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Einwanderung: Ein deutscher Traum

in Aus der Welt der Wissenschaft 09.07.2018 23:19
von franzpeter | 8.771 Beiträge

Einwanderung
Ein deutscher Traum
Warum nicht mal zur Abwechslung positiv denken? Durch Einwanderung könnte Deutschland zum neuen, besseren Amerika werden. Wir müssten uns nur von lieben Gewohnheiten verabschieden - zum Beispiel vom Sozialstaat, wie wir ihn kennen.

Eine Kolumne von Jakob Augstein


Montag, 09.07.2018 16:07 Uhr

Kolumne
Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.
(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen)

"Es war einmal ein starkes Land" hat der SPIEGEL neulich getitelt. Gemeint war Deutschland: Stärke als Eigenschaft der Vergangenheit. Heute dagegen, Krise, Krise, Krise wohin man blickt: Autoindustrie, Kanzlerin, Nationalmannschaft. Für Optimismus ist also vielleicht gerade nicht der richtige Zeitpunkt. Aber anstatt dem Land den Krankenschein auszustellen, könnte man das Gegenteil tun: das Hohelied vom deutschen Traum singen.


"Gebt mir Eure Müden, Eure Armen, Eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen." Das steht im Sockel der Freiheitsstatue. Heute klingt das wie ein Hohn: Die USA sind zur Oligarchie verkommen. Die Armen wählen in ihrer Verblendung die Milliardäre.
Das Trennende, der Rassismus, die soziale Apartheid, überwiegt das Gemeinsame. Der amerikanische Traum ist ausgeträumt. Deutschland könnte sich diesen Traum aneignen und daraus eine bessere Wirklichkeit machen. Die Arme öffnen für Menschen, die ein besseres Leben suchen. Ein Leuchtturm der Freiheit sein. Ein helles Licht in der Dunkelheit. Und darauf einen neuen Stolz gründen.
Das ist die reine Fantasie. Sicher. Aber der Soziologe Oskar Negt hat gesagt: "Die Gegenwart leidet an einer chronischen Unterernährung der produktiven Fantasie."

Fangen wir mit dem Geld an. Geld ist den Deutschen sehr wichtig. Wenn es ums Geld geht, lässt sich sagen: Einwanderung ist ein gutes Geschäft. Einwanderer liegen dem Staat nicht auf der Tasche. Im Gegenteil: Auf lange Sicht füllen sie diese Tasche. Für das Jahr 2012 hat eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet, dass jeder Ausländer pro Jahr durchschnittlich 3300 Euro mehr an Steuern und Sozialabgaben einzahlt, als er an staatlichen Leistungen erhält.

Kurzfristig sieht das anders aus. Da kosten Einwanderer erst mal Geld. Der Sozialstaat kümmert sich. Aber je mehr Einwanderer kommen, desto stärker gerät der Sozialstaat unter Druck. Was geschieht, wenn so viele vor der Tür stehen, dass sie zu den jetzigen Standards nicht mehr versorgt werden könnten? Schließt man die Grenzen? Oder ändert man die Standards?

Für das Einwanderungsland Deutschland ist das eine Schicksalsfrage. Auf der politischen Rechten ist sie schnell beantwortet. Weil man dort keine Einwanderung will, finden sich plötzlich ungeahnte Verteidiger des Sozialstaats. Und der Gegensatz wird auf die Spitze getrieben, damit auch noch der letzte "Gutmensch" vom Befürworter der Einwanderung zu ihrem Gegner werde. Leute wie Henryk M. Broder oder Jens Spahn haben das vorgemacht.
Aber man kann das Argument auch umdrehen und den Rechten recht geben: Weil sich die Einwanderung nicht mit dem bisherigen Sozialstaat verträgt, entscheiden wir uns für die Einwanderung und für einen anderen Sozialstaat.

Das lässt sich moralisch begründen: wenn der Preis für unseren Sozialstaat die Toten im Mittelmeer sind, ist er es nicht wert. Wenn der Preis die Versklavten in den libyschen Lagern sind, ist der Preis zu hoch. Aber moralisch Begründetes hält in der Politik bekanntlich nicht viel aus. Die Moral allein trägt nicht.

Der bessere Grund ist eine andere Idee von Deutschland: Ein neuer "Schmelztiegel", in dem Menschen aus Europa, dem Nahen Osten und Afrika gemeinsam eine neue Nation erschaffen.


Deutschland ist für diese Rolle prädestiniert. Ein dezentrales Land mit starken regionalen Eigenarten aber einer schwachen nationalen Kultur.

Warum soll einem Land, das sich im 19. Jahrhundert beinahe künstlich selbst erfunden hat, eine solche Neuerfindung im 21. Jahrhundert nicht erneut gelingen?
"The Melting Pot" hieß ein Theaterstück, das im Jahr 1908 in den USA uraufgeführt wurde. Es erzählt die Geschichte von David Quixano, einem russischen Juden, der nach Amerika auswandern will, nachdem seine Familie bei einem Pogrom ermordet wurde. In Amerika kann man hinter sich lassen, wer man war und woher man kommt. In Amerika werden alle zu Amerikanern: "Deutsche und Franzosen, Iren und Engländer, Juden und Russen - hinein in den Tigel mit euch allen! Gott schafft den Amerikaner."

Das ist eine beinahe biblische Selbstüberhöhung. Aber die brauchte es auch: Man kann sich das Maß an Fremdheit heute nicht mehr vorstellen, das zwischen den Kulturen bestand, die da zum Amalgam vereint wurden. Das sollte übrigens auch bedenken, wer die damalige Einwanderung in die USA und die heutige nach Deutschland für nicht vergleichbar hält.


Den Nachkommen der ersten Siedler waren die Iren zu katholisch, die Deutschen zu deutsch und die Italiener zu minderwertig - und heute sind den Nachkommen all dieser Einwanderer die Mexikaner zu lateinamerikanisch. Es ist ein Gesetz der Einwanderung, dass die, die schon da sind, die, die noch kommen, für schwerer integrierbar halten, als sie selber es waren.


Heute meinen in Deutschland viele Menschen, dass unsere Immigranten nicht zu integrieren seien. Das ist falsch. Es fehlt nur die Idee, um die Temperatur zu erzeugen, die nötig ist, das Fremde zum Eigenen zu machen: die Idee vom deutschen Traum.

Quelle: spiegel online


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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