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#1

Wie der Westen im Umgang mit dem Iran und Saudi-Arabien seine Glaubwürdigkeit verliert

in Aus der Welt der Wissenschaft 12.12.2018 17:20
von franzpeter | 9.809 Beiträge

Der Orient kommt nicht zur Ruhe

"Die USA wollen gemeinsam mit Israel und Saudi-Arabien den Regimewechsel im Iran
herbeiführen. Und es gibt hier eine militärische Option, die natürlich offen
nicht ausgesprochen wird. Und man möchte Saudi-Arabien mit im Boot haben für
einen möglichen Angriff auf den Iran.


Wo werden die Flüchtlinge hinströmen, wenn es dort kracht.

Sie werden nicht in Richtung USA aufbrechen, auch nicht in Richtung Israel, auch
nicht in Richtung Saudi-Arabien. Sie werden vor allem nach Europa gehen
und dann
haben wir erneut möglicherweise Millionen Flüchtlinge mit allen Folgen, die
sich daraus innenpolitisch ergeben", befürchtet Lüders.



ttt 09.12.2018 - Video:

"Armageddon im Orient":

Wie der Westen im Umgang mit dem Iran und Saudi-Arabien seine Glaubwürdigkeit
verliert

https://www.daserste.de/information/wiss...-video-100.html
Michael Lüders

Video:
https://www.daserste.de/information/wiss...-video-100.html
<https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/armageddon-im-orient-video-100.html>



Info-Box:

Michael Lüders: "Armageddon im Orient"

Verlag: C.H.Beck
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3406727917


Bericht: David Gern

Der Journalist Jamal Khashoggi betritt die saudische Botschaft in Istanbul und
kommt nie wieder raus. Der Regimekritiker: zerstückelt und in Säure zersetzt.
Den Auftrag zum Mord gab der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, sagt die
CIA. Trotz weltweiter Empörung wird er beim G20-Gipfel nicht nur von Putin
freundschaftlich begrüßt. Warum eigentlich?


Tatsächlich hat der Westen ein irritierendes Verhältnis zu Saudi-Arabien und
seinen absolutistischen Herrschern. Immer große Empörung und dann passiert
NICHTS. 2017 verkaufte Trump vor diesem Tanz Waffen im Wert von 350 Milliarden
Dollar an die Saudis.


"Reaktionäre Lesart des Islam"

Was hinter dieser seltsamen Freundschaft steckt, versucht Michael Lüders in
seinem aktuellen Buch zu erklären: "Die geschäftlichen Beziehungen zwischen den
USA und Saudi-Arabien sind sehr eng. Sie basieren auf der Gleichung: Waffen gegen
Öl. Und das seit dem Zweiten Weltkrieg. Deswegen lassen die USA und ihre
westlichen Verbündeten Saudi-Arabien gewähren - obwohl der wahhabitische
Staatsislam, der in Saudi-Arabien herrscht, eine äußerst rückständige, um
nicht zu sagen reaktionäre Lesart des Islam bedeutet, die Saudi-Arabien aufgrund
seines Erdöl-Reichtums noch in die entlegensten Gebiete der Welt exportiert.

Auch nach Deutschland in Form des Salafismus", so Lüders.


"Indirekte finanzielle Unterstützung der großen Terrororganisationen der
Vergangenheit"

Die Saudis finanzieren mit vielen Milliarden den dschihadistischen Islam,
überall in der Welt. Sowohl in islamischen Ländern als auch in Europa haben sie
zur Radikalisierung von Muslimen beigetragen:

"Die großen Terrororganisationen der Vergangenheit - allen voran Al-Kaida und
der Islamische Staat - tragen ganz eindeutig eine saudische, eine wahhabitische
Prägung.
Das bedeutet zum einem indirekte finanzielle Unterstützung. Vor allem
aber eine ideologische Inspiration, die von Saudi-Arabien ausgeht.
Eigentlich
müsste man, wenn man nicht interessengeleitet wäre, sagen: Saudi-Arabien ist
ein Land -zugespitzt gesagt - das man dringendst unter Quarantäne stellen
müsste"
, fordert Lüders.


Differenzierter Blick auf den Iran

Aber das tun wir nicht. Unsere Beziehungen zu Saudi-Arabien sind ohne den Blick
auf den Iran nicht zu verstehen.
Ein Land, das nach dem Sturz des Schahs zu
einem islamischen Gottesstaat wurde, in dem zwar Zensur und Religionswächter
herrschen, das aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft hat, große
Diversität, individuelle Freiräume, eine selbstbewusste Mittelschicht. Und es
ist diese Seite, die wir viel zu selten sehen
, sagt Michael Lüders:

"Egal, was wir vom iranischen Regime halten: Der Iran verfügt über eine lange
Kulturgeschichte. Über zweieinhalbtausend Jahre. Der Iran ist ein Land, in dem
es hochgebildete Menschen gibt, bestens ausgebildet, die eigentlich sehr stark
dem Westen zugewandt sind - gerade auch Deutschland zugewandt sind.
Das alles
kann man in Saudi-Arabien nicht beobachten."


Atomabkommen aufgekündigt

Drohungen in Richtung Israel, Pläne für eine Atombombe - auch das ist der Iran.
Was war es da für ein Fortschritt, als es nach jahrelangen Verhandlungen, 2015,
endlich zu einem Atomabkommen kam. Die iranische Bevölkerung freute sich auf
wirtschaftliche Entwicklung und Liberalisierung. Die ganze Welt atmete auf. Es
drohte Frieden.


Die Freude währte nicht lange: Im Mai 2018 kündigte Trump das Abkommen auf.
"Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien, die verantwortlich ist für die
Überwachung des Atomabkommens, hat zwischen Mitte 2015 und Mitte 2018 mehr als
zwölfmal im Iran recherchiert, hat die Atomanlagen inspiziert und immer wieder
festgestellt, dass sich der Iran an alle Auflagen hält.
Der Vorwurf der USA
lautete auch nicht, dass die Iraner das nicht tun würden. Sondern der Vorwurf
lautete, Teheran hätte gegen den Geist des Abkommens verstoßen. Was immer das
bedeuten mag", so Lüders.


"Iran soll kein Boomland werden"

Seit dem 4. November ist der Iran mit härteren Sanktionen als jemals zuvor
belegt. Das trifft vor allem die Zivilbevölkerung. Der eigentliche Grund für
die massiven Sanktionen seitens der USA liegen in der Unterstützung Assads und
der Hisbollah durch den Iran. Israel fühlt sich bedroht.


"Bei aller berechtigten Kritik am iranischen Regime: Selbst wenn Mutter Theresa
dort an der Macht wäre und die Politik des Irans bestimmen könnte - auch dann
würde der Iran im Visier stehen. Denn es ist ein riesengroßes Land, zweieinhalb
Mal so groß wie Deutschland. Es hat 82 Millionen Einwohner - wie Deutschland.
Und die Leute sind vielfach sehr gut ausgebildet. Wenn man dieses Land von allen
Boykottmaßnahmen befreit, dann würde der Iran innerhalb kürzester Zeit ein
Boomland sein mit einer immensen politischen und wirtschaftlichen Bedeutung.
Und
das wollen vor allem Israel und Saudi-Arabien in der Region nicht.", so Lüders.


"Die sekundären Sanktionen sind uneingeschränkt völkerrechtswidrig"

Deshalb die Sanktionen. Die Hoffnung der Bevölkerung auf Weiterentwicklung
zerstört, indem der ganzen Welt verboten wird, mit dem Iran Handel zu treiben.

"Eine deutsche Firma, die mit dem Iran Handel treibt und gleichzeitig mit den
USA, wird in den USA juristisch belangt
.
Diese sekundären Sanktionen, wie sie
heißen, sind uneingeschränkt völkerrechtswidrig. Ebenso wie der Boykott Irans
insgesamt, der Wirtschaftsboykott, völkerrechtswidrig ist. Die Iraner sprechen
von einer wirtschaftlichen Kriegsführung gegen ihr Land und diese Einschätzung
ist nicht falsch"
, sagt Lüders.


Neue Flüchtlingswelle?

So etwas kann nur eine Weltmacht durchsetzen. Die Europäer wollen am
Atomabkommen festhalten, sind aber machtlos, sobald die Unternehmen vor die Wahl
gestellt werden: Iran oder USA.
Die Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung in
der Region wird systematisch zerstört. Und Lüders Befürchtungen gehen sogar
noch weiter.

"Die USA wollen gemeinsam mit Israel und Saudi-Arabien den Regimewechsel im Iran
herbeiführen. Und es gibt hier eine militärische Option, die natürlich offen
nicht ausgesprochen wird. Und man möchte Saudi-Arabien mit im Boot haben für
einen möglichen Angriff auf den Iran
.

Ja, wo werden die Flüchtlinge hinströmen, wenn es dort kracht.

Sie werden nicht in Richtung USA aufbrechen, auch nicht in Richtung Israel, auch
nicht in Richtung Saudi-Arabien. Sie werden vor allem nach Europa gehen und dann
haben wir erneut möglicherweise Millionen Flüchtlinge mit allen Folgen, die
sich daraus innenpolitisch ergeben
", befürchtet Lüders.

Eine gerade zu dystopische Vorstellung. Vielleicht lernt Europa ja doch noch
eine eigene geopolitische Sicht auf die Welt zu gewinnen.


Quelle:
https://www.daserste.de/information/wiss...orient-102.html
<https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/armageddon-im-orient-102.html>

Anmerkung:

Zitat
Sie werden nicht in Richtung USA aufbrechen, auch nicht in Richtung Israel, auch
nicht in Richtung Saudi-Arabien. Sie werden vor allem nach Europa gehen



Das wird absehbar kaum zu verhindern sein, es sei denn man wählt diesen US-Gockel nicht mehr und auch nicht die republikanischen Falken.
Andererseits:

Zitat
"Egal, was wir vom iranischen Regime halten: Der Iran verfügt über eine lange
Kulturgeschichte. Über zweieinhalbtausend Jahre. Der Iran ist ein Land, in dem
es hochgebildete Menschen gibt, bestens ausgebildet, die eigentlich sehr stark
dem Westen zugewandt sind - gerade auch Deutschland
zugewandt sind.


Na, klagt Deutschland nicht über Mangel an gut ausgebildeten Migranten?
Also her mit den Iranern. Oder?


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
zuletzt bearbeitet 12.12.2018 17:21 | nach oben springen


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