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#1

Heißzeit

in Aus der Welt der Wissenschaft 07.08.2018 18:24
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Heißzeit

Kippelemente im planetarischen Getriebe: Treibhausgase aus Industrie und
Landwirtschaft bringen das Erdsystem aus dem Gleichgewicht

Was wir derzeit noch nicht wissen, ist, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2°C
über dem vorindustriellen Niveau 'geparkt' werden kann, wie es das Pariser
Abkommen vorsieht. Oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen
würde in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima.


Um dieses Szenario zu vermeiden, ist es notwendig, das menschliche Handeln in
eine neue Richtung zu lenken, von der Ausbeutung zu einem verantwortungsvollen
Umgang mit dem Erdsystem.

Um die Chancen zur Vermeidung einer "Heißzeit" zu verbessern, brauche es nicht
nur eine entschlossene Minderung von Kohlendioxid- und anderen
Treibhausgasemissionen.

Auch erweiterte biologische Kohlenstoffspeicher, etwa durch ein verbessertes
Wald-, Landwirtschafts- und Bodenmanagement, oder die Erhaltung der biologischen
Vielfalt sowie Technologien, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen und
unterirdisch zu speichern, können eine wichtige Rolle spielen, so die Autoren.


Entscheidend sei jedoch, dass diese Maßnahmen auch durch grundlegende
gesellschaftliche Veränderungen gestützt werden.


Seit 25 Jahren warnt Hans Joachim Schellnhuber
https://www.pik-potsdam.de/members/john/hjs-direktor vor den
Folgen des Klimawandels.


PIK 06.08.2018

Auf dem Weg in die "Heißzeit"? Planet könnte kritische Schwelle überschreiten

Die globale Erwärmung auf lange Sicht bei 1,5°C bis 2°C zu stoppen, könnte
schwieriger sein als bisher angenommen. Selbst bei Umsetzung der im Pariser
Abkommen festgelegten Pläne zur Minderung von Treibhausgasemissionen bleibt ein
Risiko, dass der Planet durch verschiedene Rückkopplungsprozesse in einen
Zustand gerät, den die Forscher als "Hothouse Earth" bezeichnen.


Dies diskutiert ein internationales Team von Wissenschaftlern in einer neuen
Studie im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)
http://www.pnas.org/content/early/2018/07/31/1810141115 . Eine
solche Heißzeit wäre langfristig durch etwa 4°C bis 5°C höhere Temperaturen
charakterisiert sowie durch einen Meeresspiegelanstieg um 10m bis 60m, so die
Veröffentlichung.
Der Übergang zu einer emissionsfreien Weltwirtschaft müsse
deshalb deutlich beschleunigt werden, argumentieren die Autoren.

"Industrielle Treibhausgasemissionen sind nicht der einzige Faktor, der die
Temperatur auf der Erde beeinflusst. Unsere Arbeit weist darauf hin, dass eine
vom Menschen verursachte globale Erwärmung von 2°C andere Prozesse des
Erdsystems anstoßen könnte (oft als Rückkopplungen bezeichnet). Diese wiederum
könnten die Erwärmung weiter vorantreiben - selbst wenn wir aufhörten,
Treibhausgase auszustoßen", sagt Leitautor Will Steffen von der Australian
National University (ANU) und dem Stockholm Resilience Centre (SRC). "Um dieses
Szenario zu vermeiden, ist es notwendig, das menschliche Handeln in eine neue
Richtung zu lenken, von der Ausbeutung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit
dem Erdsystem."

Derzeit liegt die globale Durchschnittstemperatur bereits um gut 1°C über dem
vorindustriellen Niveau und steigt etwa 0,17°C pro Jahrzehnt an.

Die Autoren der Studie betrachten zehn natürliche Rückkopplungsprozesse, von
denen einige mit den sogenannten Kippelementen im Erdsystem verknüpft sind.
Durch das Überschreiten kritischer Schwellen könnten diese in fundamental
andersartige Zustände versetzt werden.
Die Rückkopplungen könnten z.B.
Kohlenstoffspeicher in Kohlenstoffquellen verwandeln, die in einer entsprechend
wärmeren Welt unkontrolliert Emissionen freisetzen würden.

Zu den kritischen Prozessen gehören insbesondere tauender Permafrost, der
Verlust von Methanhydraten vom Meeresboden, eine Schwächung von
Kohlenstoffsenken an Land und in den Ozeanen, eine zunehmende bakterielle Atmung
in den Ozeanen, das teilweise Absterben des Amazonas-Regenwaldes sowie der
borealen Wälder, eine Verringerung der Schneedecke auf der Nordhalbkugel, der
Verlust von arktischem und antarktischem Meereis sowie das Schrumpfen der
großen Eisschilde.


Die Studie berücksichtigt noch nicht mögliche Rückkopplungen zwischen
Emissionen und der planetaren Wolkenbedeckung.

Kippelemente im planetarischen Getriebe: Treibhausgase aus Industrie und
Landwirtschaft bringen das Erdsystem aus dem Gleichgewicht

"Diese Kippelemente könnten sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten.
Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren
Kipppunkt zu. Es könnte sehr schwierig oder sogar unmöglich sein, die ganze
Reihe von Dominosteinen davon abzuhalten, umzukippen. Manche Orte auf der Erde
könnten unbewohnbar werden, wenn die "Heißzeit" Realität würde", ergänzt
Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre und designierter
Ko-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.


"Die Treibhausgasemissionen aus Industrie und Landwirtschaft bringen unser Klima
und letztlich das ganze Erdsystem aus dem Gleichgewicht, das zeigen wir auf. Im
Zentrum stehen hier vor allem die Kippelemente in der globalen Umwelt, die sich
sobald ein bestimmtes Belastungsniveau einmal überschritten ist - grundlegend,
schnell und möglicherweise irreversibel verändern könnten.
Gewisse Kaskaden
solcher Ereignisse könnten das gesamte Erdsystem in eine neue Betriebsweise
kippen, sagt Hans Joachim Schellnhuber, amtierender Direktor des
Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

"Was wir derzeit noch nicht wissen, ist, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2°C
über dem vorindustriellen Niveau ‚geparkt' werden kann, wie es das Pariser
Abkommen vorsieht. Oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen
würde in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima.
Die Forschung muss sich daran
machen, dieses Risiko schnellstmöglich besser abzuschätzen."


Die Reduktion von Treibhausgasen allein reicht nicht aus


Um die Chancen zur Vermeidung einer "Heißzeit" zu verbessern, brauche es nicht
nur eine entschlossene Minderung von Kohlendioxid- und anderen
Treibhausgasemissionen. Auch erweiterte biologische Kohlenstoffspeicher, etwa
durch ein verbessertes Wald-, Landwirtschafts- und Bodenmanagement, oder die
Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie Technologien, um der Atmosphäre
Kohlendioxid zu entziehen und unterirdisch zu speichern, können eine wichtige
Rolle spielen, so die Autoren.


Entscheidend sei jedoch, dass diese Maßnahmen auch durch grundlegende
gesellschaftliche Veränderungen gestützt werden.



"Das Klima und andere Veränderungen zeigen uns, dass wir Menschen das Erdsystem
bereits auf globaler Ebene beeinflussen. Das bedeutet auch, dass wir als
internationale Gemeinschaft an unserer Beziehung zum System arbeiten können, um
die zukünftigen planetarischen Bedingungen zu beeinflussen. Diese Studie
identifiziert einige der Hebel, die dafür genutzt werden können", schließt
Katherine Richardson von Center for Macroecology, Evolution and Climate an der
Universität Kopenhagen, .


Artikel: Will Steffen, Johan Rockström, Katherine Richardson, Timothy M.
Lenton, Carl Folke, Diana Liverman, Colin P.Summerhayes, Anthony D. Barnosky,
Sarah E. Cornell, Michel Crucifix, Jonathan F. Donges, Ingo Fetzer, Steven J.
Lade, Marten Scheffer, Ricarda Winkelmann, Hans Joachim Schellnhuber (2018).
Trajectories of the Earth System on the Anthropocene. Proceedings of the
National Academy of Sciences (PNAS). [DOI: 10.1073/pnas.1810141115]


Quelle:
https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pre...-ueberschreiten
<https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/auf-dem-weg-in-die-heisszeit-planet-koennte-kritische-schwelle-ueberschreiten>


SZ 07.2018:
https://www.sueddeutsche.de/wissen/klima...szeit-1.4084296
<https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-heisszeit-1.4084296>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#2

Die Erde brennt

in Aus der Welt der Wissenschaft 08.08.2018 17:04
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Wie Hitzewelle und Klimakrise zusammenhängen

[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...-17M2PXL-o.html


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DIE ERDE BRENNT! [1]


[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...STO-TLIKNM.html


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Feldbrand in Deutschland
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...STO-TLIKNM.html


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Lieber Herr Schaffarth,
gehören Sie zu denen, die das "Höhlen-Drama"der Jugendgruppe in
Thailand vor ein paar Wochen täglich mitverfolgt haben? Menschen in
aller Welt haben sich für deren Schicksal interessiert, mehr als
tausend Journalist*innen waren vor Ort. Und es ist ja auch nur
menschlich und nachvollziehbar: Dramatische Ereignisse haben
Menschen seit jeher fasziniert. Umso erstaunlicher ist es, dass die
wahre Bedrohung unserer Zeit in der Regel so wenig Aufmerksamkeit
bekommt: die Klimakrise.


Wo sind die Berichte über die dramatischen Folgen der Erderhitzung
in Mali, Kenia, Bangladesch? Über die sterbenden Inseln in der
Südsee? Über die vielen Millionen Menschen, deren natürliche
Lebensgrundlagen schon jetzt massiv bedroht sind? Über das, was
geschehen müsste, damit wir nicht weiterhin sehenden Auges auf den
Abgrund zusteuern?

Wegen der extremen Dürre und Trockenheit in Deutschland und Europa
ist die Aufmerksamkeit im Moment zwar erhöht. Allerdings richtet sie
sich in aller Regel nur auf die Symptome der Klimakrise, und dies
vor allem bei uns in Deutschland: auf die heißen Flüsse, das große
Fischsterben, die Waldbrände, die Ernteausfälle oder die
Herausforderungen beim Arbeiten in überhitzen Büros oder auf
Baustellen. Und wenn wir doch mal über den Tellerrand schauen, dann
höchstens noch nach Nordamerika, auf die Waldbrände in Kalifornien
oder nach Japan, wo die Hitzewelle bereits über 100 Todesopfer
gefordert hat.


Was wir aber brauchen, sind endlich andere Rahmenbedingungen,
jenseits von Themenkonjunkturen! Der Klimaschutz muss jetzt
anfangen: Mit einem Tempolimit, dem Abschalten der Kohlekraftwerke,
eine anderen Landwirtschaft ?
Hier ist die Politik gefragt. Wie, hat
der BUND heute in seinem Klima-Nothilfeplan zusammengefasst. [1]

Weitere Themen, die uns als BUND am Herzen liegen, finden Sie in
unserem Newsletter.

Mit besten Grüßen
Ihr BUND-Online-Team


[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...V9-10HZ51A.html


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Weitere Themen

- "So warm wie noch nie!"
- Klimafreundlich im Alltag
- Die regionalen Folgen der Trockenheit
- Weiden statt Fabriken
- Wälder ohne Schutz

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Gedanken zum Thema Hitzewelle und Klimakrise von BUND-Klimaexpertin
Ann-Kathrin Schneider.
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...STO-TLIKNM.html


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"So warm wie noch nie!" [1]

[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...STO-TLIKNM.html


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Dieser Sommer ist ungewöhnlich: In Schweden brennen die Wälder, am
Polarkreis wurden über 30 Grad gemessen, in Litauen hat es seit
April gar nicht mehr geregnet, und in Bran­den­burg ist mit massiven
Ernetausfäl­len zu rech­nen.

Einige Gedanken zum Thema von BUND-Klimaexpertin Ann-Kathrin
Schneider [1]


[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...STO-TLIKNM.html


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Wasserhahn läuft ...
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...VX-1B1EQ5Z.html


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Klimafreundlich im Alltag [1]

[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...VX-1B1EQ5Z.html


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Ob Sie Wasser sparen, Ökostrom beziehen, regionale Lebensmittel
einkaufen oder Grillkohle nutzen, die frei von Tropenholz ist: Es
gibt viele Möglichkeiten, sich im Alltag klimaschonend zu verhalten.
Unsere Ökotipps zum Thema geben Ihnen Anregungen für den ganz
persönlichen Klimaschutz.

Mehr... [1]


[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...VX-1B1EQ5Z.html


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Ausgetrocknetes Flussbett des Rheins
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...VZ-1DGW1AH.html


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Die regionalen Folgen der Trockenheit [1]

[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...VZ-1DGW1AH.html


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Knappes Trinkwasser, vertrocknete Bäume [1], geringere Ernten: Das
Wetter spielt verrückt [2] ? hier in Berlin und in ganz Deutschland.
Die Auswirkungen des Extremwetters sind überall zu spüren: auch in
unseren Gewässern, wo das Fischsterben mancherorts die Artenvielfalt
bedroht.




[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...ZK-Q8Y13UH.html

[2]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...L-13PN10FN.html


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Neben der Hitze heizt auch die Ab­wärme von Kraftwer­ken und
Industrieunter­nehmen das Wasser auf und gefährdet das Ökosystem ?
zum Beispiel im Rhein, wie der BUND in Nordrhein-Westfalen [1],
Hessen [2], Rheinland-Pfalz [3] und Baden-Württemberg [4] berichtet.





[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...VZ-1DGW1AH.html

[2]
http://www.bund-hessen.de/nc/presse/pres...c07632c271cd5c4

[3]
http://www.bund-rlp.de/nc/presse/pressem...Hash=38348612ea

[4]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...VZO-N2ZLS5.html


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Kühe auf Weide
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...XNT-F5KKJP.html


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Weiden statt Fabriken [1]

[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...XNT-F5KKJP.html


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Viele landwirtschaftliche Betriebe haben derzeit besonders unter der
Trockenheit zu leiden. Doch zugleich ist die Landwirtschaft
Mitverursacher der Klimakrise. Dabei ist eine klima­freund­liche­re
Landwirt­schaft möglich ? und ein schnelles Gegensteuern
unumgänglich.

Mehr... [1]


[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...XNT-F5KKJP.html


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Waldbrand in Portugal
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...XNU-NQX4DA.html


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Wälder ohne Schutz [1]

[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...XNU-NQX4DA.html


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In Portugal brennen die Wälder ? und auch in Deutschland gibt es
massive Trockenschäden an Bäumen. Unsere Wälder sind sehr anfällig
gegenüber Wetterextremen. Ein wesentlicher Grund: eine
Forstwirtschaft, die nur auf schnelle Holzernten statt naturnahe
Wälder setzt.

Mehr... [1]


[1]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...XNU-NQX4DA.html


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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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MITGLIED WERDEN
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...SP-1E4PNR5.html


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Redaktion:
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Bildquellen:
Header: dth48 / fotolia.de; Ann-Kathrin Schneider: Sebastian Hennigs
/ BUND; Wasserhahn: kaboompics / pixabay.com; Rhein:kathomenden /
fotolia.de;Kühe: Leon Ephraïm / unsplash.com; Waldbrand: Paulo M.F.
Pires / fotolia.de;


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[2] tel:0302758640
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[3]
http://newsletter.bund.net/go/10/2UWRBOV...O2-FJENOE-U.php
[4]
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Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#3

Klimacamp im Rheinland - 11. - 22. August 2018

in Aus der Welt der Wissenschaft 14.08.2018 11:51
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Klimacamp im Rheinland - 11. - 22. August 2018

Homepage <http://www.klimacamp-im-rheinland.de/>


https://www.ksta.de/region/rhein-erft/kl...tungen-31098692
<https://www.ksta.de/region/rhein-erft/klimacamp-teilnehmer-setzen-auf-friedliche-veranstaltungen-31098692>




KR/KStA 13.08.2018

Johanna Winter vom Klimacamp "Wir müssen uns klarmachen, was auf uns zukommen
kann


Von Joachim Röhrig



Erkelenz -

Johanna Winter ist 25 Jahre alt. Hauptberuflich ist sie Gemüsebäuerin in
Niedersachsen. Sie gehört zum Organisations- und Sprecherteam des Klimacamps im
Rheinland
https://www.ksta.de/region/rhein-erft/kl...tungen-31098692
. Mit ihr sprach Joachim Röhrig.


In den vergangenen Wochen und Monaten wurden wir mit einer heftigen Hitze- und
Dürreperiode konfrontiert, und viele Menschen haben vielleicht zum ersten Mal
hautnah gespürt, was Klimawandel direkt vor der Haustür konkret bedeuten kann.

Wie haben Sie diese Wetterextreme wahrgenommen - einerseits als Landwirtin,
andererseits als Klimaschutzaktivistin?

Für mich als Landwirtin war und ist diese Dürre einfach nur ganz schlimm, eine
regelrechte Katastrophe, der ich überhaupt nichts Gutes abgewinnen kann.
Allerdings habe ich noch nie so viel wie in den vergangenen Wochen mit Menschen,
die sich sonst nicht so sehr mit dem Thema befassen, über den Klimawandel
gesprochen. Verdorrte Gärten, Wälder und Felder, Fischsterben in Seen und
Flüssen, drastische Ernteausfälle in der heimischen Landwirtschaft - all dies
hat viele Menschen sehr nachdenklich gemacht.


Positiv nutzbar ist diese Erfahrung aber nur, wenn wir alle sie jetzt wirklich
als Weckruf verstehen und uns klarmachen, was da noch alles auf uns zukommen
kann, wenn wir nicht schnell und entschlossen gegensteuern und Taten folgen
lassen. Und eine dieser Taten wäre auf jeden Fall der schnelle
Braunkohleausstieg.


Was erhoffen und erwarten Sie mit Blick auf diese Forderung von der Berliner
Kohlekommission?

Wir brauchen unverzüglich einen Sofortplan, der aufzeigt, wie der Ausstieg
innerhalb weniger Jahre sozialverträglich gestaltet werden soll. Das ist nach
unserer festen Überzeugung machbar und möglich.


Ein solcher Plan wäre unbedingt notwendig, aber mit Blick auf die Lobbyisten der
Energiewirtschaft und auf manche Politiker, die in dieser Kommission vertreten
sind, befürchte ich allerdings, dass dieser Plan nicht kommen wird.

Umso wichtiger ist, dass wir mit Aktionen wie unserem Klimacamp gemeinsam mit
den direkt Betroffenen die inhaltliche Diskussion intensivieren. Der offiziellen
Seite können wir das nicht überlassen; da wird zu wenig kommen. Deshalb
müssen wir den politischen Umgestaltungsprozess von der Basis her
beschleunigen.


Direkt betroffen sind im rheinischen Revier allerdings auch viele Tausend
Arbeitnehmer in den Tagebauen, den Kraftwerken und bei den Zulieferern. Was
sagen Sie diesen Menschen?

Ich habe großes Verständnis für die Ängste und Sorgen. Aber mit Blick auf
den Klimaschutz führt kein Weg daran vorbei: An diesen Arbeitsplätzen können
wir nicht noch jahrzehntelang festhalten. Aber der Verlust kann kompensiert
werden.

Ein konsequenter Ausbau der erneuerbaren Energien schafft viele neue
Arbeitsplätze, und der Rückbau der Kraftwerke und die Rekultivierung
garantieren Arbeit noch für viele Jahre. Auch sind zahlreiche Beschäftigte in
den Kraftwerken und Tagebauen in einem Alter, wo man mit sozialverträglichen
Frühverrentungssystemen Probleme lösen könnte, ebenso mit Umschulungen - wenn
man die Subventionen für die Braunkohle gezielt in den Strukturwandel umleiten
würden.


Mit der Gewerkschaft IG BCE sind wir da durchaus in einem guten Dialog. So
erwarten wir am Montagabend um 20 Uhr neben Menschen aus dem von Abbaggerung
bedrohten Dorf Keyenberg auch einen Gewerkschaftsvertreter zu einer öffentlichen
Podiumsdiskussion über das Thema "Rheinland der Zukunft".


Quelle:
https://www.ksta.de/region/rhein-erft/jo...-kann--31102370
<https://www.ksta.de/region/rhein-erft/johanna-winter-vom-klimacamp--wir-muessen-uns-klarmachen--was-auf-uns-zukommen-kann--31102370>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#4

Der Schlaf der Vernunft wird weiter Monster gebären

in Aus der Welt der Wissenschaft 15.08.2018 22:14
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Der Schlaf der Vernunft wird weiter Monster gebären

Zu allererst müssen die Lebensgrundlagen geschützt werden - das ist die Mutter
aller Sachzwänge. Alles andere kommt danach.
Ist das nicht eigentlich
selbstverständlich? Doch sich heute auf diese Selbstverständlichkeit zu
besinnen und für sie einzutreten, wäre ein Zeichen von Mut und wahrer Größe,
die in der Politik kaum zu finden sind.

Der Ausstoß von Treibhausgasen hat weltweit von Jahr zu Jahr nicht ab-, sondern
deutlich zugenommen.
Die Konzentration von Kohlendioxid und anderen schädlichen
Molekülen steigt in der Atmosphäre stetig weiter an.


Der Emissionshandel ist gescheitert aufgrund von Tricksereien, zu denen es immer
kommt, wenn eine Sache Unternehmen und Politikern überlassen bleibt, die
Wirtschaft und Wachstum priorisieren.


Und wenn versprochene Klimaziele verfehlt werden, werden nicht die Maßnahmen
angemessen verstärkt, sondern - wie jüngst etwa von der Regierung in Berlin -
die Zielpunkte verschoben. Als gebe es Hoffnung auf einen Deus ex machina

https://de.wikipedia.org/wiki/Deus_ex_machina
<https://de.wikipedia.org/wiki/Deus_ex_machina> oder ein
Perpetuum mobile in den nächsten Jahren.

Eine der wichtigsten Ursachen ist der globale Siegeszug des Kapitalismus und
seiner Wachstumsideologie, die bereits jetzt zu einem viel zu wenig
kontrollierten Ressourcenverbrauch weit über die Regenerationsfähigkeit der
Erde hinaus geführt hat. Das ist logisch, und daran kann auch keine grün
galvanisierte Wachstumsideologie etwas ändern. Wachstum von Unternehmen und
Produktionen in einer Welt begrenzter Ressourcen geht irgendwann nur noch auf
Kosten der Umwelt oder durch Kannibalismus.


Die Politiker weltweit und die Menschen, die sie unterstützen, wollen keine
Veränderungen, die persönlichen Verzicht oder eine Einschränkung der Macht
bedeuten
.


Alle sozialen Bewegungen, die sich zum Ziel der notwendigen Veränderungen
bislang formiert haben, waren den Mehrheiten gegenüber zu schwach.

Der Schlaf der Vernunft wird weiter Monster gebären. Dass 2018 als jenes Jahr in
die Geschichtsbücher eingetragen wird, in dem die Menschheit endlich beginnt,
die notwendigen Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, ist
unwahrscheinlich.





SZ 15. August 2018

Klimawandel

So verheizen wir die Welt

Angesichts der Erderwärmung fordern Wissenschaftler drastische Maßnahmen. Es
muss eine Revolution der Vernunft geben.

Essay von Markus C. Schulte von Drach



Der Planet Erde, Heimat der Spezies Mensch. (Foto: Nasa Goddard Space Flight
Center)

Es gab da diese Spezies auf einem kleinen Planeten in einem unbedeutenden
Seitenarm der Milchstraße, der es tatsächlich gelungen war, ihr Klima zu
verändern. Das Universum staunte - bis jemand darauf hinwies, dass das Ganze
ein Versehen war. Niemand auf der Erde hatte gewollt, dass die Gase, die über
Jahrzehnte in die Atmosphäre gepumpt wurden, zu einer Temperaturerhöhung
führen würden. Und niemand war darauf vorbereitet.

So ähnlich könnte sich der viel zu früh verstorbene Autor Douglas Adams ("Per
Anhalter durch die Galaxis") über die gegenwärtige Entwicklung auf der Erde
lustig machen. Und zu der Studie, in der jetzt eine Reihe von Wissenschaftlern
vor dem "Treibhaus Erde
<http://www.pnas.org/content/early/2018/07/31/1810141115> "
warnt, wenn nicht bald etwas geschehe, hätte er sich selbst zitieren können:
"Ich liebe Deadlines. Ich mag das Whoosh-Geräusch, dass sie machen, wenn sie
vorbeifliegen."

Dabei lässt sich die Lage kaum eindringlicher beschreiben als es die Forscher
tun: "Kollektives menschliches Handeln ist erforderlich, um das Erdsystem [...]
in einem bewohnbaren interglazialen Zustand zu stabilisieren. Ein solches Handeln
beinhaltet, die Verantwortung für das gesamte Erdsystem zu übernehmen -
Biosphäre, Klima und Gesellschaften [...]", schreiben die Wissenschaftler, zu
denen auch Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam Institut für
Klimafolgeforschung gehört.

Wer die Bemühungen von Wissenschaftlern und Umweltschützern seit den 1970/80er
Jahren
<https://www.nytimes.com/interactive/2018/08/01/magazine/climate-change-losing-earth.html>
verfolgt hat oder sogar Teil der Szene ist, schöpft vielleicht neue Hoffnung
angesichts der Berichte, Meldungen und Kommentare in den Medien zum Wetter und zu
der neuen Studie.

Oder auch nicht: Genau diese Hoffnung gab es vor mehr als 25 Jahren schon
einmal: Das Problem war erkannt, die Vereinten Nationen riefen zur
Klimakonferenz, viele Regierungen versprachen weitgehende Maßnahmen. Die
Menschheit würde das hinbekommen. Die Welt würde gerettet.


Bekanntlich war das eine Illusion. Der Ausstoß von Treibhausgasen hat weltweit
von Jahr zu Jahr nicht ab-, sondern deutlich zugenommen. Die Konzentration von
Kohlendioxid und anderen schädlichen Molekülen steigt in der Atmosphäre
stetig weiter an.


Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre

CO2-Moleküle auf eine Million Teilchen (ppm)

Messungen jeweils vom Ende des Jahres
Quelle: Nasa Rohdaten herunterladen

Begeistert wurde dann das Klimaabkommen von Paris 2016 gefeiert - von den
beteiligten Politikern. Die Experten wussten dagegen vom ersten Tag an, dass die
Beschlüsse nur in der Theorie zu dem vereinbarten Ziel führen würden, die
Erderwärmung auf zwei oder sogar nur 1,5 zusätzliche Grad Celsius seit der
Industrialisierung zu beschränken.


Im Sommer 2018 ist nun neben allen Meldungen zu Wetterextremen und
Katastrophenwarnungen vielerorts wieder die Botschaft zu hören: Wir können es
noch schaffen, der Klimawandel lässt sich noch stoppen. Immer wieder wird
aufgelistet, was dazu notwendig ist: Treibhausgasemissionen reduzieren,
Landwirtschaft umstellen, Fleischkonsum verringern und so weiter und so fort.


Globale Durchschnittstemperatur

im Vergleich zum Mittel der Jahre 1951-1980

Stand 2018
Grafik: mcs Quelle: Nasa Rohdaten herunterladen


Doch der Optimismus geht nach hinten los. Was die Menschen in den
Industrieländern dazu bewegen soll, die Herausforderung endlich anzugehen, wirkt
wie ein Beruhigungsmittel. Wenn es noch zu schaffen ist, wird es schon nicht so
schlimm werden. Eine trügerische Hoffnung.


Zugleich schnappt die eine große Falle der Demokratie zu: das Delegieren der
Verantwortung.
Die Politikerinnen und Politiker sollen es richten, dafür werden
sie gewählt. Sie sollen es aber nicht so tun, dass es wirklich weh tut. Würde
die Politik tatsächlich handeln, wie es notwendig ist, würden ihre Vertreter
abgewählt. Also tun sie es nicht.


Wir bräuchten eine Revolution der Vernunft

Wir bräuchten eine Revolution von oben. Eine Bewegung der Vernunft in der
politischen Kaste weltweit, die ihren Wählerinnen und Wählern in einem Punkt
keine Wahl mehr lassen darf: Zu allererst müssen die Lebensgrundlagen geschützt
werden - das ist die Mutter aller Sachzwänge. Alles andere kommt danach. Ist das
nicht eigentlich selbstverständlich? Doch sich heute auf diese
Selbstverständlichkeit zu besinnen und für sie einzutreten, wäre ein Zeichen
von Mut und wahrer Größe, die in der Politik kaum zu finden sind.

Und so waren und bleiben alle bisher getroffenen Maßnahmen weitgehend
wirkungslos.


Die positiven Effekte, die etwa die neuen, effektiveren oder sogar alternativen
Wege der Energiegewinnung haben, werden aufgefressen vom wachsenden, nicht
kontrollierten Energieverbrauch - nicht nur in China oder Indien. In Deutschland
etwa sind die Treibhausgasemissionen zwischen 1990 und 2009 zwar um mehr als ein
Viertel gesunken. Seitdem aber hat sich hier nur noch wenig getan. Denn es
wächst in der Bevölkerung der Bedarf an Luxusgeräten, überdimensionierten
Fahrzeugen und Fernflügen.

Der Emissionshandel ist gescheitert aufgrund von Tricksereien, zu denen es immer
kommt, wenn eine Sache Unternehmen und Politikern überlassen bleibt, die
Wirtschaft und Wachstum priorisieren.

Und wenn versprochene Klimaziele verfehlt werden, werden nicht die Maßnahmen
angemessen verstärkt, sondern - wie jüngst etwa von der Regierung in Berlin -
die Zielpunkte verschoben.
Als gebe es Hoffnung auf einen Deus ex machina oder
ein Perpetuum mobile in den nächsten Jahren.

Dabei geht es ja schon lange nicht mehr darum, die Menschen in den
Industrieländern ausreichend mit Nahrung, Wasser, Wohnraum, Gesundheit und
Bildung zu versorgen. Davon gibt es dort inzwischen ausreichend - auch wenn alles
gerechter verteilt sein könnte. Selbst in vielen Entwicklungsländern und
Staaten wie China und Indien gibt es auf diesen Gebieten zum Glück große
Fortschritte. Doch so wie es seit Jahrzehnten läuft, bedroht der dortige
Fortschritt ebenfalls Klima und Umwelt.

Eine der wichtigsten Ursachen dafür ist der globale Siegeszug des Kapitalismus
und seiner Wachstumsideologie, die bereits jetzt zu einem viel zu wenig
kontrollierten Ressourcenverbrauch weit über die Regenerationsfähigkeit der
Erde hinaus geführt hat.

Das ist logisch, und daran kann auch keine grün galvanisierte Wachstumsideologie
etwas ändern
. Wachstum von Unternehmen und Produktionen in einer Welt begrenzter
Ressourcen geht irgendwann nur noch auf Kosten der Umwelt oder durch
Kannibalismus.

Deshalb muss die Kontrolle über die wichtigsten Produkte und Produktionsmittel,
über Mobilität, Wohnen, Digitalisierung nach Kriterien der Vernunft erfolgen -
nicht mehr mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, sondern mit dem Ziel, alle
Menschen angemessen zu versorgen.


Das bedeutet: Die Staaten müssen die Kontrolle in vielen Bereichen denen wieder
aus der Hand nehmen, denen sie im Rahmen der "Thatcherisierung", der
"Reagonomics", der "Neuen Mitte", des "Dritten Weges", der Neoliberalisierung und
Globalisierung überlassen wurde. Sie verdienen nicht länger unser Vertrauen.


Mit dem Titel eines ihrer Bücher trifft die kanadische Journalistin Naomi Klein
den Punkt: Wir müssen uns entscheiden zwischen Kapitalismus und Klimaschutz.

Über das alles ließe sich weiter diskutieren, lägen die Klimaforscher falsch
mit ihrer Forderung an die Menschheit, endlich Verantwortung für das gesamte
Erdsystem zu übernehmen - und zu handeln.
Dieses Handeln "könnte die
Dekarbonisierung der Weltwirtschaft, die Verbesserung der Kohlenstoffspeicher der
Biosphäre, Verhaltensänderungen, technologische Innovationen, neue
Vereinbarungen zur Regulierung und veränderte soziale Werte umfassen".

Und noch einmal betonen sie: "Wir gehen davon aus, dass eine weitgehende
Umwandlung notwendig ist
, die auf einer fundamentalen Neuorientierung in Bezug
auf menschliche Werte, Gerechtigkeit, Verhalten, Institutionen, Wirtschaften und
Technologien basiert."


Selbst Veränderungen in der Demographie seien wichtig, schreiben sie - eine
eigentlich selbstverständliche, aber trotzdem mutige Feststellung, denn sie
meinen damit ein Ende des Bevölkerungswachstums. Es sei der "wichtigste Auftrag
des Menschen, seine Reproduktion zu zügeln", warnte schon 1995 der Präsident
der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl.


Das, wovon die Wissenschaftler hier sprechen, sind nichts anderes als
revolutionäre Veränderungen. Doch es gibt wenig Grund zu glauben, dass es
soweit kommen könnte. "Die Hoffnung auf solch eine Revolution erscheint mir wie
eine reine Illusion", kommentiert etwa der bekannte US-Journalist und Autor Roy
Scranton die Studie
auf Twitter.

Damit dürfte er richtig liegen.

Die Politiker weltweit und die Menschen, die sie unterstützen, wollen keine
Veränderungen, die persönlichen Verzicht oder eine Einschränkung der Macht
bedeuten.
Alle sozialen Bewegungen, die sich zum Ziel der notwendigen
Veränderungen bislang formiert haben, waren den Mehrheiten gegenüber zu
schwach.

Die zahllosen Bücher und Filme, die die Probleme aufzeigen und Lösungen
anbieten, werden hochgelobt, aber kaum gelesen.

Wo sind die 99 Prozent von "Occupy"? Wo sind die Empörten, die dem Aufruf von
Stéphane Hessel folgen? Wer spricht noch über "Das Kapital im 21. Jahrhundert"
von Thomas Piketty? Wer verzichtet wie der Soziologe Harald Welzer auf ein
Smartphone?


Der Schlaf der Vernunft wird weiter Monster gebären.

Dass 2018 als jenes Jahr in die Geschichtsbücher eingetragen wird, in dem die
Menschheit endlich beginnt, die notwendigen Maßnahmen gegen den Klimawandel zu
ergreifen, ist unwahrscheinlich.
Es wird einmal mehr "Whoosh" machen, und Douglas
Adams würde sich an dem Geräusch diesmal vielleicht doch nicht erfreuen.


Quelle:
https://www.sueddeutsche.de/politik/klim...-welt-1.4087750
<https://www.sueddeutsche.de/politik/klimawandel-so-verheizen-wir-die-welt-1.4087750>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#5

Berlin verzögert die EU-Schadstoffgrenzen für Braunkohlekraftwerke

in Aus der Welt der Wissenschaft 17.08.2018 22:04
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Bundesregierung verzögert Emissionsschutz vor Stickoxiden, Quecksilber und
Feinstaub

EU-Vorgaben zu "komplex" für die Bundesregierung

Die EU verschärft den Schutz vor Stickoxiden, Quecksilber und Feinstaub, aber
Berlin schludert bei der Umsetzung. Das Bundesumweltministerium weiß um den Sinn
der Jahresfrist, hält sich aber nicht daran gebunden. Das
Bundesumweltministerium macht trotz dieser Frist keine Anstalten, das neue Gesetz
rechtzeitig auf den Weg zu bringen.


Das bedeutet, dass Behörden und Betreibern weniger Zeit bleibe, Genehmigungen
anzupassen und Kraftwerke entsprechend umzurüsten. Dafür ist die frühzeitige
Umsetzung von EU-Vorgaben in deutsches Recht nämlich gedacht.


Fabian Hübner von der Klima-Allianz Deutschland: "Bis zum 16. August müsste die
Bundesregierung die neuen EU-Gesundheitsstandards in deutsches Recht umsetzen.
Und damit wäre auch klar, welche Kohlekraftwerke diese Gesundheitsstandards
nicht einhalten und somit entweder nachgerüstet werden müssten oder
abgeschaltet werden müssten."

"Der bessere Emissionsschutz kann durch die Verzögerung nicht wie beabsichtigt
greifen, wenn am Ende nur anderthalb bis zwei Jahre statt der eigentlich
beabsichtigten drei Jahre bleiben. Für verschiedene Nachrüstungen ist dieser
Zeitraum viel zu knapp bemessen, so dass es dann auch voraussehbar ist, dass die
Kraftwerksbetreiber Ausnahmegenehmigungen fordern werden."


Dazu auch nochmals den Hinweis auf den WWF-Bericht vom 05. Juli 2016:

Unter derselben Staubglocke

Wie EU-Kohlestaaten den ganzen Kontinent schädigen - Analyse der
grenzüberschreitenden Luftverschmutzung und Klimaauswirkungen

Quelle: https://www.wwf.de/2016/juli/unter-derselben-staubglocke/
<https://www.wwf.de/2016/juli/unter-derselben-staubglocke/>




Deutschlandfunk 16.08.2018

Frist läuft ab

Berlin setzt EU-Schadstoffgrenzen nicht um

Die Bundesregierung kämpfte bis zuletzt gegen strengere EU-Schadstoffgrenzen
für Braunkohlekraftwerke. Beschlossen wurden sie trotzdem. Bis heute hätten
sie in deutsches Recht umgesetzt werden müssen. Ausnahmegenehmigungen sind so
vorprogrammiert.


Benjamin Dierks

Audio: https://ondemand/kohlekroff_grenzwerte.mp3
https://ondemand-mp3.dradio.de/file/drad...36_15405eb4.mp3



Ansicht des Kraftwerks Niederaußem von der RWE Power - (imago stock&people)

Die EU verschärft den Schutz vor Stickoxiden, Quecksilber und Feinstaub, aber
Berlin schludert offenbar bei der Umsetzung. Kraftwerksbetreiber,
Umweltverbände und Oppositionspolitiker werfen der Bundesregierung vor, dass
sie bei der Einführung der neuen EU-Schadstoffgrenzen für Kohlekraftwerke
vorgeschriebene Fristen verstreichen lasse.


Im August des vergangenen Jahres legte die EU die neuen Grenzwerte fest.
Innerhalb von vier Jahren müssen sich bis auf etwaige Ausnahmen alle Betreiber
daran halten. Die deutschen Vorschriften sollen aber bereits nach einem Jahr an
die EU-Vorgaben angepasst werden. So sieht es das Bundes-Immissionsschutzgesetz
vor.
Fabian Hübner von der Klima-Allianz Deutschland:

"Bis zum 16. August müsste die Bundesregierung die neuen EU-Gesundheitsstandards
in deutsches Recht umsetzen. Und damit wäre auch klar, welche Kohlekraftwerke
diese Gesundheitsstandards nicht einhalten und somit entweder nachgerüstet
werden müssten oder abgeschaltet werden müssten."


Das Bundesumweltministerium mache trotz dieser Frist aber keine Anstalten, das
neue Gesetz auf den Weg zu bringen. Das bedeute, dass Behörden und Betreibern
weniger Zeit bleibe, Genehmigungen anzupassen und Kraftwerke entsprechend
umzurüsten. Dafür ist die frühzeitige Umsetzung von EU-Vorgaben in deutsches
Recht nämlich gedacht.
Hübner befürchtet, dass der bessere Emissionsschutz
durch die Verzögerung nicht wie beabsichtigt greifen kann, wenn am Ende nur
anderthalb bis zwei Jahre statt der eigentlich beabsichtigten drei Jahre
bleiben.

"Für verschiedene Nachrüstungen ist dieser Zeitraum viel zu knapp bemessen, so
dass es dann auch voraussehbar ist, dass die Kraftwerksbetreiber
Ausnahmegenehmigungen fordern werden."


Das Bundesumweltministerium weiß um den Sinn der Jahresfrist, hält sich aber
nicht daran gebunden.

Ministeriumssprecher Stephan Gabriel Haufe:

"Wenn wir jetzt eine übergreifende europäische Regel haben, und das haben wir
ja auch bei den Vorgaben für die großen Feuerungsanlagen, dann ist es so, dass
die EU einen gewissen Zeitraum vorgibt, das sind ja hier vier Jahre für die
Umsetzung. Und dann relativiert sich diese innerstaatliche Regelung mit einem
Jahr etwas und dann können wir sagen, wir müssen unsere Verordnung nicht
innerhalb eines Jahres vorlegen, wir können sie auch etwas später vorlegen."


Diese Rechtsauslegung verdutzt allerdings nicht nur Umweltverbände. Auch
Kraftwerksbetreiber sind von dem Aufschub, den sich das Bundesumweltministerium
genehmigt, alles andere als überzeugt.


Der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein, kurz DEBRIV, gab dem Deutschlandfunk
dazu folgende Stellungnahme ab:

"Die gesetzlich verankerte Umsetzungsfrist von einem Jahr, die die
Bundesregierung einhalten muss, schützt die Unternehmen. Sie soll ihnen
hinreichend Zeit für ggf. notwendige Nachrüstungen geben. Die verbleibende Zeit
für etwa notwendige Anpassungen der Anlagen wird ansonsten immer knapper. Man
muss nämlich bedenken, dass Planungen und Genehmigungen erforderlich und dass
Kapazitäten im Anlagenbau nicht unbeschränkt verfügbar sind. Wir würden es
daher begrüßen, wenn die Bundesregierung nun endlich einen angemessenen
Verordnungsentwurf vorlegen würde."


Auch die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, kritisierte, dass der
Umbau von Kohlekraftwerken so verzögert werde.

"Dass die Bundesregierung dafür die gesetzlichen Vorgaben in Deutschland nicht
schafft, ist eigentlich ein Skandal, denn was am Ende dabei rauskommt, ist, dass
man die Laufzeit von alten Kohlemeilern zu Lasten der Gesundheit der
Bevölkerung verlängern will. Und das geht gar nicht."


Das Umweltministerium begründet die Verzögerung damit, dass die EU-Vorgaben so
"komplex" seien. Wann die Anpassung kommen soll, werde in den kommenden Monaten
beschlossen. Die Klima-Allianz Deutschland berichtet aus informellen Gesprächen
im Ministerium, dass die Umsetzung erst Ende 2019 geplant sei.



Quelle:
https://www.deutschlandfunk.de/frist-lae...ticle_id=425647
<https://www.deutschlandfunk.de/frist-laeuft-ab-berlin-setzt-eu-schadstoffgrenzen-nicht-um.697.de.html?dram:article_id=425647>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#6

Klimawandel und "Flüchtlingskrise" sind eng miteinander verknüpft

in Aus der Welt der Wissenschaft 18.08.2018 07:58
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Klimawandel und "Flüchtlingskrise" sind eng miteinander verknüpft

Es waren die Armen und Isolierten, die still und leise am meisten unter der
Hitze litten
- und ähnlich sah die Lage in überhitzen Städten auf der ganzen
Welt aus.

Die Bedrohung durch den Klimawandel
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-planet-schlaegt-zurueck
wird durch die "Flüchtlingskrise
<https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/5-mythen-ueber-die-fluechtlingskrise>
" verschärft. Beide Phänomene sind eng miteinander verknüpft, da extreme
Wetterereignisse häufig eine Ursache für soziale, politische und ökonomische
Instabilität sind.


Ohne eine deutliche Reduzierung der Treibgasemissionen könnte sich die Zahl der
Asylsuchenden weltweit bis zum Ende des Jahrhundert fast verdreifachen, ein
Bericht in der Zeitschrift "Science"
https://www.theguardian.com/environment/...-refugee-crises
.
<https://www.theguardian.com/environment/climate-consensus-97-per-cent/2018/jan/15/study-finds-that-global-warming-exacerbates-refugee-crises>


Francine Nadler vom Benedict-Labre-Haus meint, den meisten Leute würden die
verheerenden Auswirkungen der globalen Erwärmung erst jetzt langsam bewusst:
"Die Städte müssen neu überdenken, was sie für alle Bürger tun können - von
den sehr Wohlhabenden bis zu den am stärksten Gefährdeten."



der Freitag 16.08.2018

Die nächste Ungleichheit

Hitzewelle - Die Teilung in Arm und Reich lässt sich auch beim Klima nicht
ignorieren: Während sich Wohlhabende Kühlung verschaffen, schwitzen sich
andere tot


Amy Fleming - The Guardian


"Im Sommer wird es höllisch" - Foto: Robert Laberge/Getty Images

Als in diesem Sommer die Hitzewelle durch die kanadische Provinz Quebec zog und
in wenig mehr als einer Woche 90 Todesopfer forderte

<https://www.thestar.com/news/canada/2018/07/18/89-deaths-now-linked-to-heat-wave-in-quebec.html>
, hat derunbarmherzige Sonnenschein die Ungleichheit zwischen Arm und Reich
deutlich gemacht. In Montreal, der größten Stadt der Provinz, suchten die
wohlhabenden Einwohner in herrlich von Klimaanlagen gekühlten Büros und
Häusern Schutz. Die Obdachlosen der Stadt - die normalerweise in öffentlichen
Räumen wie Shopping Malls und Restaurants nicht willkommen sind - hatten es
dagegen schwer, sich der bleiernen Hitze zu entziehen.
https://www.thestar.com/news/canada/2018...-in-quebec.html


Das Benedict-Labre-House ist eine Tageseinrichtung für Obdachlose. Erst nach
fünf Tagen Hitze konnte endlich ein gespendetes Air-Conditioning-Gerät
aufgetrieben werden, um Kühlung zu verschaffen. "Man kann sich ja vorstellen,
was das bedeutet: 40 bis 50 Leute in einem geschlossenen Raum, wenn es so heiß
ist", berichtete Einrichtungskoordinatorin Francine Nadler.

54 Menschen starben in Montreal durch die hohen Temperaturen in diesem Sommer.
Ob Obdachlose darunter waren, geht aus den Angaben der Gesundheitsbehörden
nicht hervor. Aber die Mehrheit der Hitze-Opfer war älter als 50, lebte allein
und hatte latente physische oder psychische Gesundheitsprobleme. Keiner von
ihnen hatte Air-Conditioning. Laut Polizei-Rechtsmediziner Jean Brochu waren
viele der Toten, die sein Team untersucht hat, "in einem fortgeschrittenen
Zustand der Verwesung, weil sie teils bis zu zwei Tage in der Hitze lagen, bevor
sie gefunden wurden."


Arme und Isolierte leiden am meisten

Es waren die Armen und Isolierten, die still und leise am meisten unter der
Hitze litten - und ähnlich sah die Lage in überhitzen Städten auf der ganzen
Welt aus
.


In den USA ist die Wahrscheinlichkeit an Hitze zu sterben für Arbeiter mit
Migrationshintergrund drei Mal so groß wie für amerikanische Bürger

https://www.reuters.com/article/us-tempe...h-idUSKBN1DE2G3
. In Indien, wo im Jahr 2050 voraussichtlich 24 Städte durchschnittliche
Sommerhöchsttemperaturen von
https://www.reuters.com/article/us-tempe...h-idUSKBN1DE2G3
mindestens 35 Grad Celsius

https://www.c40.org/other/the-future-we-...-the-heat-is-on
<https://www.c40.org/other/the-future-we-don-t-want-for-cities-the-heat-is-on>
haben werden, sind Slumbewohner am stärksten gefährdet
https://www.thehindu.com/news/cities/Vij...cle22822096.ece
. Und während das Risiko, längere Zeit tödlichen Temperaturen ausgesetzt zu
sein, weltweit ständig steigt, steigt auch das damit verbundene Risiko
menschlicher Katastrophen.

Im vergangenen Jahr prognostizierten hawaiische Forscher
https://www.nature.com/articles/nclimate3322 , dass der Anteil
der Weltbevölkerung, der mindestens 20 Tage im Jahr tödlicher Hitze ausgesetzt
ist, von derzeit 30 Prozent auf 74 Prozent im Jahr 2100 steigen wird.
Vorausgesetzt, wir lassen zu, dass die Treibgasemissionen weiter wachsen.
Bei
"drastischer Reduzierung" dagegen würde der Anteil zwar nur auf 48 Prozent, aber
dennoch weiter wachsen. Das Fazit der Wissenschaftler: Eine steigende Bedrohung
menschlichen Lebens durch exzessive Hitze scheint fast unausweichlich.

"In einer Hitzewelle zu sterben ist wie langsam gekocht zu werden", erklärte
der hauptverantwortliche Autor der Studie, Professor Camilo Mora, zum Zeitpunkt
der Veröffentlichung. "Es ist reine Folter. Kinder und Ältere sind besonders
gefährdet. Aber wir haben festgestellt, dass diese Hitze auch Soldaten töten
kann oder Athleten, eigentlich jeden."

Das Jahr 2018 wird wohl zu einem der heißesten werden, seit mit den
Temperatur-Aufzeichnungen begonnen wurde. Weltweit wurden nie da gewesene
Höchsttemperaturen erreicht - von 43 Grad Celsius in Aserbaidschans Hauptstadt
Baku bis zu etwas mehr als 30 Grad in skandinavischen Ländern. Im japanischen
Kyoto fiel das Quecksilber eine Woche lang nicht unter 38 Grad Celsius. Und in
den USA erlebte der Vorort von Los Angeles Chino Hills eine ungewöhnlich frühe
und feuchte Juli-Hitzewelle mit
https://www.scientificamerican.com/artic...ve-is-so-weird/
einem Höchstwert von 48,8 Grad Celsius
<https://www.scientificamerican.com/article/l-a-s-not-just-sizzling-its-sultry-why-californias-july-heat-wave-is-so-weird/>
. Die Bewohner drehten ihr Air-Conditioning so hoch, dass es zu Stromengpässen
kam.


Ein Junge versucht, sich in Neu-Delhi Abkühlung zu verschaffen - Foto: Sajjad
Hussain/AFP/Getty Images


Städte absorbieren Hitze

In städtischen Gebieten werden solche Killer-Temperaturen
http://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/10/2/024005
<http://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/10/2/024005>
schneller erreicht als in weniger bevölkerten Gebieten. Städte absorbieren
Hitze, produzieren Hitze und strahlen sie aus. Asphalt, Backsteine, Zement und
dunkle Dächer wirken wie Schwämme, die die Hitze am Tag aufnehmen und nachts
wieder abgeben. Dabei ist Air-Conditioning ein Lebensretter für die, die es sich
leisten können, aber es macht die Straßen sogar noch heißer für die, die das
nicht können
.
In einer Untersuchung der US-Regierung heißt es warnend
https://nca2014.globalchange.gov/highlig...gs/human-health
: "Urbane Hitzeinseln kombiniert mit einer alternden Bevölkerung und wachsender
Urbanisierung steigern in der Zukunft die Angreifbarkeit der städtischen
Bevölkerung für Gesundheitsprobleme, die mit der Hitze zusammenhängen".

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO werden im Jahr 2030 60 Prozent der
Menschen in Städten leben. Und je stärker die Städte bevölkert sind, desto
heißer werden sie. Angesichts jüngster Warnungen
http://advances.sciencemag.org/content/3/8/e1603322 , dass die
Temperaturen in Südasien die Grenze für menschliches Überleben am Ende dieses
Jahrhunderts überschreiten werden, zählt jedes Grad. Schon in diesem Jahr
starben 65 Menschen bei Temperaturen von fast 44 Grad Celsius in der
pakistanischen Stadt Karachi - einer Stadt, die extreme Hitze gewohnt ist.
http://advances.sciencemag.org/content/3/8/e1603322

Aber die Auswirkungen sind nicht für alle gleich. Zum Beispiel gibt es eine
starke Korrelation zwischen den Grünflächen eines Gebiets und seinem
Wohlstand: Wenn der Schatten von Baumkronen die Höchsttemperaturen an der
Erdoberfläche um 11 bis 25 Grad senken kann

https://www.epa.gov/heat-islands/using-t...ce-heat-islands
, "
<https://www.epa.gov/heat-islands/using-trees-and-vegetation-reduce-heat-islands>
ist die Landschaft ein Indikator für die Sterblichkeitsrate bei Hitzewellen",
erklärte Tarik Benmarhnia, Experte für öffentliche Gesundheitsfragen an der
University of California San Diego. Er ist Co-Autor eines wissenschaftlichen
Berichts https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29149680 , laut
dem in weniger bewachsenen Gebieten ein 5 Prozent höheres Risiko besteht, an
Hitze zu sterben.

2017 gelang es Forschern an der University of California in Berkeley, eine
Verbindung zwischen nach ethnischen Gruppen getrennten Wohngebieten
https://ehp.niehs.nih.gov/1205919/#tab2
<https://ehp.niehs.nih.gov/1205919/#tab2> in den USA und der Nähe
zu Bäumen herzustellen. Für Schwarze ist im Vergleich zu Weißen die
Wahrscheinlichkeit in Gebieten mit einer extremen, "mit Hitzerisiko verbundenen
Landschaftsstruktur" zu leben, um 52 Prozent höher, für Asiaten 32 Prozent und
für Hispanier 21 Prozent höher.



Air-Conditioning bleibt für viele unerreichbar

Die Luftverschmutzung hat in solchen Gebieten auch öfter tödlichere Folgen
https://www.epa.gov/ozone-pollution-and-...ation#mortality
, da Stickstoffoxyde Ozon produzieren, wenn sie von der Sonne erhitzt werden,
was zu einer Entzündung der Atemwege führen und das Sterblichkeitsrisiko
erhöhen kann.

"Menschen mit geringem Einkommen, die in der Nähe von starkem Verkehr in
schlecht isolierten Wohnungen oder Häusern ohne Klimaanlage leben, haben mit
diesen Problemen stärker zu kämpfen"
, erklärte Benmarhnia.

Aber Air-Conditioning bleibt für viele unerreichbar, auch wenn es zunehmend
notwendig ist. 2014 drückte die staatliche Agentur Public Health England die
Besorgnis aus

https://www.theguardian.com/environment/...-climate-change
, dass "
<https://www.theguardian.com/environment/2014/feb/04/heat-related-deaths-climate-change>
die Verteilung von Klimaanlagen die sozioökonomische Ungleichheit reflektiert,
wenn sie nicht stark subventioniert werden".


Steigende Brennstoffkosten verschärfen das Problem. Und wenn die Menschheit
weniger Energie verbrauchen und ihren Planeten abkühlen will -nicht nur
Wohnräume und Büros - , ist es sowieso langfristig nicht sinnvoll, auf
Klimaanlagen zu setzen. Auf keinen Fall ist es eine Lösung für alle Menschen.


Der Großteil der Forschung zu Hitzewellen und öffentlicher Gesundheit legt den
Fokus auf westliche Länder. Laut Benmarhnia gibt es mehr Studien zur Stadt
Phoenix in Arizona als für den ganzen Kontinent Afrika.


Aber das Problem ist global und besonders ausgeprägt in urbanen Slums wie
Ashwiyyat in Kairo, wo die Temperaturen im fünf Monate langen Sommer bis auf 46
Grad Celius angestiegen sind.



Hitzebekämpfung in Kairo - Foto: Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images


"Wir ersticken"

Traditionell bauen Ägypter niedrige, eng zusammen stehende Gebäude
https://www.researchgate.net/publication/282988400_The_architecture_of_home_in_cairo_Socio-Spatial_practice_of_the_hawari%27s_everyday_life
, die ein dichtes Netzwerk von schattigen Gassen schaffen, in denen die Menschen
sich im Sommer schützen können.
<https://www.researchgate.net/publication/282988400_The_architecture_of_home_in_cairo_Socio-Spatial_practice_of_the_hawari%27s_everyday_life>
Aber durch den schnellen Bau von Hochhäusern und das Schwinden von
Grünflächen ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt zunehmend
stickig. Subventionskürzungen haben Stromkosten um 18 bis 42 Prozent verteuert.
Viele ärmere Stadtbewohner können sich Herunterkühlen noch weniger leisten.

Der 41jährige Um Hamad arbeitet als Putzkraft und lebt mit seiner Familie in
einer kleinen Wohnung in Musturad im Norden von Kairo
https://www.google.com.eg/maps/@30.1412331,31.2693798,14z .
Obwohl er sich glücklich schätzt, im relativ kühlen ersten Stock zu wohnen,
sagt er: "
<https://www.google.com.eg/maps/@30.1412331,31.2693798,14z> Kairo
ist zum Ersticken." Die Familie nutzt Ventilatoren und Wasser, um es drinnen
kühl zu bekommen, aber die Wasserrechnung wird langsam teuer. "Ein Trick ist,
auf dem Boden zu schlafen.
Und wir tragen Kleidung aus Baumwolle", erzählt er.
"Für Frauen, die einen Hijab tragen, ist es noch schwieriger. Darum sage ich
immer zu meinen Töchtern, sie sollen nur zwei Schichten tragen und möglichst
helle Farben."

In einer engen Ansammlung von Stadthäusern Häusern in Giza im Süden von Kairo
lebt der 42jährige Eisenbahnarbeiter Yassin Al-Ouqba in einem Haus aus einer
Mischung aus Backsteinen und Lehm. Im August ist das Haus "wie ein Ofen",
erzählt er. Not macht erfinderisch: "Ich habe einen Ventilator, den ich vor
einen Teller mit Eis stelle, so dass er kalte Luft durch den Raum verteilt.
Außerdem sprenge ich kaltes Wasser über die Bettwäsche."


"Im Sommer wird es höllisch"

Im der tropischen Hauptstadt der Philippinen Manila, wo Höchsttemperaturen über
30 Grad durch erdrückende Luftfeuchtigkeit verstärkt werden, ist
Air-Conditioning selbst für die Patienten im Krankenhaus ein Luxus.
Die
Entbindungsstation des Dr-Jose-Fabella-Memorial-Hospitals ist praktisch immer
überfüllt. Erst seit kurzem sind in dem vorwiegend katholischen Inselstaat
Verhütungsmittel frei erhältlich.

Ein Einzelzimmer mit Klimaanlage kostet 650 Pesos die Nacht - weniger als 10
Euro, aber deutlich mehr als die meisten schwangeren Mütter sich leisten
können. Sie sind in Mehrbettzimmern untergebracht, die auf vor sich hin surrende
Ventilatoren angewiesen sind. "Diese Ventilatoren arbeiten nonstop 24 Stunden am
Tag. Selten halten sie länger als ein Jahr", berichtet Maribel Bote, die seit 28
Jahren in dem Krankenhaus arbeitet.

Verstärkt wird das Problem durch regelmäßige Überbelegung: Auf der
Entbindungsstation, bekannt als Ground Zero der Überbevölkerungskrise des
Landes sind manchmal bis zu fünf Mutter gezwungen, sich ein Bett zu teilen
<https://www.pri.org/stories/2015-03-05/manila-baby-factory-why-women-put-crowding-four-or-more-bed-after-giving-birth>
. "Im Sommer wird es höllisch hier - die Ventilatoren pusten heiße Luft",
erzählt Bote. "Dann benutzen die Mütter Papierfächer, um sich zu kühlen."



4 Quadratmetern für 25 Menschen

In Kambodscha, das in den vergangenen Jahren dramatische Hitzewellen und Dürre
erlebt hat, ist das Überleben der Hitze auch für Gefängnisinsassen eine Frage
des sozialen Status. Anfang der 2000er Jahre verbrachte die 30jährige Chao
Sophea mehr als zwei Jahre in Phnom Penhs Gefängnis Prey Sar. Sie war wegen
Drogendelikten verurteilt, bestreitet den Vorwurf aber.

Als sie ins Gefängnis kam, war sie im vierten Monat schwanger. Ihr Kind
verbrachte sein erstes Jahr in einer überfüllten Zelle für Schwangere und
Mütter mit Babys. "Es war eigentlich ein Dampfraum", erinnert sich Sophea heute.
"Ich benutzte einen Fächer aus einem Palmblatt, um mein Baby zu kühlen - das
war alles, was ich mir leisten konnte. In der Wand war eine winzige
Fensteröffnung. Aber können Sie sich vorstellen, wie viel Luft in einem so
überfüllten Raum verbraucht wird? Wir haben einen Ventilator beantragt, aber er
kam nie."

Ein Umweltaktivist, der anonym bleiben möchte, erzählte, dass er eine Zelle von
vier Quadratmetern mit mindestens 25 anderen Männern teilen musste, als er
dieses Jahr in Prey Sars Männerflügel einsaß. "Wir schliefen wie geräucherter
Fisch auf einem Spieß. Es gab kein Air-Conditioning, nicht mal einen
Ventilator."

Andere können sich vielleicht bessere Bedingungen sichern. Aus einem Bericht der
Kambodschanischen Liga für Menschenrechte aus dem Jahr 2015 geht hervor, "dass
laut Berichten einige Gefängnisse 'VIP-Zellen' für Insassen mit guten
Beziehungen haben oder für solche, die für Unterbringung in der Einzelzellen
zahlen können" - Klimaanlage inklusive.


Menschen fliehen auch aufgrund extremer Klimalagen - Foto: Sanjay
Kanojia/AFP/Getty Images


Klimawandel und "Flüchtlingskrise" sind eng miteinander verknüpft

Die Bedrohung durch den Klimawandel
https://www.freitag.de/autoren/der-freit...chlaegt-zurueck
<https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-planet-schlaegt-zurueck>
wird durch die "Flüchtlingskrise
https://www.freitag.de/autoren/the-guard...uechtlingskrise
" verschärft. Beide Phänomene sind eng miteinander verknüpft, da extreme
Wetterereignisse häufig eine Ursache für soziale, politische und ökonomische
Instabilität sind.
<https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/5-mythen-ueber-die-fluechtlingskrise>


Ohne eine deutliche Reduzierung der Treibgasemissionen könnte sich die Zahl der
Asylsuchenden weltweit bis zum Ende des Jahrhundert fast verdreifachen, ein
Bericht in der Zeitschrift "Science"

https://www.theguardian.com/environment/...-refugee-crises
.
<https://www.theguardian.com/environment/climate-consensus-97-per-cent/2018/jan/15/study-finds-that-global-warming-exacerbates-refugee-crises>


In einer Ebene nördlich der jordanische Hauptstadt Amman leben rund 80.000
Syrer im Flüchtlingscamp Zaatari
https://www.theguardian.com/commentisfre...y-jordan-escape
, einer halbbefestigten städtischen Siedlung, die vor sechs Jahren gebaut wurde
und heute als Jordaniens viertgrößte Stadt gilt. Die 27jährige Hamda
Al-Marzouk kam vor drei Jahren auf der Flucht vor Luftangriffen auf ihr
Wohnviertel in einem Vorort von Damaskus.
<https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/sep/14/life-refugee-camp-syrian-family-jordan-escape>


Ihr Mann ist im Krieg vermisst, und verzweifelt wollte sie ihren kleinen Sohn und
andere Mitglieder ihrer Großfamilie retten. Zu acht leben sie jetzt in einem
großen Container aus Metall. Auch sie vergleicht ihre Unterkunft im Sommer mit
einem Backofen. "Das hier ist ein Wüstengebiet, wir leiden sehr", erzählt sie
am Telefon aus dem Flüchtlingslager. "Was wir tun? Wir stehen morgens früh auf
und machen den Boden mit Wasser nass. Und dann besprenkeln wir uns selbst mit
Wasser." Tagsüber gibt es keinen Strom. Ventilatoren sind daher nutzlos. Wenn
der Strom abends angeht, hat sich die Wüste bereits abgekühlt.

An vielen Tagen wartet die Familie bis zum Abend und geht erst dann nach
draußen. Bis dahin wickeln sie sich feuchte Handtücher um die Köpfe. Aber das
größte Problem sind die Sandstürme, die in den Sommermonaten heftig sein
können und das Camp tagelang heimsuchen. "Wir müssen die Fenster schließen",
erzählt die junge Mutter. "Dann wird es erstickend heiß. Wir befeuchten
Handtücher und versuchen, durch sie hindurch zu atmen."

Al-Marzouks fünfjähriger Sohn leidet unter Atemproblemen und häufigen
Infekten. Asthma ist im Camp stark verbreitet. Wasser war auch lange ein
Problem, weil die Nachfrage nach Wasser im Norden von Jordanien - einem der
wasserärmsten Länder der Welt - durch die Ankunft der Flüchtlinge stark
angestiegen ist. Dank einer Unicef-Initiative
https://www.unicef.org/jordan/media_12566.html sollen bis
Oktober
alle Haushalte im Camp ans Wasser angeschlossen werden.
Das sei eine
enorme Hilfe, erklärt Al-Marzouk:"Früher haben wir Wasser in Benzinkanistern
geholt und mussten sie weite Strecken tragen. Jetzt ist alles viel einfacher
geworden. Wir müssen uns nicht mehr in langen Schlangen darum streiten, unseren
Anteil an Wasser zu bekommen. Jetzt herrscht Gleichheit."


Und der Plan für die Zukunft?

Insgesamt hat sich gezeigt, dass Ungleichheit die städtischen Heizöfen
befeuert. Die US-amerikanischen Forscher, die 2013 die Rassentrennung in Bezug
auf Hitze-Gefährdung aufdeckten, machten ein weiteres Phänomen aus: je größer
die Rassentrennung in einer Stadt desto heißer für alle.
Die Wissenschaftler
empfahlen daher im Kampf gegen die Hitze, Städte als Ganzes zu behandeln,
inklusive der Ghettos. Mehr Bäume und helle Anstriche der Gebäude könnten den
gesamten Hitzeinsel-Effekt reduzieren. Zudem müsse Stadtplanung in der Zukunft
"proaktiv ökologische Gerechtigkeit berücksichtigen und ethnische Ungleichheit
ausmerzen".

Für Benmarhnia ist das Aufbrechen der sozialen Isolation ein zentraler Faktor,
von dem alle profitieren. Außerdem würden die "unsichtbaren", am stärksten
gefährdeten Menschen - wie Obdachlose und illegale Immigranten - zurück in die
Gemeinschaft geholt, wo man sich um sie kümmern kann.


In zumindest einem der heißesten Länder der Welt wurden erste Schritte getan.
Laut indischer Regierung
https://www.theguardian.com/world/2018/j...health-measures
<https://www.theguardian.com/world/2018/jun/02/india-heat-wave-deaths-public-health-measures>
hat eine Reihe einfacher Maßnahmen die Zahl der Hitze-Todesopfer enorm reduziert
- von 2.040 im Jahr 2014 auf etwas mehr als 200 im Jahr 2017. Unter anderem
wurden tagsüber Parks für alle geöffnet, kostenlos Wasser verteilt und
Slum-Dächer weiß gestrichen, was die Innentemperatur um 5 Prozent senkte.

Die Stadt Montreal führte erstmals 2004 einen ähnlichen Hitze-Aktionsplan ein
https://ehp.niehs.nih.gov/EHP203/ , der die Zahl der
Todesfälle an sehr heißen Tagen im Schnitt um 2,52 senkte. Aber da die
Hitzewellen an Intensität zunehmen, sind vermutlich bald Anpassungen
erforderlich
. <https://ehp.niehs.nih.gov/EHP203/>


Francine Nadler vom Benedict-Labre-Haus meint, den meisten Leute würden die
verheerenden Auswirkungen der globalen Erwärmung erst jetzt langsam bewusst:
"Die Städte müssen neu überdenken, was sie für alle Bürger tun können -
von den sehr Wohlhabenden bis zu den am stärksten Gefährdeten."


Von Amy Fleming unter Mitarbeit von Ruth Michaelson und Adham Youssef in Kairo,
Oliver Holmes in Jerusalem, Carmela Fonbuena in Manila und Holly Robertson in
Phnom Penh

Übersetzung: Carola Torti

16.08.2018


Quelle:
https://www.freitag.de/autoren/the-guard...te-ungleichheit
<https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-naechste-ungleichheit>

Anmerkung:
Und vermutlich schaffen nur die Migranten (hier seien mal die Flüchtenden ausgenommen,deren Fluchtursache "nur" der Wunsch nach besseren ökonomischen Lebensbedingungen ist) die Flucht vor dem Klima, die sich irgendwie Schlepper leisten können, die anderen leiden und sterben.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 18.08.2018 07:59 | nach oben springen

#7

Luftreinhaltung in NRW- eine Bankrotterklärung

in Aus der Welt der Wissenschaft 21.08.2018 23:19
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Luftreinhaltung in NRW- eine Bankrotterklärung?

Düsseldorfs Regierungspräsidentin Radermacher: "Wir sind zum Ergebnis
gekommen, dass Fahrverbote nicht erforderlich sind"

In der Landeshauptstadt und in 26 Kommunen weiteren Kommunen in NRW wurden 2017
die geltenden Stickstoffdioxid-Grenzwerte überschritten. In einem neuen
Luftreinhalteplan für Düsseldorf ist kein Dieselfahrverbot vorgesehen.


In Arnim Laschets NRW-Hauptstadt Düsseldorf erklärt die zuständige
Regierungspräsidentin offen vor Kameras, dass sie nicht wisse, wie sie den
Urteilsspruch zur Luftreinhaltung konkret umsetzen könne.
Das Verwaltungsgericht
hatte vor fast zwei Jahren entschieden, dass der Luftreinhalteplan Maßnahmen
enthalten müsse das Reizgas Stickstoffdioxid in Düsseldorf zügiger zu
reduzieren als geplant.

Die Deutsche Umwelthilfe

https://www.heise.de/autos/artikel/Duess...en-4142646.html
beantragt nunmehr die Zwangsvollstreckung gegen das Land Nordrhein-Westfalen.


Anne Wills Auftraktsendung nach der Sommerpause brachte es deutlich
https://www.t-online.de/nachrichten/deut...n-marathon.html
ans Licht:

Die Rechtsanwältin Roda Verheyen vertritt derzeit weltweit Bürger gegen
Brüssel. Die EU tue mit ihrem 40-Prozent-Ziel der Reduktion von Emissionen bis
2030 nicht genug, um dem schädlichen Klimawandel entgegenzuwirken.


Die Kläger sehen sich dadurch und die damit einhergehenden Folgen des
Klimawandels in ihren Grundrechten, wie Leben, Berufsfreiheit oder Eigentum
verletzt. Sie leiten daraus eine Art Menschenrecht auf Klimaschutz ab und wollen
mit ihrer Initiative einen Wandel erreichen. Die Klage vor dem Europäischen
Gerichtshof ist zugelassen worden.

Die Münchner Rück
https://www.munichre.com/topics-online/d...ought-in-europe
, die Klimaschäden rückversichere, kalkuliere die Klimaschäden in Deutschland
bis 2050 auf 800 Milliarden Euro.
<https://www.munichre.com/topics-online/de/2018/07/heatwaves-and-drought-in-europe>


Das kommt davon, wenn man als SPD und CDU lieber lukrative (politische)
Hochzeiten mit der Auto- und Brauinkohleindustrie eingeht, als sich das
Gesundheitwohl der BürgerInnen und Bürger zu kümmern.

FS


SZ 21. August 2018

Klimaziele

In der Klimapolitik ist ein Aufbruchssignal nötig

Dieses Signal könnte die Anhebung der EU-Klimaziele sein. Die Bundesregierung
würde allerdings in eine blamable Zwickmühle geraten.

Kommentar von Michael Bauchmüller


Große Klimapolitik hatte Miguel Arias Cañete lange keiner zugetraut - bis zu
jenem Abend in Paris, im Dezember 2015. Da marschierte der EU-Klimakommissar mit
seiner "Koalition der Willigen" in den Verhandlungssaal ein. Der Kommissar
inmitten von Ministern aus Industrie- und Inselstaaten, Arm in Arm untergehakt:
Es war eines der wichtigen Symbole jener Konferenz, die später das Pariser
Klimaabkommen hervorbrachte. Und jetzt bereitet der Kommissar den nächsten
Schritt vor.

Er wolle, hat Cañete soeben angekündigt, den Staats- und Regierungschefs ein
neues Klimaziel für 2030 nahezulegen. Nicht mehr um 40 Prozent solle die EU bis
dahin ihre Treibhausgasemissionen reduzieren, sondern um 45 Prozent. Die
Argumente dafür haben die EU-Staaten kürzlich selbst geschaffen: Im Juni hoben
sie die gemeinsamen Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien und die
Energieeffizienz deutlich an. So soll der Anteil der Ökoenergien bis 2030 nicht
mehr 27, sondern 32 Prozent betragen. Und Energie soll nicht mehr um 27, sondern
um 32,5 Prozent effizienter genutzt werden. Beides wird helfen, das europäische
Klimaziel mehr als nur zu erfüllen. Was liegt da näher, als dieses Ziel auch
anzuheben?


Schon jetzt bleibt eine gigantische Lücke zwischen dem, was sich die Staaten an
Emissionen noch leisten können und dem, was sie tatsächlich ausstoßen. Das
Pariser Klimaabkommen hat noch gar nicht zu wirken begonnen, da durchlebt es
schon seine erste Krise.


Der einstige Musterschüler Deutschland, der sein eigenes Ziel gerade kleinlaut
kassiert hat, ist da nur ein besonders peinliches Beispiel. Und um den globalen
Temperaturanstieg auf 1,5 oder zwei Grad Celsius zu begrenzen, reichen die
bisherigen Ziele von Paris auch nicht. Es muss mehr geschehen, alle Staaten
wissen das.

Hebt Europa in dieser Zeit sein Fernziel an, dann hat das auch Folgen für
andere Klimawillige in aller Welt. Vor allem international wäre ein solches
Signal aus Brüssel und Europa wichtig. Bei der nächsten Klimakonferenz im
Dezember im polnischen Kattowitz wird es auch um die Frage gehen, ob die Staaten
sich noch viel mehr vornehmen müssen, um eine zerstörerische Erderhitzung
abzuwenden. Ein Aufbruchssignal tut not. Cañete hat das erkannt.


Die Bundesregierung könnte er allerdings in eine blamable Zwickmühle bringen.

Schon mit der jüngsten Verschärfung der EU-Energieziele hatte sich Berlin
schwer getan, ungeachtet der deutschen Energiewende.
Und Cañetes neuer Vorstoß
hätte ganz konkrete Folgen: etwa für den Kohleausstieg, den eine Kommission
gerade vorbereiten soll. Er lässt sich nun nicht mehr auf die lange Bank
schieben.

Oder auch bei der Festlegung neuer Auto-Grenzwerte, bei der in Deutschland
Umwelt- und Wirtschaftsministerium überkreuz liegen: Der Verkehr ist nach wie
vor die offene Flanke im Klimaschutz, hier tut sich gar nichts
.

Strengere Klimaziele brauchen strengere Verbrauchsvorgaben in der EU. Den
klimapolitischen Stillstand der vergangenen Monate, so viel ist klar, wird sich
diese Koalition nicht länger leisten können.

So schlägt mit Cañetes Vorstoß für die Deutschen die Stunde der Wahrheit.
Wenn sie es ernst meinen mit dem Klimaschutz, müssen sie ihn unterstützen. Und
wenn sie ganz nüchtern betrachten, wie sich das Klima ändert, dann sowieso.



Quelle:
https://www.sueddeutsche.de/politik/klim...oetig-1.4099121
<https://www.sueddeutsche.de/politik/klimaziele-in-der-klimapolitik-ist-ein-aufbruchssignal-noetig-1.4099121>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#8

Totes Wasser

in Aus der Welt der Wissenschaft 23.08.2018 22:14
von franzpeter | 9.167 Beiträge

der Freitag 22.08.2018

Totes Wasser

Dürre - Der Rekordsommer lässt die Fische sterben. Im Hambacher Forst weiß
man: Dieses Klima ist menschengemacht


Dorian Baganz

Der heiße Sommer hat die Binnengewässer bis zum kritischen Wert von 28 Grad
Celsius aufgeheizt und gefährdet ihre Biodiversität - Illustration: der
Freitag


An Land rauschen die Bäume. Wind peitscht das Wasser des Stausees auf, über
die Wellen rasen Segelboote.

Doch die heftigen Böen schaffen es nicht, den beißenden Gestank davonzutragen,
der einem hier in die Nase steigt. Es ist der Geruch von totem Fisch, dem man am
Aasee in Münster zurzeit nur schwer entkommen kann.

Regungslos treiben Kadaver auf dem Wasser. Der Wind treibt sie gen Ufer, wo ein
Mann mit seinem Handy Fotos von den vielen toten Tieren schießt, während das
Technische Hilfswerk (THW) zusammen mit freiwilligen Helfern der Münsteraner
Angelvereine daran arbeitet, die Tiere in große Stahlcontainer zu verfrachten
und anschließend abzutransportieren. Arbeiter mit vollen Schubkarren,
Journalisten und Schaulustige spazieren gemeinsam den Rundweg entlang, der einmal
um den Aasee führt. Vier Tonnen toter Fisch wurden hier alleine in den
vergangenen zwei Tagen aus dem Wasser gezogen. Insgesamt wurden 22 Tonnen
geborgen.

Till Seume steht am Rand des Sees und beobachtet, wie Männer vom Tiefbauamt mit
Keschern die Tierkadaver einsammeln. "Das sind Brassen, Güstern und Karpfen.
Also Fischarten, die eigentlich mit wenig Sauerstoff zurechtkommen", sagt der
Fischwirtschaftsmeister.

Der 27-Jährige arbeitet beim Landesfischereiverband Westfalen-Lippe und kümmert
sich dort vor allem um die Gewässerbewirtschaftung. Es ist sein Traumberuf.
Schon als Kind ist er oft mit seinem Vater angeln gegangen, erinnert er sich.

Heute kämpft er ums Überleben der Fische in Zeiten von Klimawandel und langen
Hitzeperioden. Auf sein Drängen hin schaffte der Fischereiverband
"Notfallanhänger" an: Sie können gemietet werden und sind mit den richtigen
Instrumentarien ausgestattet, um überhitzte Gewässer aufzuwirbeln und so mit
neuem Sauerstoff zu versorgen. Das rettet die Fische zumeist aus der akuten
Gefahr. Eine Methode, die im 40 Hektar großen Aasee jedoch nicht funktioniert.



Der erste Regen spült Gift an

Der wenige Regen der letzten Tage hat die Situation hier noch verschlimmert.
"Jeder kennt es: Wenn es nach langen Wärmeperioden endlich mal wieder regnet,
ist das Wasser oft schaumig." Organische Stoffe, die sich in den trockenen
Wochen auf der Straße angesammelt haben, werden dann beim nächsten
Niederschlag in den See gespült.

Straßenabrieb und Blütenstaub gelangten auf diesem Wege in den Aasee und
entzogen ihm Sauerstoff. Das hat die Lage zusätzlich dramatisiert, es gibt nun
fast kein Leben mehr im berühmtesten Gewässer Münsters.

Herr Seume zeigt auf ein regungsloses Lebewesen. "Schauen Sie, da treibt ein
toter Hecht. Der ist sehr anfällig gegenüber Sauerstoffmangel. Genauso wie der
Barsch da vorne, der mit den roten Flossen." Außerdem seien Zander sehr
vulnerabel. "Diese Arten haben unter solchen Bedingungen natürlich keine
Chance", sagt Seume. "Was wir brauchen, ist lange anhaltender Regen."

Doch den gab es bis jetzt nicht. Der Sommer 2018 in Europa ist durch Dürre,
Hitzewellen und überdurchschnittlich viele Sonnenstunden gekennzeichnet.

Waldbrände, Ernteausfälle, abgeschaltete oder gedrosselte Kraftwerke und eine
teilweise eingestellte Binnenschifffahrt sind Begleiterscheinungen dieser
Wetteranomalien. Der Begriff "Jahrhundertsommer" macht seit einiger Zeit die
Runde. Alleine der deutschen Landwirtschaft könnten Schäden in Höhe von über
einer Milliarde Euro entstanden sein. Und auch die Ökologie unserer Flüsse,
Teiche und Seen wandelt sich.

"Grade in den stehenden Gewässern wurde die Situation für viele Fischarten
prekär", sagt der Diplombiologe Thilo Maack. Er ist Experte für
Fischereipolitik bei Greenpeace und hat sich in den letzten Wochen wieder
eingehend mit diesem Thema befasst. "Neben den sinkenden Wasserständen sind vor
allen Dingen die hohen Temperaturen und der sinkende Sauerstoff ein Problem",
erklärt der Umweltschützer.


Vielerorts in der Bundesrepublik kam es bereits zu einem massiven Fischsterben,
so beispielsweise in Hamburg, in Leer, der Grafschaft Bentheim und Stuttgart.

"Durch den Klimawandel kommt es auch vermehrt zu Algenblüten", so der
Meeresbiologe weiter. "Durch deren Sterben oder biologischen Abbau wird wieder
Sauerstoff verbraucht und es kommt zur Entwicklung sogenannter anoxischer
Bereiche, also toter Zonen im Wasser."


Nun treiben auch in Münster die Fische leblos auf der Wasseroberfläche. Der
heiße Sommer hat die Binnengewässer bis zum kritischen Wert von 28 Grad
Celsius aufgeheizt und gefährdet somit ihre Biodiversität.

"Sollten wir zukünftig öfter solche Sommer erleben, wird die Vielfalt in der
Fischfauna zurückgehen, prophezeit auch Till Seume. Es sei mit einer
Artenverschiebung hin zu wärmeliebenden Tieren zu rechnen. Karpfen kämen mit
den höheren Temperaturen gut zurecht. "Aber Forellen beispielsweise brauchen
kältere Gewässer. Wenn sich das so fortsetzt, könnten sie in einigen
Fließgewässern komplett aussterben", sagt er.

Eine halbe Stunde von Münster entfernt liegt der Saalmann-See. Auf dem Weg
dorthin fahren wir an vertrockneten Wiesen und Maisfeldern vorbei, eine fast
schon mediterrane Atmosphäre. Wir parken neben einer matschigen Pfütze - einer
Pfütze, die noch vor Kurzem ein zwei Meter tiefer See gewesen ist, ein
Tummelplatz für Karpfen, Brassen, Schleien und zahlreiche andere Lebewesen.
Jetzt zappeln ein paar winzige Fische in den wenigen Zentimetern Wasser, die noch
da sind.

Auch diese Pfütze wird bald versickern, glaubt der Fischwirtschaftsmeister.
"Dann werden auch die kleinen Fische da verenden."

Er erinnert an eine große Rettungsaktion, die vor zwei Wochen stattgefunden hat.
Dabei wurden die hier lebenden Fische mittels Netzen und Keschern
zusammengetrieben. Er zeigt auf eine kleine, längst vertrocknete Bucht: "Da hat
man die Fische abgefischt und dann mithilfe von Fischtransportbehältern in ein
kühleres Gewässer gebracht."

Ohne die Hilfe der Angelvereine, die sich hier zu gegebener Zeit wieder um die
Besetzung des Sees mit neuen Tieren kümmern werden, dauere es nach einer
solchen "ökologischen Katastrophe" mindestens fünf Jahre. Erst dann könne man
den Fischbestand in seiner Artenvielfalt, wie man ihn hier noch vor vier Wochen
vorfinden konnte, wieder erreichen.


Wenn das Sperma kein Ei findet

"Sehen Sie die Muschel da vorne?" Herr Seume springt mit seinen Gummistiefeln in
den Matsch, um die vertrockneten Überreste eines Weichtieres aus dem
ausgetrockneten Gewässerbett zu holen. "Das ist eine Teichmuschel.
Beziehungsweise ihre kläglichen Überreste", sagt er und ergänzt: "Es gibt
Fischarten, die benötigen diese Muscheln, um sich überhaupt fortpflanzen zu
können. Der Bitterling zum Beispiel."

Die Weibchen dieser geschützten Karpfenfischart setzen ihre Eier in die Kiemen
der Teichmuscheln, die dann das Sperma der Männchen aus dem Wasser einsaugen.
Auf diese Weise findet die Befruchtung statt. In den letzten Tagen haben Angler
die noch lebenden Muscheln in die Restwassermengen geworfen, doch jetzt könnte
auch diese kleine Lache bald verschwunden sein. Es ist nur ein Beispiel dafür,
wie komplex das Ökosystem ist. Und wie bedroht.

"Der Sommer 2018 war nur ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren
auf uns zukommt", sagt Thilo Maack von Greenpeace. Noch nie war die Ostsee so
warm wie derzeit, das hat Auswirkungen auf ihre Wasserqualität. Die hohen
Temperaturen sind Katalysatoren für Algen und verwandeln das Meer in einen für
Fische feindlichen Lebensraum.

Und auch in unseren Süßgewässern, vor allen Dingen in Seen und Teichen, wird
es in den nächsten Jahren zu Fischsterben und Algenblüten kommen, ist sich der
Meeresbiologe sicher. "Der einzige Weg ist ein schrittweiser Ausstieg aus der
Verbrennung fossiler Energieträger wie Öl, Gas und vor allen Dingen Kohle.
Dabei müssen die besonders schmutzigen und ineffizienten Braunkohlekraftwerke
als Erstes abgeschaltet werden. Bis 2030 muss Deutschland aus der Kohle raus
sein!"


Der größte Kohletagebau Deutschlands befindet sich in Hambach.

Im Falle eines Kohleausstiegs könnte hier doch eine wunderschöne Seenplatte
entstehen, ein neues Zuhause für verschiedenste Fischarten?

Till Seume winkt ab. "Tagebauseen weisen oftmals sehr niedrige pH-Werte auf.
Dieser Umstand kann Jahrzehnte anhalten und nur über regelmäßige Kalkgaben ins
Wasser geregelt werden."

Es sei nicht auszuschließen, dass in diesem Fall der vollgelaufene Tagebau
Hambach zu einem "toten Gewässer" würde.


Kaffee aus der Mülltonne

Noch ist der Tagebau jedoch in Betrieb, der Energiekonzern RWE rodet den
Hambacher Forst für die Kohlegrube immer weiter ab.

Mit dem Klimaaktivisten Momo stehe ich am äußeren Ende des Forsts, rechts ein
Wachturm des Sicherheitsdienstes von RWE. "Hier solltest du lieber stehen
bleiben", rät er mir. Schließlich sind Tagebau und Wald im Besitz des
börsennotierten Konzerns - und wir hier eigentlich unerwünscht.

Hinter uns liegt der kleine Waldstreifen, der vom Hambacher Forst übrig
geblieben ist. Der 21-Jährige lässt seinen Blick über den 80 Quadratkilometer
großen Bergbau mit den vielen Schaufelbaggern schweifen.

Ursprünglich kommt er aus München, hat da für verschiedene
Flüchtlingshilfe-Netzwerke gearbeitet. Sein Plan war es mal, zehn Tage im
Hambacher Forst zu bleiben und dann weiterzuziehen. Nun lebt er bereits seit
eineinhalb Jahren im Forst und kämpft gemeinsam mit vielen anderen gegen den
übermächtigen Stromerzeuger, der hier seit 1984 Braunkohle fördert.

Wir machen uns auf den Weg nach "Gallien", einem von mehreren Aktivistencamps im
Wald.
Momo stapft mit seinem schweren Schuhwerk durch das Gehölz. Im Camp
angekommen, klettern wir nacheinander an einer langen Leiter in den "Tower", wie
sie hier ein Baumhaus hoch oben in den Baumkronen nennen, das Treffpunkt, Café
und Bibliothek in einem ist. Das Holz unter uns knarrt bei jeder Bewegung. In der
Ecke steht ein Ofen, ein Bücherregal ist an der Wand angebracht.

Ein Mädchen sitzt auf einer Couch und erklärt mir, dass sich ihre Mutter
manchmal um sie sorge. Doch hier ginge es nun einmal um etwas.

"Viele leiden unter dem Klimawandel. Und hier ist eine seiner Wurzeln"
, sagt sie.
Momo setzt Kaffee auf, der zuvor bereits einmal im Müll gelandet war. "Wir gehen
ja alle keiner Lohnarbeit nach. Wir kriegen unsere Lebensmittel aus den
Überschussproduktionen verschiedener Firmen", sagt der Demonstrant, dessen
Frisur so aussieht, als sei er lange nicht mehr beim Friseur gewesen. Der Kaffee
schmeckt herrlich - ebenso wie das Gemüse noch frisch aussieht, das vor uns in
einer Kiste auf dem Boden steht. Nachher wollen sie es unter den Aktivisten
verteilen.

Hier, wo "Energiekonzerne entmachten!"-Banner an den Wänden hängen, will man
mit gutem Beispiel vorangehen. Das bisschen Strom, das man benötigt, wird von
einer Solaranlage auf dem Dach eines der zahlreichen Baumhäuser geliefert.

Sie wollen den verbliebenen Hambacher Forst erhalten, klar. Aber es geht ihnen um
mehr: "Dadurch, dass wir gegen den Braunkohleabbau demonstrieren, demonstrieren
wir auch gegen den Klimawandel", sagt Momo.


"Da drüben ist ein gigantisch großes Loch. Es ist Europas größte
CO2-Quelle." Ab Oktober will RWE hier wieder roden, um den schmutzigsten
Brennstoff der Welt abzubauen: Braunkohle. Die ist für rund ein Fünftel der
deutschen CO2-Emissionen verantwortlich
. Die Aktivisten im Wald wollen dagegen
kämpfen. Die Fische werden es ihnen danken.



Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/totes-wasser
<https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/totes-wasser>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#9

Kohlekommission unter Druck

in Aus der Welt der Wissenschaft 23.08.2018 22:20
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Mit dem ersten Baum, der im Hambacher Forst fällt, ist die Kohlekommission
gescheitert

Die Auseinandersetzung um den Hambacher Forst zeigt, wie falsch und feige die
Einrichtung dieser Kommission an sich war.

Hier haben die politisch Verantwortlichen versucht, sich einen schlanken Fuß zu
machen, und unter dem Mäntelchen der gesellschaftlichen Beteiligung die
Verantwortung über die wichtige Frage des Klimaschutzes und des
sozialverträglichen Kohleausstiegs auf ein jenseits aller Verfassungsorgane
stehendes Gremium abgeschoben.

Die Verantwortung für Klimaschutz und damit auch für den unumgänglichen
Ausstieg aus der Braunkohleförderung und der Kohleverstromung in Deutschland
liegt bei der Politik, bei der Bundesregierung und den Landesregierungen.


Spätestens nach Unterzeichnung des Pariser Klimaschutzabkommens wäre es die
Pflicht von Bund und Ländern gewesen, daraus die Konsequenzen zu ziehen und
einen Plan für einen zügigen, sozial verträglichen Kohleausstieg zu erstellen.

Diesen Mut hatte man nicht.



WDR5 23.08.2018

Kohlekommission unter Druck

Die Tagung der Kohlekommission wird vom Vorgehen in den rheinischen Tagebauen
belastet, insbesondere von der geplanten Rodung des Hambacher Forstes. Scheitert
die Kohlekommission an einem kleinen Stück Wald im Rheinland?

Ein Kommentar von Jürgen Döschner

Rodungen im Hambacher Forst

Audio:
https://wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/po...rdruck_wdr5.mp3
<https://wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/podcast/weltweit/fsk0/171/1718881/wdr5morgenechokommentar_2018-08-23_kohlekommissionunterdruck_wdr5.mp3>


Der Konflikt scheint unausweichlich: Ab 1. Oktober 2018 darf im Hambacher Forst
wieder gerodet werden. Gerüchte über entsprechende Vorbereitungen bei der
Polizei und dem Tagebaubetreiber RWE machen bereits die Runde. Kettensägen,
Bulldozer und Wasserwerfer stehen schon in den Startlöchern.


Klimaschützer haben bereits bundesweit zu Gegenaktionen aufgerufen. Es dürfte
eine harte Auseinandersetzung geben, wenn die Baumhäuser der Umweltaktivisten
geräumt und das letzte Stück des einst 12.000 Hektar großen Waldes gerodet
wird.


Kaum vorstellbar, dass die Vertreter von Greenpeace oder BUND, von lokalen
Bürgerinitiativen und Umweltverbänden in einer solchen Gemengelage ruhig am
Konferenztisch sitzen bleiben. Mit dem ersten Baum, der im Hambacher Forst
fällt, ist die Kohlekommission gescheitert.


Um das zu vermeiden, haben Umweltverbände schon mehrfach ein Moratorium
gefordert:
Bis die Kommission im Dezember 2018 ihre Arbeit beendet hat, soll es
keine Ausweitung bestehender Braunkohle-Tagbebaue und keinen Neubau von
Kohlekraftwerken geben.

Dies zeugt auch von einer gewissen Logik. Denn sollte das Gremium einen zügigen
Kohleausstieg beschließen, könnten nicht nur die Bäume im Hambacher Forst,
sondern auch zahlreiche von Umsiedlung bedrohte Dörfer in der Region verschont
bleiben.

Das hat das DIW erst jüngst in einer Studie dargelegt. Und sind die Bäume erst
einmal gefällt und die Dörfer zerstört, sind die so geschaffenen Fakten
unumkehrbar. Aber genau darauf zielt die Haltung des Tagebaubetreibers RWE
offenbar ab
.
Aus ihrer Sicht ist die umgehende Rodung des kleinen Waldstücks
unverzichtbar. Alles andere würde den Betrieb des Tagebaus Hambach und einiger
Kraftwerke gefährden.

Nun müsste die Kohlekommission, kaum dass sie ihre Arbeit aufgenommen hat, zu
diesem grundsätzlichen Thema eine Entscheidung treffen.

Die Frage ist, ob sie dazu willens und in der Lage ist. Denn wie auch immer diese
Entscheidung aussähe, sie wäre ein Präjudiz, eine Vorentscheidung über das
große Thema Kohleausstieg - zumindest würde sie so wahrgenommen. Ein Vertagen
kommt aber auch nicht in Frage, da RWE ab dem 1. Oktober 2018 mit den Rodungen
beginnen will.

Aus diesem Dilemma wird die Kohlekommission kaum allein heraus kommen. Die
Auseinandersetzung um den Hambacher Forst zeigt, wie falsch und feige die
Einrichtung dieser Kommission an sich war.
Hier haben die politisch
Verantwortlichen versucht, sich einen schlanken Fuß zu machen, und unter dem
Mäntelchen der gesellschaftlichen Beteiligung die Verantwortung über die
wichtige Frage des Klimaschutzes und des sozialverträglichen Kohleausstiegs auf
ein jenseits aller Verfassungsorgane stehendes Gremium abgeschoben.

Nein, die Verantwortung für Klimaschutz und damit auch für den unumgänglichen
Ausstieg aus der Braunkohleförderung und der Kohleverstromung in Deutschland
liegt bei der Politik, bei der Bundesregierung und den Landesregierungen.

Spätestens nach Unterzeichnung des Pariser Klimaschutzabkommens wäre es die
Pflicht von Bund und Ländern gewesen, daraus die Konsequenzen zu ziehen und
einen Plan für einen zügigen, sozial verträglichen Kohleausstieg zu
erstellen.

Diesen Mut hatte man nicht. Aber wenigstens sollte man nun den Mut haben, den
akuten Konflikt im Hambacher Forst zu entschärfen und einen Rodungsstopp bis
Ende des Jahres zu beschließen.


Quelle:
https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen...-forst-148.html
<https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/morgenecho/kommentare/hambacher-forst-148.html>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#10

Gaudi statt Klimakatastrophe

in Aus der Welt der Wissenschaft 30.08.2018 19:40
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Selbstverbrennung
<https://www.randomhouse.de/Buch/Selbstverbrennung/Hans-Joachim-Schellnhuber/C-Bertelsmann/e481489.rhd>


Zu den tristen Zahlen passt die Einschätzung der UN-Klimachefin Patricia
Espinosa. Sie moniert, dass die bisher gemeldeten Zielvorgaben vieler Staaten
zur Reduzierung der Klimagase längst nicht reichen, um das 2015 in Paris von
195 Ländern vereinbarte 2-Grad-Ziel noch zu schaffen. Selbst die Deutschen
verpassen ihr Ziel, bis 2020 den Ausstoß der Treibhausgase um 40 Prozent zu
senken.


Immerhin hat es das Klima diesen Sommer in die Talkshows geschafft: Die Bauern
als Hitzeopfer und -täter bei Anne Will. Den wichtigsten Satz sagte
Klimaprofessor Hans Joachim Schellnhuber: "Wie will die Landwirtschaft
eigentlich durch dieses Jahrhundert kommen?"

Eine Ecke weiter gedacht: Wie wollen wir alle eigentlich durch dieses Jahrhundert
kommen?

Systemische Risiken wie die Erdüberhitzung würden permanent unterschätzt,
weil sie "schleichender Natur" und extrem komplex seien. Der Mensch nehme
plötzlich auftretende Katastrophen viel intensiver wahr. Dagegen seien "unsere
intuitiv-kausalen Denkformen nicht auf die Analyse komplexer
Ursache-Wirkungs-Ketten ausgerichtet".




taz 30.08.2018

Überhitzung der Erde

Gaudi statt Klimakatastrophe

Bis auf ein paar verrückte Eichhörnchen betrifft die Hitzewelle kaum jemanden.
Dabei belegt der Sommer, wovor Forscher lange warnten.


Manfred Kriener

Rimini? Bibione? Von wegen! Der Timmendorfer Strand an der Ostsee Foto: dpa

BERLIN taz | Der Sommer war groß, heiß und trocken. Bernburg an der Saale
meldete 39,5 Grad, Frankfurt am Main hatte schon Ende Juli 24 Tage mit mehr als
30 Grad gezählt. Für die Monate April bis Juli ermittelte der Deutsche
Wetterdienst „eine Temperaturanomalie von plus 3,6 Grad mehr als im
Vergleichszeitraum 1961 bis 1990. Es war die "höchste Anomalie seit 1881". Wie
eine Glucke hatte sich die Hitze über weite Teile Europas gesetzt und sie jeden
Tag aufs Neue bebrütet.

Deutschland lag mehrere Wochen lang im Wärmekoma, mit nassgeschwitzten
Bettlaken und vertrockneten Feldern vor der Tür. Viele Grünflächen wirkten
wie afrikanisches Steppenland. Fehlte nur noch die Antilopenherde. Selbst die
notorisch gut gelaunten Wetterfeen verzichteten bei den Vorhersagen auf die
Floskel vom "anhaltend freundlichen Sommerwetter". Und kein Wort mehr vom
"Regenrisiko".

In Schweden, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg brannten die Wälder. Finnland
und Norwegen erlebten den heißesten Sommer ihrer Geschichte. Selbst nördlich
des Polarkreises kletterte das Thermometer auf 34 Grad. Temperatur- und
Trockenheitsrekorde wurden auch aus vielen Teilen Großbritanniens, der Schweiz
oder Frankreichs gemeldet.

Außerhalb Europas registrierte Quriyat, eine an der Nordostküste Omans
gelegene Stadt, eine "24-stündige Minimumtemperatur" von 42,6 Grad, so die
Hitzebilanz des Frankfurter Wetterdiensts. 24 Stunden lang war es nie "kälter"
als 42 Grad.

Eine ähnliche Rund-um-die-Uhr-Hitze ist zuvor noch nie auf diesem Planeten
gemessen worden.
Außergewöhnlich heiß war es auch im Norden Sibiriens, in
Südkorea mit neuem Allzeithoch, in Kanada, Algerien oder Kalifornien.

Saharasommer, Jahrhundertdürre, Katastrophenängste, Milliardenverluste in der
Landwirtschaft - immerhin prima Steilvorlagen für die Klimapolitik in
Deutschland und anderswo. Oder etwa nicht?



Nur leise Zwischenrufe

Leider nein.

Bis auf einige schüchterne Zwischenrufe der Grünen regte sich in der
politischen Diskussion der vergangenen Monate nicht mal ein laues Lüftchen.

Kontrovers wurde es höchstens bei der Frage, ob die Nothilfeforderungen
wehklagender Bauern angesichts der womöglich schlechteste Ernte des
Jahrhunderts gerechtfertigt seien.
In den Landwirtschaftsministerien hatten bis
Mitte August acht Bundesländer die Schäden auf happige 3,3 Milliarden Euro
addiert.

Dennoch beherrschten vor allem die Debatten über Migration, über sexuelle
Übergriffe gegenüber Frauen sowie die Handelskriege von US-Präsident Trump
den politischen Sommer.


Die Hitze sorgte vor allem "im Vermischten" für Schlagzeilen. Klima katastrophal
- Eis- und Sonnencreme-Absatz blendend. Die Ulmer Firma E-Cooline verkaufte über
100.000 Hightech-Kühlwesten, es wurden deutlich mehr Dürreversicherungen
abgeschlossen. Und die deutsche Weinernte, normal im Herbst fällig, begann
Anfang August.

Während an ausgetrockneten Flüssen tote Fische wie Müll eingesammelt wurden
und die Atommeiler ihre Leistung drosselten, warnten Mediziner vor unbekannten
tropischen Zecken. Und in den Parks riefen irritierte Bürger nach der Polizei.
Sie waren von aggressiven Eichhörnchen attackiert worden. Die dehydrierten
Tiere waren verrückt vor Durst.

Die Deutschen brachten pflichtbewusst die Gießkanne in Stellung, wässerten
Bäume und verstepptes Straßenbegleitgrün. Der Aachener Psychoanalytiker Micha
Hilgers sieht die Menschen trotz gelegentlicher Kreislaufschwäche aber noch
immer überwiegend im Fun-Modus: Baden, Biergarten und endlich wieder ein
richtiger Sommer, diese Haltung sei weit verbreitet.


Spende für Sauerstoffinjektion

Im Raum Aachen konnten die Bürger Geld spenden, damit ausgezehrte Gewässer von
der Feuerwehr eine Sauerstoffinjektion bekamen. Ein, zwei Euro und schon schoss
unter allgemeinem Jubel eine Fontäne hoch. Gaudi statt Klimakatastrophe.


Das Klimathema, analysiert Hilgers, "baut Spannungen auf, die Menschen fühlen
sich dann unbehaglich, deshalb mag man nicht lange darüber nachdenken". Viele
seien davon überzeugt, dass die heftigsten Folgen der Erdüberhitzung erst in
vielleicht 50 Jahren auftreten, "das geht sie dann sowieso nichts mehr an".


Doch der Klimawandel ist da, schon jetzt.

Der neueste planetare Check ist 270 Seiten dick; er kommt von der Amerikanischen
Meteorologen-Gesellschaft AMS und heißt "State of the climate in 2017
<https://www.ncdc.noaa.gov/bams> ". Vor wenigen Tagen
veröffentlicht, belegt er mit einer Reihe brisanter Daten die zunehmend fragile
Verfassung des Erdsystems. Die neuen Klimafakten sind hart, nicht nur
Katastrophenroutine.

- Die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre hat danach mit 405 ppm
(parts per million) den höchsten Stand seit 800.000 Jahren erreicht.
Die
Zunahme um 2,2 ppm gegenüber dem Vorjahr signalisiert den weiter ungebremsten
Anstieg. Vor Beginn der Industrialisierung wurden 290 ppm gemessen.

- Der Meeresspiegel liegt jetzt zudem 7,7 Zentimeter höher als vor 25 Jahren.
Damals, 1993, hatten die Satellitenmessungen begonnen. Pro Dekade steigt das Meer
um 3,1 Zentimeter. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts um 20 Zentimeter.

- Die letzten vier Jahre waren mit Abstand die wärmsten seit Beginn der
regulären Temperaturmessungen am Ende des 19. Jahrhunderts.

- Die Zahl der weltweiten Hitzetage hat sich laut AMS stark erhöht. In den
1950er und 1960er Jahren schwankten sie zwischen 35 und 40 Tagen im Jahr. Seit
2010 werden jedes Jahr mehr als 60 Hitzetage registriert.


- An den Polen lassen die hohen Temperaturen das Eis immer schneller schmelzen.
Die antarktischen Eismassen verzeichneten 2017 vier Monate lang einen neuen
Negativrekord. Am Rande des Nordpolarmeers, in der Tschuktschen-See, wurde im
August 2017 eine Wassertemperatur von elf Grad gemessen. Der Wert könnte dieses
Jahr noch getoppt werden.

- In vielen Ländern überschreiten die Temperaturen jedes Normalmaß. Mexiko
hat 2017 das vierte Jahr in Folge seine Temperaturrekorde gebrochen. Pakistan
wurde am 28. Mai in Turbat von 53,5 Grad Hitze heimgesucht, eine Temperatur, die
jede menschliche Aktivität zum Erliegen bringt.


Dramatischer Anstieg bei den Fluggastzahlen

Während die Sonne glüht und die Meteorologen staunen, kommen die Verkehrs-,
Agrar- und Energiewende nur wenig voran - oder verzeichnen sogar Rückschritte.


Weltweit boomen Solar- und Windkraft, doch gleichzeitig werden in China wieder
neue Kohlekraftwerke gebaut, um die stärker wachsende Energienachfrage zu
befriedigen. Im Verkehrssektor hat das Elektroauto in China, den USA und in
Norwegen zwar stark zugelegt, doch weltweit dominieren mit einem Anteil von 98
Prozent weiter fossile Antriebe. Dramatisch sind die Zahlen beim Flugverkehr.
Ausgerechnet das fürs Klima gefährlichste Verkehrsmittel legt kräftig zu.
Allein in China wächst die Zahl der Fluggäste derzeit jährlich um sechs
Prozent.

Zu den tristen Zahlen passt die Einschätzung der UN-Klimachefin Patricia
Espinosa. Sie moniert, dass die bisher gemeldeten Zielvorgaben vieler Staaten
zur Reduzierung der Klimagase längst nicht reichen, um das 2015 in Paris von
195 Ländern vereinbarte 2-Grad-Ziel noch zu schaffen. Selbst die Deutschen
verpassen ihr Ziel, bis 2020 den Ausstoß der Treibhausgase um 40 Prozent zu
senken.

Und ja, es gibt sie doch, die gute Nachricht: Die fehlenden acht Prozentpunkte
wären leicht zu erreichen, wie aktuelle Hochrechnungen zeigen. Würden
Braunkohlekraftwerke in ähnlichem Umfang abgeschaltet wie während der
Jamaika-Verhandlungen von Schwarz-Grün-Gelb bereits vereinbart, wäre
Deutschland ruck, zuck am Ziel - und neuer Klima-Musterknabe.


Kimawandel wird erlebbar

Auch der Analytiker Hilgers hat noch eine positive Nachricht parat. Der
Hitzesommer, sagt er, habe den Klimawandel zumindest imaginierbar gemacht: "Man
erlebt ihn und hat eine Vorstellung, was noch auf uns zukommt."
Angstreaktionen
hat er bei seinen Gesprächen indes nirgends festgestellt.

Das deckt sich mit dem Befund des Techniksoziologen Ortwin Renn. Der
Wissenschaftler hat ein "Risikoparadox" entdeckt und geht der Frage nach, warum
wir uns immer "vor dem Falschen fürchten".

Seine Antwort: Systemische Risiken wie die Erdüberhitzung würden permanent
unterschätzt, weil sie "schleichender Natur" und extrem komplex seien. Der
Mensch nehme plötzlich auftretende Katastrophen viel intensiver wahr. Dagegen
seien "unsere intuitiv-kausalen Denkformen nicht auf die Analyse komplexer
Ursache-Wirkungs-Ketten ausgerichtet".

Immerhin hat es das Klima diesen Sommer in die Talkshows geschafft. Die Bauern
als Hitzeopfer und -täter bei Anne Will. Den wichtigsten Satz sagte
Klimaprofessor Hans Joachim Schellnhuber: „Wie will die Landwirtschaft
eigentlich durch dieses Jahrhundert kommen? Eine Ecke weiter gedacht: Wie wollen
wir alle eigentlich durch dieses Jahrhundert kommen?



Quelle: http://www.taz.de/Ueberhitzung-der-Erde/!5529251/
<http://www.taz.de/Ueberhitzung-der-Erde/%215529251/>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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#11

Ein politisches Ziel ersten Ranges

in Aus der Welt der Wissenschaft 09.09.2018 18:06
von franzpeter | 9.167 Beiträge

Ein politisches Ziel ersten Ranges

Mit einem ungewöhnlichen Schritt machen französische Wissenschaftler die
Weltgemeinschaft auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam.

In einem gemeinsamen Appell, der auf der Titelseite der Tageszeitung
"Libération"
http://www.liberation.fr/planete/2018/09...tion_1677178700
veröffentlicht wurde, fordern sie eindringlich von den Regierungen in aller
Welt ein schnelles Handeln, um die Erderwärmung einzudämmen.

Die Herausforderungen durch den Klimawandel könnten nur durch "sofortige
Veränderungen im Rahmen klarer und ehrgeiziger Ziele" bis zum Jahr 2030
bewältigt werden. Die Wissenschaftler betonen, der Kampf gegen die Erderwärmung
sei "ein politisches Ziel ersten Ranges".

Der Klimawandel sei voll im Gange und immer stärker spürbar, etwa durch
steigende Durchschnittstemperaturen, schmelzende Gletscher und Packeis, den
Anstieg des Meeresspiegels, die Zerstörung von Ökosystemen oder die
Versauerung der Ozeane.

"Reden reichen nicht aus, wie die jüngsten Zahlen der Treibhausgasemissionen
zeigen", kritisieren die Fachleute, zu denen außer Umweltexperten und Physikern
auch Ökonomen gehören. Der Gesamtwert der Verbrennung fossiler Stoffe wie
Kohle, Öl und Gas war 2017 im Vergleich zum Jahr davor in Europa um 1,8 Prozent
und in Frankreich um 3,2 Prozent gestiegen.

Für diesen Samstag sind weltweit
https://www.germanwatch.org/index.php/de/15834
<https://www.germanwatch.org/index.php/de/15834> in Thailand und
82 weiteren Ländern anlässlich des heutigen globalen Klima-Aktionstages "Rise
for Climate " Demonstrationen und andere Protestaktionen für einen deutlich
entschlosseneren Klimaschutz geplant.


In Bonn am 4.11.2018

Auch in Bonn ruft ein Aktionsbündnis
https://www.klima-kohle-demo.de/aufruf/ mit verschiedenen
Veranstaltungen die Bundesregierung zum raschen Handeln auf. Es verlangt unter
anderem ein sofortiges Braunkohle-Moratorium und ein Ende der Subventionen aller
fossilen Brennstoffe.

Netzwerk

Die Demonstration "Klima schützen - Kohle stoppen!" am 4. November in Bonn wird
von einem breiten Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen getragen und
von über 100 kleinen und großen Verbänden, Vereinen, Kirchen und Initiativen
sowie Parteien bundesweit, in der Region und weltweit unterstützt.


Trägerkreis:




Deutsche Welle 08.09.2018

Erderwärmung

Französische Wissenschaftler rufen SOS

Extreme Hitze in Europa, Japan, Nordafrika und den USA, Waldbrände, Eisschmelze
in der Antarktis: Zeugnisse der Klimakrise allein in diesem Jahr. 700
französische Experten schlagen Alarm - nicht nur sie sind beunruhigt.


Klimawandel - Der ausgetrocknete Poopo-See in Bolivien (Reuters/D. Mercado)

Mit einem ungewöhnlichen Schritt machen französische Wissenschaftler die
Weltgemeinschaft auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam. In einem
gemeinsamen Appell, der auf der Titelseite der Tageszeitung "Libération"
http://www.liberation.fr/planete/2018/09/08/je-vois-en-la-transition-ecologique-un-projet-de-civilisation_1677178700
veröffentlicht wurde, fordern sie eindringlich von den Regierungen in aller
Welt ein schnelles Handeln, um die Erderwärmung einzudämmen. Die
Herausforderungen durch den Klimawandel könnten nur durch "sofortige
Veränderungen im Rahmen klarer und ehrgeiziger Ziele" bis zum Jahr 2030
bewältigt werden.

Die Titelseite der französischen Libération mit dem Hilferuf der
Wissenschaftler

Nur ein Abkommen zu unterzeichnen ist zu wenig

Der Klimawandel sei voll im Gange und immer stärker spürbar, etwa durch
steigende Durchschnittstemperaturen, schmelzende Gletscher und Packeis, den
Anstieg des Meeresspiegels, die Zerstörung von Ökosystemen oder die
Versauerung der Ozeane.

"Reden reichen nicht aus, wie die jüngsten Zahlen der Treibhausgasemissionen
zeigen", kritisieren die Fachleute, zu denen außer Umweltexperten und Physikern
auch Ökonomen gehören. Der Gesamtwert der Verbrennung fossiler Stoffe wie
Kohle, Öl und Gas war 2017 im Vergleich zum Jahr davor in Europa um 1,8 Prozent
und in Frankreich um 3,2 Prozent gestiegen.

Die Wissenschaftler beklagen, dass der Kampf gegen die Erderwärmung viel zu
langsam vorankomme. Sie verweisen auf das Pariser Klima-Abkommen vom Dezember
2015, in dem ein globaler Aktionsplan beschlossen wurde, um den Anstieg der
weltweiten Durchschnittstemperatur auf deutlich unter zwei Grad Celsius
gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen. Doch ein Projekt dieser
Größenordnung werde nicht durch die Unterzeichnung einer Vereinbarung
realisiert, mahnen die Experten.


Infografik Karte Extreme Hitze DE

"Ziel ersten Ranges"

Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass "viele Lösungen zur Bekämpfung des
Klimawandels bereits verfügbar" seien.

Dazu zählten die Verwendung kohlenstofffreier Energie, eine bessere Isolierung
von Gebäuden, eine anders gestaltete Mobilität oder eine ökologische
Landwirtschaft. Die Wissenschaftler betonen, der Kampf gegen die Erderwärmung
sei "ein politisches Ziel ersten Ranges".


Hitzewelle Sommer 2018. Auch der Rhein zog sich in diesem Sommer zurück - hier
ein Foto vom 31. Juli bei Düsseldorf - (Reuters/W. Rattay)


"Rise For Climate"

In der thailändischen Hauptstadt Bangkok findet noch bis Sonntag die letzte
große internationale Verhandlungsrunde vor der nächsten UN-Klimakonferenz im
Dezember im polnischen Kattowitz statt.


Für diesen Samstag sind in Thailand und 82 weiteren Ländern anlässlich des
heutigen globalen Klima-Aktionstages "Rise for Climate" Demonstrationen und
andere Protestaktionen für einen deutlich entschlosseneren Klimaschutz geplant.

Auch in Berlin will ein Aktionsbündnis mit verschiedenen Veranstaltungen die
Bundesregierung zum raschen Handeln auffordern. Es verlangt unter anderem ein
sofortiges Braunkohle-Moratorium und ein Ende der Subventionen aller fossilen
Brennstoffe.


se/jj (afp, libération, bund)


Quelle:
https://www.dw.com/de/franz%C3%B6sische-...-sos/a-45407684
<https://www.dw.com/de/franz%C3%B6sische-wissenschaftler-rufen-sos/a-45407684>


Mit freundlichen Grüßen
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