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Wie die Zivilisation im Klimawandel endet

in Aus der Welt der Wissenschaft 22.01.2020 23:05
von franzpeter | 9.852 Beiträge

telepolis 21. Januar 2020

Jörg Phil Friedrich

Was kommt nach dem Klimawandel - Teil 7

Wie die Zivilisation im Klimawandel endet
Jörg Phil Friedrich


Die Katastrophe beginnt mit vielen kleinen Ereignissen und mehr oder weniger
einschneidenden Störungen.


Wir befinden uns derzeit in einer Phase, in der Reparaturmaßnahmen und
Aufräumarbeiten immer noch wieder möglich sind und die Wiederherstellung des
normalen Lebens die Illusion erweckt, dass es sich beim Klimawandel um eine Folge
beherrschbarer einzelner Extremwetterlagen handelt, die zwar unangenehm und
manchmal auch gefährlich sind, aber alles in allem für unseren Lebensstandard
und für unsere Art und Weise, mit der Welt umzugehen, keine Konsequenzen hat.
Alles erscheint noch als technisch beherrschbar, so wie bisher jede
Herausforderung technisch gemeistert werden konnte.


Schon in den nächsten Jahrzehnten wird das Bild sich wandeln. Zunehmend werden
wir die Erfahrung machen, dass Störungen sich nicht mehr rechtzeitig reparieren
lassen, bevor das nächste Unglück passiert. Wir werden erleben, dass
Stabilisierungsversuche scheitern, dass Bauvorhaben, die Sicherheit bringen
sollen, vom nächsten Sturm zerstört werden, dass hoffnungsvolle
landwirtschaftliche Experimente scheitern, weil die Getreidesorten, in die wir
unsere Hoffnungen setzen, mit dem Klimachaos doch nicht zurecht kommen, weil
ausgerechnet in den Jahren, in denen wir hoffen, dass das da wächst und gedeiht,
was wir aufwändig gezüchtet haben, die Witterung wieder ganz anders ist als
vorhergesagt.

Vertrauensverlust in die Fähigkeiten der modernen Gesellschaft

Das wird ein tiefes Misstrauen in die Fähigkeiten unserer gesellschaftlichen
Institutionen hervorrufen. Dass die Wissenschaften und die Ingenieurskunst noch
vernünftige Lösungen entwickeln können, werden immer weniger Menschen glauben.
Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit moderner Technik wird schwinden.


Vor allem aber wird das Vertrauen in die politischen Institutionen, insbesondere
in demokratische Entscheidungsverfahren, schwinden. Die These, dass politische
Verfahren viel zu lange dauern, die heute bereits weit verbreitet ist, wird zur
allgemein anerkannten Selbstverständlichkeit.


Der Zögerlichkeit, dem Abwägen, den Prüf- und Genehmigungsverfahren wird die
Schuld daran gegeben werden, dass Maßnahmen zum Schutz vor Folgen des
Klimawandels nicht rechtzeitig ergriffen werden. Jedes Scheitern, jeder
Fehlschlag wird der Politik angelastet werden.
Immer wird es Leute geben, die
beanspruchen, schon vorher gezeigt zu haben, dass der eingeschlagene Weg nicht
der richtige ist. Immer wird es Leute geben, die beteuern, dass alles besser
gelaufen wäre, wenn man nur auf sie gehört hätte.

Dazu kommen die internationalen und globalen gegenseitigen Schuldzuweisungen und
Konflikt-Eskalationen, all das wird nicht nur die kulturellen und technischen
Infrastrukturen, sondern auch die politische Stabilität erodieren lassen,
Zusammenarbeit und Ausgleich wird durch kurzfristigen Eigennutz und Kampf um
Deutungshoheit und Ressourcen ersetzt.



Man muss, ausgehend von aktuellen Entwicklungen in der internationalen Politik,
erwarten, dass in immer mehr Ländern mit wachsender Unsicherheit und
Zukunftsangst immer häufiger Populisten und Demagogen an die Macht kommen
, die
es schaffen, den Bürgern des je eigenen Landes die Schuld und das eigene
Verantwortungsbewusstsein für das Geschehen zu ersparen indem sie die
Verantwortlichen für jede Katastrophe und jedes Scheitern ausländischen
Kräften und Regierungen zuschreiben - und zugleich versprechen, nun mit starker
Hand und festem Willen dafür zu sorgen, dass den eigenen Interessen des je
eigenen Volkes, der eigenen Region oder des eigenen Kontinents nun wieder Geltung
verschafft wird.


Damit werden, nach und mit den technischen und kulturellen Infrastrukturen
schließlich auch die politischen Infrastrukturen des Ausgleichs und der
Kooperation auf jeder Ebene zerstört. Die Menschheit hört auf, zu existieren -
nicht erst dann, wenn die Menschen ausgestorben sein werden, sondern dann, wenn
die Konzepte der Gemeinsamkeit und der universellen Menschlichkeit und
Zusammengehörigkeit unbedeutend geworden sind.



Dann zerfällt die Menschheit, so labil und flüchtig ihr Bestehen bisher gewesen
ist, schnell in eine zerfetzte und fragmentierte Menge von Gruppen, die sich
gegenseitig als Grund allen Übels ansehen und aus dem daraus resultierenden Hass
die Rechtfertigung für einen unerbittlichen Kampf um die letzten Ressourcen zum
Weiterleben ziehen
. Wie sich dieses Geschehen entwickeln kann, wird uns im
Folgenden genauer beschäftigen.

Trotz der großen Verwerfungen, die gerade beschrieben wurden werden die
Menschen nicht automatisch und innerhalb weniger Jahrzehnte aussterben


Wir müssen uns zunächst vergegenwärtigen, dass es zurzeit auf der Erde fast
acht Milliarden Menschen gibt
- und in den nächsten Jahren werden es, trotz des
beginnenden Klimachaos, immer noch mehr.


Sodann müssen wir bedenken, dass die Menschen es sich unter unterschiedlichsten
klimatischen Bedingungen, in Wüstenregionen und in tropischen Wäldern, in
Regionen des ewigen Eises und in kargen Steppengebieten eingerichtet haben.
Zudem
haben Menschen in den vergangenen Jahrhunderten lang andauernde Kriege, tödliche
Krankheitsepidemien und Naturkatastrophen überstanden. Diese waren zwar immer
regional begrenzt, aber auch die Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten der
Menschen waren begrenzt.


Die heutigen Menschen verfügen über ein großes akkumuliertes Wissen, auch wenn
dieses Wissen, welches womöglich zum Überleben gebraucht wird, nicht präsent
ist, lässt es sich doch aktualisieren.



Auf den folgenden Seiten wird es deshalb vor allem um die Frage gehen, wie wir
leben werden, die Frage, ob die Menschen im Verlauf des Klimachaos aussterben
müssen, bleibt Spekulation.


Das Ende der Menschlichkeit ist das Ende der Menschheit
Beginnen wir jedoch mit dem schlimmsten und schrecklichsten, und dennoch
wahrscheinlichen Teil des Szenarios.

Es gibt Regionen auf der Erde, auf denen der Großteil der dort lebenden Menschen
tatsächlich wenig Chancen auf ein Überleben im Klimachaos haben wird. Die
ansteigenden Meeresspiegel, verbunden mit Sturmfluten und extremen
Überschwemmungen, werden weite Gebiete Ozeaniens und andere Inselgruppen
unbewohnbar machen, die Menschen werden dort ertrinken, diejenigen, die die
Überschwemmungen überleben, werden sich vom unfruchtbar gewordenen Land nicht
ernähren können und werden an Hunger und Krankheiten sterben
.


Kein Konjunktiv und kein relativierender Einschub, dass dies "zu befürchten"
oder "als Risiko anzunehmen" sei, darf uns davor bewahren, diesem
Zukunftsszenario in die Augen zu sehen
.



Einige von ihnen werden zu fliehen versuchen - aber wohin? Wir wissen aus den
Erfahrungen der vergangenen Jahre, dass niemand bereit sein wird, diese Menschen
aufzunehmen und zu versorgen
. Das gilt für jene aus den Inselstaaten ebenso wie
für die, die aus überfluteten und unbewohnbaren Küstenregionen ins Innere
ihrer Kontinente fliehen. Das Klimachaos wird jedes Land, jede Gesellschaft, vor
eigene Herausforderungen und Risiken stellen, da sollten wir nicht die Hoffnung
pflegen, dass etwa die Europäer bereit sein werden, die Evakuierung und
Neuansiedlung der Klimaflüchtlinge aus den ärmsten und gefährdetsten Ländern
zu organisieren und zu finanzieren.


Aus eigener Kraft werden ohnehin nur die wenigsten von ihnen sich auf den Weg
machen können. Die meisten werden ohne Hoffnung so lange wie es geht von den
Resten ihrer Habe zehren und dabei zugrunde gehen.
Das ist gemeint, wenn wir vom Ende der Menschheit, dem Ende der Zivilisation,
sprechen.


Es wird dazu kommen, dass wir hier in den am besten ausgestatteten
Gesellschaften, wir, die durch ihre Industrialisierung und ihr ungehemmtes
Wachstum den größten Teil der Katastrophe zu verantworten haben und die wir
zudem den Menschen in den anderen Regionen der Welt ein Bild von Wohlstand
vorgelebt und als anzustrebendes Vorbild hingestellt haben, sodass auch diese auf
den leuchtenden Pfad des Verderbens eingeschwenkt sind, wir werden nicht nur die
Türen, sondern auch die Augen und Ohren vor dem Leid der Anderen verschließen,
weil wir Angst vor unserer eigenen Zukunft haben und jede zusätzliche Belastung,
jede Unsicherheit durch die Aufnahme von Fremden verweigern werden.


Man kann zurecht einwenden, dass die Europäer und mit ihnen dann die
Nordamerikaner sich nie wirklich und praktisch um das Leid in den fernen Regionen
gekümmert habe, nicht, wenn sie dieses Leid ganz oder teilweise verschuldet
haben und auch nicht, wenn es die Menschlichkeit und eine universale Ethik
gefordert hätten.
Eine Menschheit im Sinne einer universellen Bereitschaft, für
andere einzustehen und auch für die fernsten Menschen Hilfe zu leisten, hat es
vielleicht nie gegeben.



Eine Zivilisation in dem Sinne, dass wir gemeinsam und zivilisiert nach dem
Wohlergehen aller strebten, war immer eher ein Ideal als gelebte Praxis.


Das ist richtig und es sollte die letzten Illusionen darüber begraben, ob wir
nicht vielleicht doch zu Rettungsmissionen aufbrechen werden um die Menschen auf
der Südhalbkugel vor dem Ertrinken und dem Verhungern, vor dem Tod durch
Epidemien und am Ende durch Bürgerkriege zu bewahren.



Wir werden aber in aller Deutlichkeit einzusehen haben, dass wir eben moralisch
um nichts besser geworden sind als die Kolonisatoren Afrikas und die Eroberer
Amerikas es waren.


Vermutlich werden wir schon nach kurzer Zeit den Kontakt zu diesen fernen
Weltregionen verlieren. Die Störung und der Zusammenbruch sowie das Desinteresse
an allen Problemen, die nicht unmittelbar unsere eigenen sind oder unser eigenes
Leben wenigstens mittelbar betreffen, werden dazu führen, dass die Meldungen und
Nachrichten von fernen Katastrophen uns bald nicht mehr erreichen werden.



So werden wir uns immer einreden können, dass wir ja nicht wissen, wie die
Katastrophe für die Menschen auf den Inseln im Pazifik, in Indien und in
Südafrika ausgegangen ist und dass sie sich ja vielleicht irgendwie haben retten
können.

Das Ende der "westlichen Welt"

Was steht uns hier in den hochtechnisierten, mit wissenschaftlichen Kenntnissen
und Meisterwerken der Ingenieurskunst bestens ausgestatteten Regionen der Welt
bevor?
Werden wir uns retten können? Oder wird es auch hier schon wenige
Jahrzehnte nach dem Beginn der zerstörerischen Phase des Klimawandels kaum noch
Menschen geben?

Zunächst ist anzunehmen, dass wir kaum noch Kinder haben werden. Schon unter den
Bedingungen des Wohlstandes sind die Geburtenzahlen zurückgegangen, auch wenn
sie in den letzten Jahren wieder zugenommen haben. Die jungen Menschen haben sich
entschieden, auf den richtigen Moment in ihrem Leben zu warten, um Kinder zu
haben. Daran ist nichts zu bemängeln. Aber unter den Bedingungen der Klimakrise
wird es keinen richtigen Moment mehr geben. Kaum jemand wird in einer Zeit der
größten Unsicherheit über die Zukunft verantworten wollen, Kinder in diese
Welt zu setzen.
Zudem sind Kinder für 10-20 Jahre selbst eine große Belastung
und erhöhen das Risiko, den Gefährdungen der unsicheren Zeiten nicht begegnen
zu können.

Die unsicheren Zeiten kommen schleichend. Sie beginnen mit Unterbrechungen im
Schienenverkehr durch Blitzeinschläge in Stellwerke, durch Unterspülung von
Schienen, mit Stromausfällen durch umgestürzte Strommasten, mit überschwemmten
Autobahnen und Fernstraßen.


Vielleicht beginnen die unsicheren Zeiten des Klimawandels auch mit
Ernteausfällen, die das Mehl und das Obst teurer machen, oder mit Staubstürmen
auf den Autobahnen. Sie beginnen mit niedrigen Wasserständen in den Stauseen,
die dazu führen, dass hier und da und für kurze Zeit das Trinkwasser knapp zu
werden droht.



Quelle

https://www.heise.de/tp/features/Wie-die...et-4610903.html
<https://www.heise.de/tp/features/Wie-die-Zivilisation-im-Klimawandel-endet-4610903.html>


Mit freundlichen Grüßen
franzpeter
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