GKR-Forum

a_6.jpg a_6.jpg

#1

Wie groß ist die Gefahr von Erdbeben in Deutschland?

in Aus der Welt der Wissenschaft 22.02.2016 11:19
von franzpeter | 8.075 Beiträge

Entdeckung im Rheinland: "Es muss hier ein schweres Beben gegeben haben"

Ein Interview von Axel Bojanowski


Gruselige Entdeckung: Schweres Erdbeben in Deutschland
Fotos

Christoph Grützner

Wie groß ist die Gefahr von Erdbeben in Deutschland? Größer als bislang vermutet, sagt Forscher Christoph Grützner - er hat eine beunruhigende Entdeckung gemacht.

Zur Person


privat
Christoph Grützner interessiert sich insbesondere für Starkbeben der Vergangenheit, mit denen sich das Erdbebenrisiko bestimmen lässt. Er arbeitet an der University of Cambridge in Großbritannien.
Blog von Christoph Grützner
SPIEGEL ONLINE: Herr Grützner, auf halbem Weg zwischen Aachen und Köln haben Sie und Ihre Kollegen Spuren eines starken Erdbebens entdeckt. Was genau haben Sie an der Rurrand-Störung, einer Nahtzone in der Erde, gefunden?


Christoph Grützner: Wir haben, in weniger als einem Meter Tiefe, versetzte, verformte Schichten entdeckt, Spalten, die sich geöffnet haben müssen und anschließend wieder durch natürliche Prozesse verfüllt wurden. Strukturen, die nur von schweren Erdbeben verursacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum schließen Sie auf Erdbebenstärke 6,4 bis 7,0? Das sind extreme Werte.

Grützner: Im Jahre 1756 trat das stärkste historisch dokumentierte Erdbeben in der Niederrheinischen Bucht in der Nähe von Düren auf. Dieses Erdbeben verursachte zwar weiträumige Schäden, aber keine der geologischen Muster, die wir jetzt beschrieben haben. Daraus schließen wir, dass wir ein noch stärkeres Beben gefunden haben. Auch der Versatz der Bodenschichten und die Länge der Störung geben Auskunft über die Erdbebenstärke.

SPIEGEL ONLINE: Wie schließen Sie auf das Alter?

Grützner: Durch das Erdbeben taten sich Risse im Boden auf, die sich später mit Erde füllten. Wir haben Proben aus der Erde genommen, die direkt über den Rissen liegt. In einem Labor in Köln konnten wir messen, seit wann diese Probe kein Sonnenlicht mehr gesehen hat, also wann sie abgelagert und von jüngeren Erdschichten überdeckt wurde. Das war vor 2500 bis 9000 Jahren - in dieser Zeitspanne muss sich also die Erde geöffnet haben.


SPIEGEL ONLINE: Bislang galten Beben der Stärke 7 in Deutschland als unwahrscheinlich. Zumal die Erdbebenaktivität seit der Eiszeit abgenommen haben soll. Wie passen diese Annahmen zu ihrer Studie?

Grützner: Die Frage, ob es in Deutschland überhaupt zu Beben von bis zu Magnitude 7 kommen kann, wird heiß diskutiert - unsere Studie gibt denen Aufwind, die das für möglich halten. Wir konnten zeigen, dass es auch lange nach dem Ende der Eiszeit sehr starke Beben im Rheinland gab. Das ist neu und spricht dafür, dass die Erdbebentätigkeit zumindest nicht stark abnimmt. Also: Auch jetzt noch sind sehr starke Beben möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Erdbebengefahr in Deutschland zu niedrig eingestuft?

Grützner: Unsere Studie zeigt, dass bisherige Untersuchungen wichtige Hinweise auf Starkbeben übersehen haben könnten. Wenn sich herausstellt, dass dies auch an anderen Orten der Fall war, müsste man sicher über eine Neueinschätzung der Erdbebengefahr nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es denn solch ein Beben, von dem Sie berichten, auch in Zukunft geben in der Region?

Grützner: Ja, das glauben wir. Sofern wir wissen, dass es in der Vergangenheit schwere Beben gab, dann heißt das in den meisten Fällen, dass es auch in Zukunft zu solchen Beben kommen wird. Zwischen zwei solch starken Beben an derselben Verwerfung vergehen aber in der Regel mehrere zehntausend Jahre. Solche schweren Erdbeben treten also nur sehr, sehr selten auf. Allerdings gibt es ja auch viele andere Störungen in der Niederrheinischen Bucht, sodass sich das Intervall verkürzt, wenn man die gesamte Region betrachtet.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Risiko gut genug bekannt?

Grützner: Anhand der langen Wiederholzeiten der Erdbeben erkennt man, dass unsere historischen Aufzeichnungen viel zu kurz sind, um das Risiko richtig einzuschätzen. Erdbebenkataloge reichen nur ein paar hundert Jahre zurück, aber die richtig schweren Beben treten nur alle paar tausend Jahre auf. Wenn es solche Erdbeben in den letzten Jahrhunderten nicht gab, dann weiß man auch nicht, wie stark die Erschütterungen werden können. Unsere Studie hilft, diese Lücke zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hätte das solch ein Beben an der Rurrand-Störung heute, welche Orte wären besonders betroffen?

Grützner: Am schlimmsten wäre es vermutlich in den Orten in der Nähe des Epizentrums und westlich der Störung: Düren, Jülich, Langerwehe, Eschweiler. Aber auch in Aachen und Köln würde es Schäden geben.


SPIEGEL ONLINE: Welche Störungen entlang des Rheingrabens und seiner Ausläufer halten Sie außerdem für besonders gefährdet?

Grützner: Die Störungen im Dreieck Aachen - Nijmegen - Köln sind vermutlich alle aktiv, aber es ist sehr schwer zu sagen, von welcher das größte Risiko ausgeht. Dasselbe gilt für die Verwerfungen entlang des Oberrheingrabens. Man muss bei allen mit Erdbeben rechnen. Das Wichtige ist, darauf vorbereitet zu sein, also vor allem Häuser erdbebensicher zu bauen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Rheinland vorbereitet?

Grützner: Die Gebäudestandards sind hoch, zumindest was die Neubauten angeht, und der Katastrophenschutz gut aufgestellt. Dennoch muss man natürlich die Gefährdungskarten laufend den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen anpassen. Außerdem ist es hilfreich, hin und wieder auf die Erdbebengefahr hinzuweisen, damit die Menschen sich daran erinnern, was im Notfall zu tun ist. Die Behörden brauchen Pläne, sie müssen wissen, womit schlimmstenfalls zu rechnen ist, beispielsweise mit Stromausfällen, versperrten Straßen, dem Ausfall der Kommunikation, mit Gaslecks, Notfällen in Industrieanlagen und so weiter. Die Bevölkerung sollte wissen, was man bei einem Beben macht, deswegen veranstalten wir zum Beispiel die Shake-Out-Days an Schulen.


Quelle: s.o.


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 2 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: admq25
Forum Statistiken
Das Forum hat 2668 Themen und 12500 Beiträge.

Heute waren 0 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 71 Benutzer (12.03.2015 19:47).

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de