainische Geheimdienst hat mit
der vorgetäuschten Ermordung des Journalisten die Welt genarrt. Der Journalist
Babtschenko hat bei dieser Täuschung offenbar willig mitgemacht.
Es sollte so,
angeblich, ein Mordkomplott der Russen aufgedeckt werden. Das alles ist
äußerst dubios. Der Journalist und seine Arbeit sind nun Teil dieser
Dubiosität. Das ist ein GAU für die Pressefreiheit.

Pressefreiheit braucht Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig
und integer sind. Nur ein solcher Journalismus wird das böse und falsche Wort
von der Lügenpresse abschütteln.

Alle klagen über Trump. Aber einen gewissen Dank hat er sich verdient: Er hat
den bequemen Glauben daran zerstört, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in
den Kernstaaten der sogenannten freien Welt sich, und sei es auch langsam, quasi
automatisch weiterentwickeln.

Wir lernen: Nichts, gar nichts geht von selbst. Aufklärung ist nicht einmal vom
Himmel gefallen und dann für immer da; in den USA nicht, in Frankreich nicht,
in Deutschland auch nicht. Das Sichergeglaubte ist nicht sicher, weil
Aufklärung nicht ein einmaliges Ereignis darstellt. Aufklärung ist immer, sie
ist immer notwendig. Und die Pressefreiheit steht in ihrem Dienst; so jedenfalls
sollte es sein.


Heribert Prantl



Siehe dazu auch eine Analyse von Marcus Klöckner auf den Nachdenkseiten:


NDS 02.06.2018

Ein journalistischer Gau

Auszug:

Der Fall Babtschenko zeigt, dass wir uns fragen müssen: Was wissen Medien
tatsächlich?


Wer sich die Artikel und Beiträge zu der angeblichen Ermordung Babtschenkos
anschaut, wird schnell feststellen, dass hier Journalisten den Anspruch erheben,
zu sagen, was ist.


Die "Berichte" geben vor, "die Wirklichkei" abzubilden. Da gibt es keinen Raum
für Zweifel. Man stelle sich vor, wie die Reaktion der Medien ausgefallen wäre,
wenn jemand Zweifel an der Ermordung Babtschenkos angemeldet und von einer
möglichen Inszenierung des Geheimdienstes gesprochen hätte.


Der Umgang von Journalisten mit dem Fall Babtschenko ist ein Lehrstück, das
zeigt: Große, reputierte Medien liefern eine Berichterstattung ab, die mit der
Wirklichkeit nichts zu tun hat. Diese Feststellung ist weitreichend. Sie zeigt:
Mediennutzer müssen alles, was Medien berichten, kritisch hinterfragen.

Korrekturen sind in diesem Fall nichts weiter als eine kosmetische Übertünchung
eines journalistischen GAUs.

Der Zustand der Medien ist, man muss es leider sagen, desolat. Er ist so
desolat, dass auch dieser Vorfall nicht zu einer Rückbesinnung und der
Einhaltung journalistischer Qualitätsstandards führen wird.


Mehr: https://www.nachdenkseiten.de/?p=44227
<https://www.nachdenkseiten.de/?p=44227>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#2

Ein journalistischer Gau

in Aus der Welt der Wissenschaft 04.06.2018 12:58
von franzpeter | 9.011 Beiträge

Ein journalistischer Gau
Der russische Journalist Arkadi Babtschenko ist tot. Der russische Journalist Arkadi Babtschenko ist nicht tot. Der russische Journalist Arkadi Babtschenko ist… ja was eigentlich? Wer sich als Mediennutzer auf die Berichterstattung zum angeblichen Mord an Babtschenko in den vergangenen Tagen verlassen hat, war verlassen. Der Umgang von Journalisten mit dem Fall Babtschenko ist ein Lehrstück, das zeigt: Große, reputierte Medien liefern eine Berichterstattung ab, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Diese Feststellung ist weitreichend. Sie zeigt: Mediennutzer müssen alles, was Medien berichten, kritisch hinterfragen.
Eine Analyse von Marcus Klöckner.

Als die „Nachricht“ (Desinformation?) vom angeblichen Mord an dem russischen Journalisten Arkadi Babtschenko in das Mediensystem eingespeist wurde, passierte, worauf man hätte wetten können: Journalistische Distanz? Zurückhaltung? Kritische Recherchen? Fehlanzeige. Stattdessen war eine Berichterstattung zu beobachten, die mustergültig aufzeigt, wie Medien in der Lage sind, fiktionale Wirklichkeiten zu konstruieren und diese dem Mediennutzer als Realität zu verkaufen. Und, noch schlimmer: Die erschaffene fiktionale Wirklichkeit dient dann als Basis, auf der die konstruierte Wirklichkeit weiter aufgebaut wird.
Da hat, zum Beispiel, der Deutsche Journalisten Verband (DJV) gleich den Boykott der Weltmeisterschaft in Russland gefordert und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ließ es sich nicht nehmen, „die Tat“ bei einem Besuch in der Ukraine zu verurteilen – worüber Medien dann natürlich entsprechend berichtet haben (in der Berichterstattung ist Steinmeier dann „erschüttert“, „verurteilt scharf“ und „fordert Aufklärung“).

Aber greifen wir nicht vor. Wir werden im weiteren Verlauf der Analyse noch im Detail auf die Berichterstattung eingehen. Zunächst zu etwas Grundlegendem. Frage: Waren Sie schon einmal in Paris auf dem Eiffelturm? Wenn Nein – die Frage: Gibt es den Eiffelturm tatsächlich? Steht der Eiffelturm tatsächlich in Paris? Wie beantworten Sie diese Fragen? Vermutlich mit: Ja, natürlich. Aber wie kommen Sie zu der Aussage? Wenn Sie doch noch nie in Paris waren, noch nie den Eiffelturm mit eigenen Augen gesehen haben, wie können Sie sagen, dass der Eiffelturm in Paris tatsächlich existiert? Wissen Sie, ob der Eiffelturm in Paris steht? Oder glauben Sie zu wissen, dass dem so ist?
Natürlich: Wer noch nie in Paris war, nie den Eiffelturm mit eigenen Augen gesehen hat, weiß nicht wirklich, ob der Eiffelturm nun tatsächlich existiert oder nicht. Allerdings: Auch wenn die direkte, persönliche Erfahrung fehlt, wenn Sie nie den Eiffelturm mit eigenen Augen selbst in Paris gesehen haben, so können Sie dennoch mit einer ziemlichen Gewissheit sagen, dass der Eiffelturm natürlich real ist und in Paris steht. Schließlich: All die Filme, all die Bilder, all die Aussagen von Freunden, Verwandten, Bekannten usw., die bereits dort waren, den Eiffelturm gesehen, mit dem Aufzug nach oben gefahren sind usw., müssten eine Fälschung, müssten Lügen sein. Anders gesagt: Auch wenn Sie nie selbst auf dem Eiffelturm waren, wäre es vernünftig wohl nicht zu begründen, an der Existenz des Eiffelturms in Paris zu zweifeln. Und sollten dennoch Zweifel bestehen, könnten sie, je nachdem, wo Sie in Deutschland leben, nach ein paar Stunden Fahrt selbst vor dem Eiffelturm stehen, ihn berühren und feststellen: Ja, der Eiffelturm ist real.
Aber wie sieht es mit der Bewertung von Realität aus, wenn es um Sachverhalte geht, die in den Medien berichtet werden? Wie gehen wir damit um, wenn wir hören, dass ein bekannter russischer Journalist in der Ukraine kaltblütig erschossen wurde? Wie gehen wir damit um, wenn Medien uns die Details der Tat „schildern“ (eigentlich korrekt: „erzählen“, wie bei einem Märchen)? Wenn eine gesamte hochgerüstete Medienlandschaft von dem Mord berichtet; wenn sogenannte Qualitätsmedien landauf landab den Tod von Babtschenko vermelden; wenn selbst der Bundespräsident „erschüttert“ ist: Können wir dann nicht, ähnlich wie bei dem Beispiel „Eiffelturm“, von einem ziemlich gesicherten Wissen ausgehen?

Nein. Das können wir nicht. An dieser Stelle darf man ruhig einmal auf die Auseinandersetzung des Soziologen Niklas Luhmann mit den Medien verweisen, der klargestellt hat, dass das „System Massenmedien“ nicht nach dem Code Wahrheit/Unwahrheit funktioniert, sondern nach dem Code Information/Nichtinformation. Entgegen allen Beteuerungen von Vertretern großer Medien: „Wahrheit“ spielt in dem Mediensystem nur eine untergeordnete Rolle. Was für das Mediensystem zählt, ist die Frage: Ist eine Nachricht Information (Babtschenko „wurde“ ermordet = Das ist eine Information) oder ist eine Nachricht Nichtinformation (Babtschenko hat sich am Knie gekratzt = Das ist keine Information).

Die Feststellung führt zu der Erkenntnis, dass Mediennutzer grundsätzlich die Berichterstattung in den Medien hinterfragen müssen. Dies gilt insbesondere auch und gerade bei einer Berichterstattung, die scheinbar kaum einen vernünftigen Zweifel daran zulässt, dass sie auch falsch sein könnte. Die Berichterstattung zu Babtschenko hat diesen Zweifel nicht zugelassen. Wer sich die Artikel und Beiträge zu der angeblichen Ermordung Babtschenkos anschaut, wird schnell feststellen, dass hier Journalisten den Anspruch erheben, zu sagen, was ist. Die „Berichte“ geben vor, „die Wirklichkeit“ abzubilden. Da gibt es keinen Raum für Zweifel. Man stelle sich vor, wie die Reaktion der Medien ausgefallen wäre, wenn jemand Zweifel an der Ermordung Babtschenkos angemeldet und von einer möglichen Inszenierung des Geheimdienstes gesprochen hätte.

Diese Form der Berichterstattung erzeugt einen unheimlichen Druck auf die Mediennutzer. Will man sich wirklich als einzelner Zeitungsleser dieser Medienwirklichkeit, die doch so real scheint, widersetzen? Will man ernsthaft öffentlich ansprechen, dass eine gesamte Medienlandschaft vorsichtiger sein sollte bei der Übernahme der „Informationen“, die die Behörden in der Ukraine herausgegeben haben und außerdem darauf verweisen, dass der Tod ja auch nur vorgetäuscht sein könnte? Unabhängig davon, ob man dies nun will oder nicht, ob man dies nun öffentlich tun möchte oder nicht: Mediennutzer sind gut beraten, gerade diesen scheinbar unverhandelbaren Wahrheiten und Wirklichkeiten, die Medien in ihrer Berichterstattung transportieren, mit Distanz zu begegnen.
Blicken wir nun etwas näher auf die Berichterstattung im Fall Babtschenko. Zunächst ein Auszug aus den Überschriften, die bei einer Suche auf Google News am frühen Mittwochabend noch zu finden waren:
Die Welt: Mord an einem kompromisslosen Kreml-Kritiker
Handelsblatt: Tot – Russischer Journalist und Kreml-Kritiker in Kiew erschossen
Die Presse: Attentat mitten in Kiew: Wer erschoss russischen Journalisten…
Zeit Online: Russischer Journalist erschossen
Lippische Landeszeitung: Kremlkritischer russischer Journalist in Kiew erschossen
Deutschlandfunk: Prominenter russischer Journalist in Kiew erschossen
WirtschaftsWoche: Tot – Russischer Journalist und Kreml-Kritiker in Kiew erschossen
Remscheider Generalanzeiger: Putin-Kritischer Journalist erschossen: Ukrainischer Regierungschef …
ZDFheute: Kremlkritiker tot: Russischer Journalist in Kiew erschossen
Sueddeutsche.de: Ukraine: Russischer Journalist in Kiew erschossen
Tagesschau.de: Viele Spekulationen nach Mord an Journalist Babtschenko
Der Standard: Mord an Journalist Babtschenko löst neuen Streit zwischen Kiew und Moskau aus
Focus Online: Journalistenmord in der Ukraine: Journalist und Putin-Kritiker Arkadi Babtschenko in Kiew erschossen
RP Online: Russischer Journalist Arkadi Babtschenko erschossen
Krone.at: Kiew: Prominenter russischer Journalist erschossen
Spiegel Online: Mord an russischem Regierungskritiker Babtschenko: Schüsse in den Rücken
Neue Zürcher Zeitung: Der Mord an Arkadi Babtschenko „ist ein terroristischer Akt gegen die Journalisten in Russland und der Ukraine“
Stern.de: Kiew: Kremlkritischer Journalist erschossen


Diese Beispiele zeigen: Die Überschriften, die hier zu sehen sind, erzeugen Wirklichkeit. Man sollte sich jede einzelne Überschrift genau anschauen und auf sich wirken lassen. Die Überschriften haben eine regelrechte Wucht, sie entfalten ihre eigene Kraft und erheben für sich den Anspruch, die Wirklichkeit zu kennen. Die Überschriften lassen erahnen, wie die in Ihnen angerissene, konstruierte Wirklichkeit in den dann folgenden Artikeln und Beiträgen fest zementiert wird. An dieser Stelle ist nicht der Platz, um detailliert die Beiträge genauer inhaltlicher Analysen zu unterziehen, aber exemplarisch soll ein Artikel hervorgehoben werden. Sein Einstieg kann als Musterbeispiel herangezogen werden, um aufzuzeigen, dass auch noch so wirklichkeitsbeschreibende Berichte nichts mit der Realität zu tun haben müssen.

Die Welt schreibt Folgendes:
„Der Killer streckte ihn mit drei Kugeln in den Rücken nieder. Arkadi Babtschenko sackte im Treppenhaus vor der Tür seiner Kiewer Wohnung zusammen, Sekunden später fand ihn seine Frau. Der Journalist starb im Notarztwagen auf dem Weg ins Krankenhaus.“
Wer diese Zeilen liest, erhält den Eindruck: So war es! Hier bildet der Autor des Textes, Pavel Lokshin, die Wirklichkeit ab. Er tut das, was Journalisten so gerne vorgeben, zu tun: Zeigen, was ist.
Natürlich kann man sich zusammenreimen, dass der Welt-Autor nicht vor Ort war. Nicht selbst gesehen hat, was er beschrieben hat. Aber es ist schon lange Praxis im Journalismus, anhand von scheinbar gesicherten Informationen so zu schreiben, dass die Informationen in eine anschauliche Erzählung fließen, die den Eindruck erweckt: Da ist jemand ganz nahe dran gewesen oder zumindest weiß (!) da jemand genau, was Sache ist. Stilistisch ist das sicherlich ansprechend zu lesen. Aber der journalistischen Glaubwürdigkeit kann diese Vorgehensweise einen großen Schaden zufügen. Solche Erzählungen, die eigentlich in Reportagen zu finden sind, leben vom Vertrauen der Leser, die darauf setzen, dass ein Reporter mit eigenen Augen tatsächlich gesehen hat, worüber er schreibt (am Rande sei erwähnt: Diese „Schreibe“ führte dazu, dass 2011 einem Spiegel-Journalisten der Henry-Nannen-Preis aberkannt wurde. Die Eingangspassage seines Beitrages zu Horst Seehofer vermittelte den Eindruck, als habe er das Geschilderte selbst erlebt – dem war aber nicht so ).
Nun könnte man wenigstens erwarten, dass die Welt die Falschberichterstattung in dem hier angeführten Artikel gegenüber ihren Lesern transparent macht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Artikel wurde nicht nur einfach gelöscht. Folgt man dem Link, kommt man nun zu einem anderen Artikel, der die Überschrift trägt: „Arkadi Babtschenko, der für einen Tag totgeglaubte Journalist“. Wieder verfasst von Pavel Lokshin.


Im Pressecodex heißt es unter Ziffer 3 Richtigstellung:
Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.
Richtlinie 3.1 – Anforderungen
(1) Für den Leser muss erkennbar sein, dass die vorangegangene Meldung ganz oder zum Teil unrichtig war. Deshalb nimmt eine Richtigstellung bei der Wiedergabe des korrekten Sachverhalts auf die vorangegangene Falschmeldung Bezug. Der wahre Sachverhalt wird geschildert, auch dann, wenn der Irrtum bereits in anderer Weise in der Öffentlichkeit eingestanden worden ist.
(2) Bei Online-Veröffentlichungen wird eine Richtigstellung mit dem ursprünglichen Beitrag verbunden. Erfolgt sie in dem Beitrag selbst, so wird dies kenntlich gemacht.


Hat die Welt davon schon mal etwas gehört? Dass auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) im Fall Babtschenko seine Probleme hatte, diesen selbstverpflichtenden Richtlinien zu folgen, darauf hat Tobias Riegel schon verwiesen. Immerhin: Andere Medien, wie etwa Spiegel Online, haben rasch auf die Falschberichterstattung transparent aufmerksam gemacht.
Doch transparente Korrekturen sind in diesem Fall nichts weiter als eine kosmetische Übertünchung eines journalistischen GAUs.

Der Umgang der Medien mit der „skandalösen“ Meldung verweist nicht nur darauf, wie real die Gefahr von fiktionalen Wirklichkeiten in der journalistischen Berichterstattung ist; er verweist zugleich auf eine der größten Schwächen, die in den Medien zu beobachten ist: Medien haben enorme Probleme damit – gerade dann, wenn es um schwergewichtige, weitreichende politische Meldungen geht – genügend Distanz zu den Informationen aufzubauen, die Behörden herausgeben.

Nicht zu Unrecht werfen Medienkritiker Journalisten eine regelrechte Autoritätshörigkeit vor. Immer wieder ist zu beobachten, wie Medien regelrecht an den Lippen der Behörden hängen und oft, sehr oft, wird die Wirklichkeit und Wahrheit der Behörden auch zur Wirklichkeit und Wahrheit der Medien. In vielen Fällen mag dies auch völlig korrekt sein. In vielen Fällen mögen Behörden auch tatsächlich korrekt informieren. Aber der Fall Babtschenko zeigt in aller Deutlichkeit, wie einfach es ist, eine komplette Medienlandschaft – wohlgemerkt: länderübergreifend – wie an einem Ring durch die Manege zu ziehen und vorzuführen, wenn diese es sich zu leicht macht und den Behörden allzu schnell Glauben schenkt.

Gerade auch im Hinblick auf die Tatsache, dass die enormen Spannungen zwischen der Ukraine und Russland, aber auch zwischen Russland und dem Westen, zu einer komplexen politischen Gemengelage führen, bei der davon auszugehen ist, dass alle Beteiligten zum Mittel der Propaganda, Desinformation und Täuschung greifen, müssten Journalisten sehr vorsichtig agieren. Es bedürfte genauerer wissenschaftlicher Untersuchungen, aber eine Ersteindrucksanalyse der Berichterstattung zum Fall Babtschenko zeigt auch: Die Nachricht von der Ermordung des russischen Journalisten passte einfach „ins Bild“. Schließlich wissen Journalisten ja (wissen sie das wirklich?), was Russland sich schon so alles erlaubt hat. Wen interessieren da noch Unvoreingenommenheit und eine möglichst objektive Überprüfung von Informationen?
Der Zustand der Medien ist, man muss es leider sagen, desolat. Er ist so desolat, dass auch dieser Vorfall nicht zu einer Rückbesinnung und der Einhaltung journalistischer Qualitätsstandards führen wird. Diese Einschätzung ist gerade auch im Nachgang zum Fall Babtschenko zu beobachten. So wie zunächst aufgrund von Behördenangaben berichtet wurde, dass Babtschenko tot ist, so berichten Medien nun, dass er lebt. Schließlich: Er war doch auf einer Pressekonferenz zu sehen und zu hören. Aber: War er das wirklich? Oder war es ein geheimgehaltener Zwillingsbruder, ein Klon, ein perfekter Doppelgänger? Haben Journalisten DNA von Babtschenko auf der Pressekonferenz entnommen und können sie nun wirklich hundertprozentig sicher sein? Was, wenn vielleicht schon heute die Behörden in der Ukraine von einer doppelten Täuschung berichten werden, die notwendig war, um an die Hintermänner des angeblichen Mordkomplotts heranzukommen? Gewiss, das ist eine ironische Zuspitzung. Aber der Fall Babtschenko zeigt, dass wir uns fragen müssen: Was wissen Medien tatsächlich?
Quelle: Nachdenksiten


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 04.06.2018 12:59 | nach oben springen


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